Empfehlungen

Verlag gesucht

Zur Übersetzung empfohlen:


»​​Zensur einer iranischen Liebesgeschichte« Shahriar Mandanipur IRAN

Knopf, Random House 2009

Zensur einer iranischen Liebesgeschichte, Roman noch unveröffentlicht, erscheint nächstes Jahr auf Englisch bei Knopf, Random House Shahriar Mandanipur, 1956 in Schiraz geboren, ist der vielleicht interessanteste Vertreter der iranischen Gegenwartsliteratur. Sein neuer Roman, der auf Persisch nicht erscheinen kann und daher im Frühjahr in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wird, schildert zwei Geschichten – eine Liebesgeschichte und wie eine Liebesgeschichte im heutigen Iran geschrieben oder genauer: nicht geschrieben werden darf.


»The Circle of Karma« Kunzang Choden BHUTAN

Zubaan, New Delhi 2005

Eine Insel der Seligen scheint das kleine Königreich Bhutan. In dem die Heldin dieses Buchs sich nichts sehnlicher wünscht als Lesen, Schreiben und Religion zu lernen. Wie die Männer. Mutig macht sie sich auf einen langen Weg, der gleichzeitig eine Reise zu sich selbst ist. In einfacher klarer Sprache so geschrieben, dass das Lesen selbst zu einer spirituellen Erfahrung wird, jenseits von jeder Ratgeber-Esoterik.


»​​Wolves of the Crescent Moon« Yousef Al-Mohaimmed SAUDI-ARABIEN

Penguin Verlag 2007

Endlich mal wieder ein Roman aus Saudi-Arabien, der nicht westliche Empörung bedient, die Brutalität des Alltags aber umso intensiver einfängt mit phantasmagorischen Szenen von großer Sinnlichkeit.


»The One That Got Away« Zoe Wicomb SÜDAFRIKA

Umuzi, Kapstadt 2008

Die Kurzgeschichten der mehrfach ausgezeichneten südafrikanischen Autorin erzählen gekonnt von Menschen, die auf dieser Weltkarte erst ihren eigenen Platz im Leben und den richtigen Platz füreinander finden müssen.


»​​Big River, Big Sea: Untold Stories of 1949« Lung Yingtai CHINA

Taipeh, CommonWealth Magazine 2009

In ihrem neuen, auf Chinesisch erschienenen Buch „Big River, Big Sea“ deckt die Essayistin Lung Yingtai die seit über 60 Jahren verborgenen Wunden auf, die der chinesische Bürgerkrieg hinterlassen hat. Lungs Eltern gehörten selbst zu den zwei Millionen Chinesen, die Ende der1940er Jahre vor den Maoisten nach Taiwan flohen. Ein intensives und schmerzhaftes Buch, das auf zahlreichen Interviews basiert. In Taiwan ein Bestseller, in China verboten.


»​​Attitude« ​Kevin Shih-Hung Chen TAIWAN

Taipeh, INK 2008

Bi-Hu ist Artist, Tierpfleger und Zuckerwatteverkäufer in einem taiwanesischen Zirkus. Irgendwann reißt der junge Mann aus und geht nach Europa, wo er ebenfalls bei einem Zirkus anheuert – und einem jungen Franzosen verfällt. Ein bildreicher, emotional dichter Roman voll untergründiger Erotik.


»​​Mathématiques Congolaises« Koli Jean Bofane DEM. REP. KONGO

Actes Sud, 2008

Der Roman über das Alltagsleben in Kinshasa thematisiert die korrupte Politik genauso wie die Überlebenswut und Lebenslust der Menschen. Optimistisch im Ton, hervorragend geschrieben und außerordentlich spannend vermittelt er ein Afrika-Bild jenseits der vorherrschenden Klischees.


»​​The Rowing Lesson« Anne Landsman SÜDAFRIKA

Roman, Kwela 2007

Eine außergewöhnlich gut geschriebene, bewegende Geschichte über die Beziehung zwischen einer Tochter, die ihr erstes Kind erwartet, und ihrem im Sterben liegenden Vater. Die Autorin wurde mehrfach für dieses Werk ausgezeichnet und von der Kritik überschwänglich gelobt.


