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Wie persisch ist die Persische Literatur?

aus LiteraturNachrichten Nr. 93 - Sommer 2007

Zu diesem vielschichtigen Thema haben wir zwei Übersetzerinnen gefragt, die sich besonders intensiv mit der modernen Literatur des Iran auseinandersetzen. Susanne Baghestani und Jutta Himmelreich haben in den letzten Jahren wichtige Bücher der modernen iranischen Literatur übersetzt und sich dabei als exzellente Kennerinnen dieser Literatur erwiesen. Ergänzt werden ihre Aussagen durch den iranischen Autor und Übersetzer Nasser Ghiasi, der seit 1983 in Deutschland lebt und u.a. Brecht und Freud ins Persische übersetzt hat sowie Erzählungen in seiner Muttersprache veröffentlichte.

Findet relevante Literatur nur noch im Ausland statt und wird gleich auf Deutsch, Französisch, Holländisch, Englisch geschrieben?

Susanne Baghestani
Was ist eigentlich „persische Literatur“? Persisch oder Farsi wird nicht nur im Iran, sondern auch in Afghanistan und Tadschikistan gesprochen, die bis ins 17. und 19. Jahrhundert zum Kaiserreich Persien gehörten. Persische Literatur ist aber hier die Literatur des Iran, im Unterschied zur persischen Literatur Afghanistans (auf Dari) oder Tadschikistans.
Viele bedeutende iranische Autorinnen und Autoren sind ins europäische oder nordamerikanische Ausland emigriert oder geflohen, dennoch liegt das Zentrum der persischen Literatur nach wie vor im Iran. Im Ausland schreibt zumeist die zweite Generation in der Sprache des jeweiligen Landes; doch auch viele der jüngeren iranischen AutorInnen schreiben weiterhin in ihrer Muttersprache. Zeitgenössische persische Literatur wird im In- und Ausland produziert und sollte als Gesamtheit gesehen werden.

Nasser Ghiasi
Etwas völlig Neues findet statt: die Veröffentlichung und Anerkennung der Exilliteratur, deren Existenz zuvor negiert und tabuisiert wurde. Reza Ghassemi, in Frankreich lebender Autor, schreibt einen Roman und veröffentlicht ihn im Ausland. Jahre danach wird das Buch zum ersten Mal im Iran publiziert und erhält sofort mehrere Auszeichnungen. Natürlich gibt es aber auch heute noch Werke der Exilliteratur, die im Iran nicht veröffentlicht werden dürfen. Diese Werke gehören trotzdem zur iranischen Literatur.

Jutta Himmelreich
Das Ausland ist wichtig, aber es gibt durchaus auch im Land selbst literarische Stimmen, die eine innere Öffnung des Landes anmahnen: AutorInnen, die im Land bleiben wollen, zumindest solange sie nicht unmittelbar in Todesgefahr schweben, finden auch Verlage, ihre Arbeit wird sogar ausgezeichnet.
Solange sich die iranische Obrigkeit weiterhin veranlasst sieht, AutorInnen in Haft zu nehmen, zu foltern, zu töten, ist die einheimische Literatur eindeutig relevant. Das misst sich nicht allein daran, ob und wie schnell der Westen auf die dortige Literatur aufmerksam wird. Huschang Golschiri (1937-2000) zählt mit Mahmoud Doulatabadi (*1946) zu den wenigen und wichtigen Autoren, die trotz aller Widrigkeiten nicht ins Exil gegangen sind. Dschinn Nâmeh, das Geisterbuch, sein umfassendster und im Iran verbotener Roman über die Suche eines jungen Mannes nach sich selbst, liefert in einer turbulenten Mischung aus Erzähltechniken, Zeitsprüngen und Sprachwitz eine Flut von Einblicken in die patriarchalisch verkleisterte iranische Gesellschaft von gestern und heute. Das 540 Seiten starke Werk ist keine leichte Kost, es will auch zwischen den Zeilen gelesen sein. Wohl auch deshalb liegt die deutsche Fassung seit Jahren schwer in einer Verlagsschublade. Man beließ es bei Prinz Ehtedschab (C.H. Beck 2001) und beim Mann mit der Roten Krawatte (C.H. Beck 1998).
Das Ausland ist wichtig, denn diejenigen, die in der Diaspora schreiben, schreiben ja mit Heimvorteil. Sie sind uns geografisch und sprachlich nahe gerückt, erweitern das Themenspektrum, beherrschen und bereichern unsere Sprache virtuos und sind mühelos rezipierbar. Beispiele, die in Deutschland hohe Standards gesetzt haben, sind SAID (*1947) und Abbas Maroufi (*1957), die nicht nur unser Iranbild um neue Facetten erweitern, sondern auch in unserer eigenen Gesellschaft neue Selbstverständlichkeiten schaffen.

Ist Literatur, z.B. Prosa, womöglich nicht mehr das Medium der jungen Kreativen, sind das eher Blogs, Filme, auch wegen möglicher Zensur?

Susanne Baghestani
Aufgrund der verschärften Zensur, die unabhängige Verleger allmählich in den Ruin treibt, haben viele inländische AutorInnen das Internet als Plattform zur Veröffentlichung ihrer Werke entdeckt. Blogs und Internetforen dienen jedoch in erster Linie der Meinungsäußerung, der literarischen Kritik und Diskussion, insbesondere wegen des Verbots zahlreicher unabhängiger Tageszeitungen und Literaturzeitschriften wie Karnameh. Blogs mögen zwar als neues literarisches Medium eine Rolle spielen, können jedoch Buch und Erzählprosa nicht ersetzen. Als Forum zur Präsentation neuer Werke ist das Internet allerdings unverzichtbar für die literarische Kommunikation zwischen iranischen Schriftstellern und Literaturkritikern im In- und Ausland geworden. Ein spannendes Beispiel ist das neueste Werk des in Paris im Exil lebenden Autoren Reza Ghassemi. Seinen Roman Die Beschwörungen der Lämmer verfasste er in 40 Kapiteln und stellte diese sukzessive ins Netz.

Nasser Ghiasi
Die staatliche Zensur hat die jungen Schriftsteller und Dichter dazu getrieben, dass sie ihre Werke im Internet und in Blogs veröffentlichen.

Jutta Himmelreich
Gewiss hat sich die Jugend Irans außerhalb der Literatur Wege gesucht, um neben ihrer Enttäuschung, ihrer Verzweiflung und Wut über die Lage im Land auch ihre Lebenslust auszudrücken. Das geschieht vielfältig und einfallsreich in international anerkannten Filmen, Ausstellungen, in der Musik- und der Bloggerszene. Die Ausdrucksformen mögen teilweise westlich inspiriert sein, aber verwestlicht, also schlicht kopiert, sind sie nicht. Ganz vor der Zensur gefeit sind sie allerdings auch nicht. Um die ‚Unterwanderung des Iran durch die heimtückischen trojanischen Pferde des Westens‘ zu verhindern, wird Breitbandempfang unterbunden, werden Netzseiten eifrig gefiltert, Ausstrahlung und Verkauf von Musik verboten, und vor Gastspielen ausländischer Theatertruppen sitzt zunächst der Zensor im Zuschauerraum. Trotz dieser Entwicklungen hat die Literatur weiterhin ihren Stellenwert. NachwuchsautorInnen werden gefördert, etwa von der 2001 als regierungsunabhängige Einrichtung gegründeten Huschang-Golschiri-Stiftung, die jährlich Kurzgeschichten und Romane auszeichnet, verfasst von in Farsi schreibenden AutorInnen im In- und Ausland. Neben dem Golschiri-Preis gibt es weitere Literaturpreise und die Literatur- und Kulturzeitschrift Jahan-e Ketab (Welt des Buchs) betreibt gute Literaturkritik.

