Stadt der Zuflucht

Aslı Erdoğan

Seit September 2017 in Frankfurt zu Gast.

Aslı Erdoğan, geboren 1967 in Istanbul, war eine von rund 170 Journalistinnen und Journalisten, die nach dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 inhaftiert wurden. Ihr wurde vorgeworfen, Propaganda für eine illegale Organisation zu betreiben. Aslı Erdoğan saß 132 Tage im Frauengefängnis Bakırköy, im Dezember 2016 wurde sie aus der Haft entlassen. Ihr Prozess wurde ausgesetzt, und seit September 2017 lebt und arbeitet sie in Frankfurt. 

Aslı Erdoğan studierte Informatik und Physik und arbeitete einige Jahre als Physikerin am CERN bei Genf, ehe sie sich auf das Schreiben konzentrierte. 2010 wurde sie mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Türkei ausgezeichnet. Als Kolumnistin schrieb sie zunächst für die Zeitung »Radikal«, ab 2011 für die kurdisch-türkische Zeitung »Özgür Gündem«.

Die vielfach ausgezeichnete Autorin erhielt im September 2017 in Osnabrück den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis, im Januar dieses Jahres nahm sie den Simone-de-Beauvoir-Preis für die Rechte der Frauen entgegen.

Ausführliche Biografie auf der Seite des Unionsverlags.

Von Oktober 2017 bis September 2019 ist sie Gastautorin des Programms »Stadt der Zuflucht« in Frankfurt.

Bücher von Aslı Erdoğan (Auswahl):
»The Stone Building and Other Places« (die deutsche Übersetzung erscheint 2019 im Knaus Verlag)

»Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch: Essays« (Albrecht Knaus Verlag, 2017; zweisprachige Ausgabe)

»Die Stadt mit der roten Pelerine« (Unionsverlag, 2016)

»Der wundersame Mandarin« (Edition Galata, 2008).


Die Gastautor*innen 1998-2017

Erster Gast in Frankfurt als Stadt der Zuflucht war von 1998 bis 2000 der iranische Intellektuelle und Autor Faraj Sarkuhi, der kurz zuvor noch im Iran inhaftiert gewesen war. Die Entscheidung, gerade diesen Autor, der zu den Mitarbeitern der kurze Zeit später verbotenen Zeitschrift Adineh gehörte, aufzunehmen, war wesentlich von der Frankfurter Buchmesse beeinflusst worden. Sarkuhi lebt noch heute in Frankfurt.

Von Januar 2001 bis Sommer 2002 fand auf Vorschlag des Internationalen Schriftsteller-Parlaments der belorussische Autor Vasil Bykov in Frankfurt Zuflucht; der seit langem schwer kranke Romancier, dessen großes Thema die Geschichte seines Landes war, kehrte nach Ende seines Stipendiums in seine Heimat zurück, wo er kurz danach starb.

Von 2004 bis 2006 war dann der salvadorianische Autor Horacio Castellanos Moya in Frankfurt zu Gast; während seiner Zeit in Frankfurt veröffentlichte er zwei Romane in spanischer Sprache, es erschienen auch verschiedene Übersetzungen, u.a. ins Deutsche und Französische. Er lebte danach in Pittsburgh, USA, weil er nicht in seine Heimat El Salvador zurückkehren konnte; heute lehrt er an der Universität von Iowa. Michi Strausfeld spricht auf hundertvierzehn.de mit Horacio Castellanos Moya über Flucht und Rückkehr und über seine Bekanntschaft mit Roberto Bolaño: “Mein Gefühl von Zugehörigkeit findet nur in der Erinnerung statt”.

Ihm folgte 2007 der Kubaner Carlos A. Aguilera (*1970 in Havanna) als Gastautor in Frankfurt. Aguilera publizierte in Kuba mehrere Gedichtbände, er wurde mehrfach ausgezeichnet. 1997 gründete er mit Freunden die Zeitschrift Diáspora(s), in der Literaten und Intellektuelle publizierten, die sich nicht in den Dienst des staatlichen Kulturapparates stellen wollten. Nach Stipendien in Graz und Dresden lebte und arbeitete er in Frankfurt. Während seiner Exilzeit veröffentlichte er mehrere Prosatexte und ein Theaterstück. Er lebt heute in Prag als freier Autor. Eine Rückkehr nach Kuba ist ihm unmöglich, weil er sich im Ausland für die seit Frühjahr 2003 nach einem rechtswidrigen Verfahren inhaftierten 75 Intellektuellen einsetzte. Danach verhängte die Regierung in Havanna eine Einreisesperre gegen Carlos Aguilera.

