Literaturtage 2020

Literaturtage 2020: Migration - Literaturen ohne festen Wohnsitz

Luftwurzler, Kosmopoliten, Geflüchtete, Auswanderer, Sprachwechsler – Schreiben zwischen den Räumen

»Die Literaturen des 21. Jahrhunderts werden in hohem Maße Literaturen ohne festen Wohnsitz sein«, heißt es im Klappentext von Prof. Ottmar Ettes Buch »ZwischenWeltenSchreiben« (Kulturverlag Kadmos, 2005). Globale Wanderbewegungen gab es schon immer, und sie werden in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Auch Autor*innen sind immer öfter unterwegs: dauerhaft oder temporär, freiwillig oder erzwungen.
In diesem Jahr wird das Einwanderungsland Kanada sich als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren — unter dem Motto »Singular Plurality — Singulier Pluriel«. Zum Auftakt haben wir drei kanadische Autor*innen zu Gast, die uns von ihren Singularitäten erzählen werden.

Wir wollen mit Ihnen gemeinsam erkunden: Wie wirken sich die Orts- und manchmal damit verbundenen Sprachwechsel auf die literarische Arbeit der Autor*innen aus? Wie schlagen diese sich thematisch in den Werken nieder? Welche Bedeutung haben Begriffe wie »Heimat« und »Herkunft«, die im Zuge des sich ausbreitenden Nationalismus auch missbräuchlich verwendet werden? Ist es wirklich so einfach, Kosmopolit*in zu sein, oder gar die einzig erstrebenswerte Daseinsform? Ist das Konzept von Nationalliteratur noch aktuell oder müssten wir längst von globaler Literatur sprechen?

Alle Veranstaltungen werden gedolmetscht. 


Veranstalter

Litprom e.V
litprom@buchmesse.de

Veranstaltungsort

Literaturhaus Frankfurt | Schöne Aussicht 2 | 60311 Frankfurt

Eintrittspreise

Einzelveranstaltung: 8 € | ermäßigt 6 €
Kombiticket: 28 € | ermäßigt 19 €
Vorverkauf (nur Kombitickets) unter www.literaturhaus-frankfurt.de
Einzeltickets sind nur an der Tages- bzw. Abendkasse erhältlich.

ARTE-Filmvorführung: Eintritt frei


Freitag, 24.01.2020

Eröffnungspodium und Lesung

16:00 Uhr
Lesesaal
Eröffnung und Grußworte
Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse
Petra Drexler, Referatsleiterin im Auswärtigen Amt
Dr. Ina Hartwig, Kulturamt Stadt Frankfurt
Stéphane Dion, Kanadische Botschaft Berlin
Anita Djafari, Litprom  

16.15-18.00 Uhr
Lesesaal
Eröffnungspodium: Hier und dort und irgendwo dazwischen — Literaturen ohne festen Wohnsitz
Viele Schriftsteller*innen sind nicht mehr eindeutig  einem Ort oder einer Region zuordenbar. Ihr freiwilliger oder erzwungener Ortswechsel spiegelt sich auch  in ihren Werken und ihren Themen wider. Ist diese Art  von Schreiben ihr persönliches Programm, geprägt von  ihrer eigenen Biografie, oder kann man das schon als  eine Art Trend ausmachen, weil immer mehr Schreibende zwischen den Welten wandern? 

Mit: Lesley Nneka Arimah GB/NIGERIA/USA
Eduardo Halfon GUATEMALA/USA
Carmen Aguirre KANADA/CHILE
Moderation: Claudia Kramatschek

19.30–21.00 Uhr
Lesesaal 
Lesung und Gespräch mit Tomer Gardi: »Broken German«
Einfach mal so die Sprache wechseln: Das macht dieser Autor in seinen Romanen »Broken German« und »Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück« (aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer). Geboren und aufgewachsen in Israel, lebt Tomer Gardi jetzt in Berlin und lernt nicht nur die Sprache seines neuen Landes, sondern schreibt auch  auf Deutsch und macht damit, was er will. Wie sich das anhört und was er sich dabei gedacht hat, hören wir an diesem Abend. 

Moderation: Ulrich Noller


Samstag, 25.01.2020

Werkstattgespräche und Abschlusspodium

Wir empfehlen, sich 30 Minuten vor Beginn des Werkstattgesprächs einzufinden, da die Sitzplätze  begrenzt sind und wir keinen Platz garantieren können. 

11.00-12.30 Uhr
Werkstattgespräch 1: Theater und Politik – Die Bühne als idealer Ort, um anzukommen? 
Carmen Aguirre und Pedro Kadivar haben beide aus  politischen Gründen ihr Land verlassen und angefangen,  in ihrer neuen Heimat Theaterstücke zu schreiben.  Aguirre ist Schauspielerin und schrieb ihre ersten eigenen Stücke, weil sie als Latina in Kanada keine Rollen jenseits der Stereotype fand. Kadivar schreibt und inszeniert  ebenfalls seine eigenen Stücke. Ist die Bühne ein idealer Ort, um woanders anzukommen (und Migrationserfahrungen zu verarbeiten)? 