»One-rhyme Poems« Bui Chat VIETNAM

Gedichtband, Scrap Paper 2009

In diesem Buch, erschienen im eigenen Verlag, verleiht der junge Autor, selbst ein radikaler Spracherneuerer, dem Wunsch seiner Generation nach mehr Freiheit und Demokratie so lakonisch wie melancholisch Ausdruck.


»Bangkok Noir« Christopher G. Moore (Hrsg.) THAILAND/KANADA

Heaven Lake Press 2011

Obwohl das Land voller Stoff für kriminalliterarische Bearbeitung ist, steckt die Kriminalliteratur noch in den Kinderschuhen. Der in Thailand lebende, Thai sprechende und denkende kanadische Romancier zeigt in seiner Anthologie Bangkok abseits der Klischees und im Zwiespalt zwischen Tradition und globalisierter Moderne.


»O Paraíso é bem bacana«​​​​ André Sant’Anna BRASILIEN

Roman. Companhia das Letras São Paulo 2006

Ein brasilianischer Nachwuchsfußballer sprengt sich in einem Stadion in Berlin in die Luft, weil er glaubt, Islamist werden zu müssen. Im Koma fantasiert er nun über das, was er aus seinem verpfuschten Kleinstadthorizont heraus für das Paradies hält: bunte Bilder aus Telenovelas und Pornos gepaart mit der kindlichen Sehnsucht nach einem anständigen Leben. Ein Sprachkunstwerk von bizarrer Schönheit.


»Metro«​​​​ Magdy El-Shafee ÄGYPTEN

Graphic Novel. 2008

Metro ist die Erzählung zur äygptischen Bewusstseinslage vor dem Arabischen Frühling. Metro ist allerdings kein Roman, sondern ein Groß-Comic, eine Graphic Novel. Neue ästhetische Mittel für ein neues Lesepublikum, eine Pioniertat und sofort auf der Höhe des zeitgenössischen Comics. Keine Kuriosität, sondern die Initialzündung einer Kunstform im arabischen Raum.


»Po˘t«​​​​ Munye ch’ulp’ansa PJÖNGJANG

Roman

Der Ingenieur Sok-Chun und die Sängerin Soon-Hwi wollen sich scheiden lassen. Sein Alltag in der Fabrik und ihr künstlerischer Ehrgeiz klaffen zu weit auseinander. Ein Roman über die Liebe, die Ehe und den Alltag in Nordkorea. Po˘ t erlaubt einen seltenen Einblick in ein weitgehend unbekanntes Land. Ins Französische ist der Roman bereits übersetzt.



»Der Zauberer auf der Fußgängerbrücke«​​​​ Wu Mingyi TAIPEI

Roman. Summer Festival Press 2011

Ein heruntergekommenes Warenhausensemble in Taipei: Wu Mingyi erzählt von neun Kindern, die hier zwischen Schuhverkäufern, Änderungsschneidern und Schlossern aufwachsen. In dieser Umgebung stillen Verfalls führt ein geheimnisvoller Zauberer seine Kunststücke vor. Hier erleben die Kinder sonderbare, häufig traumhafte Dinge.


»Theravada Man«​​​​ Manuka Wijesinghe SRI LANKA

Theravada Man, der erste Teil einer Trilogie zur Geschichte Sri Lankas, spielt in den 1920er Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Schullehrer aus den Backwaters und frommer Buddhist will heiraten und lernt dadurch eine Welt kennen, von der er nicht einmal wusste, dass sie existiert – zwischen Astrologie und englischer Kolonialkultur, philosophischen Diskussionen und einer umfangreichen Nachkommenschaft.


