Sheikh Zayed Book Awards

Interview mit Ibtisam Barakat

»​​Kinder überwinden Schwierigkeiten mit einer sanften Berührung und einer starken Vorstellungskraft.«

The Lilac Girl (»Das lila Mädchen«) hat 2020 einen Sheikh Zayed Book Award in der Kategorie »Literatur für Kinder« gewonnen. Das Buch von Ibtisam Barakat erzählt die Geschichte von Tamam, einem Mädchen aus Jaffa, das das Malen liebt. Aus Heimat und Haus vertrieben, beginnt Tamam mit ihren Tränen zu malen und plötzlich geschieht etwas Unglaubliches. Charlotte Pardey, freie Mitarbeiterin von Litprom, hat mit der Autorin gesprochen.

Charlotte Pardey: Ibtisam, Sie schreiben Bücher für Kinder, Bücher, die nicht davor zurückschrecken schwierige Themen zu behandeln, wie etwa den Verlust des Zuhauses durch gewaltsame Konflikte. Könnten Sie uns von Ihrer Vision für Kinderbücher erzählen? Besonders vielleicht, wie Bücher und Geschichten im Zusammenhang mit traumatischen Erlebnissen helfen können?
Kinderbücher sollen Kindern und Erwachsenen Erlebnisse anbieten, die die Vorstellungskraft bereichern, ebenso wie Geist und Seele und natürlich auch die Sprache. Auf schöne und sichere Art führen sie Kinder in die Gesellschaft und den Lauf der Welt ein. Selbst wenn ein Buch eine gefährliche Wirklichkeit thematisiert, wie zum Beispiel Krieg, so ist das Buch, egal ob es alleine oder gemeinsam mit Bezugspersonen gelesen wird, eine sichere Erfahrung. Es erlaubt seinem Leser oder seiner Leserin mehr zu erfahren, Dinge zu verstehen und Zugehörigkeit zu einer Welt zu erleben, die neben dem Leid auch voll von Schönheit ist. Das Kind lernt daraus, dass es Wege gibt, sich auszudrücken und über traumatische Erlebnisse zu sprechen. Indem es eine Geschichte erzählt überwindet es die Isolation, die Traumata bedeuten. Es gehört zum Heilungsprozess traumatischer Erfahrungen, dass man über sie Geschichten erzählt. Dadurch wird das Augenmerk auf das Wichtige gelenkt. Mit dem Trauma wird auf eine symbolische Art umgegangen, die angepasst ist an das Alter und die Situation der betroffenen Person. Geschichten sind die Medizin der Menschheit seit wir in der Lage sind, sie in irgendeiner Sprache zu erzählen. Wir leben durch Geschichten.

Es ist sicherlich faszinierend für jede Schriftstellerin und jeden Schriftsteller, die Reaktionen des Publikums auf ihre Geschichten zu erleben. Haben Sie The Lilac Girl schon bei Lesungen für Kinder gelesen? Könnten Sie eine Anekdote mit uns teilen? Tatsächlich habe ich The Lilac Girl schon verschiedentlich vor Publikum gelesen. Es war immer eine magische Erfahrung! Eine meiner liebsten Lesungen war in Amman in Jordanien am Haya Kulturzentrum im November 2019. Die Organisatoren hatten das Titelbild des Buches auf eine große Leinwand projiziert. Alle Kinder sind zur Leinwand gestürmt, haben ihre Hände gehoben und so getan, als würden sie ins Bild klettern. Sie wollten mit dem lilafarbenen Mädchen mitgehen, genausp, wie die Farben in der Geschichte mit ihr gehen. Bei dieser Lesung war auch die Malerin Tamam al-Akhal anwesend, deren Lebensgeschichte und deren Wunsch das Haus ihrer Kindheit wiederzusehen, mich zum Schreiben von The Lilac Girl inspiriert haben. 

Könnten Sie uns etwas mehr über die Künstlerin und ihr Leben erzählen?
Natürlich. Tamam wurde in der Stadt Yafa geboren, Jaffa im Deutschen. Sie hat ihre Heimat während der Nakba verloren, so nennt man die Zeit als Palästina besetzt und in den Staat Israel umgewandelt wurde und viele Palästinenser flüchteten. Tamam hat an vielen Orten gelebt, aber sich immer danach gesehnt, ihr erstes Zuhause wiederzusehen, das ihr Vater gebaut hatte und wo sie als Kind das Malen gelernt hat. Sie hat es mehrfach versucht, aber die Menschen, die dort leben, haben ihr nicht gestattet das Haus zu betreten. Der Name Tamam bedeutet auf Arabisch Perfektion oder Vollkommenheit. Ich wollte ihren Traum für sie erfüllen, sie zurückkehren lassen und ihren Schmerz in Farben auflösen, genau, wie es in The Lilac Girl geschieht.

