Das Leben, ein Missverständnis

Edney Silvestre [Brasilien]: Der stumme Zeuge (Kriminalroman, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Kirsten Brandt, Limes Verlag 2016)

Das Leben ist ein einziges Missverständnis. Das war einer meiner Gedanken nach der Lektüre dieses meisterhaften Kriminalromans aus Brasilien. Edney Silvestre erzählt in Der stumme Zeuge von einer Entführung, mit der ein Medienmogul, der nah dran ist an den Reichen und Mächtigen dieser durch und durch korrupten Gesellschaft, erpresst werden soll. Schon bald stellt sich heraus, dass es sich um eine fatale Verwechslung handelt, die Entführer haben den Sohn der Hausangestellten in ihrer Gewalt. Das bringt nicht nur die Gauner in Bedrängnis, sondern auch die Ehefrau des Erpressten und Mutter des Kindes, das eigentlich gemeint war. Das ehemalige Callgirl, schön, aber nicht gerade gebildet, total abhängig vom Macho-Ehemann, zeigt sich allerdings in der Lage zu handeln. Mehr sei hier nicht verraten. Es ist Spannung pur, neben einer guten Geschichte werden auf knappem Raum Brasiliens Probleme benannt. Interessant gerade jetzt, nach Olympia, und während des Amtsenthebungsverfahrens gegen die Präsidentin des Landes. Ob das auch nur ein Missverständnis ist?

Anita Djafari


Auf der Suche

Bachtyar Ali [Irak]: Der letzte Granatapfel (aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim, Unionsverlag 2016)

Nach 21 Jahren Gefangenschaft in der Unendlichkeit von Sand und Sternenhimmel macht sich Muzafari Subhdam auf die Suche nach seinem Sohn Saryasi. Auf dessen Spuren durch ein vom Bürgerkrieg geprägtes Land trifft er auf beinahe magisch anmutende Personen: Mohamadi Glasherz etwa, der junge Mann, der die Geheimnisse um sich herum nicht ertragen kann und schließlich an gebrochenem Herzen stirbt. Oder die weißen Schwestern Laulawi und Schadaryai Spi, die sich geschworen haben, nie zu heiraten, nie ohne einander zu singen, sich nie wieder die Haare zu schneiden und immer nur weiße Kleidung zu tragen. Und bald schon stellt Muzafari Subhdam fest, dass es mehr als einen Saryasi gibt.
Schon lange hat mich kein Buch mehr so sehr in seinen Bann geschlagen wie Der letzte Granatapfel, was neben der Geschichte auch an der sehr poetischen Sprache lag. Es ist das erste auf Deutsch erschienene Buch des kurdischen Schriftstellers Bachtyar Ali und ich hoffe sehr, dass noch viele weitere folgen.

Sophie Bauer

Der Roman belegt aktuell Platz 1 der “Bestenliste Weltempfänger Nr. 32.


Von der Leichtigkeit der Liebe und anderen Schwierigkeiten

Kazuki Kaneshiro [Japan]: Go! (aus dem Japanischen von Nora Bierich, Cass Verlag 2016)

Kulturelle Ausgrenzung und Identitätssuche, Zugehörigkeit und Anerkennung und die Frage nach der Heimat – es sind schwierige Themen, die Kaneshiro in diesem Roman in eine leichte Liebesgeschichte verpackt. Der Protagonist, ein Raufbold mit intellektuellen Fähigkeiten, schlägt sich nicht nur physisch mit seinem Vater, einem ehemaligen Profi-Boxer und Nordkoreaner, der die südkoreanische Staatsbürgerschaft annimmt, damit er nach Hawaii fahren darf, sondern auch mit seinem eigenen Schicksal als Exil-Koreaner in Japan. Er befindet sich seit Geburt in diesem Land, dessen Sprache er spricht und dessen Kultur er kennt, das aber nicht seine Heimat sein darf – weder von der japanischen Seite noch von der koreanischen. Gefangen in diesen engen Grenzen eines politisch aufgeladenen und fixierten Geschichtsverhältnisses bricht die Liebe zu einem japanischen Mädchen diese nur scheinbar. Für mich ist das Buch eine leichte Abhandlung über schwierige Themen – und gerade deswegen zu empfehlen.

Joscha Hekele


Autor, Protagonist, Leser: der große Augenblick des Rodrigo S.M.