Welche Themen wählen die modernen Schriftsteller? Ist es der Islam, die Unterdrückung, das Thema Fortgehen (wollen oder müssen) oder Bleiben?

Susanne Baghestani
Hauptthema ist keines der in den westlichen Medien vorherrschenden Klischees; außerdem hält die Emigration an, so dass sie nicht notwendigerweise im Land thematisiert werden muss. Zentrale Themen sind die Gesellschaft, das Individuum und die Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen iranischen Geschichte, insbesondere mit der Konstitutionellen Revolution von 1906, der Besatzung durch die Alliierten im 2. Weltkrieg, der Schahzeit und der Islamischen Revolution. Wie ein iranischer Kritiker kürzlich anmerkte, nähert sich die zeitgenössische Prosa immer mehr der Gegenwart an. 

Nasser Ghiasi
In neuen Werken habe ich ganz verschiedene Themen entdeckt. Das vorherrschende ist der Zusammenprall von Tradition und Moderne – dieser dringt bis in die kleinsten Winkel der Gesellschaft vor. Der Zusammenprall spiegelt sich sowohl in der Erzähltechnik als auch in den Schauplätzen der erzählenden Literatur, den Städten, wider. Das zweite große Thema, häufig in Bestsellern zu finden, ist die Studentenbewegung, eine Entwicklung der jüngeren iranischen Geschichte. Drittes Thema ist die Geschichte der Frauen, die fast nur von Frauen behandelt wird. In diesen Werken kann man den Protest gegen die patriarchalische Gesellschaft und gegen die traditionelle Mann-Frau-Beziehung beobachten, wobei man allerdings noch nicht von einer feministischen Literatur reden kann. Dann käme der achtjährige Krieg gegen Irak. Hier und da findet man Werke, in denen Kritik am Krieg geübt wird, andererseits gab es schon immer propagandistische Literatur, in der der Krieg verherrlicht und als „die Heilige Verteidigung“ bezeichnet wird. In Werken der Aufarbeitung von Vergangenheit geht es um Fragen wie: Wie und wer waren wir? Wie und wer sind wir heute? Wie sind wir das geworden, was wir sind? Was wird aus uns werden?
Auch die Zensur hat Auswirkungen, besonders in den Bereichen Religion und Sexualität. Religiosität und alles, was damit zusammenhängt, darf überhaupt nicht in Frage gestellt, ja nicht einmal erwähnt werden, es sei denn, sie wird verherrlicht und ihre Werte bestätigt. Mit Sexualität sieht es nicht viel besser aus: Die Schilderung jeglicher sexueller Vorgänge, die kleinste Erwähnung von allem, was mit Sexualität zu tun hat, ist verboten. So kann natürlich keine erotische Literatur entstehen. Beim Thema Zensur darf man auch die Selbstzensur nicht vergessen: Die Literaten können sich den Moralvorstellungen und der Ethik der Gesellschaft nicht entziehen. Dabei gibt es allerdings noch einen Unterschied zwischen der bewussten und der unbewussten Selbstzensur. In jedem Fall wird auch dadurch das Entstehen von anspruchsvoller Literatur verhindert.

Jutta Himmelreich
„Ritual der Rastlosigkeit“ lautet der Titel eines Romans von Yaghoub Yad’ali: Entweder hastet man durch den Alltag, weil oft ein einziger Job nicht mehr ausreicht, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Oder man bedauert, dass einem die Mittel zum Auswandern fehlen. Oder man denkt an vergangene, bessere Zeiten, sitzt, diskutiert und gibt sich der leisen Hoffnung hin, dass die Dinge sich doch bald zum Besseren wenden könnten. Vielleicht begeht man einen Mord – und schiebt ihn entweder seinem Feind in die Schuhe oder weiß nachher nicht mehr, ob er tatsächlich oder bloß in Gedanken geschah. Vielleicht flüchtet man sich auch in die innere Emigration, klinkt sich aus, lebt den Stress und die Ängste der Mittelklasse: Themen von Romanen und Erzählungen der letzten fünf Jahre, geschrieben von Männern. Für Frauen sieht die Lage meist ähnlich vertrackt aus, selbst wenn sich Alltag auch mit Humor bewältigen lässt. Wer sich in der Ehe und in engen gesellschaftlichen Konventionen doppelt gefangen fühlt, für den werden Orientierungslosigkeit, Sehnsucht nach Bewegungsfreiheit, Schizophrenie zu dauerhafter Belastung.
Heute wird nicht unbedingt der Islam an sich zum Thema, sondern eher die Wut über die Enge, die wachsende Fundamentalisierung der Gesellschaft, die Verweigerung einer Neuorientierung. Der Rückzug auf alte, bereits überwunden geglaubte Positionen begründet jetzt auch die jüngste Repressionswelle gegen Frauen: Mit ihrem Wunsch nach Gleichberechtigung, so die offizielle Lesart, gefährden sie die nationale Sicherheit und werden wegen ungenügender, unzüchtiger Verschleierung verhaftet. Das gesellschaftlich bedingte Dilemma, in dem viele Frauen im Iran heute stecken, beschreibt neben Parinush Sani’i etwa Sepideh Schamlu in ihrem Erstlingsroman Als habest du Leila gesagt und Fariba Vafi in ihrem ersten Roman Mein Vogel. Die Titelheldin ihres zweiten Romans Tarlan will von zuhause weg, um Polizistin zu werden (oder umgekehrt). In Vafis drittem Roman Träume von Tibet mag sich Schiwa nicht damit abfinden, dass der Mann, den sie liebt, eine andere Frau heiraten wird.
Gewiss nimmt man mit mancher Lektüre auch gehörige Dosen an Schwermut auf. Etwa in Abbas Maroufis Symphonie der Toten oder in seiner Dunklen Seite, in der er an die Blinde Eule des großen Sadegh Hedayat anknüpft (die ihrerseits Elemente aus Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge aufgreift). Doch auch in ihrem Ausdruck tiefster Verzweiflung sind Sprache und Bilder so kraftvoll und überzeugend, dass man sie beeindruckt gewähren lässt. Gerade die junge Literatur bietet auch genügend Entschädigung durch Sprachwitz und (Galgen)Humor.

Wie sehen Sie den Trend zur Unterhaltungsliteratur?

Susanne Baghestani
Der unerwartete Erfolg des Romans Der Morgen der Trunkenheit von Fattaneh Haj Seyed Javadi (1996) mit über 100 000 verkauften Exemplaren hatte einen ungeheuren Aufschwung der Unterhaltungsliteratur zur Folge. Doch werden auch im Iran ausländische Bestseller, z.B. die Romane von Danielle Steel, bevorzugt. Auf jeden Fall ist auf dem iranischen Buchmarkt ein Trend zur „Normalisierung“ zu beobachten, es gibt inzwischen Literatur für jeden Geschmack.

Nasser Ghiasi
Ich empfinde den Trend als positiv. Leser finden Zugang zur Literatur und andererseits wird so der literarische Pluralismus gefördert.

Jutta Himmelreich
Es gibt im Iran, wie anderswo auch, literarisch weniger anspruchsvolle Werke. Und auch Bücher finden ihr Publikum, die sozusagen das Hawa-Prinzip (Hawa = Eva) bedienen, ‚Hausfrauengeschichten‘, die gesellschaftliche Konventionen festschreiben. Große Defizite bestehen vor allem aber im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur – was ja Methode haben könnte, um die heranwachsende Generation im Zaum zu halten. Mangels Angebot lesen junge Leute schon mal Dostojewski oder Margret Mitchell, wenn sie Harry Potter durch haben. Märchen und daran orientierte Kinderbücher gibt’s im Lande von Shahrzads Nachfahren zur Genüge. Leider erhebt sich hier zu oft der moralische Zeigefinger.
Wichtiger ist, dass bis heute die Poesie im Iran eine bedeutende Rolle spielt. Es finden sich weit mehr Menschen zusammen, um aus Versen von Rumi (1207–1273) Kraft fürs tägliche Leben zu tanken, als sich in Lesezirkeln über Romane oder Kurzgeschichten moderner Autoren auszutauschen, sagt Shahla Lahidji (Roshangaran and Women’s Studies), seit mehr als zwei Jahrzehnten engagierte Verlegerin. Auch als Protestmedium hat das Gedicht als Meisterstück in Sachen Mehrdeutigkeit an Bedeutung nie verloren, so Lahidji weiter. Wird der Literatur das offene Wort verwehrt, „...dann lässt sich Blöße ins Gewand der Lyrik kleiden.“ 

Wie präsentiert sich die persische Literatur im Ausland?

