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Im dritten Anlauf hat es geklappt

Booker Preis 2021 für den Südafrikaner Damon Galgut

«Damon Galgut aus Südafrika hat in diesem Jahr für seinen jüngsten Roman »Das Versprechen« den Booker-Preis erhalten.
2003 war »Der gute Doktor« dafür ebenso nominiert gewesen wie 2010 »In fremden Räumen«. Immerhin fünf seiner neun Bücher liegen bereits auf Deutsch vor (Einträge im Quellen-Katalog von Litprom). »Das Versprechen« erscheint noch diesen Monat bei Luchterhand in der Übersetzung von Thomas Mohr.

Unser Mitglied Manfred Loimeier sprach in Kapstadt anlässlich der Konferenz der University of South Africa in Pretoria zu »Myth and Superstition: Dreams, Signs, Symbols« im Jahr 2009 mit Damon Galgut, und vieles davon wirkt noch immer aktuell. Nachzulesen ist das Interview zudem in Loimeiers Interview-Sammelband »Wortschätze« (Horlemann, Berlin 2012).

Herr Galgut, Sie leben in einer Großstadt, in Kapstadt, aber die Protagonisten Ihrer Romane sind in abgeschiedenen Gegenden angesiedelt. Warum?

Zum Teil liegen die Gründe im Unbewussten, ich weiß es nicht sicher, warum ich mich der Idee widersetze, eine Geschichte in einer städtischen Gegend anzusiedeln. Die südafrikanische Landschaft hat mich immer angesprochen, und ich denke, das hat mit der Tatsache zu tun, dass darin etwas sehr Elementares, Mythologisches liegt – und zwar so überwältigend, dass die Landschaft gleichsam selbst eine tragende Rolle spielen kann in einer Geschichte. Außerdem will ich in meinen Geschichten an etwas, ohne den Begriff überstrapazieren zu wollen, Mythisches rühren. Wenn man solche Geschichten in der Stadt spielen lässt, sind sie umgehend an Geschichte geknüpft. Man muss alle möglichen Details rekonstruieren, um die Handlung authentisch werden zu lassen. Gehen Sie hingegen auf das Land, hat sich nicht viel verändert. Das südafrikanische Land trägt immer noch die Züge jener vergangenen Tage der Apartheid. Es ist für mich weitaus interessanter, eine Gruppe von Figuren in eine ländliche Gegend zu setzen als in eine städtische. Während ich das sage, wünsche ich mir bis zu einem gewissen Grad, eine Geschichte zu schreiben, die in einer Stadt spielt. Aber bis heute war die ländliche Kulisse ansprechender.

Weil die Landschaft, das Hinterland, die Karoo, im südafrikanischen Kontext bereits erheblich mit Bedeutung aufgeladen ist?

Für mich spielt sich das auf mehreren Ebenen ab. Ich habe eine sehr starke Beziehung zur südafrikanischen Landschaft. Wenn ich von Südafrika weg bin, dann ist es eher nicht die Stadt — oder sind es die Leute —, was ich an Südafrika vermisse, sondern es ist das Aussehen der südafrikanischen Landschaft. Ich habe eine ausgesprochen ausgeprägte Beziehung zu Landschaft, und das passt nicht zur Stadt. Landschaft transportiert Geschichte in einer Weise, wie es die Stadt nicht tut. Weniger in Kapstadt, aber in Johannesburg, Pretoria oder einer Vielzahl anderer südafrikanischer Städte würde man es Ihnen verzeihen, wenn Sie denken würden, dass Apartheid lange vorbei ist. Das ist auf dem Land nicht so. Dort ist die jüngste Vergangenheit noch sehr gegenwärtig, offensichtlich. Insbesondere die Geschichte von »Der Betrüger«: Ich lebte für ein paar Jahre in einer Kleinstadt in der Karoo, drei, vier Stunden von Kapstadt entfernt, und wenn ich dorthin zurückkehre, ist die gesamte Struktur noch erkennbar, die ihr die Apartheid gab — das Farbigentownship hinter dem Hügel, die weiße Stadt auf der anderen Seite. Die Rassentrennung ist noch sehr deutlich, die Wohlstandskluft ist sogar noch offensichtlicher, und das einzige, was sich wirklich verändert hat, ist die Flagge, die vor der Polizeistation weht. Auf menschlicher Ebene ist das eher irritierend und nicht sehr ansprechend, aber für Autoren wie mich ist das ziemlich interessant, denn das Land Südafrika hat sich geändert, die Gesetze haben sich geändert, die gesellschaftliche Hierarchie hat sich geändert — aber wie wirkt sich das auf das Leben aus? Das ist eine sehr interessante widersprüchliche Frage, und das Widersprüchliche ist für mich ebenso interessant. Wie ich vorhin sagte, ist es keine völlig bewusste Entscheidung, die Geschichten auf dem Land spielen zu lassen, aber sofern ich einen Konflikt so klar darlegen kann, dass diese Widersprüche der Geschichte einen Rahmen geben, dann ist das am reizvollsten. 

