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Internationaler Literaturpreis 2020

Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen

Das HKW, die Stiftung Elementarteilchen und die Jury haben sich entschieden, im Ausnahmejahr 2020 nicht ein einzelnes Buch auszuzeichnen, sondern alle sechs Titel der Shortlist gleichermaßen. Statt zwei Preisträger*innen gibt es also zwölf Gewinner*innen: die sechs Autor*innen und sechs Übersetzer*innen der Shortlist.

Litprom gratuliert allen Laureat*innen und ganz besonders natürlich unseren »Bekannten«: Amir Hassan Cheheltan und seiner Übersetzerin Jutta Himmelreich, James Noël und seinem Verleger und Litprom-Mitglied Peter Trier (litradukt) sowie Chigozie Obioma (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner, gefördert von Litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amts).

Das Preisgeld wurde unter den sechs Autor*innen und sechs Übersetzer*innen gleich aufgeteilt. Am 4. Juni wurden die Preisträger*innen in der Sendung Lesart auf Deutschlandfunk Kultur live bekanntgegeben und vorgestellt.

»Diese sechs Bücher zeigen uns die Welt als großen Möglichkeitsraum, in dem nicht alles auf Reproduktionszahlen heruntergerechnet werden kann. Sie zeugen von der großen Vielstimmigkeit der Welt, egal in welcher Sprache geschrieben wird, denn jedes der sechs Bücher hat dank der jeweiligen Übersetzerin, dem jeweiligen Übersetzer einen eigenen Ton und eine ganz eigene sprachliche Gestalt.« – Die Jury

Alle Informationen über Laureat*innen, Bücher, Übersetzer*innen und Verlage auf den Seiten des HKW


Wanderer in vielen Welten

Ein Nachruf auf den Verleger Dr. Volkhard Brandes (1939-2020) von unserem Mitglied Cornelia Wilß

Volkhard Brandes wurde am 26. Juni 1939 in Lemgo geboren. Grau, verschlafen, verschlossen, beschrieb er die lippische Stadt mittig zwischen Minden im Norden, Bielefeld im Westen und Paderborn im Süden. Der Vater war Studienrat am Engelbert-Kämpfer-Gymnasium, das auch Volkhard Brandes besuchte, und keineswegs ein Freund des Antifaschisten und Militarismus-Kritiker Ernst Werner, der 1950 die Schulleitung übernommen hatte. Angetrieben war Werner davon, seinen Schülern beizubringen, kritische Fragen zu stellen. Werner holte sich daher Heinz Schultz an die Schule, der damals noch in Rostock lebte, »um aus den Söhnen der Altnazis Menschen zu machen«. Er wurde der Klassenlehrer von Volkhard Brandes. Es kam zum Schulkonflikt. 1957 verließ der als Kommunist und Jugendverderber von Eltern und Lehrern abgestempelte Schuldirektor bei Nacht und Neben die Stadt Lemgo. Die Klasse, die Brandes besuchte, hatte sich hinter ihn und den Lehrer Schultz gestellt. Vergebens. Sie wurde als »verseuchte Klasse« zum Abitur geführt. Volkhard Brandes hat mit Gefährten aus dieser Zeit im Buch Ich verbiete euch zu gehorchen seinen ehemaligen Lehrern ein Denkmal gesetzt.

Es war ein unversöhnlicher Konflikt mit der Vätergeneration entstanden, wie Brandes später sagte. Er wollte raus aus erstickender Normalität, in die freie und kreative Großstadt, anders leben. München und die Aufbruchstimmung dort faszinierten ihn, doch die Stadt an der Isar, wurde ihm bald auch langweilig. Es zieht ihn nach Frankfurt am Main mit seiner intellektuellen Szene, wo er bis kurz vor seinem Tod lebte.