Die iranische Poetin Pegah Ahmadi (*1974 in Teheran) war die anschließende Gastautorin in Frankfurt am Main. Sie hatte nach einigen Gedichtbänden im Iran nicht mehr ungehindert publizieren können und wurde auch bei Veranstaltungen drangsaliert, so dass ihr PEN International ein Stipendium in Frankfurt anbot. Während ihrer Zeit in Deutschland trat sie bei vielen Veranstaltungen auf und nahm auch an internationalen Poesie-Festivals in der Türkei, Schweden und England teil. Ihre Gedichte erschienen in dieser Zeit in deutscher Übersetzung und im Farsi-Original in einem Verlag in Bremen. Bis September 2012 ist sie Fellow des International Writers Program an der Brown University in Providence/USA.

Von 2012 bis 2014 folgte ein weiterer iranischer Autor: Mohammad Baharlo (*1955 in Abadan). Er gehört zu den iranischen Autoren, die sich in verschiedenen literarischen Bereichen betätigen. Mohammad Baharlo, der anders als seine iranischen Schriftstellerkollegen nie studiert hat, veröffentlichte seine erste Geschichte 1973, seinen ersten Band mit Erzählungen im Jahre 1980. Seither hat er mehrere Romane und Bände mit Erzählungen publiziert, aber auch literaturkritische Arbeiten. Ebenfalls ist er als Herausgeber tätig geworden. Er hat mehrere Werkstätten für literarisches Schreiben betrieben, seit 2000 wurde immer wieder versucht, diese zu schließen; auch die Studenten, die Kurse bei ihm besuchten, wurden seit 2007 daran gehindert. Bis zum Verbot der Literaturzeitschrift Adineh im Jahre 1999 war er Redakteur dieser bedeutenden Zeitschrift, die sich nicht nur mit iranischer Literatur befasste, sondern auch die Weltliteratur verfolgte. Seither betreibt er die literarische Website www.dibache.com. Erste Erfahrungen mit der Polizei machte Baharlo bereits 1980, nach der islamischen Revolution, als er für kurze Zeit in Abadan inhaftiert wurde. Damals war er an einer Zeitung in Teheran beteiligt. Danach zog er sich nach Ahwas im südlichen Iran, später dann nach Teheran zurück, wo er seine literarischen Ambitionen verfolgte. Seit 1993 war er Mitglied der iranischen Schriftstellervereinigung Kanoon Nevisandegan Iran, die erst nach langen Auseinandersetzungen zugelassen wurde und immer wieder mit den Behörden in Konflikt geriet. Ende der 90er Jahre war sein Name auf einer von iranischen Behörden erstellten schwarzen Liste von Intellektuellen und Autoren, die ‚eliminiert’ werden müssten; einige der Autoren und Übersetzer wurden damals ermordet aufgefunden.

Von September 2015 bis September 2017 war die russische Lyrikerin Angelina Polonskaja in Frankfurt zu Gast. Sie hat insgesamt sieben Gedichtbände veröffentlicht, zwei davon wurden ins Englische übersetzt und sind in den USA erschienen. Anfang März 2016 legt die Autorin mit »Grönland. Novellenzyklus« zum ersten Mal einen Band mit Kurzprosa vor. Enstanden sind die Texten im Rahmen eines Stipendienaufenthalts der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Auf Deutsch liegt vor: »Schwärzer als Weiß«, Gedichte, aus dem Russischen von Erich Ahrndt, Leipziger Literaturverlag 2015; »Grönland. Novellenzyklus«, aus dem Russischen von Erich Ahrndt, Edition Solitude März 2016.
Ein Interview mit der Angelina Polonskaja (auf Englisch) ist auf der Website des Internationalen Netztwerks Städte der Zuflucht ICORN zu lesen.