Empfehlungen

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Zur Übersetzung empfohlen:


​​»The Private Life of a Nation«​​ Lee Eung Jun

Roman aus Südkorea

Der Autor entwirft ein Szenario der Wiedervereinigung der beiden Koreas. Die Probleme, denen sich Deutschland nach der Wende stellen musste, fließen ebenso ein, wie seine intime Kenntnis des nordkoreanischen Totalitarismus. Eine reale Dystopie, die den Fiktionen eines George Orwell oder Arthur Koestler in nichts nachsteht. 


»Blue«​​​ Mahmoud Tawfik

Anthologie aus Ägypten

Die zehn Erzählungen des jungen Kairoer Autors Mahmoud Tawfik spielen auf der Straße, im Theater oder in der Sauna. Dort treffen seine Figuren in kammerspielartiger Verdichtung aufeinander. Berufliches Scheitern, mutlose Liebe und ihr Hadern mit der Revolution werden offenbar. Melancholie umweht die Geschichten, die jedoch gekonnt durch viel Alltagssprache und subtile Ironie aufgefangen wird.


»Thinner than skin«​​​​ Uzma Aslam Khan PAKISTAN

Roman. Harper Collins India 2012

Die unheilvolle Begegnung zwischen einem Nomaden-Mädchen und einer Gruppe Exil-Pakistaner, die in der
nördlichen Grenzregion Pakistans einen Gletscher erforschen. Gekonnt spiegelt Khan anhand der Natur die
kulturellen Brüche des Landes.


​»Spectators«​​ Yoon Sunghee KOREA

Roman

Erzählt werden aus der Sicht eines Kleinkindes die kleinen und großen Dramen einer neunköpfigen Familie – und dazu unzählige weitere Geschichten, ausgehend von winzigen Details wie einem Kaffeefleck auf einem Sitz, der letztlich jemandem das Leben rettet. Skurril, mit viel Tempo und schrägem Witz schlägt der Roman die Leser in seinen Bann.


»​Butterfly Fish« Irenosen Okojie

Roman. Jacarandabooks Arts Music 2013

Aufregendes Debüt einer jungen Autorin. Aus der Perspektive der Außenseiterin Joy entfaltet sich eine

Geschichte, die vom Benin/Nigeria im 18. Jahrhundert bis ins London der 1950er Jahre reicht.


​»The Book of Gaza: A City in Short Fiction« Atef Abu Saif (Hrsg.)

​​Anthologie. Comma Press 2014

Zehn Kurzgeschichten aus den Jahren 1980–2014 erlauben (aus vorwiegend weiblicher Perspektive) atmosphärischen Einblick in Lebensfragen und literarische Vorlieben in Zeiten politischer Repression. 


»Gadis Kretek«​​​ Ratih Kumala INDONESIEN

Roman. Gramedia Pustaka Utama 2012

Ein spannender Roman aus dem Indonesien der Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit. Basierend auf einer alten Legende lesen wir Neues, Spannendes und Lehrreiches über die Kultur des Tabaks, gekleidet in eine Abenteuerhandlung über die Identitätsfindung eines Familien-Clans und damit einer sehr komplexen Nation. Packend und leichtfüßig.


»Kuda Terbang Maria Pinto«​​​ Linda Christanty INDONESIEN

Kurzgeschichten. Kata Kita 2004

Christantys Figuren sind Menschen von nebenan. Sie leben mit ihren politischen Traumata und ihrer Einsamkeit, sie kämpfen gegen religiösen Starrsinn, gegen Ungerechtigkeit, für eine bessere Zukunft. Ihre Familiengeschichten erzählen Indonesiens politische Geschichte.


»The Poet of Unlove«​​ Marc Nair SINGAPUR

Spoken Word. Red Wheelbarrow Books 2015

18 Spoken-Word-Texte, die Nair bereits öffentlich performt hat. Er erzählt von den Peinlichkeiten des Schwimmenlernens, der euphorisierenden Wirkung von Pizza und von seinem Bart, der mit Terrorismus nichts zu tun hat. Er zeigt, wie fragil Männlichkeit sein kann, und wie schwer es ist, Liebe auszudrücken. Kraftvolle Prosagedichte, drängend und heutig, grundiert von einer feinen, unstillbaren Sehnsucht.


»Noon«​​ Sahar El-Mougy ÄGYPTEN

​Roman. Dar al-Shuruq 2008

Sahar El Mougy, Dozentin für englische Literatur an der Universität Kairo, schildert – beginnend mit dem 11. September 2001, endend mit dem Skandal in Abu Ghraib 2003 – in provokanter, da freizügiger Weise die Lebenswege dreier Frauen, die inmitten einer patriarchalen Gesellschaft auf die eigene Freiheit und Unabhängigkeit bestehen.


