Manil Suri / Indien

Vishnus Tod, Roman

Um Vishnu nicht zu wecken, falls er noch nicht gestorben war, ging Mrs. Asrani mit der Teekanne in der Hand auf Zehenspitzen hinunter bis zur dritten Stufe oberhalb des Treppenabsatzes, auf dem er lebte." So beginnt der Roman eines neuen großen Erzählers, in dem ein Mietshaus in Bombay zum Spiegel indischen Lebens wird. Die Farben, der Humor, das Temperament Indiens sind hier ebenso brillant eingefangen wie die hinduistische Mythologie: die Wanderung durch die verschiedenen Seinsstufen, die Wiedergeburt, die Götter und Dämonen. Zu Beginn dieses meisterhaften Debütromans liegt Vishnu sterbenskrank auf der Treppe, auf der er wohnt, seine Nachbarn streiten sich darüber, wer den Krankenwagen bezahlt. Während sich die Handlung allmählich durch die Stockwerke des Mietshauses nach oben schraubt, werden wir in die Lebensdramen der verschiedenen Bewohner hineingezogen: die ständigen Zankereien zwischen den Asranis und den Pathaks; die besessene Suche Mr. Jalals, eines Muslims, nach dem Sinn von Leben und Religion, während seine Frau um seinen Verstand fürchtet; Vinod Tanejas Sehnsucht nach seiner Frau, die er schon vor vielen Jahren verloren hat; die Teenagerträume von Kavita Asrani, die sich als Heldin eines Hindi-Films sieht und eines Nachts heimlich mit dem Muslim-Jungen Salim durchbrennt. Die Geschichte dieses Mietshauses wird zu einer Metapher für die sozialen und religiösen Spaltungen im heutigen Indien, und Vishnus Aufstieg im Treppenhaus spiegelt die Wanderung der Seele durch die verschiedenen Seinsstadien wider. Seine Erinnerungen und Visionen - Erinnerungen an die schöne Padmini, die er mehr als alles andere auf der Welt liebte, obwohl sie eine Hure war; Erinnerungen an seine Mutter, die ihm alle Legenden über den Gott Vishnu beibrachte; Visionen, die an Szenen aus den heiligen Schriften des Hinduismus erinnern - bilden ein faszinierendes Gegengewicht zu den mit Witz und liebevoller Ironie geschilderten Geschichten der Hausbewohner und geben dem Leser Rätsel auf:Ist Vishnu womöglich der Gott Vishnu, nicht nur der Hüter des Mietshauses und seiner Bewohner, sondern der Erhalter des gesamten Universums?
Roman, 400 Seiten
Originalsprache: Englisch, übersetzt von Anette Grube
Originaltitel: The Death of Vishnu
Verlag: Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87087-8
Erscheinungsdatum: 22.01.2001