Mit: Carmen Aguirre KANADA/CHILE
Pedro Kadivar IRAN/FRANKREICH/D
Moderation: Ruthard Stäblein

11.00-12.30 Uhr
Werkstattgespräch 2: Erfolgreiche Debütantinnen – und jetzt?
Beide Autorinnen haben international sehr beachtete  Debüts veröffentlicht – die eine einen Roman, die andere  einen Kurzgeschichtenband. Wie sehr hat sie dieser  große Erfolg verblüfft, und wie geht es jetzt weiter? Haben sie sich in ihrem Schreiben neu verortet? Welche  Erfahrungen mit den klassischen Einwanderungsländern USA und Kanada haben sie gemacht und sind  diese überhaupt von Bedeutung für ihre Arbeit? 

Mit: Lesley Nneka Arimah GB/NIGERIA/USA
Sharon Bala DUBAI/KANADA
Moderation: Claudia Kramatschek

13.00-14.30 Uhr
Werkstattgespräch 3:  Seine Muttersprache wählt man nicht, oder doch?
Zwei Autoren aus höchst unterschiedlichen Teilen der Welt schreiben davon, wie es ist, Jahre nach einer  Flucht ins Land der Geburt und Kindheit zurückzukehren und sich dort fremd zu fühlen. Der Iraner Kadivar beschreibt in »Kleines Buch der Migrationen«, wie er seine Muttersprache in Frankreich unbedingt ablegen wollte. Halfon verlor seine, während er in den USA aufwuchs und studierte; zurück in Guatemala erarbeitete er sie sich wieder und schreibt nun auf Spanisch. 

Mit: Pedro Kadivar IRAN/FRANKREICH/D
Eduardo Halfon GUATEMALA/USA
Moderation: Gerrit Wustmann

13.00-14.30 Uhr
Werkstattgespräch 4: National- versus Weltliteratur
Diese beiden sind schon lange in mindestens zwei Kulturen zuhause und gehen in ihrem Werk souverän  damit um. Yoko Tawada schreibt auf Deutsch und  auf Japanisch. Rawi Hage lebt in Kanada und schreibt  unter anderem über den libanesischen Bürgerkrieg. Müssen wir heutzutage nicht längst schon nur noch  über globale Literatur sprechen, und spielt das Konzept von Nationalliteratur überhaupt noch eine Rolle? 

Mit: Yoko Tawada JAPAN/D
Rawi Hage LIBANON/KANADA
Moderation: Katharina Borchardt

15.00-16.30 Uhr 
Werkstattgespräch 5: Über das Meer — Flucht und Gesellschaft
Flucht und der Umgang mit Geflüchteten spielt bei beiden Autor*innen in ihren Büchern »The Boat People« und »Gestrandet« eine große Rolle. Dabei nehmen sie schon aus rein geografischen Gründen eine sehr unterschiedliche Perspektive ein. Gemeinsames Anliegen ist das Thema. Zu hören und zu lesen ist ein vielstimmiger Chor. 

Mit: Sharon Bala DUBAI/KANADA
Youssouf Amine Elalamy MAROKKO
Moderation: Ruthard Stäblein

15.00-16.30 Uhr
Werkstattgespräch 6: Sprachwechsler und Spracherfinder
Die deutsche Sprache neu erfinden oder bewusst »falsch« schreiben: Das traut sich Tomer Gardi mit  »Broken Gerrman«, aber er schreibt auch in seiner  Muttersprache Hebräisch. Yoko Tawada schreibt seit vielen Jahren auf Deutsch und Japanisch. Wie funktioniert das? Kann man wirklich in zwei Sprachen zuhause sein? Geht dabei nicht etwas verloren oder ist es immer eine Bereicherung? 

Mit: Yoko Tawada JAPAN/D
Tomer Gardi ISRAEL/D
Moderation: Ulrich Noller

18.00 - 19.30 Uhr
Lesesaal 
Abschlusspodium: Grenzen überwinden — mit Hilfe der Literatur

Viele Biografien sind nicht mehr eindeutig zu verorten, nicht in einem einzigen Land, oft nicht mal auf einem  einzigen Kontinent. Die vieler Schriftsteller*innen schon gar nicht. So entsteht immer mehr »Literatur ohne  festen Wohnsitz«. Während Bücher und Autor*innen  Grenzen mühelos zu überwinden scheinen, werden diese  in den Köpfen vieler Menschen immer strenger gezogen, Nationalismus macht sich breit. Kann man dagegen  anschreiben? Sollte man es tun?

Mit: Youssouf Amine Elalamy MAROKKO
Rawi Hage KANADA/LIBANON 
Nacha Vollenweider ARGENTINIEN
Moderation: Fridtjof Küchemann


ARTE-Filmvorführung

und anschließendes Gespräch mit Regisseurin Katja Deiß

16.30-17.45 Uhr
Lesekabinett

Exil Deutschland – Abschied von der Türkei
Dokumentation von Can Dündar und Katja Deiß
ARTE/HR, Deutschland 2017, 52 min.

Can Dündar, Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, wurde im Mai 2016 in der Türkei der Veröffentlichung  von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden und  zu zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Dündar ist  zum Symbol für den Kampf um Pressefreiheit und  Demokratie in der Türkei geworden. Zusammen mit der deutschen Journalistin Katja Deiß hat er einen Film  darüber gemacht, was es heißt, allein in einem fremden Land zu leben, fern von der Heimat, getrennt von der  Familie. Die beiden treffen andere Exilanten, aber auch Türk*innen, die hinter der Politik Erdogans stehen und in  Menschen wie Can Dündar einen Landesverräter sehen.

Freier Eintritt zur Filmvorführung!