»She Will Build Him a City​« Raj Kamal Jha ​​INDIEN

Roman. Bloomsbury 2015

Eine Mutter, die für ihre Tochter Geschichten der Kindheit erzählt. Ein junger Mann unterwegs mit Mord- und
Terror-Gedanken. Ein Findelkind als einziger gesunder Junge in einem Waisenhaus. Drei Lebensgeschichten im nächtlichen Delhi, atmosphärisch dicht, fast pointillistisch erzählt, ganz auf die Innenwelten konzentriert wie Raj Kamal Jhas Bestseller Das blaue Tuch. Aber stärker als das Debüt ist dieser vierte Roman durchwirkt mit politischen Zeichen der Zeit, von der Medienkritik bis zum Terrorismus.


»Ippadikku evaal« Sukirtharani INDIEN

Tamil. Gedichte. Kalachuvadu Publications 2016

»Ippadikku evaal« erweist jener Eva Hommage, die einst verbotene Früchte vom Baum der Erkenntnis aß. Auch Sukirtharani – Dalitdichterin und Sozialaktivistin – tut Verbotenes: In kühnen Worten kartografiert sie den weiblichen Körper, das Leben der Dalits, Ausbeutung und Diskriminierung – ohne Bitternis, mit Sprachwitz und Humor.


»Œuvres vives« Linda Lê FRANKREICH/VIETNAM

Roman. Christian Bourgois Éditeur 2014

Antoine Sorel hat sich in Le Havre aus dem Fenster gestürzt. Wer war dieser Autor, der vietnamesische Wurzeln hatte? Ein Journalist macht sich auf Spurensuche und befragt Freunde, Familie und Geliebte.
So entsteht das hochfeine, brüchige und sehr berührende Porträt eines heimatlosen Toten. 


»Daqq al-tabul« Muhammad Al-Bissati ÄGYPTEN

Roman. Englische Übersetzung bei The American University in Cairo Press 2010

Das Fußballteam eines arabischen Emirats qualifiziert sich für den World Cup. Der Emir schickt alle Emiratis nach Frankreich zum Jubeln. Zurück bleiben die vielen ausländischen Dienstboten. Was werden sie mit ihrer

Freiheit anfangen? Ein kluges, Dynamik entwickelndes Gesellschaftsporträt.


​»When Fish Get Thirsty« Helim Yusiv SYRIEN/DEUTSCHLAND

Roman. Mira Publishing House 2016

Helim Yusiv gilt als einer der renommiertesten kurdischen Romanciers. In seinen auf Kurdisch geschriebenen Werken gelingt es ihm, die Atmosphäre der Angst in dem Viereck zwischen Syrien, der Türkei, dem Irak und Iran, greifbar zu machen. Leseproben auf Deutsch und Englisch bei Litprom.


»Wild Girls, Wicked Words « Edited by Lakshmi Holmström. INDIEN

Gedichte. Kalachuvadu/Sangam House, 2012

Die zweisprachige Lyrik-Anthologie (Tamil/Englisch) versammelt die Gedichte dreier prominenter und rebellischer Lyrikerinnen aus Tamil Nadu, die kühn weibliche Lebenswelten erkunden und tradierte Rollenbilder hinterfragen. 


»Même pas mort« Youssouf Amine Elalamy MAROKKO

​Roman. Editions Le Fennec 2018.

Nach dem Tod seines Vaters schlüpft der Erzähler in dessen Haut. Dabei
verschränkt er den Nekrolog auf den Vater mit seiner eigenen Biographie,
erzählt die Geschichte Marokkos von der Befreiung bis heute. In kurzen
Sätzen und klaren Worten.


»Collective Amnesia« Koleka Putuma SÜDAFRIKA

​Gedichte. Uhlanga Press Cape Town 2017.

Die junge schwarze Generation Südafrikas überprüft kritisch die Geschichte: Putuma verleiht ihr eine Stimme. Nuancenreich kreisen ihre Gedichte um den eigenen Körper und um den möglichen Platz in einem enteigneten Leben. 


Kebir M. Ammi: »Un génial imposteur«​​

Claudia Gronemann, Professorin für romanische Literaturen an der Universität Mannheim, empfiehlt den Roman für eine Übersetzung ins Deutsche:

Das Besondere an diesem Buch ist die sprachgewaltige Dar­ste­llung des Krieges, verbunden mit einer atemberaubenden Odyssee über mehrere Kontinente, aus der Sicht der Hauptfigur Shar und vermittelt über einen erzählerischen Rahmen. Shar ist An­al­phabet, aber ein begnadeter Red­­­­ner und jemand, der alle einwickeln kann. Dies ist Teil seines infamen Cha­rakters, der uns in Form eines mündlichen, unzuverlässigen Be­rich­ts Seite für Sei­te vorgeführt wird. Erst darin finden die Gräuel ihren Ausdruck: nicht durch nackte Benennung, son­dern die Barbarei der ironisch-lässigen pikaresken Aus­drucks­weise eines Be­trü­gers, der allen seine Sichtweise aufdrängt. Doch Shars falsche Version wird durch die Rahmenerzählung ent­larvt. Darin spricht ein junger Schriftsteller, der Sohn eines von Shar verratenen Kampf­ge­fäh­r­ten, und er bringt den Brief seines Vaters ins Spiel. Shar aber täuscht sogar seinen Tod vor und verfolgt heimlich den jungen Autor, der seine Version der Dinge veröffentlichen will – ein wahrer Krimi beginnt.

