Weltempfänger

Litprom-Bestenliste "Weltempfänger"


39. Litprom-Bestenliste / Sommer 2018

Diesen Sommer haben wir viel Literatur aus Lateinamerika auf der 39. Litprom-Bestenliste »Weltempfänger«. Gleich drei Argentinier*innen erzählen ganz unterschiedliche Geschichten: ein leichter Coming-of-Age Roman, daneben verstörende Erzählungen über geisterhaft leere Häuser und zuletzt ein Detektivroman, voll von Genrereflexionen. Ein Roman aus Mexiko erzählt uns vom Alleinsein in der Fremde. Den ersten Platz belegt allerdings ein Syrer mit seinem Plädoyer für das Menschsein und die Individualität vor dem Hintergrund der Katstrophe. Empfohlen werden zudem ein ägyptischer Roman über die gelangweilte Oberschicht der Nasser-Revolution in den 1950ern sowie ein Roman aus der Dominikanischen Republik, dessen Lektüre einem Trip gleicht. 

Auf Platz 1 erzählt »Ein Raubtier namens Mittelmeer« von Ghayath Almadhoun in Gedichten von Menschsein und Individualität vor dem Hintergrund der Katastrophe seines Landes. »Snooker in Kairo« von Waguih Ghali auf Platz 2 erschien im Original bereits 1964 und erzählt vom Leben nach der Nasser-Revolution. Platz 3 belegt Guadalupe Nettels Roman »Nach dem Winter«, eine Geschichte zweier Menschen, die in New York und Paris vereinsamen. »Richtig hohe Absätze« von Federico Jeanmaire auf dem vierten Platz erzählt eine federleichte Coming-of-Age Geschichte zwischen Argentinien und China. Genderfragen und Ökologie, lateinamerikanische Geschichte, Mythos und Moderne: All diese Dinge machen die Lektüre von Rita Indianas »Tentakel« auf Platz 5 schließlich zum Trip. Auf Platz 6 erzählt Samanta Schweblin in »Sieben leere Häuser« davon, wie das Unbewusste zur Tat wird. Und auf Platz 7 wird der Journalist in Marcelo Figueras »Das schwarze Herz des Verbrechens« vom neutralen Beobachter zum Gerechtigkeitskämpfer.

Der »Weltempfänger« Nr. 39 / Sommer 2018 steht als PDF zum Download zur Verfügung und kann auch als Plakat bei Litprom angefordert werden: litprom@book-fair.com


1. »Ein Raubtier namens Mittelmeer« von Ghayath Almadhoun SYRIEN/SCHWEDEN

Gedichte. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Arche, 128 Seiten

In Syrien geboren, wanderte der Schriftsteller Ghayath Almadhoun 2008 nach Schweden aus. Seine Gedichte sind getragen von Drastik, Absurdität und einer großen stilistischen Sensibilität. Sie führen die syrische Katastrophe vor Augen und verteidigen zugleich Menschsein und Individualität. Andreas Fanizadeh

"Im Modus der Katastrophe — Die Lyrik des Syrers Ghayath Almadhoun". Eine Besprechung von Stefan Weidner auf faz.net


2. »Snooker in Kairo« von Waguih Ghali ÄGYPTEN

Roman. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. C.H.Beck, 256 Seiten

Der coole Ton täuscht: Wütend, verzweifelt sarkastisch und sehr geistreich erzählt Waguih Ghalis Tragikomödie von der gelangweilten jungen Oberschicht nach der Nasser-Revolution in den 50er Jahren in Kairo und von der Schwierigkeit, Ägypter zu sein. Ein rasant gegenwärtiges Buch aus dem Jahr 1964, so politisch wie Dany Laferrière und so lässig wie Christian Kracht. Insa Wilke

Snooker in Kairo», das Meisterwerk des ägyptischen Autors Waguih Ghali, ist ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung endlich auf Deutsch zu lesen. Vieles klingt erstaunlich aktuell. Martin Ebel im tagesanzeiger

Der Roman wurde während des Arabischen Frühlings zu einem Kultbuch. Und das hat sicher damit zu tun, wie aktuell die Suche nach einer ägyptischen Identität bis heute ist und wie Waguih Ghali das Ägypten unter Nasser beschreibt: als korruptes System, in dem sich die blasierte Oberschicht skrupellos auf Kosten der restlichen Bevölkerung bereichert und in Saus und Braus lebt. Dina Netz für den Deutschlandfunk

Zeitlos und brandaktuell: Waguih Ghalis Roman „Snooker in Kairo“ aus den Sechzigern wurde während des arabischen Frühlings neu entdeckt. Jetzt ist er auf Deutsch zu lesen. Ulrich Rüdenauer für den tagesspiegel

So gut ist dieses Buch, so überbordend komisch, so schmerzhaft tragisch, so treffend in seinen Beschreibungen sowohl der Kairoer feinen Gesellschaft kurz nach der Revolution von 1952 als auch des Verhältnisses Ägyptens zu seiner ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien. Christian Meier für die FAZ


3. »Nach dem Winter« von Guadalupe Nettel MEXIKO **

Roman. Aus dem Spanischen von Carola Fischer. Blessing, 352 Seiten

Ein Kubaner in New York und eine Mexikanerin in Paris vereinsamen in der Fremde. Vor allem die Stadt Paris wird so intensiv erzählt und als Einsamkeitsdroge erlebbar, wie es nur Migranten erfahren müssen und doch überwinden können. Nettel nimmt deren Resignation ernst, ohne ihr zu verfallen. Hinreißend. Ruthard Stäblein

"Auch in Nettels jüngst ins Deutsche übersetztem Roman „Nach dem Winter“ verlässt die junge Studentin Cecilia Mexiko und geht nach Paris. Dort schreibt sie an ihrer Arbeit über lateinamerikanische Schriftsteller, die wie der Peruaner César Vallejo in Paris gestorben sind. In einer Wohnung mit Blick auf einen Friedhof erlebt sie ihren ersten Winter." Eva-Christin Meier spricht mit Guadalupe Nettel in der taz über den Roman.