Da Sie »Der Betrüger« erwähnten — ist der Roman zum Teil auch autobiografisch?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Ich lebte zwei Jahre da draußen, ich ging dorthin mit der Absicht, zu schreiben, und war dann nicht dazu in der Lage, zu schreiben. Ich verbrachte einen Großteil dieser Zeit damit, frustriert zu sein, und ich verwandte meine kreative Energie mit dem Unkraut im Garten. Eigentlich kann man sagen, dass der erste Teil nah dran ist am Autobiografischen. Aber der Rest ist es nicht. Keines dieser weiteren Ereignisse gab es in meinem Leben, zumindest nicht so. Etwa diese Begegnung mit einem Schulfreund, an den sich die Hauptfigur nicht mehr erinnert. Das mit dem Schulfreund stimmt schon etwas, denn es geht mir manchmal so, wenn ich nach Pretoria zurückkehre, dass mich Leute herzlich grüßen, die mit mir in der Schule waren, und ich habe keine Vorstellung davon, wer diese Leute sind. Und dann dieses Thema der Erinnerung, persönlicher Erinnerung — es  ist sehr interessant, zu sehen, wie man das in einem Roman in einen größeren Rahmen der nationalen Erinnerung einflechten kann, darin, woran sich die Nation erinnert. Aber nur ein Teil von »Der Betrüger« ist autobiografisch.

Interpretiere ich diesen Roman zutreffend, wenn ich sage, dass es um die Frage geht, ob und wie im heutigen Südafrika unter dem Einfluss des globalen Kapitals Widerstand oder Mitwirkung möglich sind? Die Hauptfigur will sich dem schließlich entziehen, hat aber keine Chance, dem zu entfliehen!

Ja. Ich denke, dass da eine Menge Dinge in diese Geschichte hineinwirkten. Man kann nicht deutlich genug betonen, wie abgeschnitten wir waren, als wir unter der Apartheid in diesem Land aufwuchsen. Der internationale Boykott schnitt dieses Land ab. Es gab kaum Handel, kaum Geld, das ins Land kam oder zurückfloss. Wichtiger noch war, denke ich, dass es kaum Ideen gab, die ins Land kamen oder hinausgingen. Wir, die wir hier aufwuchsen, hatten die Illusion, dass dieses System gewissermaßen von Gott aufrechterhalten wurde, und dass es immer so sein würde. Es war sehr befremdend, das vollständig umgewälzt zu sehen — innerhalb einer Nacht Anfang 1990 sowie in den Jahren, die folgten. Es war eine großartige Befreiung in jeder Hinsicht, dass diese Gesetze aufgehoben wurden. Es hatte aber die befremdliche Folge dergestalt, dass der plötzliche Strom von Leuten, Geld, Ideen, dem Bild der Welt da draußen, die da ins Land strömten, die nationale Psyche in einer existenziellen Weise berührten. Es war eine Art Krise, eine zweifellos gute Krise für das Land, aber eine Krise, mit der wir in gewisser Weise noch immer zu tun haben. Sie hatte ganz klar sehr positive Effekte — dass wir zur Weltgemeinschaft gehören, dass es noch andere Ideen gibt als solche, die uns eingebläut wurden, das Gefühl, dass wir keine Parias mehr sind. Aber es gibt oder gab auch negative Folgen, in dem Sinn, dass das Land nicht vorbereitet war auf die Öffnung der Grenzen — sowohl der psychischen wie der physischen. Jede Menge Geld wurde von überall her ins Land gepumpt, und damit kamen jede Menge anderer Übel — Drogen, internationale Kriminalität —, und das war ein Schock, und das Land war, denke ich, nicht vorbereitet darauf, damit umzugehen. Das neue System, und das ist kein Geheimnis, ist von einem gewissen Grad der Korruption durchdrungen, worauf wir ebenfalls nicht vorbereitet waren. Ich versuchte in dem Buch, diesen Wandel dahingehend zu überdenken, was Geld, internationale Kriminalität und Korruption verursacht haben. Zum ersten Mal musste man sich in Südafrika tatsächlich überlegen, was es eigentlich bedeutet, Südafrikaner zu sein. Diese Frage stellte sich auf persönlicher Ebene in Gesprächen mit Leuten, aber auch auf kultureller Ebene, denn in Büchern und Debatten geht es in gewisser Weise stets darum, wer wir sind und was unsere Identität ist. Diese Feststellung, ein »Betrüger« zu sein, hat damit zu tun. Nicht wenige Menschen waren dazu in der Lage, eine falsche Identität anzunehmen. Es gibt mehrere Figuren in dem Buch, die Betrüger sind, und es ist eine noch größere Frage, ob das neue Südafrika nicht auch betrügerisch ist.

In  »Der gute Doktor“ gibt es verschiedene Wahrnehmungen von Realität, und die Handlung spielt auf mehreren dieser Ebenen. Dabei geht es auch um das Fortdauern der Welt, der Gesetze der früheren Machthaber. Richtig?

