
Das Buch ist ein Traum, der redliche, ernsthafte Traum einer besseren als jener krisengeschüttelten, grimmig-zynischen und in jeder Hinsicht gebeutelten Welt: der Traum von einer gerechten Welt, in der gewisse humanistische Traditionen und Entwicklungen innerhalb der jüdischen Kultur nicht allein für jene, sondern für alle Menschen zurückgewonnen werden können. Der poetische Traum entsteht aus der Zukunft, wiewohl er an die Vergangenheit gekoppelt wird und in der Gegenwart geschieht, indem er unverblümt im Zeitenkreis oder Rad der Zeit webt.
Wer ist Piatock? Es gab ihn wirklich. Er war vor rund hundert Jahren ein paríkmaker, ein Friseur und Perückenmacher, im osteuropäischen Schtetl Berdytschiw, einem kulturellen Knotenpunkt für Juden, Polen und Ukrainer seit dem 17. Jahrhundert bis zur Shoa. Piatock war neben seinem Handwerksberuf als Haareschneider und Bartscherer sehr hilfsbereit, wenn es etwa darum ging, eine Latrine mit bloßen Händen zu reinigen oder die Jauchegrube mit der Forke auszuheben und – im wahrsten Wortsinn – den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er hatte ein Händchen und gutes Gespür für Pferde, denen er ins Ohr flüsterte, manche meinten: 'vielleicht ein Gebet.', andere zweifelten eher: 'besser ist‘s, nicht zu wissen.' Jedenfalls war er für jede Notlage und jedes Elend stets tatkräftig und herzensrein zu haben, um mit seiner bescheidenen Mühe dem Weltenlauf die Bürde dieses entscheidenden Augenblicks leichter ertragbar zu machen, kurz gesagt: dem Barbier von Berdytschiw oder naiven Figaro der Nächstenliebe eilte der mehr nutzbringende als liebevolle Ruf eines weltfremden Hinterwäldlers voraus, wenn nicht gar derber: eines sonderbaren Dorftrottels, eines schrägen Hanswursts vom Jahrmarkt, eines warmherzigen dummen Augusts, der sich ansonsten mit der Geringachtung und dem Scheitern abgefunden zu haben schien.