Weltempfänger

Litprom-Bestenliste Weltempfänger


41. Litprom-Bestenliste / Winter 2018

Mit gleich drei Platzierungen ist lateinamerikanische Literatur wieder auf der  aktuellen Litprom-Bestenliste »Weltempfänger« vertreten. Die Bandbreite dabei ist groß: von zwei teilweise amüsanten Kriminalromanen aus Brasilien bzw. Uruguay bis zu Erzählungen über Flucht und Migration in Mexiko.Und der Briefwechsel zwischen zwei Geflüchteten spielt sich hierzulande ab.  Ein veritabler Thriller kommt aus Hongkong, und Taiwan sendet melancholische Töne über das Scheitern in einer Leistungsgesellschaft. Ganz im Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit steht ein Roman aus Indien. Immer geht es um mutiges und teilweise überraschendes Anschreiben gegen gesellschaftliche Missstände.

Auf Platz 1 entwickelt ein Mann in Patrícia Melos »Der Nachbar« Mordgelüste gegenüber der Nervensäge von obendrüber. »Krokodilstränen« von Mercedes Rosende auf Platz 2 erzählt von einem ehemals unersättlichen Kind, das als erwachsene Frau endlich den lange ersehnten Rachefeldzug beginnen kann. Platz 3 belegt Chan Ho-kei mit »Das Auge von Hongkong«, einem raffiniert angelegten Kriminalroman, der auch als gesellschaftliches Panorama über die Jahrzehnte gelesen werden kann. Elf wahre Geschichten erzählt, literarisch verdichtet, Juan Pablo Villalobos in »Ich hatte einen Traum« auf Platz 4 — ein hochaktueller Beitrag zum Thema Migration. Alte Identitäten und neue Heimaten sind das Thema von »Salam Yamen. Lieber SAID« — ein Buch der beiden Schriftsteller SAID und Yamen Hussein auf Platz 5. Platz 6 belegt der Inder Perumal Murugan mit »Zur Hälfte eine Frau«, der tragischen Geschichte eines kinderlosen Ehepaars, die radikal und zugleich sehr poetisch ist. Und auf Platz 7 rechnet der nur scheinbar unpolitische Roman »Der Kirschbaum meines Feindes« von Wang Ting Kuo mit sozialen Ungerechtigkeiten ab.

Der »Weltempfänger« Nr. 41 / Herbst 2018 steht als PDF zum Download zur Verfügung und kann auch als Plakat bei Litprom angefordert werden: litprom@book-fair.com


1. »Der Nachbar« Patrícia Melo BRASILIEN

Roman. Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Klett-Cotta,159 Seiten. 18,00 €

São Paulo. Ein Biologielehrer in mittleren Jahren wird durch die Geräusche des Nachbarn so gereizt, dass er ernsthafte Mordgelüste entwickelt. Melo ist eine Meisterin der grotesken Verdichtung. Sie spitzt die Tragikomik einer existenziellen Krise so zu, dass kein Auge trockenbleibt. Das zu lesen macht teuflischen Spaß. Anita Djafari



2. »Krokodilstränen« Mercedes Rosende URUGUAY *

«Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, 224 Seiten. 18,00 €

Aus einem Kindheitstrauma entsteht ein Psycho-Krimi. Die kleine Ursula ist esssüchtig. Ihr Vater erwischt sie, lässt sich nicht durch ihre »Krokodilstränen« beirren, sperrt sie ein. Sie wird sich rächen, trifft in Montevideo auf eine lächerliche Gang. Mit Verwechslung wird gespielt wie in einer Komödie. Der Leser wird dabei mit Augenzwinkern in das Konstrukt einbezogen. Ein Krimi zum Totlachen. Ruthard Stäblein

Witzig, prall, clever. Bestechend sind die Erzählkunst der Autorin Mercedes Rosende und ihr Talent für Komik. - Sonja Hartl für den Deutschlandfunk Kultur über »Krokodilstränen«. 

Ein gewitzt erzählter, kompakter Kriminalroman, meint unser Kritiker. - Frank Rumpel für SWR2 Lesenswert.