»The Believers«​​​​ Abdul Sultan (Text); Partha Sengupta (Illustrationen) INDIEN

Graphic Novel. Phantomville 2006

Eine der ersten Graphic Novels Indiens. Abdul Sultan erzählt darin die Geschichte zweier ungleicher Brüder, der eine säkular, der andere fanatisch-islamistisch, dessen Radikalisierung zum Untergang der Familie führt. Die Zeichnungen von Partha Sengupta sind, wie es sich für das Genre gehört, von ausgezeichneter Qualität.


​​»Bilangan Fu«​​ Ayu Utami INDONESIEN

Roman. KPG 2008

Die Freunde Parang Jati und Sandi Yuda gehen zusammen in den javanischen Bergen klettern und diskutieren den richtigen Umgang mit der Natur und den Naturgeistern. Doch wer an Naturgeister glaubt, hat es schwer mit dem sich in Indonesien verschärfenden Islam. Ayu Utami hat ihre Freundschaftsgeschichte mit verschiedenen Sachtexten angereichert und auf diese Weise einen ausgesprochen komplexen Roman vorgelegt.


​​»The Private Life of a Nation«​​ Lee Eung Jun SÜDKOREA

Roman

Der Autor entwirft ein Szenario der Wiedervereinigung der beiden Koreas. Die Probleme, denen sich Deutschland nach der Wende stellen musste, fließen ebenso ein, wie seine intime Kenntnis des nordkoreanischen Totalitarismus. Eine reale Dystopie, die den Fiktionen eines George Orwell oder Arthur Koestler in nichts nachsteht. 


»Blue«​​​ Mahmoud Tawfik ÄGYPTEN

Anthologie

Die zehn Erzählungen des jungen Kairoer Autors Mahmoud Tawfik spielen auf der Straße, im Theater oder in der Sauna. Dort treffen seine Figuren in kammerspielartiger Verdichtung aufeinander. Berufliches Scheitern, mutlose Liebe und ihr Hadern mit der Revolution werden offenbar. Melancholie umweht die Geschichten, die jedoch gekonnt durch viel Alltagssprache und subtile Ironie aufgefangen wird.


»Thinner than skin«​​​​ Uzma Aslam Khan PAKISTAN

Roman. Harper Collins India 2012

Die unheilvolle Begegnung zwischen einem Nomaden-Mädchen und einer Gruppe Exil-Pakistaner, die in der
nördlichen Grenzregion Pakistans einen Gletscher erforschen. Gekonnt spiegelt Khan anhand der Natur die
kulturellen Brüche des Landes.


​»Spectators«​​ Yoon Sunghee KOREA

Roman

Erzählt werden aus der Sicht eines Kleinkindes die kleinen und großen Dramen einer neunköpfigen Familie – und dazu unzählige weitere Geschichten, ausgehend von winzigen Details wie einem Kaffeefleck auf einem Sitz, der letztlich jemandem das Leben rettet. Skurril, mit viel Tempo und schrägem Witz schlägt der Roman die Leser in seinen Bann.


»​Butterfly Fish« Irenosen Okojie

Roman. Jacarandabooks Arts Music 2013

Aufregendes Debüt einer jungen Autorin. Aus der Perspektive der Außenseiterin Joy entfaltet sich eine

Geschichte, die vom Benin/Nigeria im 18. Jahrhundert bis ins London der 1950er Jahre reicht.


​»The Book of Gaza: A City in Short Fiction« Atef Abu Saif (Hrsg.)

​​Anthologie. Comma Press 2014

Zehn Kurzgeschichten aus den Jahren 1980–2014 erlauben (aus vorwiegend weiblicher Perspektive) atmosphärischen Einblick in Lebensfragen und literarische Vorlieben in Zeiten politischer Repression. 


»Gadis Kretek«​​​ Ratih Kumala INDONESIEN

Roman. Gramedia Pustaka Utama 2012

Ein spannender Roman aus dem Indonesien der Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit. Basierend auf einer alten Legende lesen wir Neues, Spannendes und Lehrreiches über die Kultur des Tabaks, gekleidet in eine Abenteuerhandlung über die Identitätsfindung eines Familien-Clans und damit einer sehr komplexen Nation. Packend und leichtfüßig.