Volkhard Brandes hatte Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in München und Paris studiert, sprach hervorragend Englisch und Französisch, promovierte in Amerikanistik mit einer Arbeit über die Bedeutung der afrikanischen Unabhängigkeit für den Freiheitskampf des schwarzen Amerika, war in den siebziger Jahren durch die USA und Mittelamerika getrampt, hatte an Protesten gegen den Vietnam-Krieg teilgenommen und war abgeschoben worden. Beredte Zeugnisse aus dieser Zeit sind Now. Der schwarze Aufstand, USA - Vom Rassenkampf zum Klassenkampf“ oder Good bye Onkel Sam. Amerika zwischen Cola und Revolte und Black Brother. Unter dem Titel The times they’re changing waren seine schwarzweiß Fotografien aus den USA 1965-1967 zuletzt in einer Ausstellung im Ypsilon-Café 2005 in Frankfurt zu sehen. Seine Autobiografie Wie der Stein ins Rollen kam erschien 1988 im Brandes & Apsel Verlag, den er 1986 mit Roland Apsel gegründet hat. In diesen längst vergriffenen Büchern setzt sich Brandes mit dem afroamerikanischen Befreiungskampf der sechziger Jahre in den USA auseinander und beschreibt in seinen autobiografischen Notizen den Aufbruch in die Revolte in Europa. Als Politischer Sekretär des SDS und seit 1973 in verschiedenen linken Verlagsprojekten aktiv, war er mittendrin in den gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen. Sich selbst bezeichnete er stets als einen »unerschütterlichen Altmarxisten«; ideologische Gleichmacherei, traditionelle Parteipolitik und Funktionärswesen blieben ihm fremd. Er pendelte, wie Ute Evers in einem Interview in der taz (23.7.2018) herausarbeitet, zwischen den politischen Welten und antwortet dort, von ihr befragt nach seinen damaligen politischen Zielen: »Wir wollten nicht nur einfach auf die Straße gehen. Für mich persönlich hatte die Weltrevolution damals Priorität. Mir ging es darum, die Solidarität zwischen den Linken in Deutschland, Frankreich und den USA zu unterstützen.«

Für Volkhard Brandes war ein Verdienst der Bewegung von '68, einen Emanzipationsprozess eingeleitet zu haben, der den Alltag und das Subjekt revolutioniert hat: die Auflockerung der Institution Ehe, die Idee der Wohngemeinschaft, eine freiere Kindererziehung, offene Umgangsformen untereinander, die Selbstorganisation einer alternativen Kultur …

Ich habe Volkhard Brandes und Roland Apsel auf der Frankfurter Buchmesse 1995 kennengelernt, weil ich bei Brandes & Apsel ein Buchprojekt unterbringen wollte. Das vielseitige Programm, abseits von Mainstream und Marktoptimierung, welches seit Mitte der achtziger Jahre mit linker Zeitgeschichte und Literaturen aus Afrika, der Türkei, deutscher Geschichtsaufarbeitung und Erinnerungskultur und Psychoanalyse aufwartete, fand ich ein mutiges Unterfangen.

Volkhard Brandes veröffentlichte in seiner aktiven verlegerischen Zeit eine Fülle von Büchern, die er betreute, pflegte meist einen persönlichen Kontakt zu »seinen« Autorinnen und Autoren, war ihnen oft ein Berater, wurde mancher und manchem zum Freund und betrieb stets »Networking«. In der langen Verlagsgeschichte legte er besondere Aufmerksamkeit auf Bücher zur Literatur aus und über Afrika, zu jüdischem Leben, zur Verfolgung der Roma und Sinti und zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Er las akribisch, legte Wert auf den letzten Schliff der Texte und beharrte darauf, die »Winzigkeiten« vor Drucklegung noch zu korrigieren. Brandes war auch als Buchvertreter für den Verlag unterwegs, kannte den Buchmarkt gut, war Gast bei vielen Veranstaltungen, setzte sein verlegerisches Wissen unter anderem für das Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse für Verlage aus Afrika, Asien, Lateinamerika, der arabischen Welt, der Karibik sowie Mittel- und Osteuropa ein.

