
Die Brasilianerin Angélica Freitas (*1973) ist eine freundliche Anarchistin der Poesie. “Es besteht kein Grund Grenzen zu verwischen, wenn sie für einen eh nicht gelten” schreibt Ricardo Domeneck über die Poetik der in Pelotas lebenden Dichterin. Ihre Wurzeln und Einflüsse sind ebenso bei Morgenstern zu suchen wie bei Dada, bei Gertrude Steins verspielten Versuchsaufbauten, wie auch bei den lebensverliebten Experimentatoren der Wiener Gruppe um H. C. Artmann. Den zweiten Band der luxbooks.latin hat die für ihre Übersetzungen aus dem Französischen und Portugiesischen vielgeschätzte Odile Kennel ins Deutsche geschmuggelt.
ICH BETRETE DIE BUCHHANDLUNG
DES BOBO.
hab kein geld und auch kein
talent fürs verbrechen.
vor meinen augen in langer
reihe wunderbare titel
siechen schon viel zu lange
im regal dahin.
klau uns, betteln sie.
wir halten es nicht länger aus
in der buchhandlung des bobo.
wer würde dieser beschreibung
des tathergangs schon glauben?
so helft mir doch, maragatos
in dieser klaufobischen stunde
einer bedürftigen befreierin
von büchern.
mein herz hämmert. hämmert
heftiger als die trommeln von salgueiro
mein körper bebt innerlich
schweißüberströmt meine hände.
geh schließlich mit leeren händen hinaus.
schlappschwanz! rufen die bücher mir nach.
Lyrik, 136 Seiten, 2010
Originalsprache: Portugiesisch, übersetzt von Odile Kennel
Verlag: Luxbooks, ISBN: 978-3-939557-82-1
Erscheinungsdatum: 12.2010