Weltempfänger

Die Litprom-Bestenliste Weltempfänger

Der Weltempfänger Nr. 45 | Winter 2019

Die Autor*innen des aktuellen Weltempfängers begeben sich allesamt auf eine Suche: nach der Wahrheit oder Zugehörigkeit, nach einem Neuanfang, einem Vertrauten oder gar einer Romanfigur. Ob nun die beiden Gedichtbände aus China und dem Irak oder Romane von Autor*innen aus der Türkei, Kolumbien, Argentinien, Mexiko oder Guatemala — die kälteste Zeit des Jahres wird spannend und manchmal auch herzerwärmend.

Der Protagonist in Eduardo Halfons »Duell« auf Platz 1 wankt zwischen (un)zuverlässigen Erinnerungen und der Wahrheit hinter einer oft erzählten Familiengeschichte. In »Verwandlungen« von Jorge Comensal findet ein Mann nach seinem plötzlichen Stimmenverlust seinen engsten Vertrauten — einen Papagei. Carla Maliandis »Das deutsche Zimmer« schickt ihre Protagonistin in deren Sehnsuchtsstadt Heidelberg, wo sie trauert, aber auch einen Neuanfang wagt. Um die Aufklärung eines mysteriösen Todes vor dem Hintergrund einer sexistischen und rassistischen Gesellschaft geht es in »Die Kosmetikerin« von Melba Escobar

Der Gedichtband »Dieses Land gehört euch« des irakischen Lyrikers Kadhem Khanjar beschreibt den Ausnahmezustand zwischen Trauer, Hass und dem Warten auf das Ende der Konflikte. In seinem Roman »Madonnas letzter Traum« begibt sich Doğan Akhanlı zwischen der Türkei, Deutschland und Polen auf die Spurensuche nach der rätselhaften Protagonistin aus Sabahattin Alis Klassiker »Madonna im Pelzmantel«. Die Gedichte in »Gesellschaft für Flugversuche« von Zang Di wechseln zwischen östlichen und westlichen Formen und fragen in alltäglichen Situationen nach der eigenen Zugehörigkeit.  

Der »Weltempfänger« Nr. 45 / Winter 2019 steht als PDF zum Download zur Verfügung und kann auch gern als Plakat bei Litprom angefordert werden: litprom@buchmesse.de


1. »Duell« Eduardo Halfon GUATEMALA

Roman. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Hanser. 112 Seiten. 18,00 €

Halfon durchwandert die Welten wie kein Zweiter. Er sucht nach den Leerstellen in seiner Familie, die ihn unter anderem in sein Herkunftsland führen. Dort ertrank sein Onkel als Kind angeblich in einem See. Ein Kreisen um Fragen nach Wahrheit und Lebenslügen, Erinnern, Schuld und Zugehörigkeit. Meisterlich. Anita Djafari

»Halfon hält Deutungen meisterhaft in der Schwebe und findet am Ende zu einer ergreifenden Bestandsaufnahme, die sich vor mehr Schicksalen als nur dem des nie gekannten Verwandten verbeugt. [...] Duell ist schlicht ein ergreifendes, kleines Meisterwerk.« Sigrid Brinkmann für Deutschlandfunk Kultur


2. »Verwandlungen« Jorge Comensal MEXIKO

Roman. Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern. Rowohlt. 205 Seiten. 20,00 €

Ein komischer Roman über Krebs, über die Segnungen von Haschisch und J. S. Bach, über Sprachlosigkeit und einen pöbelnden Papagei. Über Glaube, Hoffnung, Medizin und deren gesellschaftlichen Bedingungen. Ein sehr eindringliches Buch über menschliche Extremerfahrungen. Elegant und intelligent. Thomas Wörtche

»Das Buch ist nicht perfekt, zeugt aber vom unerhörten Talent des Autors, geistreich und einfühlsam zugleich zu schreiben. Augenzwinkernd, aber ohne sie zu verraten, zeichnet Comensal Figuren, die sich nach Freiheit sehnen, aber in ihrer eigenen Welt gefangen sind« Tobias Wenzel für NDR Kultur


3. »Das deutsche Zimmer« Carla Maliandi ARGENTINIEN* **

Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berenberg Verlag. 168 Seiten. 24,00 €

Das Romandebüt handelt von einer Dreißigjährigen, die es von Buenos Aires nach Heidelberg verschlägt. Was sucht sie dort, vor was flüchtet sie? Das Studentenwohnheim wird zum überraschenden Schauplatz neuer Freundschaften — und wichtiger Lebensentscheidungen. Eine tolle neue Stimme aus Argentinien! Andreas Fanizadeh