Wenn ich heute den »afrika Taschenkalender« durchblättere, welchen die beiden Verleger und ich am Anfang, 1999, gemeinsam herausgegeben haben, seit 2001 Volkhard und ich als Duo, begreife ich in der Rückschau, wie viele Länder er bereist hat, wie sehr die altertümliche Selbstbezeichnung Globetrotter auf ihn passt, ein Wanderer in den Welten. Volkhard Brandes war in der Welt zuhause, völlig unerschrocken ob der Anstrengung nahm er sich jedes Jahr wieder eine Fern-Reise vor und kam mit Fundstücken zurück: Fotografien, Texten, Kunst- und Alltagsgegenständen, die seine Wohnung in der Fichardstraße schmückten. In seinen Reiseberichten zeigen sich seine Neugier auf Menschen und die Gabe, genau zu beobachten und Stimmungen einzufangen, aber es ging immer auch darum, koloniale Spuren und das, was er »zwangsweise Globalisierung« nannte, zu benennen und die zerstörerischen Folgen der Kolonialisierung zu dokumentieren. Er liebte es einfach, unterwegs zu sein.

Viele Autorinnen und Autoren, Übersetzer und Übersetzerinnen, Freunde und Freundinnen, Verlagsmitarbeitende und Weggefährten haben seinen Lebensweg begleitet, der nun zu Ende gegangen ist. (Man möge verzeihen, dass ich hier nicht einzelne Namen im Besonderen genannt habe. Es sind zu viele Menschen, die mit ihm auf die eine oder andere Weise verbunden waren und sind). In Erinnerung bleiben wird mir ein Mann, der Humor hatte, der aber auch eigensinnig und beharrlich war und dafür warb und arbeitete, »dass man nur etwas hinbekommt, wenn man bereit ist, auch die Spielregeln zu durchbrechen. Wir haben aber auch erfahren, dass es für einen Erfolg auf diesem Weg keine Garantie gibt und man sich blutige Nasen holen kann. Doch die Spielregeln nicht zu durchbrechen, wo es erforderlich ist, bringt erst recht nichts.«
Dieses Zitat gefunden zu haben, in Unterrichtsmaterialien für die Schule über die außerparlamentarischen Opposition hierzulande, das hätte ihm, glaube ich, gefallen.

Nachtrag: https://www.spiegel.de/fotostrecke/40-jahre-pariser-mai-fotostrecke-109054.html. Dort sind auch Aufnahmen von V.B. zu sehen. Er hatte Plakate des 'Atelier populaire' sowie Arbeiten der berühmtesten französischen Karikaturisten damals fotografiert und 40 Jahre danach in seinem Buch: Paris, Mai '68: Plakate, Karikaturen und Fotos der Revolte dokumentiert.

Cornelia Wilß, 13.5.2020

Ich habe als freie Journalistin und Lektorin von 1996 bis 2013 für den Brandes & Apsel Verlag gearbeitet.
www.passage-wilss.de



Gleich drei wichtige Persönlichkeiten hat die Literaturwelt in einer Aprilwoche verloren

Litprom trauert um Luís Sepúlveda, Rubem Fonseca und Luiz Alfredo Garcia-Roza

Am 15. April starb in Rio de Janeiro Rubem Fonseca, der Altmeister
der brasilianischen Kriminalliteratur, im Alter von 94 Jahren. Fonsecas Texte — er schrieb vor allem Erzählungen, aber auch 12 Romane — schockierten durch ihre direkte, unverblümte Sprache, sein Klassiker »Feliz ano novo« wurde 1975 sogar wegen angeblicher Brutalität verboten. Dabei war der Autor ein Humanist, der sich auf literarische Weise der Wirklichkeit seines Landes, vor allem der Großstadt widmete. Etlichen Schriftsteller*innen der portugiesischsprachigen Welt war Fonseca durch seine neue Art zu schreiben ein Vorbild. Er schrieb bis ins hohe Alter und veröffentlichte noch 2017 und 2108 jeweils einen Band mit Erzählungen.
Ins Deutsche wurden seiner Romane »Bufo & Spallanzani« (1987), »Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken« (1988) und »Mord im August« (1990) sowie zwei Bände mit Erzählungen »Das vierte Siegel« (1989) und »Der Abkassierer« (1989) übersetzt, alle von Karin von Schweder-Schreiner und alle leider seit Längerem vergriffen.