Die LiebhaberInnen düsterer Literatur haben es schon immer geahnt, was dieser spielfreudige Kriminalroman aus Uruguay uns wissen lässt: "Nichts ist so schäbig wie die Wirklichkeit." - Katja Bohnet für CulturMag


3. »Das Auge von Hongkong« Chan Ho-kei HONGKONG

Roman. Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld. Atrium Verlag, 576 Seiten. 24,00 €

Eine chronique criminelle Hongkongs von 1967 bis 2013. Formal raffiniert, ein Deduktionskrimi in sechs Teilen, der zum gesellschaftspolitischen Panorama wird und so ein traditionelles europäisches Erzählmuster dialektisch umfunktioniert. Außen- und Innenansichten zu den neuralgischen Themen Politik, Triaden und Korruption. Ein großer Wurf. Thomas Wörtche

Wer gerne liest, Krimis mag und sich für Hongkong interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. - Nicole Abraham für hr1

Er weiß, worauf es ankommt, ist ein genauer Beobachter und zieht messerscharfe Schlüsse. Und er hat eine ganze Menge gesehen. Er ist "Das Auge von Hongkong" - ein Polizist und seine Stadt. - Udo Feist für WDR2


4. »Ich hatte einen Traum« Juan Pablo Villalobos MEXIKO

Erzählungen. Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Berenberg Verlag, 96 Seiten. 22,00 €

»Kühlschränke«, so nennen sie die Lager, in denen sie nach dem Grenzübertritt interniert werden. Falls sie es denn geschafft haben. Elf wahre Geschichten von Kindern und Jugendlichen, die sich – all ein, ohne Eltern – auf den Weg in die USA gemacht haben; mit literarischen Mitteln behutsam verdichtet. Erstaunlich, bewegend, erschütternd – ein essentieller Beitrag zum Thema der Migration. Ulrich Noller


5. »Salam Yamen. Lieber SAID« SAID/Yamen Hussein IRAN/SYRIEN

Dialog. Aus dem Arabischen von Leila Chammaa. P. Kirchheim Verlag, 96 Seiten. 19,99 €

Der alteingesessene Münchner Dichter SAID im Briefgespräch mit dem syrischen Lyriker Yamen Hussein, der seit 2014 in Deutschland lebt. Ein berührender Austausch über Flucht und Ankommen, sich wandelnde Identitäten sowie über alte und neue Heimaten. Sehr bewegende, teils zweisprachige Texte. Salam! Katharina Borchardt

Zwei Generationen im Gespräch - Cornelia Zetzsche für den BR


6. »Zur Hälfte eine Frau« Perumal Murugan INDIEN

Roman. Aus dem Tamilischen von Torsten Tschacher. Draupadi Verlag, 164 Seiten. 18,00 € 

Südindien 1946: Viel zu lange schon bleibt die Ehe zwischen Kali und Poona kinderlos. Beide leiden unter der üblen Nachrede von Familie und Nachbarn. So greifen sie zum  letzten aller Mittel: Poona soll sich bei einem heiligen Fest einem anderen Mann in Gottesgestalt hingeben. Ein radikaler, poetischer Roman, der mutig und unverblümt gegen Sitten und Gebräuche anschreibt. Claudia Kramatschek

Der tamilische Schriftsteller, selbst in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Kleinbauern aufgewachsen, entführt seine Leser mit viel Sprachwitz und Einfühlungsvermögen für seine Protagonisten in eine andere Welt - Gerhard Klas für WDR5


7. »Der Kirschbaum meines Feindes« Wang Ting-Kuo TAIWAN

Roman. Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling. Arche Verlag, 256 Seiten. 22,00 €

Der Debütroman dieses Autors erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sein Glück sucht und entsetzlich scheitert. Ein nur scheinbar unpolitisches Buch. Denn die zarte, dicht erzählte Geschichte einer ehelichen Entfremdung rechnet mit der harten Realität sozialer Ungleichheit und deren folgenreichen Prägungen ab. Insa Wilke

Ein dicht erzählter Text über das Drama zwischen zwei Menschen - Insa Wilke für den WDR


Litprom empfiehlt für eine Übersetzung ins Deutsche:

»Estrógenos« Leticia Martin. ARGENTINIEN
Roman. Galerna 2016.

»Östrogene« (Estrógenos) spielt in der Zukunft, in der die Frauen sich weigern zu gebären und Männer schwanger werden können. Eine Dystopie, präzise in ihren Beobachtungen der Geschlechter. Martin zeichnet ein düsteres Zukunftsbild, das gleichzeitig voller Hoffnung ist.


* nominiert für den LiBeraturpreis 2019


Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Claudia Kramatschek, Ulrich Noller, Ruthard Stäblein, Insa Wilke und Thomas Wörtche


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Anita Djafari
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E-Mail: djafari@book-fair.com