Susanne Baghestani
Die Verbreitung persischer Literatur im Ausland wird durch staatliche Zensurmaßnahmen erheblich behindert, ist aber auch durch die geringen Kapitalressourcen der iranischen Verlage stark eingeschränkt. Weitere Probleme bereitet die unzureichende Vertriebsstruktur, und zwar nicht nur im Inland. Angesichts des geringen Etats für Werbung, die für den europäischen und amerikanischen Markt außerdem zunächst ins Englische übersetzt werden muss, dringen nur wenige Informationen über Neuerscheinungen ins Ausland. Ein erfreulicher Ansatz zur Überwindung dieses Problems ist die CD-ROM mit der Buchpräsentation mehrerer Verlage, die der Roshangaran Verlag im Oktober 2006 auf der Frankfurter Buchmesse verteilte.

Nasser Ghiasi
Es wird heute im Iran viel darüber diskutiert, warum die iranische Literatur in der Welt nicht präsent ist. Dabei meint man mit der ‚Welt’ eigentlich nur den Westen. Manche glauben, der geringe Bekanntheitsgrad läge an der arabischen Schrift und der geringen Verbreitung des Persischen, andere schieben es auf die Themenwahl und Mängel bei der Umsetzung der Ideen, wieder andere behaupten, der eigentliche Grund sei das Desinteresse des Westens.

Jutta Himmelreich
Zuerst einmal die Gegenfrage: Ist uns die persische Literatur zu persisch? Ganz heimatlos ist die iranische Literatur im deutschsprachigen Raum nicht. Doch relativ geringe Verkaufszahlen und entsprechende Zurückhaltung auf Verlagsseite führen immer wieder zu der Frage, warum es diese Literatur auf dem deutschen Markt recht schwer hat. Buchvorschläge treffen auf Einwände wie ‚das Werk ist nicht literarisch genug‘ oder ‚wir suchen AutorInnen, die keine Eintagsfliegen bleiben‘. Iranische Verlage kommen nicht nur zum Erfahrungsaustausch ins Internationale Zentrum der Frankfurter Buchmesse, sie kommen auch, weil sie von der Qualität ihres Buchangebots überzeugt sind. Es gibt genügend Bücher, die das Zeug haben, dem durch die Medien gezeichneten Zerrbild vom Iran sehr viel genauere Konturen zu geben.

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Geschichten. Geschichten. Geschichten - Ein Blick auf den arabischen Roman von Hartmut Fähndrich

What does the novel? fragte einst der britische Literaturwissenschaftler E. M. Forster in seinen Aspects of the Novel und gab gleich die überschwängliche Antwort: Yes – oh dear yes – the novel tells a story. So einfach ist das! Und Geschichten gibt es viele zu erzählen, auch in der arabischen Welt. Dass der Roman, entgegen den Aussagen mancher Poeten und zahlreicher Orientalisten, dort inzwischen der Poesie den Rang abgelaufen hat, haben arabische Literaten durch ihr Schaffen während des letzten halben Jahrhunderts bewiesen – und manche auch mit Nachdruck konstatiert. Sogar die Verkaufszahlen zeigen es. Wir sind im „Zeitalter des Romans“, so das gängige Kürzel.Um dieser Bedeutung Rechnung zu tragen, haben verschiedene Personen und Institutionen während der letzten Jahre Romanpreise eingerichtet. Ein solcher ist der Internationale Preis für den Arabischen Roman, im Volksmund „Arabischer Booker“ genannt und Mitte März dieses Jahres anlässlich der Buchmesse in Abu Dhabi zum zweiten Mal vergeben. Den Volksmundnamen trägt er, weil die britische Booker-Organisation mitorganisiert, und genau das sorgte in der arabischen Welt sofort für einige mürrische Reaktionen. Ob man denn nicht einen eigenen Preisnamen habe? Ob man denn wieder etwas Westliches nachmachen müsse? Ob gar Europäer hinter den Entscheidungen stünden? Reaktionen, die einerseits verständlich sind, die andererseits aber auch blockieren.Denn die Absicht ist nicht nur, den (nach Meinung der Jury) besten arabischen Roman eines Jahres zu küren, sondern auch für diesen internationale Publizität zu suchen – etwas also, das arabischer Literatur im Westen bisher kaum zuteil wird. Hier, so hoffen nicht nur die Initiatoren, könnte der Name Booker, weil er europäischen und nordamerikanischen Journalisten und Verlegern schon bekannt ist, verbreitend wirken. Die Absicht des Preises sei es, so der Präsident der Booker-Organisation, Jonathan Taylor, sehr pointiert, aus einem guten Roman einen Bestseller zu machen, da es andersherum eben nicht geht. Doch von diesem Punkt sind wir noch weit entfernt.Das Auswahlprozedere ist so durchsichtig wie einfach, wenngleich nicht ganz einfach zu bewältigen. Vom Verwaltungsrat wird eine Jury bestimmt, die aus vier arabischen Mitgliedern und einem nichtarabischen Vertreter oder einer solchen Vertreterin besteht. Die arabischen Vertreter/innen stammen aus unterschiedlichen arabischen, die fünfte Person aus je wechselnden nichtarabischen Ländern. Sie alle bekommen die eingesandten Romane zugeschickt (letztes Jahr waren es etwas über 120), um sie zu lesen, zu betrachten, zu beurteilen.Der erste gemeinsame Schritt ist bei einer Zusammenkunft von zwei, drei Tagen die Zusammenstellung der „Longlist“, die aus 16 Titeln besteht und bei einer zweiten Sitzung einige Wochen später zu einer „Shortlist“ auf sechs Titel verkürzt wird. Die Autor/innen dieser Liste gelten alle als Preisträger, auch wenn aus ihrer Schar am Ende eine einzelne Person siegreich hervorgeht.

Sechs Geschichten
Sechs Romane, sechs erzählte Geschichten aus der arabischen Welt, werden jetzt also alljährlich ins Rampenlicht gerückt. Geschichten, die aufgrund ihres Inhalts, ihres Stils, ihrer Sprache, vielleicht auch ihrer Relevanz würdig sind/wären, auch von einem internationalen Lesepublikum zur Kenntnis genommen zu werden.

Auf der Shortlist für den Preis des Jahres 2009, die im Dezember 2008 bekannt gemacht wurde, stehen zwei Ägypter, eine Irakerin, ein Tunesier, ein Syrer und ein Jordanier (Palästinenser).

Die Geschichte vom Hunger
Der Ägypter Muhammad al-Bissati (*1937) ist ein Meister der kleinen Form. In Kurzgeschichten und seit längerer Zeit hauptsächlich in kurzen Romanen erzählt er vom Leben auf dem Land oder in der Kleinstadt in der ägyptischen Provinz. Es sind Romane, in denen die Figuren, bei aller Individualität, exemplarischen, fast gar mythischen Charakter besitzen. Sie stehen in einer dichten, intensiven Atmosphäre – Töne, Blicke, Gesten sind dabei wichtig, kurz angedeutet und oft mit einer Tendenz zum Kafkaesken. Seine Helden sind keine solchen, sondern Personen, die durch Misstrauen und Missverständnisse, durch falsche Fährten, Ignoranz oder gesellschaftliche Bedingungen gelenkt werden.