Ja, das kann man so sagen. Die Handlung spielt ja im Anschluss nach einer gewaltigen Veränderung in Südafrika, die sich durch diese historische Rückschau tatsächlich noch steigerte, die sich aber sehr, sehr schnell ereignete. Man blieb zurück mit dem Gefühl, dass eine komplette Gesellschaftsordnung fast über Nacht seine Grundlagen verloren hatte. Ich lehrte an der Universität, in der Theaterabteilung, einige Jahre, und wenn ich die jüngeren Leute sah, die da nachkamen, hatte ich dieses komische Gefühl, dass diese ganze Geschichte, meine ganze Wahrnehmung der Welt und ihrer Regeln, für diese jungen Leute überhaupt keine Bedeutung hatte. Apartheid ist für die meisten junge Leute alte Vergangenheit. Das ging soweit, dass manche Studenten sagten, sie wünschten, sie hätten zur Armee gehen können, denn das müsste eine interessante Erfahrung gewesen sein. Man sprach über etwas, das man nicht kannte. Es waren also in den jungen wie alten Menschen zwei gegensätzliche Vorstellungen der südafrikanischen Welt eingegraben, und das wollte ich dramatisieren — nicht in Form eines Theaterstücks, sondern eines Romans. Ich konnte mit etwas Erfahrung über die Welt sprechen, in der ich aufgewachsen und verwurzelt war, über die militärische Denke, die bürokratischen Regelungen der Apartheid, und die Art der Weltsicht, die diese Zeit prägte. Gleichzeitig war ich Zeuge des Idealismus des neuen Südafrika und der Erwartungen, die damit aufkamen. Leider muss ich sagen, dass meine sündige Seite niemals ganz an diesen Idealismus glauben konnte, und das zu sagen gibt mir keine Zufriedenheit, dass meine sündige Seite recht hatte, dass die Träume in einer Wirklichkeit verlorengingen, die erheblich kompromittiert ist. Nun, ich versuchte, mit meinen Figuren diese konflikthaften Kräfte zu verkörpern, die in der Geschichte dabei im Spiel waren.

Sie schreiben schon sehr lange, begannen noch zu Apartheidzeiten zu veröffentlichen. Haben denn die gesellschaftlichen Veränderungen auch eine Veränderung in Ihrem Stil bewirkt?

Ich begann als ein unpolitischer Autor zu schreiben. Politik bedeutete mir dabei nicht sehr viel. Meine beiden ersten Romane hatten in der Tat mit Politik überhaupt nichts zu tun. Sie wurden zwar während des Höhepunkts der Apartheid geschrieben, aber die Reaktionen, die es auf sie gab, waren eher missbilligend dergestalt, dass da ein eher privilegierter weißer Südafrikaner war, der sich nicht um Politik kümmerte. Das war für mich ein bisschen wie ein Schock, und in meinem dritten Buch — da war ich Mitte 20 — begann ich zum ersten Mal, in einem bestimmten Maße politisch bewusster zu werden. Das dritte Buch kam im Prinzip zu der Zeit heraus, als der Bann gegen den ANC aufgehoben wurde und die Apartheid endete, als große Veränderungen geschahen. Ich denke, Sie wissen, dass ich, wäre ich nicht in dieser Zeit in diesem Land geboren worden, wahrscheinlich ein anderer Autor geworden wäre. Politik ist nicht meine natürliche Neigung, ich sehne mich nach einer Literatur, die mehr mit »menschlichen« Themen zu tun hat. Es ist auch heute immer noch sehr anstrengend, in diesem Land von Politik wirklich frei zu sein. Theoretisch sind wir frei, aber man kann nicht wirklich eine Geschichte schreiben, die im Südafrika von heute spielt und authentisch und klarsichtig auf die Vergangenheit blickt. Wie soll das gehen? Selbst wenn man eine jüngere Hauptfigur hat, fragt man sich, was hat er oder sie früher getan, welche Entscheidungen traf sie, welche Gefühle spürte sie? Selbst wenn man eine Figur entwirft, die gerade erst aufwächst, dann ist der soziale Hintergrund von der Vergangenheit geprägt, sie liegt noch nicht so lange zurück. Will man authentisch bleiben, kommt man nicht davon los. Vielleicht ist das eine Übertreibung, denn ich denke, dass es vielleicht Wege gibt und dass es ein nötiges Projekt für die südafrikanische Literatur ist, mit Stimmen zu sprechen, die frei sind von der Vergangenheit. Aber das ist sehr hart, das ist eine Herausforderung.

Sie reisen sehr gern. Ist das ein Weg, eine Distanz zu finden zum Land?

Reisen ist mir seit langem ein Bedürfnis. Es ist einerseits eine persönliche Neigung. Andererseits fühle ich mich sehr von Indien angezogen, seit 2000, als ich das erste Mal dort war. Ich habe seither viel Zeit dort verbracht, dort gearbeitet — »Der gute Doktor« und »Der Betrüger« wurden größtenteils dort geschrieben. Und ich habe immer schon dieses körperliche Gefühl der Erleichterung, wenn ich von hier weg bin. Es ist dann irgendwie leichter — wie ich sagte, auch in körperlicher Weise – aus der Distanz auf ein Land zurückzublicken, und es verdeutlicht mir die Komplexität dessen, was es bedeutet, hier zu sein, und das gelingt mir nicht so leicht, wenn ich hier bin.

Würden Sie Ihren Roman »The Quarry« als Kriminalroman bezeichnen?