"Guadalupe Nettel hat lange im Exil gelebt. Im Interview erzählt die Schriftstellerin, warum sie in ihr Heimatland zurückgekehrt ist — trotz Drogenkriegs und mobbendem US-Präsidenten." Karin Janker im Interview mit der Autorin für die Süddeutsche Zeitung.

"Nachwuchstalent Guadalupe Nettel: Dies ist kein Liebeslied — Nur auf dem Friedhof entsteht so was wie Nähe: Mit »Nach dem Winter« legt Guadalupe Nettel einen filigranen Großstadtroman vor, in dem sich alle körperlich nah sind — sich aber doch nie zugehörig fühlen. Von Isabel Metzger auf Spiegel online.


4. »Richtig hohe Absätze« von Federico Jeanmaire ARGENTINIEN

Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, 160 Seiten

Eine Mordgeschichte, (k)eine Rachegeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte und eine Geschichte, die über die Kontinente fliegt: Von Argentinien nach China nach Argentinien. Und eine Generationen-geschichte auch. Federleicht, komprimiert, unkonventionell, bezaubernd. Thomas Wörtche

"Diese Geschichte einer Selbstfindung taucht tief ein in die Gedankenwelt der Protagonistin. Der erste ins Deutsche übersetzte Roman des 60-jährigen Argentiniers Federico Jeanmaire macht neugierig auf mehr." Heinz Gorr für Bayern 2

"Die fünfzehnjährige Protagonistin Su Nuam, die in Buenos Aires aufwuchs und sich als Argentinierin fühlte, musste mit ihrer Mutter zurück nach China, nachdem der Vater in seinem Lebensmittelladen „La Plaza“ von einer jugendlichen Gang überfallen und umgebracht wurde. Nun lebt sie mit den Großeltern in einem Land, das ihr völlig fremd ist." Michi Strausfeld für literaturkritik.de


5. »Tentakel« von Rita Indiana DOMINIKANISCHE REPUBLIK * **

Roman. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Wagenbach, 160 Seiten

Genderfragen und Ökologie, lateinamerikanische Geschichte und futuristisches Denken, Mythos und Moderne: Die Sängerin und Schriftstellerin Rita Indiana mischt all das in ihrem so kühnen wie abgedrehten Roman, der den Magischen Realismus neu buchstabiert.Die Lektüre: ein Trip. Claudia Kramatschek

"Santo Domingo in der Karibik im Jahr 2024: Die 16-jährige Acilde träumt davon, ein Mann zu werden. Doch Geistliche haben ihr einen anderen Lebensweg vorausgesagt - "Tentakel" erzählt eine kühne, fantasievolle Geschichte mit Parallelen zum aktuellen karibischen Alltag." Katharina Döbler für den Deutschlandfunk

"Ein kühner Roman, der für die Lust am Umsturz in der lateinamerikanischen Literatur steht." Ralph Hammerthaler für die Süddeutsche Zeitung


»Sieben leere Häuser« Samanta Schweblin ARGENTINIEN *

Erzählungen. Aus dem Spanischen von Marianne Gareis. Suhrkamp, 150 Seiten

Ganz leer sind diese sieben Häuser nicht, doch findet kaum noch Leben darin statt. Da bestiehlt eine Frau reiche Leute, eine Demenzkranke räumt ihre Habe in die Garage, und ein Mädchen feiert keinen Geburtstag.Oft wird bei Schweblin das Unbewusste zur Tat: niemals ganz auflösbar und außergewöhnlich poetisch. Katharina Borchardt

"Samanta Schweblin ist eine unerbittliche Seelenforscherin. Auch in "Sieben leere Häuser" führt uns die argentinische Schriftstellerin in die Abgründe zeitgenössischer Paar- und Familienbeziehungen." Dirk Fuhrig für den Deutschlandfunk

"Eine "Virtuosin der Verstörung" nannte sie die New York Times: Samanta Schweblin. "Sieben leere Häuser" heißt der neue Erzählband der preisgekrönten argentinischen Schriftstellerin. Und schon der Titel lässt Düsteres vermuten." Katharina Döbler für den rbb


»Das schwarze Herz des Verbrechens« Marcelo Figueras ARGENTINIEN

Roman. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Nagel & Kimche, 461 Seiten

Ein Detektiv- und Entwicklungsroman über den 1956 niedergeschlagenen Putsch von Peronisten. Ein Journalist recherchierte damals »Das Massaker von San Martin«. Figueras rollt den Fall neu auf. Der Journalist wird vom neutralen Beobachter zum engagierten Romancier und Gerechtigkeitskämpfer. Mitreißend erzählt, versetzt mit Genre-Reflexionen über Krimi und Doku-Literatur. Ruthard Stäblein

"Der Schriftsteller Rodolfo Walsh gilt als Begründer des investigativen Journalismus in Argentinien. Er steht im Mittelpunkt des Romans von Marcelo Figueras, dem damit nicht nur ein differenziertes Porträt gelingt, sondern gleichzeitig ein fesselnder Polit-Thriller." Thomas Wörtche für den Deutschlandfunk