Hunger (auf Dt. Hunger, Lenos 2009, Übers. Hartmut Fähndrich), sein Roman auf der Shortlist, erzählt in karger Sprache von einer Familie – Vater, Mutter und zwei Söhne –, die ein weniger als karges Leben führt und doch immer wieder Sehnsüchte, Wünsche, Erwartungen zeigt: die Kinder nach etwas Essbarem, die Mutter nach einem sicheren familiären Leben, der Vater nach einer anderen Existenz jenseits der beengenden dörflichen Verhältnisse. Doch diese Verhältnisse erlauben eine Veränderung der Lebenssituation nur durch milde Gaben und lassen so die Hoffnung auf echte Veränderung immer mehr ersterben.

Die Geschichte der Palästinenser
Man kann Die Zeit der weißen Pferde, den umfangreichen Roman aus der Feder von Ibrahim Nasrallah, als Gegennarrativ zu all dem lesen, was uns anlässlich des 60. Geburtstags des Staates Israel an Erfolgsgeschichten vorgetragen wurde. Er schildert etwa 50 Jahre palästinensischer Geschichte und endet 1948 mit dem Abschied der Vertriebenen von ihrem Land an dem Punkt,  wo das israelische Narrativ den jubelnden Schlusspunkt in der Staatsgründung setzt.

Zuvor werden in drei großen Teilen drei verschiedene Epochen unter drei Begriffen zusammengefasst. Gott schuf das Pferd aus Wind und den Menschen aus Erde, so lautet eine alte arabische Weisheit, die Ibrahim Nasrallah erweitert: und die Häuser aus Menschen. Über drei Generationen hinweg verfolgt der Autor das Leben in einem palästinensischen Dorf. Der erste Teil, „Wind“, spielt noch in osmanischer Zeit, der zweite, „Erde“, während des britischen Mandats samt der sich intensivierenden zionistischen Kolonisation, während der dritte, „Menschen“, den Krieg zeigt, der in der Zerstörung und Vertreibung, dem großen Verlust kulminiert.

Ibrahim Nasrallahs Werk ist ein episches, in dem Geschichte und Mythos, das tägliche Leben und das tägliche Hoffen verarbeitet sind. Er stützt sich dabei auf persönliche Aussagen inzwischen meist verstorbener palästinensischer Vertriebener. Der an sich völlig selbständige Roman ist der sechste Band eines immensen Projekts, das der Autor „Palästinensische Komödie“ nennt und in dem er für das palästinensische Volk das zu tun unternahm, was Balzac mit seiner Comédie humaine für die Menschheit insgesamt geplant hatte.

Die Geschichte der irakischen Dolmetscherin
Inaam Katschatschi, die Autorin von Die amerikanische Enkelin, lebt seit langem in Paris. In ihrem Roman schreibt sie über eine besondere Art Heimkehr. Saina, inzwischen knapp 25 Jahre alt, ist als Dreizehnjährige mit ihrer Familie von Bagdad in die USA übergesiedelt. Nach 9/11 meldet sie sich, um ihre Sprachkenntnisse in den Dienst ihrer neuen Heimat zu stellen. Doch erst anderthalb Jahre später wird sie aufgeboten, um im Irak als Dolmetscherin zu arbeiten. Diesem Land gegenüber hegt sie noch immer Kindheitsgefühle. Außerdem lebt in Bagdad noch ihre Großmutter, die auch in einen emotionalen Konflikt gestürzt wird - den zwischen ihrer geliebten Enkelin und dem Feindesland, für das diese arbeitet. An zwei persönlichen Beziehungen erleben Leser die Zerrissenheiten der irakischen Gesellschaft. Es ist das Verhältnis zu zwei Brüdern, beide wenig älter als sie, der eine religiös gleichgültig, der andere Mitglied eine schiitischen Miliz. Die Großmutter stirbt, bevor die Enkelin nach fünf Jahren Dienst nach Amerika zurückgeht. Die amerikanische Enkelin ist damit auch ein Roman über Abschied(e).

Die Geschichte vom kreativen Übersetzer
Ebenfalls vom Übersetzen handelt der Roman des Syrers Fawwâs Haddâd, Der treulose Übersetzer, doch die Unterschiede könnten kaum größer sein. Der Übersetzer gerät durch seine speziellen „kreativen“ Vorstellungen von der Kunst des Hieronymus ins Gewebe politischer und ideologischer Intrigen der syrischen Gesellschaft. Das Buch ist eine unbarmherzige Abrechnung mit Opportunisten und Wendehälsen und gleichzeitig – und das begründet seinen enormen Umfang – eine höchst interessante und informative Darstellung der kulturellen Entwicklung dieser Gesellschaft samt ihrer Literatur während der letzten circa 50 Jahre.

Die Geschichte vom interkulturellen Paar
Habib Selmi, tunesischer Romancier, der seit vielen Jahren in Paris wohnt, nimmt in seinem Roman Der Duft von Marie Claire ein sehr altes arabischen Romanthema auf: den Kontakt, den Konflikt, die Konfrontation zwischen der arabischen Welt und dem Westen. Dieses Thema ist vielleicht DAS zentrale Thema arabischer Literatur, ist es doch auch zentrales Thema in der arabischen Gesellschaft und Politik. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Romanen lässt sich Habib Selmi auf keinerlei Urteile oder gar Verurteilungen ein. Was er beschreibt, ist eine einfache Liebesgeschichte in Paris, mit der üblichen Paarkonstellation, bestehend aus einem Araber und einer Französin. Und er exemplifiziert das Problem nicht an unterschiedlicher Ideologie, sondern an den Kleinigkeiten, ja, Intimitäten des täglichen Lebens. Hieran zeigt er sehr subtil, wie die anfängliche Faszination für den Anderen dem Gefühl der Unvereinbarkeit weichen kann. Schließlich geht man auseinander. Das Gemeinsame reicht nicht, trotz aller Sympathie, die die beiden füreinander hegen.

Die Geschichte vom oberägyptischen Mönch
Beelzebub heißt der zweite Träger des arabischen Booker-Preises. Sein Autor, Jussuf Saidan, ist Professor für islamische Philosophie und Leiter der Manuskriptabteilung an der Bibliothek von Alexandria. Es ist eine Geschichte vom Stoff, aus dem Romane sind, und es ist damit gleichzeitig eine Geschichte des Menschen an sich: zwischen Hoffnung, Liebe und Wissensdurst, zwischen Glaube und Verzweiflung. Es ist die Geschichte eines koptischen (christlichen) Oberägypters in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, also in vorislamischer Zeit. Der junge Mann trennt sich von seinem Geburtsort und reist nach Alexandria, in der Hoffnung, dort Medizin und Philosophie studieren zu können. Nahe am Ertrinken, gelobt er, sein Leben Jesus Christus zu widmen, weshalb eine Liebesbeziehung zu einem noch heidnischen Mädchen bald in die Brüche geht. Doch auch seine Zweifel an der neuen Religion wachsen, als er ihre Vertreter gewaltsam gegen Andersgläubige vorgehen sieht. Und dieser Zweifel, diese Fragen nach Gott und dem rechten Weg, die Auseinandersetzungen mit „seinem Beelzebub“ sind es, die seinen weiteren Weg bestimmen, der ihn nach Jerusalem und schließlich nach Aleppo führt. Dort schreibt er, kurz nachdem auf dem Konzil von Ephesus (431 n. Chr.) die Lehre des Nestorius verurteilt wird, seine Lebensgeschichte nieder – auf Aramäisch, so will es der Roman, dessen Erzähler den Text ins Arabische überträgt.