Kebir Ammi wurde in Marokko geboren, seine Mutter ist Marokkanerin, sein Vater Algerier. Seit über 30 Jahren lebt Ammi in Frankreich.

Gutachten und Probeübersetzung liegen vor und können angefordert werden: litprom@book-fair.com

Kebir M. Ammi: »Un génial imposteur«. Roman, Mercure de France 2014, 256 Seiten, ISBN: 782715234895

 

Schreiben als Gegendiskurs

Ein Interview mit dem Autor von Claudia Gronemann

Herr Ammi, Ihr neuester Roman „Ein genialer Betrüger“ erzählt vom Aufstieg und Fall eines Algeriers, einem Verwandlungskünstler, der an vielen Fronten kämpft und sein Fähnlein stets nach dem Wind zu hängen weiß. Das einzig Beständige an Shar ist seine Nie­der­­tracht. Seine Flucht führt ihn um die Welt, er kämpft in Indochina gegen die Franzosen, geht in den algerischen Ma­quis, wechselt dann zur OAS, bevor er schließlich im unab­hän­gigen Algerien Ka­r­rie­re im Staatsapparat macht. Was reizt Sie an einem solchen Anti­helden?

Für mich wurde durch ihn darstellbar, was an Unbegreiflichem während des Al­gerienkriegs passiert ist. Ich wollte den Kampf für die Unabhängigkeit nicht glorifizieren, das ist nicht Aufgabe des Schriftstellers. Ich habe versucht, einen schwierigen und komplexen Moment der algerischen Ge­schichte zu ver­stehen. Es gibt nicht nur Helden auf der einen und Verbrecher auf der anderen Seite. Mir diente eine reale Person als Vorlage: ein intelligenter Typ mit Gespür, aus ärmlichen Verhältnissen, der in jungen Jahren viel erlitten hat – die Fran­zo­sen waren nicht zimperlich während der Kolonialzeit! Er ist viel gereist, konnte gut reden und hatte Charisma. Ich glaube, er wollte wirklich für die Befreiung seines Landes eintreten, aber eines Tages dachte er, die Franzosen werden den Krieg ge­win­nen und ist auf ihre Seite übergelaufen, am Vorabend der Unabhängigkeit dann wieder zurück ins algerische Lager. Er hat alle manipuliert. Alle hielten ihn für einen Helden, aber er war ein Trickser, ein ge­nia­ler Betrüger! Er ist nie aufgeflogen und hatte ein erfülltes Leben; mehrere Regime­wechsel hat er unbeschadet überstanden.

Glauben Sie, die Zeit ist reif, um sich der Vielschichtigkeit dieser Ereignisse zu stellen?

Auf jeden Fall! Dringend. Man kann sich doch nicht mit offiziellen Reden und Arrangements der Mächtigen begnügen. Es gibt ganz gefährliche Ver­kür­zungen in der Darstellung der Geschichte. Es gibt tiefe Verletzungen, Lücken, Un­aus­ge­sproch­enes. Ein Schrift­steller muss die Dinge ohne Umschweife benennen. 

Durch Ihre zahlreichen Lesungen haben Sie auch in Deutschland bereits eine Leserschaft gefunden. Ihre Romane sind allerdings nicht in deutscher Übersetzung erhältlich, und das obwohl Sie als Ro­mancier in Frankreich seit Jahren einen Namen haben. Was könnte einen deutschen Verleger an Ihren Roman reizen?

In meinen Büchern habe ich Elemente der Geschichte aufgespürt, von der Antike bis heute, denen nicht viel Auf­merk­samkeit zuteil wurde – denken Sie an Augustinus und Apuleius in meinen Romanen. Das ist auch für deutsche Leser interessant. Themen wie Krieg, Gut und Böse. Den Deutschen ist all das bekannt und sie haben sich, scheint mir, ihrer jüngeren Ge­schichte gestellt. In Algerien und in Frankreich hingegen hat man es nicht geschafft, die tragi­schen Ereignisse des Algerienkrieges in ihrer Komplexität zu beleuchten. Wenn über diese Zeit ge­sprochen wird, dann meist sehr vereinfachend, schematisch. Man wagt nicht, das Unpassende auszusprechen. Erst die Figur des Shar hat mir erlaubt, das Be­wusst­sein eines Mannes auszuloten, der bis zum Äußersten geht. Ohne dabei einen moralischen Ton anzuschlagen. Eine wei­tere Figur ist Jok, der für die Nazis gekämpft hat, bevor er zur Befreiungsarmee kam. Und der war beileibe nicht zart besaitet! Das Schrei­ben erlaubt mir, Dinge neu abzustecken und einen Gegendiskurs zu schaffen. Auf diese Suche nach dem verborgenen Sinn würde ich gern auch die Leser in Deutschland mitnehmen, wo ich mich nach den verschiedenen Lesungen fast schon ein wenig zu Hause fühle.