Sie haben selbst Vertreibung und Konflikt erlebt und sind unter der israelischen Besatzung aufgewachsen, die auf den Sechstagekrieg folgte. Inwiefern ist The Lilac Girl auch Ihre eigene Geschichte?
The Lilac Girl ist natürlich auch meine Geschichte und die Geschichte aller Palästinenser. Ebenso ist es die Geschichte aller Menschen, die ihre Heimat verloren haben und nicht zu ihr zurück können: Ich meine die syrischen und irakischen Kinder, genauso wie die Kinder, die ihr Zuhause in einem Tsunami verloren haben, oder in den kalifornischen Waldbränden, die Kinder aller Nationen in der Geschichte, die ihr Zuhause an Krieg und Gewalt verloren haben. Ich glaube tatsächlich, dass der Verlust des Zuhauses die zentrale Erzählung der Menschheit ist. Glaubt man die Geschichten der großen Religionen, so haben wir alle unser Zuhause im Himmel verloren. Ich denke, das Leben ist eine Reise, eine Suche nach Heimat. Es gibt eine sehr alte Gedichtzeile von einem klassisch-arabischen Dichter namens Abu Tammam: „Der Mensch liebt viele Häuser, aber er wird sich immer sehnen nach dem allerersten Zuhause und in seiner Fantasie zu ihm zurückkehren“.

Ihre Heimat ist Palästina, welche Rolle spielt ihr palästinensisches kulturelles Erbe in Ihrem Werk – sowohl in Hinblick auf den Inhalt als auch auf den Stil?
Meine palästinensische Kultur ist essentiell in meiner Kunst und für meinen Stil, es ist meine erste Welt, meine Wurzeln sind dort, es ist die Welt meiner Kindheit und meiner Anfänge. In Palästina habe ich gelernt, zu lieben und zu spielen. Dort begann ich Sprache zu verwenden, um Konflikte zu lösen und neue Horizonte zu eröffnen. Es ist die Kultur, in der ich mich zuerst im Spiegel gesehen habe, wo ich meine ersten Lieder gesungen habe. Ich habe in ihr den Geschmack von Zaater lieben gelernt und von Aprikosen, bin auf einen Feigenbaum geklettert …

Arabisch wird von rechts nach links geschrieben, während Englisch von links nach rechts verläuft. Ich lebe in zwei Welten, mit zwei Sprachen. Zusammen erzeugen sie eine dritte Stimme, eine dritte Realität. Ich liebe es, dass ich zu mehreren Welten gehöre. Es ist wirklich wahr: wir gehören ins ganze Universum.

Haben Sie Vorbilder als Autorin?
Ich lasse mich von vielen Künstlern inspirieren, von Schriftstellern und anderen. Auch ganz normale Menschen inspirieren mich, Kinder, die Natur, fiktionale Charaktere, Tiere, die ganze Welt. Ich vermeide die Vorstellung von einem Vorbild, denn ich denke, jeder ist irgendwie beeinflusst und beeinflusst auch selbst im Laufe seines oder ihres Lebens. Vielmehr muss man sich darum bemühen, sein eigenes originäres Selbst zu werden, das niemand anderem nachempfunden ist. Es wird entdeckt und akzeptiert, indem wir uns selbst kennenlernen und mit anderen interagieren. Als Schriftstellerin lerne ich viel aus der Musik und dem Tanz und von dem Bestreben der Kinder mit allen Dingen zu aller Zeit Spaß zu haben. Kinder überwinden Schwierigkeiten mit einer sanften Berührung und einer starken Vorstellungskraft. 

Wie ist es mit Ihren Büchern und den Ideen, die Sie dazu bewegt haben, sie zu schreiben?
Jedes Buch entspringt einer unterschiedlichen Inspirationserfahrung. Die Welt ist voll von Inspiration. Was wir lieben inspiriert uns: ich liebe den Himmel, die Vögel, die Wolken, die Sterne, den Mond, den Regen, wechselnde Farben, Sonnenauf- und Sonnenuntergang, Regenbogen, Stürme, einfach alles. Meine Bucher Tasting the Sky, a Palestinian Childhood und Balcony on the Moon. Coming of Age in Palestine beschreiben die Liebe, die ich schon als Kind zum Himmel hatte. Sie drücken meine Nähe zum Himmel aus: Ich hebe meine Hand und kann ihn erreichen, er ist Teil meines Zuhauses.