Noch mehr Geschichten
Jeder Roman eine Geschichte, jede Geschichte ein Blick auf die arabische Welt, eine Facette aus dem Leben und Denken südlich und östlich des Mittelmeers. Und das sind nur sechs. Es fehlt die Geschichte von der Dänin, die einer marokkanischen Kommunalverwaltung einen Baumsetzling stiftet für die romantische Zeit, die sie mit ihrem verstorbenen Ehemann einst in der Stadt verbringen durfte. Es fehlt die Geschichte vom Anschlag auf das ägyptische Konsulat im Sudan, in den die ägyptische Politik ebenso involviert ist wie islamistische Kreise. Es fehlt die Geschichte vom Oberhaupt einer Oase, dessen Herrscherkleid ihm geschwürartig an der Haut haftet, weil er die Macht mehr liebt als die Menschen, deren Hirte er sein sollte. Es fehlt die Geschichte des Jungen, der in einer libanesischen Familie als deren Sohn aufwächst und doch schon früh ahnt, dass mit seiner Herkunft etwas nicht in Ordnung ist, seinen wahren Ursprung aber erst Jahrzehnte später erfährt. Es fehlen so viele Geschichten, die alle über diese vielfältige Welt berichten, die eine reiche, bei uns leider fast gänzlich unbekannte Prosaliteratur hervorbringt.

Hartmut Fähndrich, renommierter Übersetzer aus dem Arabischen, ist
Mitglied der Jury des „arabischen Booker-Preises“. 
Für sein langjähriges Engagement als Vermittler für die arabische Literatur wurde er in Abu Dhabi selbst ausgezeichnet (siehe Preise, S. 42).

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Die Stimme der Verlorenen. Daniel Alarcón (Peru / USA)

Er gilt jetzt schon als einer der besten Nachwuchsschriftsteller überhaupt. Daniel Alarcón, 1977 in Lima, Peru geboren, lebt in den USA und ist bereits mehrfach für seine Kurzgeschichten ausgezeichnet worden. Gerade hat er seinen ersten Roman vorgelegt. Lost City Radio ist in diesem Herbst auch auf Deutsch bei Wagenbach erschienen (Übers. Friederike Meltendorf). Andreas M. Widmann hat sich mit dem jungen Autor eingehend beschäftigt. 

Aus den LiteraturNachrichten Nr. 98 »»

Anfang dieses Jahres, als die Redakteure von Etiqueta Negra in Lima die Internetseite ihrer Zeitschrift erneuerten, brach das Computersystem zusammen und das Team stand buchstäblich vor der virtuellen Obdachlosigkeit. In dieser Notlage erboten sich die Herausgeber von n+1, des New Yorker Magazins um den Schriftsteller Benjamin Kunkel, den Kollegen Platz auf ihrer eigenen Homepage einzuräumen. Mehrere Monate lang waren die Beiträge von Etiqueta Negra bei n+1 zu lesen, häufig in zwei Sprachen, denn Leser waren aufgerufen, die spanischen Beiträge ins Englische zu übersetzen. Diese ungewöhnliche Lösung, die gleichzeitig eine neue publizistische Brücke zwischen US- und lateinamerikanischem, zwischen englischem und spanischem Sprach- und Kulturraum schuf, ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie beispielhaft die Arbeit einer jungen Generation von Autoren kennzeichnet, für die der Prozess der Globalisierung nicht nur die Kategorien eines kulturellen Entweder-oder zugunsten eines Sowohl-als-auch aufgelöst hat, sondern für die dieses Selbstverständnis, dank Internet, auch praktisch keinen Widerspruch mehr bedeutet. Eine ihrer markantesten literarischen Stimmen ist die von Etiqueta Negra-Redakteur Daniel Alarcón. Geboren in Peru, wuchs er in Birmingham, Alabama auf, studierte in New York und in Ghana, erwarb einen Abschluss in Anthropologie und ein Degree des renommierten Iowa Writer’s Workshop, arbeitete anschließend in Lima und zog zuletzt nach Kalifornien. Alarcóns Erzählungen und Essays sind unter anderem in The New Yorker, Harper’s Magazine und The Virginia Quarterly erschienen und für sein Romandebüt Lost City Radio wurde er 2007 sowohl von der Zeitschrift Granta zu einem der 21 besten „Young American Novelists“ gekürt, als auch in Kolumbien zu einem der 39 wichtigsten unter-39-jährigen lateinamerikanischen Romanautoren. Selbst wenn für dergleichen noch kein Wort existiere, sei es kein Gegensatz, zugleich Amerikaner und Peruaner zu sein, sagt er. Dass er vorwiegend auf Englisch schreibt, habe damit zu tun, dass in dieser Sprache sein Wortschatz größer ist als im Spanischen.
Schon seine erste Kurzgeschichte, die 2003 im New Yorker erschien, lässt erkennen, welche Themen und literarischen Gestaltungsmittel für Alarcóns Prosa charakteristisch sind. City of Clowns erzählt aus der Sicht eines jungen Mannes vom Doppelleben seines Vaters als Handwerker und Einbrecher, von seiner eigenen Kindheit und Jugend und davon, wie derselbe junge Mann als Journalist eine Gruppe von Straßenclowns durch Lima begleitet. Die Gegenwart Perus, die sich symbolisch in den Gestalten dieser komisch-traurigen Überlebenskünstler widerspiegelt, prägt auch Alarcóns Kurzgeschichtenband War by Candlelight (Harper Collins 2005). Es sind in einer klaren, präzisen Sprache verfasste Erzählungen, die souverän zwischen mehreren Zeitebenen hin und her springen. Wie Jonathan Safran Foer, Nicole Krauss oder Zadie Smith gehört Daniel Alarcón einer Generation an, die nicht nur mit dem Internet, sondern auch mit Filmen von Quentin Tarantino und Alejandro González Iñárittu aufgewachsen ist – ein Echo von dessen Amores Perros ist in Alarcóns Erzählung Lima, Peru, July 28, 1979 vernehmbar, in der die Hauptfigur Jagd auf die Straßenhunde von Lima macht – und der antilineare Erzählweisen zu selbstverständlich sind, als dass sie eigens als avantgardistisch ausgestellt werden müssten. Auch in Lost City Radio sind Anfang, Mitte und Ende nicht chronologisch angeordnet, sondern ineinander geschachtelt, und so entwickelt sich die Geschichte mosaikartig und aus verschiedenen Blickwinkeln. Perspektiven, Orts- und Zeitebenen vermischen sich oft übergangslos, doch die avancierte Komposition verdrängt nie das, was erzählt wird: In einem namenlosen Staat liest die Moderatorin Norma in ihrer Radiosendung jede Woche die Namen von Vermissten eines Bürgerkriegs vor und wartet auf Anrufe, die über deren Verbleib Aufklärung geben können, so wie sie selbst seit zehn Jahren auf Nachrichten von ihrem verschollenen Ehemann Rey wartet. Wie die Lebenswege, die sich kreuzen, sind die Biographien und Erlebnisse von Rey, dem Waisen Victor aus dem Dschungel und seinem Lehrer Manau, der ihn in die Stadt bringt, mit Normas Geschichte verflochten.
Alarcón hat die individuellen Schicksale seiner Figuren dabei durchaus exemplarisch angelegt, gleiches gilt für den Schauplatz. Diese „Nation am Ende der Welt“ hat mit dem für Lateinamerika symptomatischen Kulturkontrast von Stadt und Land zu kämpfen und die Menschen sind sich nicht einig, wo die Seele des Landes liegt – die einen sagen da, die anderen dort, heißt es einmal. Das Land hat ein Jahrzehnt terroristischer Gewalt und staatlicher Gegengewalt erlebt und versucht nun „zu vergessen, dass es je einen Krieg gegeben hatte.“ Im Roman heißt die Terrororganisation nicht etwa Sendero Luminoso, sondern IL, ihre Praktiken sind aber vergleichbar. Die Mittel, mit denen eine hilflose Regierung der Lage Herr zu werden versucht, sind ebenfalls einschlägig: Willkürliche Verhaftungen, Straflager und Folter, Denunziantentum und ein Militär, das sich zu einem Staat im Staate auswächst. Selbst für die Beteiligten ist der Krieg „kein Konflikt zwischen klar zu definierenden Gegnern“, sondern eine undurchschaubare Folge von Attentaten und staatlicher Repression, in der sich zeigt, dass es weniger politische Überzeugungen als menschliche Antriebe und Schwächen sind, die zur Bedingung und Ursache einer unmenschlichen Dynamik werden. Nachdem der Konflikt offiziell für beendet erklärt worden ist, hat die Regierung die indigenen Sprachen verboten und die traditionellen Ortsnamen durch vierstellige Ziffern ersetzt. Hieraus wird verständlich, warum einige amerikanische Rezensenten bei Erscheinen des Romans Anlass gesehen haben, Vergleiche zu den düsteren Gesellschaftsbildern Aldous Huxleys und George Orwells zu ziehen, mit denen Alarcóns Roman auch die parabelartige Qualität gemeinsam hat.
Das, wovon er erzählt, hat Alarcón im Interview betont, könne sich überall zutragen. Dennoch erinnert vieles an das Land, in dem er geboren wurde, und seine Erfahrungen in Peru lieferten den Anlass für den Roman. Auch in seinen Essays hat er über die gesellschaftliche und politische Lebenswirklichkeit des südamerikanischen Kontinents geschrieben. The Very Edge of the World heißt einer, der im vergangenen Jahr erschienen ist, und auch darin spürt Alarcón dem Symbolischen im Detail nach: Er begleitete den Archäologen Guillermo Cock zu einer Ausgrabungsstätte und berichtet über einen Fund, der weltweit Schlagzeilen machte. Am Stadtrand von Lima stieß Cock auf einen Schädel, der ein Einschussloch aufwies. Zunächst ging Cock davon aus, ein Querschläger habe in diesem sozial prekären Viertel einen alten Schädel getroffen. Anschließend dachte er an ein Opfer des Bürgerkriegs, doch am Ende ergab sich ein nicht minder trauriger Befund: Ein alter Schädel und eine alte, spanische Musketenkugel, „the first confirmed gunshot victim of the Americas“ und ein historisches Zeugnis, in dem für Alarcón die gewaltvolle Vergangenheit als Vorgeschichte der Gegenwart sinnfällig wird. Dass auch im Fall Lost City Radio eine journalistische Arbeit dem literarischen Text vorausging, sei ganz natürlich, da er selten über sich selbst schreibe und auf diese Weise Material sammle, so Alarcón. Am Anfang stand eine Recherche in der eigenen Familiengeschichte. Auf der Suche nach Bekannten und Freunden seines Onkels Javier, der wie Tausende andere während des Bürgerkriegs „verschwand“ und dem der Roman gewidmet ist, reiste Alarcón 1999 nach Peru und sprach mit Menschen, die den Verschollenen gekannt haben. Damals hörte er im Radio die Sendung Buscapersonas, die ihre Entsprechung im Roman gefunden hat und in der das Wesen dieser Gesellschaft von Verlorenen sinnfällig zu werden scheint. „Manche Menschen rufen jeden Sonntag an. Ich erkenne mittlerweile ihre Stimmen. Sie tun so, als wären sie die Person, die der vorige Anrufer gesucht hat“ sagt Norma einmal. „Je länger die Sendung läuft, desto mehr verstehe ich sie. Da draußen gibt es Menschen, die denken, dass sie zu jemandem gehören. Zu einer Person, die, warum auch immer, weg ist. Sie warten Jahre: Sie suchen nicht ihre Vermissten, sie sind die Vermissten.“

