Literarische Entdeckungen aus den Ländern des Südens
Literatur aus aller Welt gibt es in großer Fülle in Übersetzungen ins Deutsche. Gelegentlich gelten die Deutschen gar als Übersetzungsweltmeister, weil mehr als 40 Prozent aller belletristischen Titel auf dem deutschen Buchmarkt Übersetzungen sind. Dabei dominiert mit fast zwei Dritteln die Weltsprache Englisch. Doch mehr und mehr sind es auch Bücher aus dem Süden der Welt und aus sogenannten "kleineren Sprachen", die Leserinnen und Leser hier zu Lande angeboten werden, Chancen also zuhauf für interessante Begegnungen mit dem Fremden.
Kaum ein Buchhändler, kaum eine Bibliothekarin kann heute noch den Überblick über das literarische Schaffen dieser sogenannten Dritten Welt haben. Wer findet sich wirklich zurecht, wenn er nach einem Roman, einem Band mit Erzählungen oder Gedichten z.B. aus Südafrika, Peru oder Indonesien sucht?
Mit diesem Katalog, der sich seit Jahren stetiger Beliebtheit beim Sortiment, in Bibliotheken und bei Wissenschaftlern, aber auch bei neugierigen und weltoffenen Leserinnen und Lesern erfreut, wollen wir aufzeigen, was es auf dem hart umkämpften Büchermarkt an Belletristik aus dem Süden der Welt gibt. Mit diesem Katalog als Arbeitsinstrument kann die Suche nach dem, was gut und wichtig ist, überhaupt erst beginnen.
Wer nach Romanen sucht, etwa als Reiselektüre – ob nach Kenia, Indien oder in die Karibik – findet in diesem "Verzeichnis lieferbarer Bücher" die Information darüber, was es aus dem Lande seines Interesses an Literatur in deutscher Übersetzung gibt – oder eben auch nicht. Denn dieser Katalog will nicht nur literarische Entdeckungen möglich machen: Er zeigt eben auch, in welchem Maße es auf der literarischen Landkarte unserer Kenntnis der Welt immer noch viele "blinde Flecken" gibt, Länder, aus denen es fast keine Übersetzungen gibt, die wir lesen können. Auch die Beobachtung, dass in diesem Verzeichnis manche Länder gar nicht vorkommen, ist ja eine bedenkenswerte Aussage.
Dieses Verzeichnis lieferbarer Übersetzungen von Büchern aus der "Dritten Welt" macht aber auch deutlich, dass es nicht nur kleinere und engagierte Verlage sind, die sich für Weltliteratur aus dem Süden engagieren. Auch große Verlage nehmen sich der vielfältigen Literaturen der verschiedenen kulturellen Regionen des Südens mehr und mehr an und ermöglichen literarische Entdeckungsreisen.
Die Welt, in der wir leben, ist bunter, vielfältiger, aber auch unübersichtlicher geworden. Viele Probleme erscheinen vielen Menschen immer größer und daher zugleich immer weniger lösbar. Romane, Gedichte, Erzählungen aus fernen Landen können – das mag ein kleiner Trost sein – Begleiter sein auf dem Weg, den "Anderen", das "Fremde" zu erfahren und zu verstehen. Sie sind damit auch ein kleiner, aber wichtiger Beitrag zu ein wenig mehr Menschlichkeit.
Peter Weidhaas
Vorsitzender der Gesellschaft zur
Förderung der Literatur aus Afrika,
Asien und Lateinamerika e.V.
Direktor der Frankfurter Buchmesse 1975 – 2000