Ich habe nichts dagegen, das Buch als Kriminalroman zu bezeichnen. Es wurde nicht als solches angelegt. Wie es angelegt wurde, ist mir immer noch schleierhaft – es ist so ein Buch, das sich von selbst entwickelte. Es begegnete mir zuerst als ein Bild: ein Mann auf einer Straße, der von irgendwo herkam. Ich wusste nicht, was danach kommen würde. Es war so, als würde ich nur immer den nächsten Schritt schreiben, der gerade unvermeidlich war. Das Buch entfaltete sich, wie sich ein Traum ereignet, und daher rührt auch diese unwirkliche Traum-Atmosphäre des Tonfalls. Es ist ein Erzählstil, der von der Landschaft hätte geträumt werden können oder von etwas außerhalb von mir. Aber ja, es ist eine Art Kriminalroman. Mein Verständnis von einem Kriminalroman ist etwas altmodisch — von einer Geschichte, die sich auf mehr oder wenige simple Weise abspielt. Das passt aber nicht zu dem Buch und nicht zu diesem Land. Wenn es ein Kriminalroman ist, dann ein ziemlich unkonventioneller. Aber wissen Sie, Verbrechen ist ein unaufhörliches Thema in Südafrika, und vielleicht ist ein Kriminalroman dafür die natürlichste Form. 

Die Hauptfiguren in Ihren Romanen, in den meisten zumindest, scheinen nicht recht zu verstehen, was sich um sie herum ereignet. Ist das eine Metapher für die südafrikanische Gesellschaft in ihrem steten Wandel?

Ja schon, aber mir widerstrebt diese Auffassung, dass Literatur die Welt erklären soll. Ich denke, so hat sich zwar Literatur bisher entwickelt und weiterentwickelt. Da gibt es diese Erwartung, dass Bücher Lesern einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit erklären sollen. Aber wie gesagt, mir widerstrebt diese Art von Literatur. Ich denke das deshalb, weil das wirkliche Leben nicht so funktioniert. Als Schriftsteller bin ich nicht so verschieden von den Leuten da draußen und muss sagen, dass ich Geschichte nicht bis ins Letzte verstehe, dass ich meinen Platz in der Geschichte nicht ganz verstehe. Ein Großteil dessen, was im Land geschieht, ist mir schleierhaft, insbesondere in diesem Land, aber ich denke, das trifft auf die ganze Welt zu. Ich muss auf einer Straße nicht sehr schnell fahren, um auf eine andere Schicht von Menschen zu treffen oder auf eine Gruppe von Menschen, deren Lebensweise mir im kulturellen Sinn vollkommen undurchsichtig ist. Also fände ich es schrecklich, mich zu einer Autorität aufzuspielen und zu behaupten, ich könnte für alle Südafrikaner sprechen — das kann ich nicht. Und es stört mich zutiefst, wenn andere südafrikanische Autoren das tun, nur weil sie vorgeben, dazu in der Lage zu sein. Was wissen wir schon, was es bedeutet, unter Armut zu leiden, schwarz zu sein oder indischstämmig oder was auch immer? Selbst die weiße Mittelklasse, aus der ich komme, ist mir oft ein Rätsel. Das Leben anderer Leute ist für mich mysteriös. Ich versuche, wahrhaftig zu sein im Staunen, im Befremden über das Leben um mich herum, und ich versuche, das in meine Erzählungen einzubauen, denn mir scheint, dass viele von uns mit einem großen Anteil von Befremden über das leben, was um uns herum vor sich geht. Wir sind in etwas viel größerem gefangen als was wir sind, und offizielle Erklärungen sind oft nicht wahr oder erklären nichts. Das scheint mir wichtiger als dieser Mythos, dieses Märchen, dass es eine schlüssige Erklärung gäbe, die wir alle verstehen können, und die die Literatur bereithält. Das wirkt auf mich wie ein Trost, den wir uns eigentlich nicht erlauben können.

Sie schreiben nicht nur Romane, sondern Sie haben auch Theaterstücke geschrieben, Sie inszenieren. Wovon handeln Ihre Theaterstücke?