»Kuda Terbang Maria Pinto«​​​ Linda Christanty INDONESIEN

Kurzgeschichten. Kata Kita 2004

Christantys Figuren sind Menschen von nebenan. Sie leben mit ihren politischen Traumata und ihrer Einsamkeit, sie kämpfen gegen religiösen Starrsinn, gegen Ungerechtigkeit, für eine bessere Zukunft. Ihre Familiengeschichten erzählen Indonesiens politische Geschichte.


»The Poet of Unlove«​​ Marc Nair SINGAPUR

Spoken Word. Red Wheelbarrow Books 2015

18 Spoken-Word-Texte, die Nair bereits öffentlich performt hat. Er erzählt von den Peinlichkeiten des Schwimmenlernens, der euphorisierenden Wirkung von Pizza und von seinem Bart, der mit Terrorismus nichts zu tun hat. Er zeigt, wie fragil Männlichkeit sein kann, und wie schwer es ist, Liebe auszudrücken. Kraftvolle Prosagedichte, drängend und heutig, grundiert von einer feinen, unstillbaren Sehnsucht.


»Noon«​​ Sahar El-Mougy ÄGYPTEN

​Roman. Dar al-Shuruq 2008

Sahar El Mougy, Dozentin für englische Literatur an der Universität Kairo, schildert – beginnend mit dem 11. September 2001, endend mit dem Skandal in Abu Ghraib 2003 – in provokanter, da freizügiger Weise die Lebenswege dreier Frauen, die inmitten einer patriarchalen Gesellschaft auf die eigene Freiheit und Unabhängigkeit bestehen.


»She Will Build Him a City​« Raj Kamal Jha ​​INDIEN

Roman. Bloomsbury 2015

Eine Mutter, die für ihre Tochter Geschichten der Kindheit erzählt. Ein junger Mann unterwegs mit Mord- und
Terror-Gedanken. Ein Findelkind als einziger gesunder Junge in einem Waisenhaus. Drei Lebensgeschichten im nächtlichen Delhi, atmosphärisch dicht, fast pointillistisch erzählt, ganz auf die Innenwelten konzentriert wie Raj Kamal Jhas Bestseller Das blaue Tuch. Aber stärker als das Debüt ist dieser vierte Roman durchwirkt mit politischen Zeichen der Zeit, von der Medienkritik bis zum Terrorismus.


»Ippadikku evaal« Sukirtharani INDIEN

Tamil. Gedichte. Kalachuvadu Publications 2016

»Ippadikku evaal« erweist jener Eva Hommage, die einst verbotene Früchte vom Baum der Erkenntnis aß. Auch Sukirtharani – Dalitdichterin und Sozialaktivistin – tut Verbotenes: In kühnen Worten kartografiert sie den weiblichen Körper, das Leben der Dalits, Ausbeutung und Diskriminierung – ohne Bitternis, mit Sprachwitz und Humor.


»Œuvres vives« Linda Lê FRANKREICH/VIETNAM

Roman. Christian Bourgois Éditeur 2014

Antoine Sorel hat sich in Le Havre aus dem Fenster gestürzt. Wer war dieser Autor, der vietnamesische Wurzeln hatte? Ein Journalist macht sich auf Spurensuche und befragt Freunde, Familie und Geliebte.
So entsteht das hochfeine, brüchige und sehr berührende Porträt eines heimatlosen Toten. 


»Daqq al-tabul« Muhammad Al-Bissati ÄGYPTEN

Roman. Englische Übersetzung bei The American University in Cairo Press 2010

Das Fußballteam eines arabischen Emirats qualifiziert sich für den World Cup. Der Emir schickt alle Emiratis nach Frankreich zum Jubeln. Zurück bleiben die vielen ausländischen Dienstboten. Was werden sie mit ihrer

Freiheit anfangen? Ein kluges, Dynamik entwickelndes Gesellschaftsporträt.