Am 16. April verstarb im Alter von 70 Jahren Luís Sepúlveda, der sich Ende Februar mit dem neuen Corona-Virus infiziert hatte. Der Chilene Sepúlveda, der seit den 1960er Jahren in unterschiedlichen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika aktiv war und zur Leibgarde von Salvador Allende gehört hatte, lebte in den 1980er Jahren in Hamburg im Exil, wo seine bekanntesten Romane entstanden, darunter der Bestseller »Der Alte, der Liebesromane las« (übers.: Gabriela Hofmann-Ortaga Lleras, aber auch Kin»derbücher, »Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte« (Übers.: Willi Zurbrüggen, 1996), Kriminalromane und Reportagen. Neben dem Schreiben und als Journalist engagierte er sich weiter politisch, im Umweltschutz und für die Unesco. Seit 1996 lebte Luís Sepúlveda im spanischen Gijón, wo er an das jährliche Literaturfestival Festival »Salón del Libro Iberoamericano« mit initiierte.
Auf Deutsch erschien neben zwei weiteren Kinderbüchern zuletzt der autobiografisch gefärbte Roman »Der Schatten dessen, was wir waren« (2011 übers: Willi Zurbrüggen) eine ironische Rückschau auf die Zeit der politischen Kämpfe. Sein Werk ist in 46 Sprachen übersetzt.

Ebenfalls am 16. April starb in Rio de Janeiro der brasilianische Autor und Psychoanalytiker Luiz Alfredo Garcia-Roza. Er fing erst nach seiner akademischen Karriere mit dem Schreiben an. Bereits sein erster Roman »Das schweigen des Regens« (2003 übers. von Karin von Schweder-Schreiner) wurde 1997 mit dem brasilianischen Literaturpreis »Jabuti« ausgezeichnet. Er veröffentlichte insgesamt 12 Romane um »Kommissar Espinoza«, die alle in Rio de Janeiro spielen und von denen vier ins Deutsche übersetzt wurden: »Das schweigen des Regens«, »Die Tote von Ipanema«, »Südwestwind« (übers.: Karin von Schweder-Shreiner) und »Ein Fenster in Copacabana« (übers.: Nicolai von Schweder-Schreiner).
Auch Garcia-Roza gilt als Referenz in der brasilianischen Krimi-Szene. Vor seinem Tod soll er Presseberichten zufolge noch einen 13. Roman fertiggestellt haben.

Michael Kegler


Kooperation mit Mein-Literaturkreis.de

Mein-Literaturkreis.de ist eine Communityplattform für Lese- und Literaturkreise, mit der Litprom seit April kooperiert. Es lohnt sich sehr, mal hineinzuschnuppern.

Mein-Literaturkreis.de ist die Online-Plattform für Lese- und
Literaturkreise im deutschsprachigen Raum. Sie bringt Menschen zusammen,
die gerne lesen und über Bücher diskutieren. Mein-Literaturkreis.de
stellt Bücher vor, die sich besonders gut für eine Diskussion in der
Gruppe eignen.

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Immer wieder haben das Team von Mein-Literaturkreis.de Anfragen von Lesekreisen erreicht, die auf der Suche nach Büchern abseits europäischer oder amerikanischer Literatur sind. Daher liefert Litprom Buchtipps aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt.  Literatur aus Asien

Mehr zu der Zusammenarbeit und dem Gewinnspiel finden Sie auch auf den Seiten von Mein-Literaturkreis.de.