Das ist schon lange her. Ich habe schon lange kein Theaterstück mehr geschrieben. Ich habe drei Theaterstücke an verschiedenen Bühnen untergebracht. Ich hatte ein Dramatiker- und Dramaturgenstipendium in meinen frühen 20ern bei einer Bühnenorganisation in Pretoria, die zwei meiner Stücke herausbrachte, und mein drittes Theaterstück wurde in Durban und Namibia gezeigt. Keines dieser Stücke hatte eine politische Thematik. Wie ich sagte, mein frühes Schreiben war äußerst unpolitisch. Mein erstes Stück handelte von Rasputin und der russischen Königsfamilie. Das zweite Stück war ein sehr kleines Kammerspiel, und das dritte war auch ein Kammerspiel, um einen Bruder und eine Schwester. Der Bruder ist gelähmt, die Schwester kümmert sich um ihn, die Mutter stirbt. Das Stück war vollkommen auf diese Familienthematik fokussiert. Südafrikanisches Theater war dann am lebendigsten, als es Widerstandstheater war. Als die weiße Regierung stürzte, wurde das Theater seiner Thematik beraubt. Südafrikanisches Theater verwitterte über Nacht. Es gab dafür kein Geld mehr, das Hauptthema und die Hauptzielgruppe des Theaters verschwanden. Theater ist in einer großen Krise. Es gibt Anzeichen für eine Wiederbelebung, und ich denke, dass es kein Zufall ist, dass das Theater just jetzt wieder auf die Füße kommt, wo wir an einem Punkt in der Geschichte angekommen sind, an dem es wieder Gründe für Widerstandstheater gibt. Südafrikanisches Theater lebte immer von Politik, und es herrscht das Gefühl, dass es Sachen gibt, gegen die man protestieren sollte und über die man wütend sein kann. Südafrikanisches Theater wird einmal mehr seinen Weg finden. Meine persönliche Zeit des Theaterstudiums und meine Theatererfahrungen sind, glaube ich, insofern in meine Romane eingeflossen, als sie mir ein intensives Gespür für Dialoge und für Orte gaben. Ich glaube nicht, dass ich etwas schreiben könnte, ohne eine sehr klare visuelle Vorstellung davon zu haben, wo ich mich befinde, und ohne eine akustische Vorstellung — ich muss hören, wie Menschen klingen, ich muss sehen, wie die Farben sind, wie die Landschaft ist, die Szenerie. Ohne das kann ich nicht zu schreiben beginnen, und ich glaube, das hängt stark mit dem Theater zusammen. Aber bei allem liegt für mich das Theater schon weit in der Vergangenheit zurück.

Der Stil, in dem Sie schreiben, wurde oft mit dem Stil J.M. Coetzees verglichen. Die Visualität, die Sie gerade beschreiben, erinnert wiederum an Zakes Mda, der ebenfalls sagt, dass ihn das Bild einer Landschaft zum Schreiben anregt. Wie wem wollen Sie am ehesten verglichen werden?

Ach. Am liebsten wäre es mir, mit niemandem verglichen zu werden! Ich meine, Coetzee hat unverkennbar einen sehr großen Schatten über die südafrikanische Literatur geworfen. Man kann dem kaum entkommen. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Coetzee anlässlich einer Lesung aus »Im Herzen des Landes«. Da war ich 21 und überwältigt von dem Gefühl, dass das eine literarische Stimme ist. Die anderen südafrikanischen literarischen Stimmen wie Nadine Gordimer oder André Brink, auf die ich zuvor angewiesen war, klangen sehr nobel und nützlich, aber auch außer Reichweite in dem Sinn, dass sie ein Lebensmodell für das weiße Südafrika bereithielten. Vielleicht wäre das möglich geworden, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Aber für mich waren sie Beispiele weißen Daseins in Afrika, die ich bewundern, aber in denen ich mich nicht finden konnte. Wohingegen Coetzee mir das Gespür vermittelte für eine weiße Gegenwart hierzulande, die für mich sehr nah an Heimat heranreichte. Da waren Figuren, die vollkommen davon abgeschnitten waren, was um sie herum geschah, aber zugleich waren sie keine heroischen Figuren, sie waren keine Figuren, die eine große, aufrechte Haltung einnahmen. Sie waren sehr geduckt, kompromittiert. Sehr menschlich. Das sprach mich sofort an. Diese komplett neue Art, weißes Dasein in diesem Land zu sehen. Zugleich habe ich niemals versucht, Coetzee nachzuahmen. Ich muss zugestehen, dass ich mit einem großen Teil der südafrikanischen Literatur nicht vertraut bin, ich bin darin nicht sehr gut belesen. Es ist schwierig genug, meine eigene Stimme zu finden, ohne versuchen zu wollen, einen Platz unter den ganzen anderen Stimmen zu finden. Ich beziehe mich auf Zakes Mdas Literatur auf einer ganz anderen Ebene. Was mich an seiner Literatur fesselt, ist, dass er ein schwarzer südafrikanischer Autor ist, der sich auch nicht übermäßig mit Politik befasst. Vielleicht hat er dazu die Freiheit, weil er größtenteils nicht hier lebt — aber das ist eine Vermutung und keine klare Antwort auf Ihre Frage. Kurz gesagt: Ich verwende nicht viel Zeit dafür, mich mit anderen südafrikanischen Autoren zu vergleichen.

Zu Ihrem Roman »In fremden Räumen« — was können Sie dazu sagen?