​»When Fish Get Thirsty« Helim Yusiv SYRIEN/DEUTSCHLAND

Roman. Mira Publishing House 2016

Helim Yusiv gilt als einer der renommiertesten kurdischen Romanciers. In seinen auf Kurdisch geschriebenen Werken gelingt es ihm, die Atmosphäre der Angst in dem Viereck zwischen Syrien, der Türkei, dem Irak und Iran, greifbar zu machen. Leseproben auf Deutsch und Englisch bei Litprom.


»Wild Girls, Wicked Words « Edited by Lakshmi Holmström. INDIEN

Gedichte. Kalachuvadu/Sangam House, 2012

Die zweisprachige Lyrik-Anthologie (Tamil/Englisch) versammelt die Gedichte dreier prominenter und rebellischer Lyrikerinnen aus Tamil Nadu, die kühn weibliche Lebenswelten erkunden und tradierte Rollenbilder hinterfragen. 


»Même pas mort« Youssouf Amine Elalamy MAROKKO

​Roman. Editions Le Fennec 2018.

Nach dem Tod seines Vaters schlüpft der Erzähler in dessen Haut. Dabei
verschränkt er den Nekrolog auf den Vater mit seiner eigenen Biographie,
erzählt die Geschichte Marokkos von der Befreiung bis heute. In kurzen
Sätzen und klaren Worten.


»Collective Amnesia« Koleka Putuma SÜDAFRIKA

​Gedichte. Uhlanga Press Cape Town 2017.

Die junge schwarze Generation Südafrikas überprüft kritisch die Geschichte: Putuma verleiht ihr eine Stimme. Nuancenreich kreisen ihre Gedichte um den eigenen Körper und um den möglichen Platz in einem enteigneten Leben. 


Kebir M. Ammi: »Un génial imposteur«​​

Claudia Gronemann, Professorin für romanische Literaturen an der Universität Mannheim, empfiehlt den Roman für eine Übersetzung ins Deutsche:

Das Besondere an diesem Buch ist die sprachgewaltige Dar­ste­llung des Krieges, verbunden mit einer atemberaubenden Odyssee über mehrere Kontinente, aus der Sicht der Hauptfigur Shar und vermittelt über einen erzählerischen Rahmen. Shar ist An­al­phabet, aber ein begnadeter Red­­­­ner und jemand, der alle einwickeln kann. Dies ist Teil seines infamen Cha­rakters, der uns in Form eines mündlichen, unzuverlässigen Be­rich­ts Seite für Sei­te vorgeführt wird. Erst darin finden die Gräuel ihren Ausdruck: nicht durch nackte Benennung, son­dern die Barbarei der ironisch-lässigen pikaresken Aus­drucks­weise eines Be­trü­gers, der allen seine Sichtweise aufdrängt. Doch Shars falsche Version wird durch die Rahmenerzählung ent­larvt. Darin spricht ein junger Schriftsteller, der Sohn eines von Shar verratenen Kampf­ge­fäh­r­ten, und er bringt den Brief seines Vaters ins Spiel. Shar aber täuscht sogar seinen Tod vor und verfolgt heimlich den jungen Autor, der seine Version der Dinge veröffentlichen will – ein wahrer Krimi beginnt.

Kebir Ammi wurde in Marokko geboren, seine Mutter ist Marokkanerin, sein Vater Algerier. Seit über 30 Jahren lebt Ammi in Frankreich.

Gutachten und Probeübersetzung liegen vor und können angefordert werden: litprom@book-fair.com

Kebir M. Ammi: »Un génial imposteur«. Roman, Mercure de France 2014, 256 Seiten, ISBN: 782715234895

 

Schreiben als Gegendiskurs

Ein Interview mit dem Autor von Claudia Gronemann

Herr Ammi, Ihr neuester Roman „Ein genialer Betrüger“ erzählt vom Aufstieg und Fall eines Algeriers, einem Verwandlungskünstler, der an vielen Fronten kämpft und sein Fähnlein stets nach dem Wind zu hängen weiß. Das einzig Beständige an Shar ist seine Nie­der­­tracht. Seine Flucht führt ihn um die Welt, er kämpft in Indochina gegen die Franzosen, geht in den algerischen Ma­quis, wechselt dann zur OAS, bevor er schließlich im unab­hän­gigen Algerien Ka­r­rie­re im Staatsapparat macht. Was reizt Sie an einem solchen Anti­helden?