Von Andreas Martin Widmann

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Mohammed Hanif (Pakistan): Plädoyer für den klaren Blick

Eine Kiste explodierender Mangos (Übers. Ursula Gräfe), so der deutsche Titel des im Frühjahr 2009 im Münchner A1 Verla erschienenen Debütromans von Mohammed Hanif, der schon gleich 2008 für den Man Booker Prize nominiert wurde und auch hierzulande viel Lob und Aufmerksamkeit bekommen hat. Thomas Wörtche hat sich mit der spannenden Geschichte intensiv beschäftigt.

Ach, wehrte sich Mohammed Hanif in einem Interview, das sei ja alles „lächerlich generös“, all die artigen Komplimente und die Vergleiche mit Joseph Heller, Gabriel García Márquez und John le Carré. Drunter wollte man es nämlich nicht tun, bei dem Erstlingsroman des pakistanischen Ex-Militärs und Journalisten Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos.
Zwei Dinge sprechen dabei deutlich für diesen Autor: Dass er diese Vergleichsgrößen relativ unkokett von sich weist. Und zweitens, dass diese big names durchaus zu Recht ins Feld geführt werden, wenn von Hanifs erstem großen Roman die Rede ist. Denn Eine Kiste explodierender Mangos ist in der Tat eine gelunge Melange aus Militärsatire, lateinamerikanischem Generalsroman und Polit-Thriller: das Ende des Generals Zia-ul-Haq, des Botschafters der USA in Pakistan und anderer Schätzchen aus der Nomenklatura der damaligen Militärdiktatur, die allesamt mit dem Flugzeug des Generals mit dem berühmten Schnurrbart, der „PAK One“, am 17. August 1988 vom Himmel fielen, inszeniert als Groteske, Verschwörungsstück, als fröhlicher Paranoia-Roman. Ob das Flugzeug einfach einem Unglück zum Opfer fiel, ob es tatsächlich ein Attentat gab, wer womöglich hinter einem solchen Attentat hätte stecken können – aufgeklärt wurde die Absturzursache nie so richtig. Und schon gar nicht schien man allzu erpicht darauf gewesen zu sein, allzu gründlich und allzu tief zu graben. Und selbst wenn – „Glauben Sie wirklich“, fragte Mohammed Hanif einen Interviewer, „Geheimdienste hätten Gewölbe, in denen die Wahrheit lagert? Die haben Papierschredder …!“ Diesen Umstand macht er sich zunutze und baut verschiedene Szenarios auf, nur um sich für keines wirklich zu entscheiden. Gründe genug, Zia-ul-Haq umzubringen, hatten wahrlich genug Leute und Interessengruppen. Schließlich hatte er Zulfika Ali Bhutto, seinen Vorgänger als Staatspräsident Pakistans, aus dem Amt geputscht und ihn später hinrichten lassen – verschärftem internationalen Protest zum Trotz. Eine allmählich immer radikaler werdende Fundamental-Islamisierung des Landes, inklusive der allmählichen Etablierung der Sharia, konnte er im Windschatten des Afghanistan-Krieges gegen die sowjetische Besatzung beruhigt riskieren. Die USA, vor allem die CIA, tolerierten bekanntlich jede Torheit, wenn sie nur einen antisowjetischen Kurzzeiteffekt versprach. Dass der junge Osama Bin Laden hier im Roman als Bauunternehmer auf der Unabhängigkeitstags-Party der amerikanischen Botschaft als nicht weiter interessanter Durchschnittsgast auftaucht, ist nicht nur ein netter, aktualistischer Gag, sondern macht aus dem historischen Roman ein Lehrstück in Realpolitik, das man durchaus in macchiavellistischen Kategorien lesen kann. Denn zu den potentiellen Attentätern auf den Diktator gehört seine eigene Camarilla, sein eigener Geheimdienstchef, seine eigenen Militärs, seine haus- und landeseigene Opposition. Von den Spielchen der beiden damaligen Hegemonialmächte braucht dann schon gar nicht mehr die Rede zu sein. Fundamental-Islamismus erscheint durch diesen Kunstgriff als weniger substantielle denn als machtpolitische Option. Und dass einer der potentiellen Attentäter (und eine der Hauptpersonen des Romans), der Luftwaffensoldat Ali Shigri in prekärer Eintracht mit seinem Geliebten Obaid-ul-la Folterungen erträgt und sie sich wechselseitig verraten können, ohne sich letztendlich wirklich zu verraten, zieht dem Roman noch eine weitere „zwischenmenschliche“ Dimension ein, als man es von einer reinen Politsatire erwarten durfte.