»In fremden Räumen« ist ein Buch, das aus drei Reiseerzählungen besteht. Das ist vielleicht etwas irreführend, denn sie handeln nicht vom Reisen. Jede Erzählung handelt von einer Fahrt, die derselbe Erzähler unternimmt, und auf die er nach langer Zeit zurückblickt. Das eigentliche Ziel der Reise ist nicht das Land oder die Gegend, durch die sie führt, als vielmehr die Tatsache, dass die Reise des Erzählers mit einer weiteren Person geschieht. Ein Teil des Erzählens ist die sich wandelnde Landschaft, aber ein anderer, wichtigerer Teil des Erzählens ist die sich wandelnde Beziehung zwischen dem Erzähler und der jeweils anderen Person dieser Reisen. Die drei Reisen handeln von drei sehr verschiedenen Beziehungen. Eine handelt von Macht, eine von Liebe und die andere von Behütung, Fürsorge, für jemanden da sein. Ich hoffe, das gibt drei vorrangige Formen menschlicher Beziehungen wieder. Es fällt mir schwer, an eine Beziehung zu denken, die nicht in eine dieser drei Formen passt. Mit diesem Buch versuche ich von Politik wegzukommen. Mir scheint, dass Reisen eine Lebensweise ist, in der man Politik glaubhaft zurücklässt, denn man kommt an einen Ort, mit dem man nicht vertraut ist, in ein Land, das man nicht kennt, und man muss sich nicht notwendig um die Geschichte darum herum kümmern, man wird nicht in diese Gesellschaft hineingezogen. Man hatte keine Verpflichtungen oder Verantwortlichkeiten den Menschen oder Orten gegenüber, man kommt nur vorbei. Für eine kurze Zeit hat man also die Illusion, dass man von der Welt um sich herum gelöst ist. Wenn die Welt herum entfernt ist, dann ermöglicht das, zu schauen, wie man sein kann, was von dem Tier, das wir Menschen sind, zurückblieb. Für mich ist das eine Art, über Südafrikas Vergangenheit hinauszukommen und eine andere Art des Lebens zu finden.

Neue Pläne?

Ich beginne etwas Neues, aber ich hadere noch. Aber das ist normal für mich. Ich verbringe viel Zeit damit, nicht zu schreiben, statt zu schreiben. Um herauszufinden, was ich sagen möchte. Viele Autoren schreiben anscheinend gemütlich ein Buch nach dem anderen, aber so ging es mir noch nie. Aber ich werde weitermachen.


Arabischsprachige Kinderbücher 2021

Empfehlungsbroschüre der Internationalen Jugendbibliothek

Die Internationale Jugendbibliothek führt seit 2017 ein von der Landeshauptstadt München gefördertes Projekt durch, dessen Ziel es ist, einen Einblick in die Kinderliteratur arabischsprachiger Länder zu geben und Bücher zu empfehlen.
Im Rahmen des Projekts werden aktuelle Titel aus Verlagsprogrammen der arabischen Welt gesichtet und auf vielfältige Weise vermittelt, um sie im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, in Bibliotheken zu bringen sowie Übersetzungen anzuregen.
Im August 2021 wird die dritte und abschließende Empfehlungsbroschüre der Internationalen Jugendbibliothek zu diesem Projekt, »Arabischsprachige Kinderbücher 2021«, erscheinen. Unter anderem als Orientierungshilfe für Bibliothekar*innen, Pädagog*innen, Literaturvermittler*innnen und Lektor*innen. Denn Kinderbücher sind wichtige Mittler der Integration. Sie sind inklusiv und fördern den interkulturellen Austausch. 

Ausführliche Informationen in der Pressemitteilung der Internationalen Jugendbibliothek.


Wanderer in vielen Welten

Ein Nachruf auf den Verleger Dr. Volkhard Brandes (1939-2020) von unserem Mitglied Cornelia Wilß

Volkhard Brandes wurde am 26. Juni 1939 in Lemgo geboren. Grau, verschlafen, verschlossen, beschrieb er die lippische Stadt mittig zwischen Minden im Norden, Bielefeld im Westen und Paderborn im Süden. Der Vater war Studienrat am Engelbert-Kämpfer-Gymnasium, das auch Volkhard Brandes besuchte, und keineswegs ein Freund des Antifaschisten und Militarismus-Kritiker Ernst Werner, der 1950 die Schulleitung übernommen hatte. Angetrieben war Werner davon, seinen Schülern beizubringen, kritische Fragen zu stellen. Werner holte sich daher Heinz Schultz an die Schule, der damals noch in Rostock lebte, »um aus den Söhnen der Altnazis Menschen zu machen«. Er wurde der Klassenlehrer von Volkhard Brandes. Es kam zum Schulkonflikt. 1957 verließ der als Kommunist und Jugendverderber von Eltern und Lehrern abgestempelte Schuldirektor bei Nacht und Neben die Stadt Lemgo. Die Klasse, die Brandes besuchte, hatte sich hinter ihn und den Lehrer Schultz gestellt. Vergebens. Sie wurde als »verseuchte Klasse« zum Abitur geführt. Volkhard Brandes hat mit Gefährten aus dieser Zeit im Buch Ich verbiete euch zu gehorchen seinen ehemaligen Lehrern ein Denkmal gesetzt.

Es war ein unversöhnlicher Konflikt mit der Vätergeneration entstanden, wie Brandes später sagte. Er wollte raus aus erstickender Normalität, in die freie und kreative Großstadt, anders leben. München und die Aufbruchstimmung dort faszinierten ihn, doch die Stadt an der Isar, wurde ihm bald auch langweilig. Es zieht ihn nach Frankfurt am Main mit seiner intellektuellen Szene, wo er bis kurz vor seinem Tod lebte.