Für mich wurde durch ihn darstellbar, was an Unbegreiflichem während des Al­gerienkriegs passiert ist. Ich wollte den Kampf für die Unabhängigkeit nicht glorifizieren, das ist nicht Aufgabe des Schriftstellers. Ich habe versucht, einen schwierigen und komplexen Moment der algerischen Ge­schichte zu ver­stehen. Es gibt nicht nur Helden auf der einen und Verbrecher auf der anderen Seite. Mir diente eine reale Person als Vorlage: ein intelligenter Typ mit Gespür, aus ärmlichen Verhältnissen, der in jungen Jahren viel erlitten hat – die Fran­zo­sen waren nicht zimperlich während der Kolonialzeit! Er ist viel gereist, konnte gut reden und hatte Charisma. Ich glaube, er wollte wirklich für die Befreiung seines Landes eintreten, aber eines Tages dachte er, die Franzosen werden den Krieg ge­win­nen und ist auf ihre Seite übergelaufen, am Vorabend der Unabhängigkeit dann wieder zurück ins algerische Lager. Er hat alle manipuliert. Alle hielten ihn für einen Helden, aber er war ein Trickser, ein ge­nia­ler Betrüger! Er ist nie aufgeflogen und hatte ein erfülltes Leben; mehrere Regime­wechsel hat er unbeschadet überstanden.

Glauben Sie, die Zeit ist reif, um sich der Vielschichtigkeit dieser Ereignisse zu stellen?

Auf jeden Fall! Dringend. Man kann sich doch nicht mit offiziellen Reden und Arrangements der Mächtigen begnügen. Es gibt ganz gefährliche Ver­kür­zungen in der Darstellung der Geschichte. Es gibt tiefe Verletzungen, Lücken, Un­aus­ge­sproch­enes. Ein Schrift­steller muss die Dinge ohne Umschweife benennen. 

Durch Ihre zahlreichen Lesungen haben Sie auch in Deutschland bereits eine Leserschaft gefunden. Ihre Romane sind allerdings nicht in deutscher Übersetzung erhältlich, und das obwohl Sie als Ro­mancier in Frankreich seit Jahren einen Namen haben. Was könnte einen deutschen Verleger an Ihren Roman reizen?

In meinen Büchern habe ich Elemente der Geschichte aufgespürt, von der Antike bis heute, denen nicht viel Auf­merk­samkeit zuteil wurde – denken Sie an Augustinus und Apuleius in meinen Romanen. Das ist auch für deutsche Leser interessant. Themen wie Krieg, Gut und Böse. Den Deutschen ist all das bekannt und sie haben sich, scheint mir, ihrer jüngeren Ge­schichte gestellt. In Algerien und in Frankreich hingegen hat man es nicht geschafft, die tragi­schen Ereignisse des Algerienkrieges in ihrer Komplexität zu beleuchten. Wenn über diese Zeit ge­sprochen wird, dann meist sehr vereinfachend, schematisch. Man wagt nicht, das Unpassende auszusprechen. Erst die Figur des Shar hat mir erlaubt, das Be­wusst­sein eines Mannes auszuloten, der bis zum Äußersten geht. Ohne dabei einen moralischen Ton anzuschlagen. Eine wei­tere Figur ist Jok, der für die Nazis gekämpft hat, bevor er zur Befreiungsarmee kam. Und der war beileibe nicht zart besaitet! Das Schrei­ben erlaubt mir, Dinge neu abzustecken und einen Gegendiskurs zu schaffen. Auf diese Suche nach dem verborgenen Sinn würde ich gern auch die Leser in Deutschland mitnehmen, wo ich mich nach den verschiedenen Lesungen fast schon ein wenig zu Hause fühle.