»Carla Maliandi hat ausgehend von ihrer eigenen Exilerfahrung als Mädchen einen Roman über das Exil an sich, das Trauern und den Wunsch geschrieben, noch einmal neu anzufangen. Ein bemerkenswertes Debüt, das wunderbar entrückt endet.« Tobias Wenzel für NDR Kultur

»Vermeintlich einfach und schlicht erzählt die argentinische Autorin, die 1976 im Exil in Venezuela geboren wurde, von Verlust, Trauer, Glück und Zuversicht. Mit beeindruckender Leichtigkeit verbindet sie die Entwicklung ihrer Protagonistin mit dem empathischen, offenen Blick auf das Leben der anderen.« Eva-Christina Meier für die taz


4. »Die Kosmetikerin« Melba Escobar KOLUMBIEN*

Roman. Aus dem Spanischen von Sybille Martin. Heyne Verlag. 320 Seiten. 9,99 €

(K)ein Thriller: Sehr pointiert nutzt Melba Escobar Genre-Muster als Erzählrahmen; dabei geht es ihr eigentlich darum, den Rassismus und Sexismus einer korrupten Gesellschaft auszuleuchten. Mit spitzer Feder verfasst, ein Konzentrat schwarzen Humors. Bitterböse Unterhaltung — auf höchstem Niveau. Ulrich Noller



5. »Dieses Land gehört euch« Kadhem Khanjar IRAK**

Gedichte. Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. Mikrotext. 131 Seiten. 14,99 €

Gedichte wie mit dem Rasiermesser gezogen. Sie handeln vom Krieg in Irak, vom Zweifel am Wert des eigenen Lebens und der Brutalität des Sterbens — aber auch seiner Banalität, wenn es nicht enden will. Scharf in der Analytik, überraschend in der Metaphorik und doch von unglaublich zärtlicher Elegie. Claudia Kramatschek



6. »Madonnas letzter Traum« Doğan Akhanlı TÜRKEI/D**

Roman. Aus dem Türkischen von Recai Hallaç. Sujet Verlag. 472 Seiten. 24,80 €

1943 erschein in der Türkei S. Alis große Liebesgeschichte »Die Madonna im Pelzmantel«. Akhanlı heftet sich in seinem halb fiktiven, halb dokumentarischen Roman an die Fersen der Protagonistin, einer jüdischen Künstlerin, und nimmt uns mit auf seinen spannenden Parforceritt durch Zeiten und Räume. Anita Djafari

»Ich wollte mich mit der Bedeutung des Holocaust aus der Perspektive der Täter und der Opfer auseinandersetzen. Ich wollte wissen, was es für mich bedeutet, als Einwanderer, der mit einer Gewaltgeschichte in dieses Land kommt und erfährt, dass hier die damaligen deutschen Verbrecher sechs Millionen Menschen umgebracht haben, was bedeutet das für mich persönlich? Das war meine Hauptfrage, und ich wollte darüber schreiben, welche Bedeutung der Holocaust in der Welt hat.« Doğan Akhanlı im Gespräch mit Bayern 2



7. »Gesellschaft für Flugversuche« Zang Di CHINA

Gedichte. Aus dem Chinesischen von Lea Schneider und Dong Li. Hanser. 97 Seiten. 19,00 €

Chinesische Lyrik aus dem Hier und Jetzt. Manches ist politischer Kommentar, anderes ist Reisebeschreibung, Alltagsreflexion oder Lektüreeindruck. Zang Di reist (Berlin, Hamburg, Amsterdam) und liest viel (Dickinson, Brecht, Rulfo). Hier öffnet sich ein chinesischer Autor der Welt. Frisch! Katharina Borchardt




Katharina Borchardt empfiehlt für eine Übersetzung ins Deutsche:

»Fuyanren« Wu Ming-Yi TAIWAN, Roman. Verlag Summer Festival

Wäre der junge Polynesier Atile’i nicht auf einer riesigen Müllinsel gelandet — er wäre im Pazifik ertrunken. So aber treibt er auf dem Müllgespinst bis an die taiwanesische Küste, wo er der lebensmüden Alice Shih begegnet. Ein poetischer Roman über eine ökologische Katastrophe und ein gemeinsames Abenteuer.


* nominiert für den LiBeraturpreis 2020
** Die Übersetzung der Titel wurde unterstützt durch Litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amts

Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Claudia Kramatschek, Ulrich Noller, Ruthard Stäblein und Thomas Wörtche

Kontakt
Anita Djafari
Tel.: 069/2102-113
Fax: 069/2102-46113 
E-Mail: djafari@buchmesse.de