Vermutlich ist es nicht ganz zufällig, dass Mohammed Hanif in einem ersten, anderen Leben Offizier in der pakistanischen Luftwaffe war, ähnlich wie sein algerischer Kollege Mohammed Moulessehoul Oberst in der algerischen Armee war, bevor er unter dem Pseudonym Yasmina Khadra begann, grandiose, groteske roman noirs aus dem Wahnsinn seines Heimatlandes mit weltweitem Echo zu schreiben. So erscheint auch bei Hanif das Militär als Bastion säkularen Denkens, das allerdings diese Säkularität mit Repression und Terror gegen religiöse und funktionalisiert religiöse Gegenströmungen exekutieren muss. Ein „Mullah General“ sagte Hanif denn auch zu Recht, sei eigentlich nur in einem Bollywood-Film vorstellbar. Was wieder unterstreicht, dass er auch den „Fundamentalismus“ von Zia-ul-Haq zweckrational und höchstens in der Karikatur als „echt religiös“ begreift. Seinen geistigen Beistand holt sich der General bei einem Islamgelehrten, der in einem Luxusappartement in Mekka sitzt und eine Art Consulting für Koranauslegungen betreibt.

Das wiederum kann uns aktuell nur helfen, Pakistan nicht als obskure, angstbesetze und quasi-mythische Fundamentalisten-, Taliban- und Terrorhöhle zu begreifen, sondern in politischen Parametern zu sehen. Und die sind, trotz allem, veränderbar.

Hanifs eigene Biographie zeigt das – nach seiner Air Force-Zeit wurde er Journalist, zog mit seiner Familie nach London, leitete dort unter anderem den „Urdu Service“ der BBC, schrieb für den Guardian und die New York Times, war Drehbuch- und Theaterautor, und kehrte 2008 in das Pakistan nach Pervez Musharraf zurück, das vielen Beobachtern noch prekärer, noch instabiler und noch intoleranter „westlichen“ Einflüssen gegenüber zu sein scheint. Heute wohnt er wieder in Karatschi und arbeitet als Korrespondent für die BBC. In einem Artikel für den Guardian amüsierte er sich jüngst über die Probleme, die entstehen, wenn man in einer Gegend mit vielen Stromausfällen lebt. Er kommt zu dem beruhigenden Schluss, dass er als Kerl damit besser fertig wird als die Ladys, die ohne Föhn und Trockenhaube zurechtkommen müssen. Auch dies ein Statement für den kühlen Blick auf die Realität.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Weder ist Eine Kiste explodierender Mangos ein Roman des „appeasements“ gegenüber fundamentalistischen Totalitarismen, noch steht Hanif selbst für eine solche, dem Westen gegenüber beschwichtigende Position. „Alles-halb-so-schlimm“ ist nicht von ihm zu haben, wohl aber ein Plädoyer für den klaren Blick auf die realen Konstellationen in einem Land, das – wie sein Nachbar Indien – immerhin Atommacht ist. Und wenn dieser Blick deutlich wird über den Umweg einer historischen Polit-Satire mit hohem Unterhaltungswert, umso besser. Komik eröffnet, wie immer in der Geschichte der Ästhetik, den relativierenden Zugang zu den Dingen, ohne dem Zwang einer Gegenbildlichkeit zu verfallen. So wie Hanifs Zia-ul-Haq den Koran als Orakel nutzt, sexuelle Probleme hat und mit sehr unspirituell unappetitlichen Dingen befasst ist und undeutlich hinter seinen Facetten verschwindet, so muss auch Hanifs Einschätzung der Lage Pakistans zwischen Iran, Afghanistan, China und Indien keinen Gegenentwurf zu den Komplexitäten von dort und heute anbieten.

Außerdem macht Hanif, auch durch die Leichtfüßigkeit und Eleganz seiner Prosa, auf eine pakistanische Literatur aufmerksam, die lange Zeit durch die gewaltigen indischen Schatten (Salman Rushdie, Vikram Seth, Arundhati Roy etc.) im relativen Dunkel der internationalen Aufmerksamkeit stand. Eine pakistanische Literatur zudem, die auf der Höhe der Zeit spielt, ohne deswegen zu den Belanglosigkeiten einer „globalen Postpost-Moderne“ zu gehören. Zu Mohsin Hamid, Nadeem Aslam oder Kamila Shamsie hat sich Hanif mit seiner Variante gesellt, die – so eklektizistisch sie mit westlichen Paradigmen umgeht – einen ganz eigenen Touch und vor allem einen sehr schönen und tödlich genauen Witz zu bieten hat.

Thomas Wörtche ist freier Kulturjournalist, Kritiker und war langjähriger Herausgeber und Begründer der Reihe „metro“ im Unionsverlag. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Das Buch ist einer der vier Titel des Anderen Literaturklubs und wurde auf Platz 1 der litprom-Bestenliste Weltempfänger III/2009 gewählt. Dieses Porträt liegt auch als PDF zum Download vor »»

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Der Fluch des Realismus – Tagung über chinesische Literatur

„Große Teile der chinesischen Gegenwartsliteratur haben sich bis heute nicht von dem ererbten Fluch des Realismus befreit.“ Mit dieser provokanten These eröffnete der Bonner Sinologe Thomas Zimmer die Tagung „China im Kopf – China in der Literatur“, zu der litprom gemeinsam mit der Ev. Akademie Villigst und der Büchereifachstelle der Ev. Kirche Westfalen eingeladen hatte. Die rund 50 Teilnehmer - Autoren, Übersetzer, Wissenschaftler, Lektoren sowie China-Interessierte – suchten den Austausch ohne Skandal und Beschönigung. Andrea Pollmeier war dabei.

