Weltempfänger

Die Litprom-Bestenliste ​Weltempfänger

Der Weltempfänger Nr. 48 | Herbst 2020

Der Weltempfänger Nr. 48 steht im Zeichen Japans: Gleich zwei Titel aus diesem Land haben es auf die Liste geschafft – und auch Dany Laferrière, der aus Haiti stammt und in Kanada lebt, erklärt: »Ich bin ein japanischer Schriftsteller«. Außerdem sind Guadeloupe, Chile, Indien und Jordanien vertreten.

»Das ungeschminkte Leben« ist die Autobiographie der ersten LiBeraturpreisträgerin überhaupt: Maryse Condé. »Cowboygräber« hebt Roberto Bolaño in drei Erzählungen aus. »Ich bin ein japanischer Schriftsteller« behauptet der Erzähler in Dany Laferrières Roman. P. Sivakamis Protagonist, ein »Unberührbarer“, stellt fest: »Die Zeiten ändern sich«. In »Brüste und Eier« von Mieko Kawakami schlagen sich drei Frauen in Tokio mit ihren Körpern und den Erwartungen daran herum. »50« von Hideo Yokoyama hingegen erzählt aus einer Behörde heraus über die japanische Gesellschaft. »Wohin kein Regen fällt« von Amjad Nasser handelt von der Rückkehr aus dem politischen Exil.

Der »Weltempfänger« Nr. 48 / Herbst 2020 steht als PDF zum Download zur Verfügung. 


1. »Das ungeschminkte Leben« Maryse Condé GUADELOUPE

Autobiographie. Aus dem Französischen von Beate Thill. Luchterhand Verlag. 304 Seiten. 22,00 €

Maryse Condé, 1937 auf Guadeloupe geboren, beginnt 1953 mit dem Studium in Paris. Die junge Frau aus der Karibik begeistert sich für die antikoloniale Bewegung. Von Männern wird sie schwer enttäuscht. Sie findet dennoch ihren Weg und lernt dabei sehr unterschiedliche afrikanische Realitäten kennen. Beeindruckend unsentimental und selbstkritisch formuliert, so geht Postkolonialismus. Andreas Fanizadeh

»Schone niemanden — am wenigsten dich selbst: Maryse Condés Autobiografie« rezensiert von Angela Schader in der NZZ am 28.08.2020


2. »Cowboygräber« Roberto Bolaño CHILE/SPANIEN

Drei Erzählungen. Aus dem Spanischen von Luis Ruby, Christian Hansen. Hanser Verlag. 192 Seiten. 22,00 €

Ein Vexierspiel des lateinamerikanischen Leuchtsterns: Vage Erinnerungen an den Putsch in Chile von 1973; an seine Herkunft; sowie die Utopie eines Dichterlebens in der »surrealistischen Untergrundliga« in der Kanalisation von Paris. Mit dem schlagartigen Abdriften in wechselnde Erzählweisen und Welten. Ruthard Stäblein


3. »Ich bin ein japanischer Schriftsteller« Dany Laferrière HAITI/KANADA

Roman. Aus dem Französischen von Beate Thill. ​Verlag Das Wunderhorn. 200 Seiten. 22,00 €

Laferrière zerschreddert den Unfug, der mit den Begriffen »Authentizität« und »Identität« so getrieben wird. Das ist komisch und sehr intelligent: Warum auch sollte ein karibischer, schwarzer, in Kanada lebender Autor kein japanischer Schriftsteller sein? Grandioses Statement in Romanform. Thomas Wörtche


4. »Die Zeiten ändern sich« P. Sivakami INDIEN *

Roman. Aus dem Englischen von Thomas Vogel. Draupadi Verlag. 152 Seiten. 16,00 €

Kathamuthu, ein angesehener »Unberührbarer«, erkennt sein Dorf nicht wieder: Wegen einer Frau begehren die untersten gegen die höheren Kasten auf! Ein kecker Roman über das komplexe Regelwerk der indischen Kasten — erschienen 1989 auf Tamil; 2006 von der Autorin, selbst »Unberührbare«, ins Englische übersetzt. Claudia Kramatschek


5. »Brüste und Eier« Mieko Kawakami JAPAN * **

Roman. Aus dem Japanischen von Katja Busson. DuMont Verlag. 496 Seiten. 24,00 €

Frauenkörper machen Arbeit. Das erlebt auch Natsuko. Styling, OPs, Kinderwunsch — damit schlägt sich die Tokioterin herum. Und ist damit sehr allein. So rosa der Umschlag ist, die Geschichte ist rau und wird immer rauer. Fluffig erzählte Emanzipationsgeschichte mit scharfen Kanten. Katharina Borchardt

»Feministische Weltliteratur. Mieko Kawakamis Roman "Brüste und Eier" erzählt von der patriarchalen japanischen Gesellschaft — aus der Perspektive einer Frau am Existenzminimum.« Eine Besprechung von Juliane Liebert auf sueddeutsche.de.


6. »50« Hideo Yokoyama JAPAN

Roman. Aus dem Japanischen von Nora Bartels. Atrium Verlag. 352 Seiten. 22,00 €

Ein Dogma-»Krimi« als Behördenroman, die Behörde als Spiegel der Gesellschaft, die Gesellschaft erstarrt in Regeln und Ritualen: Grandios, wie Hideo Yokoyama die Erzählkonventionen des Polizeiromans unterläuft und zugleich doch auch bedient — und wie er dabei aus dem Uneigentlichen die Essenz filtriert. Ulrich Noller


7. »Wohin kein Regen fällt« Amjad Nasser JORDANIEN/GB **

Roman. Aus dem Arabischen von Regina Karachouli. Lenos Verlag. 300 Seiten. 24,80 €

Als er die Hand auf die Schulter des Jungen legt, bleibt die des Mannes im Spiegel unbewegt. 20 Jahre sind vergangen. Der Oppositionelle ist zurück in der Heimatstadt, und alles ist anders geworden: das Regime, die Religiösen, die Opposition, die Jugendliebe. Sogar sein Doppelgänger. Jörg Plath


*nominiert für den LiBeraturpreis 2021
**Die Übersetzung der Titel wurde unterstützt durch Litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amts

Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Claudia Kramatschek, Ulrich Noller, Jörg Plath, Ruthard Stäblein und Thomas Wörtche

Kontakt 
Anita Djafari 
Tel.: 069/2102-113
E-Mail: djafari@buchmesse.de