Clarice Lispector [Brasilien]: Der große Augenblick (aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, Schöffling Verlag 2016)

Lesen ist, genau wie Schreiben, ein produktiver Prozess – keine zwei Leser eines Buchs sehen es mit denselben Augen. Was aber, wenn der Erzähler eines Textes zugleich auch sein fiktiver Autor ist und im Laufe der Geschichte selbst erst den Lauf der Geschichte zu bestimmen scheint – und somit also auch Leser des Geschehens ist? So verhält es sich in Clarice Lispectors Roman Der große Augenblick, der uns mit dem schwierigen Prozess konfrontiert, den der Autor Rodrigo S.M. durchläuft, als er versucht, die Geschichte von Macabéa zu erzählen, einem armen Mädchen, das nicht zu verstehen scheint, wie unglücklich es eigentlich sein müsste. Zunehmend unklarer wird die Erzählhaltung. Ist er sich am Anfang nicht einmal sicher was ihren Namen betrifft, so scheint er später mit ihr zu verschmelzen: „Ich sehe die Frau […], die sich im Spiegel betrachtet, und […] im Spiegel erscheint mein Gesicht […].“
Wie die Geschichte endet, verrate ich nicht – nur so viel, die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall!

Raffael Weger


Auf dem Amt

Shumona Sinha [Indien/Frankreich]: Erschlagt die Armen (aus dem Französischen von Lena Müller, Edition Nautilus 2015)

Dieses Buch ist gesellschaftspolitisch top aktuell! Denn Shumona Sinha lässt ihre Erzählerin, Dolmetscherin in einer Pariser Asylbehörde, einem Asylbewerber eine Weinflasche über den Kopf ziehen. Was war der Auslöser? War es die Ähnlichkeit ihrer beider Hautfarben, die sie an ihren eigenen Kampf um gesellschaftliche Integration als Migrantin erinnerte? Oder eine als unerträglich empfundene Zumutung der immer gleichen, immer erfundenen Schicksalsschläge, die sie auf der Behörde zu übersetzen hatte? Klar wird im Verlauf des polizeilichen Verhörs nur eines: das von Politik und Bürokratie erzwungene Zurechtschneiden prekärer Lebenswege kann zu Verzweiflungstaten führen.
Ich empfehle Shumona Sinhas Roman zur Lektüre in der gegenwärtigen politischen Situation, um über Verständnis für und den Umgang mit geflüchteten Menschen zu reflektieren.
Das Buch ist einer der vier Titel des diesjährigen Jahresprogramms des Anderen Literaturklubs. Die Autorin wird im Januar 2017 zu Gast bei den Litprom-Literaturtagen sein.

Florian Kniffka


Loslassen um voranzukommen

Ingrid Mennen (Text), Irene Berg (Illustration) [Südafrika]: Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise (ins Deutsche übersetzt von Ingrid Mennen und Irene Berg, Kunstanst!fter Verlag 2016)

Ben liebt seinen Opa, und die beiden haben etwas gemeinsam: Sie sind fasziniert von Walen, den “Urgroßvätern der Meere”, die sie von der Küste aus beobachten können. Ben und Opa lesen Bücher über sie, sammeln alle Informationen und machen sich Notizen. Bis Opa stirbt. Ben bleibt allein und mit einem noch nicht gekannten Schmerz zurück. Papa erzählt ihm die Geschichte vom Walkälbchen, das sich nicht von einem gestorbenen Altwal trennen kann, sich aber im letzten Augenblick löst, zur Gruppe zurückkehrt und mit ihr die weite Reise in die Antarktis antritt. Es ist – wie dann auch Ben – stark genug, um weiter durchs Leben zu reisen, mit viel Erlerntem im Gepäck und einem Proviant aus Erinnerungen. Die wunderbaren Meeresriesen eignen sich in ihrer Sanftheit und Ruhe perfekt, um Kindern das schwere Thema Abschied für immer, das sie ab einem bestimmten Alter sehr beschäftigt, zu vermitteln. Die Bilder sind umwerfend schön und detailreich, es empfiehlt sich, auf jeder Seite zu verweilen und beim Schauen über alles zu reden. Außerdem Taschentücher griffbereit haben – das Buch ist wirklich sehr berührend.
Wer den Kunstanst!fter Verlag für Illustration noch nicht kennt (so wie ich bis vor kurzem), sollte dessen Website besuchen und schauen: tolle Bilderbücher, nicht nur für Kinder.

Petra Kassler