
Als JUAN GELMAN 2007 mit dem renommierten Cervantes-Preis, dem wichtigsten Literaturpreis in der spanischsprachigen Welt, ausgezeichnet wurde, hatte er ein unveröffentlichtes Buch in der Schublade, in dem er seine Gedichte aus den jüngsten vier Jahren versammelte und indem er ein Wort als Titel erfand: MUNDAR. Einerseits handelt es sich um eine erstmalige Verbalisierung des Substantivs 'mundo' (Welt), das neue Verb 'mundar' (welteln), ein noch nie dagewesenes Wort, andererseits um eine Komposition aus den beiden Wörtern 'mundo' (Welt) und 'dar' (geben), das sich beim 'd' verwandelt, also ineinander verschmilzt, dann 'Welt geben' bedeuten könnte. Dem Dichter reicht diese Welt nicht, wie sie ist, obwohl ihm die Welt längst reicht, wie sie eben doch nicht ist, und seine weite Welterfahrung gibt er in den Gedichten weiter, überschreitet gewöhnlich bekannte grammatische Grenzen, substantiviert auch umgekehrt Verben oder tastet sich spielerisch im Sprachfluß voran. In seiner poetischen Welt bedarf der Dichter selbst keiner klaren Ideen seines Handeln, denn er glaubt, daß dies schlicht unmöglich ist. Er gehört zu jenen, die ihr schöpferisches Tun nicht erklären können. Für ihn ist die Poesie ein Instrument der Erkenntnis, um die Gründe und Abgründe des Lebens und der Geschichte allgemein und persönlich zu erfahren und zu erkunden. Demnach weiß selbst der Autor nicht mit Gewißheit, was die Poesie eigentlich ist. Vielleicht kann sie der Schatten des Schattens der Erinnerung sein oder aber der Schatten eines blattlosen Baumes.
Einige Beispiele daraus oder lieber alle 121 Gedichte auch hier frei und aus sich selbst atmen lassen? Man darf bei diesen Gedichten aufpassen und über Merkwürdigkeiten stolpern und ins Stocken geraten, um diese Poetik zu genießen, in der etwas benannt werden möchte, was noch keinen Namen hat, in der etwas neu gesagt wird und ein Schweigen mitschwingt, in der das Schweigen benannt wird und ein Nichtsein zur Sprache kommt, wiewohl nichts und niemand spricht, um ein Miteinander von Tragödie und Trost zu ermöglichen. Für Juan Gelman gilt die Poesie bisweilen natürlich als der große Trost und auch Zuversicht auf eine Zukunft. Ja, er bezeichnet sich selbst als 'hoffnungslos Hoffenden'.
Herausgegeben und übersetzt von Juana und Tobias Burghardt.
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