Volkhard Brandes hatte Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in München und Paris studiert, sprach hervorragend Englisch und Französisch, promovierte in Amerikanistik mit einer Arbeit über die Bedeutung der afrikanischen Unabhängigkeit für den Freiheitskampf des schwarzen Amerika, war in den siebziger Jahren durch die USA und Mittelamerika getrampt, hatte an Protesten gegen den Vietnam-Krieg teilgenommen und war abgeschoben worden. Beredte Zeugnisse aus dieser Zeit sind Now. Der schwarze Aufstand, USA - Vom Rassenkampf zum Klassenkampf“ oder Good bye Onkel Sam. Amerika zwischen Cola und Revolte und Black Brother. Unter dem Titel The times they’re changing waren seine schwarzweiß Fotografien aus den USA 1965-1967 zuletzt in einer Ausstellung im Ypsilon-Café 2005 in Frankfurt zu sehen. Seine Autobiografie Wie der Stein ins Rollen kam erschien 1988 im Brandes & Apsel Verlag, den er 1986 mit Roland Apsel gegründet hat. In diesen längst vergriffenen Büchern setzt sich Brandes mit dem afroamerikanischen Befreiungskampf der sechziger Jahre in den USA auseinander und beschreibt in seinen autobiografischen Notizen den Aufbruch in die Revolte in Europa. Als Politischer Sekretär des SDS und seit 1973 in verschiedenen linken Verlagsprojekten aktiv, war er mittendrin in den gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen. Sich selbst bezeichnete er stets als einen »unerschütterlichen Altmarxisten«; ideologische Gleichmacherei, traditionelle Parteipolitik und Funktionärswesen blieben ihm fremd. Er pendelte, wie Ute Evers in einem Interview in der taz (23.7.2018) herausarbeitet, zwischen den politischen Welten und antwortet dort, von ihr befragt nach seinen damaligen politischen Zielen: »Wir wollten nicht nur einfach auf die Straße gehen. Für mich persönlich hatte die Weltrevolution damals Priorität. Mir ging es darum, die Solidarität zwischen den Linken in Deutschland, Frankreich und den USA zu unterstützen.«

Für Volkhard Brandes war ein Verdienst der Bewegung von '68, einen Emanzipationsprozess eingeleitet zu haben, der den Alltag und das Subjekt revolutioniert hat: die Auflockerung der Institution Ehe, die Idee der Wohngemeinschaft, eine freiere Kindererziehung, offene Umgangsformen untereinander, die Selbstorganisation einer alternativen Kultur …

Ich habe Volkhard Brandes und Roland Apsel auf der Frankfurter Buchmesse 1995 kennengelernt, weil ich bei Brandes & Apsel ein Buchprojekt unterbringen wollte. Das vielseitige Programm, abseits von Mainstream und Marktoptimierung, welches seit Mitte der achtziger Jahre mit linker Zeitgeschichte und Literaturen aus Afrika, der Türkei, deutscher Geschichtsaufarbeitung und Erinnerungskultur und Psychoanalyse aufwartete, fand ich ein mutiges Unterfangen.

Volkhard Brandes veröffentlichte in seiner aktiven verlegerischen Zeit eine Fülle von Büchern, die er betreute, pflegte meist einen persönlichen Kontakt zu »seinen« Autorinnen und Autoren, war ihnen oft ein Berater, wurde mancher und manchem zum Freund und betrieb stets »Networking«. In der langen Verlagsgeschichte legte er besondere Aufmerksamkeit auf Bücher zur Literatur aus und über Afrika, zu jüdischem Leben, zur Verfolgung der Roma und Sinti und zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Er las akribisch, legte Wert auf den letzten Schliff der Texte und beharrte darauf, die »Winzigkeiten« vor Drucklegung noch zu korrigieren. Brandes war auch als Buchvertreter für den Verlag unterwegs, kannte den Buchmarkt gut, war Gast bei vielen Veranstaltungen, setzte sein verlegerisches Wissen unter anderem für das Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse für Verlage aus Afrika, Asien, Lateinamerika, der arabischen Welt, der Karibik sowie Mittel- und Osteuropa ein.

Wenn ich heute den »afrika Taschenkalender« durchblättere, welchen die beiden Verleger und ich am Anfang, 1999, gemeinsam herausgegeben haben, seit 2001 Volkhard und ich als Duo, begreife ich in der Rückschau, wie viele Länder er bereist hat, wie sehr die altertümliche Selbstbezeichnung Globetrotter auf ihn passt, ein Wanderer in den Welten. Volkhard Brandes war in der Welt zuhause, völlig unerschrocken ob der Anstrengung nahm er sich jedes Jahr wieder eine Fern-Reise vor und kam mit Fundstücken zurück: Fotografien, Texten, Kunst- und Alltagsgegenständen, die seine Wohnung in der Fichardstraße schmückten. In seinen Reiseberichten zeigen sich seine Neugier auf Menschen und die Gabe, genau zu beobachten und Stimmungen einzufangen, aber es ging immer auch darum, koloniale Spuren und das, was er »zwangsweise Globalisierung« nannte, zu benennen und die zerstörerischen Folgen der Kolonialisierung zu dokumentieren. Er liebte es einfach, unterwegs zu sein.