Wie kultivieren Sie dann Inspiration?
Inspiration muss man akzeptieren und zulassen. Ich erlaube jeder Stimme in mir zu sprechen und gehört zu werden, jedem Bild, das emporkommt, gebe ich den Raum, um gesehen zu werden. Ich lasse es seinen Weg gehen. Ich nehme viel Inspiration daraus, dass ich das, was in meinem Innerem ist, willkommen heiße, so dass es auftauchen und auf dem Papier ankommen kann. Inspiration ist geheimnisvoll und deshalb lohnt es immer, sie zu verfolgen. Sie führt einen zu wundervollen Erfahrungen, lässt einen wachsen und mehr und mehr mit dem Universum anfreunden.

Ein Buch zu schreiben verändert einen sicher, genauso transformativ ist auch das Lesen. Denken Sie, dass Kinder anders lesen als Erwachsene?
Alle, die lesen, erweitern damit ihren Horizont – auch wenn wir uns in das Lesen flüchten oder nach Informationen suchen und einfach neugierig sind. Junge Menschen haben mehr Empathie und sind weniger starr, sie erwarten weniger vom Lesen. Sie sind kreative Leser und können zum Genuss lesen und um zu erkunden, um mit den bunten Seiten von Büchern zu interagieren, oder sogar, um sie zu zerreißen! Sie lesen, um erwachsen zu werden und um ihre innere Welt aufzubauen. Ich wünsche mir, dass kein Kind dazu gezwungen wird, etwas zu lesen. Lesen muss ein Wald bleiben, der das Kind dazu aufruft, ihn zu erkunden. Lesen ist eine Chance für jedes Kind, die Möglichkeit, an einem großen Leben teilzuhaben, Buch für Buch und Charakter für Charakter. Lesen muss einladend sein… So bleibt es eine Erfahrung der Fröhlichkeit und der Freiheit.

Freiheit kann auch in Fantasiewelten und in fantastischen Elementen gefunden werden. Sind Kinder heute immer noch von diesen fasziniert?
Kinder lieben Fantasie und die fantastischen Elemente des Lebens. Sie genießen alle Realitätsebenen, da sie flexibel sind, kleine Entdecker. Die meisten Kinder haben unsichtbare Freunde und verstehen Dinge als Individuen, auch Spielzeug. Sie sind wirklich allumschließend in ihrem Verständnis. Kinder sind führend in allen Kunstformen, denn sie haben natürlicherweise keine Einschränkungen sich auszudehnen und zu experimentieren und offen und ungehemmt in Bezug zu anderen zu gehen.

Dann müssen Kinder ja die idealen Leser sein. Welche Bücher brauchen sie für ihre Zukunft und für eine bessere Welt?
Wir alle brauchen Bücher über die marginalisierten Gruppen der Welt und über Themen, die sonst missachtet werden. Die Welt der Publikationen ist eine Welt des „gatekeepings“ und lange Zeit konnten viele Leute die unsichtbaren Schranken nicht überwinden. Es gibt derweil Individuen, die mit Symbolcharakter in die Welt der Publikationen eingelassen werden, aber denen dann das Leben dort schwer gemacht wird.

Zum Beispiel Palästina und die Palästinenser: Ich bin dankbar, dass mein Buch Tasting the Sky wegbereitend darin war, dass es erzählte, wie ein palästinensisches Kind den Krieg erlebt und die militärische Besatzung von der Kindheit, über das Teenageralter und darüber hinaus. The Lilac Girl ist ebenfalls innovativ, indem es ein stark vernachlässigtes Thema anspricht: Es ist das erste Buch auf Arabisch oder Englisch, das die Nakba für Kinder in sehr kreativer Weise angeht, und sich zum Ziel gemacht hat, das Trauma der Entwurzelung zu heilen. Es gibt allerdings viele Kräfte, die versuchen jede palästinensische Stimme verstummen zu lassen und die die palästinensische Geschichte auslöschen wollen. Es ist oft sehr erschöpfend für mich Palästinenserin zu sein, in einer Welt, die mir meine Menschlichkeit abspricht. Ich denke, wir brauchen die Stimmen von Menschen und Gruppen, die marginalisiert sind, damit sie uns von ihren Schwierigkeiten erzählen. Sie müssen einen Beitrag dazu leisten können, die Menschheit zu leiten, damit unsere Welt ein sicherer Ort für alle Menschen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.