Schritt für Schritt entwickelte sich ein differenziertes Bild vom Literaturland China: Prof. Zimmer, bis März Vizedirektor des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs der Tongji-Universität Shanghai, sprach in seinem Impulsreferat über die Langzeit-Wirkung des 1949 in der VR China eingeführten marxistisch-leninistischen Literaturmodells. Die drei Jahrzehnte, in denen sich Literatur fest im Griff der Propaganda befand, wirkten, so Zimmer, bis heute nach. Es gebe noch immer „eine nicht öffentlich genannte, aber doch spürbare Auseinandersetzung der heutigen Literatur mit dem Phänomen der staatlichen Lenkung des Literaturbetriebs“. Kurz: Die Schere im Kopf von Autoren arbeitet weiter. Dies zeige sich beispielsweise noch in der Sujetwahl. Vielen Werken fehle es an Innerlichkeit und Spiritualität. Auch suchten sogar renommierte Autoren weiterhin die Nähe zum Staat, „verkaderten“ sich in Gremien wie dem Chinesischen Schriftstellerverband. Junge Autoren zeigten einen starken Hang zur Kommerzialisierung, dies gelte besonders für die schnell wachsende „Web-Literatur“.
Nach dieser skeptischen Einführung fühlte sich sogar Professor Wolfgang Kubin noch in seiner früher geäußerten Kritik übertroffen.* Kubin, der als „Papst“ der aktuellen deutschen Sinologie gilt und auch in China höchste Anerkennung erzielt hat, ist zugleich bekannt für seine strenge Kritik an den Romanen, die nach 1949 in der VR China entstanden sind.
Doch der „Fluch des Realismus“ zeigte in Villigst, literarisch gesehen, auch eine segensreiche Seite. Sichtbar wurde sie zum Beispiel in den Werken der Autorin Luo Lingyuan. Die 1963 in Südchina geborene Autorin lebt seit 1990 in Deutschland. Hier ist es ihr möglich, über vergangene traumatische Erlebnisse zu schreiben. In ihrem Erzählband Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock (dtv 2005) greift sie das Thema „Menschenhandel“ auf. Sie beschreibt ein junges Mädchen, das vom Land in die Stadt kommt und dort von einer alten Verkäuferin betäubt, in einen Sack gesteckt und verkauft wird: „Als Bai das nächste Mal aufwacht, spürt sie unter sich eine glatte, kalte Fläche (…) Dann hört sie eine Tür aufgehen, und ein Mann sagt: ‚Warte, ich muss sie noch anschauen!’ Eine andere männliche Stimme antwortet: ‚Du wirst zufrieden sein. Ein ganz zarter Bambusspross. (…) ‚Zünd’ schon mal das Feuer zwischen deinen Beinen an und wärm’ deine Blume auf!’“ 
Aus geographischer Distanz und in deutscher Sprache schildert Luo Lingyuan Momente seelischer Kälte und Grausamkeit. „Ich musste mich von diesen Bildern frei schreiben“, erzählte die Autorin in Villigst. Ihr Werk folgt dem „Fluch des Realismus“ auf eigene überzeugende Weise. Das Leben in China hat die sympathisch-zurückhaltende Autorin für soziale Themen sensibilisiert. Hier hat sie, so der Sinologe Marc Hermann in seiner Einführung, beobachtet, wie Menschen durch Erlebnisse in der Kulturrevolution seelisch verhärtet waren, Eltern ein Mädchen zu Tode prügeln. Luo Lingyuan erzählt von Zuständen der Ungerechtigkeit, Frauenfeindlichkeit und seelischen Kälte. 2007 wurde die heute in Berlin lebende Autorin mit dem Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet.
Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Autoren in China eine literarische Randexistenz führen. Wer im Ausland lebt und in einer fremden Sprache schreibt, hat es – so Wolfgang Kubin – doppelt schwer, sich in der Literaturgeschichte einen Platz zu erobern. Weder in der eigenen Heimat noch im Gastland zählen die Texte zum literarischen Kanon. Das gilt in China, so Kubin, auch für Literatur, die in Taiwan oder Hongkong entstanden ist. Ein herausragender Repräsentant dieser Literaturszene, der Autor Leung Ping-kwan, war eigens aus Hongkong zur Tagung gereist.
In weich tönender kantonesischer Sprache, die nicht nur vier, sondern acht verschiedene Tonhöhen anwendet, trug Leung Ping-kwan seine Gedichte vor. Das Werk des 1949 in Hongkong geborenen Autors spiegelt eindrucksvoll die Besonderheit der dort entstandenen Dichtung wider. Autoren, die nach der Gründung der VR China hierher zogen, hatten die Möglichkeit, weiterhin an die große Literaturtradition des Reichs der Mitte anzuknüpfen. Autoren, die in der Volksrepublik drei Jahrzehnte lang verpönt waren, blieben hier für den literarischen Diskurs prägend. Doch nicht nur die eigene Tradition ist diesen Autoren präsent, auch der Kontakt zum Rest der Welt blieb bestehen. Leungs Werk ist geprägt von Auseinandersetzungen mit südamerikanischen Autoren und postmoderner westlicher Literatur. Gedichte wie Liebe in Zeiten von Sars sowie die Textsammlung Von Politik und den Früchten des Feldes (DAAD Berliner Künstlerprogramm 2000, Übers. Wolfgang Kubin; vergr.) zeigen die subtile sprachliche Kraft, mit der Leung Ping-kwan alltäglich gegenwärtige Themen in sein Werk einbindet.
Aber auch ein Repräsentant der Autoren, die in der VR China aufgewachsen sind und innerhalb des Landes ihren literarischen Weg entwickelt haben, war Gast der litprom-Tagung. Li Er wurde 1966 in der Provinz Henan geboren und 2004 mit dem „Großen Medienpreis für chinesischsprachige Literatur“ ausgezeichnet. In seinem Roman Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt (dtv 2007, Übers. Thekla Chabbi) beschreibt der Autor das Leben einer Dorfbürgermeisterin seiner Heimatprovinz. In anschaulichen Episoden behandelt der Autor vielschichtige Themen des Dorfalltags. Konflikte, die sich beispielsweise aus Ein-Kind-Politik, Umweltverschmutzung, Kadermentalität und Öffnungspolitik ergeben, werden aus nächster Nähe sichtbar. Rechtzeitig zum Ehrengastauftritt Chinas auf der Frankfurter Buchmesse erscheint bei Klett-Cotta von Li Er der Roman Koloratur (Übers. Thekla Chabbi) Diesen Titel, erzählt Li Er, habe ein Literaturkritiker in China als im „kapitalistischen Stil“ geschrieben bezeichnet. Gemeint sei, dass er wie ein Krimi wirke, ein Genre, das es in der chinesischen Literatur bis heute so nicht gebe.
Die Lektorin und Literaturvermittlerin Alice Grünfelder richtet ihren Blick bevorzugt auf die „Literatur von unten“, in denen beispielsweise Leichenwäscher, Wanderarbeiter und Prostituierte die Hauptrolle spielen. In ihrer Präsentation folgte sie dem Buch Red Dust des Autors Ma Jian (SchirmerGraf Verlag 2009, Übers. Barbara Heller), der China aus der Perspektive geographischer und gesellschaftlicher Randzonen beschreibt. Je nach durchstreifter Region werden auch Bezüge zu renommierten Autoren hergestellt. So gerieten nicht nur der Bestseller über die Innere Mongolei von Jiang Rong Zorn der Wölfe (Goldmann Verlag 2008, Übers. Karin Hasselblatt) in den Blick, sondern auch die fiktionalisierten Geschichten des Autors Yang Xianhui. Der heute in Tianjin lebende Autor hat Gespräche mit Überlebenden aus Umerziehungslagern in Gansu geführt, in denen Rechtsabweichler verhungert sind. Bis zum Herbst sollen die Texte, die auch kritische Sinologen wie Thomas Zimmer zu den eindrucksvollsten Beispielen der chinesischen Gegenwartsliteratur zählen, im Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erscheinen.
Die literarische Reise führt nicht nur in bekannte Problemgebiete der Minderheiten, sondern auch in die Provinz Yunnan. Der Süden Chinas sei, so Alice Grünfelder, das „Refugium für kritische Stimmen“. Hier gebe es kleine Verlage, die der kritischen Literatur eine Chance geben. Diese Texte blieben jedoch im Blickschatten der Öffentlichkeit und werden auch von westlichen Sinologen nicht wahrgenommen.
Nur wenigen Autoren, so das Resümee der Tagung,  gelingt die Quadratur des Kreises, indem sie literarische Qualität, kritische Inhalte und anerkannte innerchinesische Präsenz zugleich erreichen. Einem Autor, dessen Name auch auf der Tagung öfter fiel, ist dies beispielhaft gelungen: Mo Yan, der mit seinem 1987 erschienenen Roman Das rote Kornfeld (Unionsverlag 1997, Übers. Peter Weber-Schäfer) weltberühmt wurde und für sein jüngstes Werk Der Überdruss (HorlemannVerlag 2009, Übers. Martina Hasse) den wichtigsten chinesischen Literaturpreis erhalten hat. Die Gespräche in Villigst haben einige Autoren mehr an seine Seite gerückt.

Andrea Pollmeier-Roumer ist freie Kulturjournalistin. Sie arbeitet und lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main.

*siehe auch sein Artikel „Verliebte Eunuchen“ in LiteraturNachrichten 98


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