Viele Autorinnen und Autoren, Übersetzer und Übersetzerinnen, Freunde und Freundinnen, Verlagsmitarbeitende und Weggefährten haben seinen Lebensweg begleitet, der nun zu Ende gegangen ist. (Man möge verzeihen, dass ich hier nicht einzelne Namen im Besonderen genannt habe. Es sind zu viele Menschen, die mit ihm auf die eine oder andere Weise verbunden waren und sind). In Erinnerung bleiben wird mir ein Mann, der Humor hatte, der aber auch eigensinnig und beharrlich war und dafür warb und arbeitete, »dass man nur etwas hinbekommt, wenn man bereit ist, auch die Spielregeln zu durchbrechen. Wir haben aber auch erfahren, dass es für einen Erfolg auf diesem Weg keine Garantie gibt und man sich blutige Nasen holen kann. Doch die Spielregeln nicht zu durchbrechen, wo es erforderlich ist, bringt erst recht nichts.«
Dieses Zitat gefunden zu haben, in Unterrichtsmaterialien für die Schule über die außerparlamentarischen Opposition hierzulande, das hätte ihm, glaube ich, gefallen.

Nachtrag: https://www.spiegel.de/fotostrecke/40-jahre-pariser-mai-fotostrecke-109054.html. Dort sind auch Aufnahmen von V.B. zu sehen. Er hatte Plakate des 'Atelier populaire' sowie Arbeiten der berühmtesten französischen Karikaturisten damals fotografiert und 40 Jahre danach in seinem Buch: Paris, Mai '68: Plakate, Karikaturen und Fotos der Revolte dokumentiert.

Cornelia Wilß, 13.5.2020

Ich habe als freie Journalistin und Lektorin von 1996 bis 2013 für den Brandes & Apsel Verlag gearbeitet.
www.passage-wilss.de



Gleich drei wichtige Persönlichkeiten hat die Literaturwelt in einer Aprilwoche verloren

Litprom trauert um Luís Sepúlveda, Rubem Fonseca und Luiz Alfredo Garcia-Roza

Am 15. April starb in Rio de Janeiro Rubem Fonseca, der Altmeister
der brasilianischen Kriminalliteratur, im Alter von 94 Jahren. Fonsecas Texte — er schrieb vor allem Erzählungen, aber auch 12 Romane — schockierten durch ihre direkte, unverblümte Sprache, sein Klassiker »Feliz ano novo« wurde 1975 sogar wegen angeblicher Brutalität verboten. Dabei war der Autor ein Humanist, der sich auf literarische Weise der Wirklichkeit seines Landes, vor allem der Großstadt widmete. Etlichen Schriftsteller*innen der portugiesischsprachigen Welt war Fonseca durch seine neue Art zu schreiben ein Vorbild. Er schrieb bis ins hohe Alter und veröffentlichte noch 2017 und 2108 jeweils einen Band mit Erzählungen.
Ins Deutsche wurden seiner Romane »Bufo & Spallanzani« (1987), »Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken« (1988) und »Mord im August« (1990) sowie zwei Bände mit Erzählungen »Das vierte Siegel« (1989) und »Der Abkassierer« (1989) übersetzt, alle von Karin von Schweder-Schreiner und alle leider seit Längerem vergriffen.

Am 16. April verstarb im Alter von 70 Jahren Luís Sepúlveda, der sich Ende Februar mit dem neuen Corona-Virus infiziert hatte. Der Chilene Sepúlveda, der seit den 1960er Jahren in unterschiedlichen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika aktiv war und zur Leibgarde von Salvador Allende gehört hatte, lebte in den 1980er Jahren in Hamburg im Exil, wo seine bekanntesten Romane entstanden, darunter der Bestseller »Der Alte, der Liebesromane las« (übers.: Gabriela Hofmann-Ortaga Lleras, aber auch Kin»derbücher, »Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte« (Übers.: Willi Zurbrüggen, 1996), Kriminalromane und Reportagen. Neben dem Schreiben und als Journalist engagierte er sich weiter politisch, im Umweltschutz und für die Unesco. Seit 1996 lebte Luís Sepúlveda im spanischen Gijón, wo er an das jährliche Literaturfestival Festival »Salón del Libro Iberoamericano« mit initiierte.
Auf Deutsch erschien neben zwei weiteren Kinderbüchern zuletzt der autobiografisch gefärbte Roman »Der Schatten dessen, was wir waren« (2011 übers: Willi Zurbrüggen) eine ironische Rückschau auf die Zeit der politischen Kämpfe. Sein Werk ist in 46 Sprachen übersetzt.

Ebenfalls am 16. April starb in Rio de Janeiro der brasilianische Autor und Psychoanalytiker Luiz Alfredo Garcia-Roza. Er fing erst nach seiner akademischen Karriere mit dem Schreiben an. Bereits sein erster Roman »Das schweigen des Regens« (2003 übers. von Karin von Schweder-Schreiner) wurde 1997 mit dem brasilianischen Literaturpreis »Jabuti« ausgezeichnet. Er veröffentlichte insgesamt 12 Romane um »Kommissar Espinoza«, die alle in Rio de Janeiro spielen und von denen vier ins Deutsche übersetzt wurden: »Das schweigen des Regens«, »Die Tote von Ipanema«, »Südwestwind« (übers.: Karin von Schweder-Shreiner) und »Ein Fenster in Copacabana« (übers.: Nicolai von Schweder-Schreiner).
Auch Garcia-Roza gilt als Referenz in der brasilianischen Krimi-Szene. Vor seinem Tod soll er Presseberichten zufolge noch einen 13. Roman fertiggestellt haben.

Michael Kegler