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Litprom Lesetipps Spezial Japan - Lesetipps spezial: Japan - Termine & News - LITPROM

Frühlingslektüren des Litprom-Teams

Diesmal mit Länderfokus: Unsere Frühblüher kommen alle aus Japan! Nicht alle sind Neu- aber auf jeden Fall Ausnahmeerscheinungen. Und unterschiedlicher geht es kaum.

Eine selbstbestimmte Liebe

Hiromi Kawakami: Bis nächstes Jahr im Frühling (aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler, Hanser 2013)

Noyuri und Tomoko leben eine stille Ehe: Tomoko arbeitet, Noyuri kocht, Tomoko schläft, Noyuri putzt, Tomoko macht Überstunden, Noyuri einen einsamen Urlaub. Bis eines Tages Noyuris Telefon klingelt und die Frau am anderen Ende sich als Tomokos Geliebte ausgibt. Wer nun einen Knall erwartet, wird enttäuscht, denn das Leben des Ehepaares bleibt angesichts dieser Offenbarung unverändert. Noyuri ist weiterhin hilflos gefangen in der Rolle der gehorsamen, passiven Ehefrau und unfähig einen Kontakt zu sich selbst herzustellen.
Schnörkellos und verhalten beschreibt die Autorin Hiromi Kawakami Noyuris kleinen Lebenskosmos, ihre Routinen und die wenigen Menschen, die für sie von dauerhafter Bedeutung sind. Die Leser*innen müssen genau aufpassen, um die leisen und doch vielsagenden Veränderungen, die Noyuri nach und nach vornimmt, nicht zu verpassen: Eine Reise ans Meer, erste offene Gespräche, eine neue Arbeit und schließlich der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Es ist Noyuris unkonventioneller Weg, der mich während der Lektüre besonders beeindruckt hat, einerseits der Wille zu Bindung, andererseits der Wunsch und das Streben nach Autonomie. In der Schwebe bleibt, ob Noyuri und Tomoko wieder zueinanderfinden. Am Ende des Romans scheint das nebensächlich, denn Noyuri ist nun eines – selbstbestimmt.

Hanna Kopp


Gott schweigt!?

Shusaku Endo: Schweigen (aus dem Japanischen von Ruth Linhart, Septime 2015)

Mitte des 17. Jahrhunderts bricht der portugiesische Jesuitenpriester Rodrigues nach Japan auf, um dem Land den katholischen Glauben zu bringen. Das Land wird von der Kriegerkaste der Samurai geführt und ist der abendländischen Kultur, vor allem aber dem christlichen Glauben gegenüber, feindlich gesinnt. Gerüchte kursieren über Folter und Verfolgung gläubiger Katholiken durch die Japaner. Das Mittel um diese ausfindig zu machen, ist einfach: Es wird ein Bild von Jesus Christus oder der Heiligen Maria auf den Boden gelegt. Wer zögert darauf zu treten, ist Katholik. Der junge und überzeugte Pater Rodrigues, dessen ehemaliger Lehrer Ferreira ebenfalls in Japan missioniert und vom Glauben abgefallen sein soll, erreicht den Archipel mit viel Mühe. Unterstützung bekommt er von einer zwielichtigen, schicksalhaften Gestalt namens Kichijiro – einem Japaner, der sich als Katholik ausgibt. Die Mission und Missionierung gestalten sich als eine Odyssee, in der Glaubens- und Überzeugungsfragen ausgehandelt werden – bis hin zu der titelgebenden Frage, wie Gott zu dem Leiden der Katholiken schweigen kann.
Dem japanischen Katholiken Shusako Endo ist hier ein bemerkenswerter historischer Roman gelungen, der keine Antworten liefert, sondern verschiedene Perspektiven auslotet. Sehr spannend geschrieben und extrem lesenswert. Im März 2017 kommt die Verfilmung von Martin Scorsese mit Liam Neeson in der Hauptrolle in die Kinos.

Joscha Hekele


Lieber Pinguin, was tust Du, wenn Du nicht schwimmst?

Megumi Iwasa / Jörg Mühle (Ill.): Viele Grüße, Deine Giraffe (Kinderbuch, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Moritz 2017)

Waren wir als Kinder nicht alle auf der Suche nach Brieffreund*innen, möglichst weit weg und später gar im Ausland? Wer hat nicht schon mal eine Flaschenpost ins nächstbeste Fließgewässer geworfen und ihr voller Hoffnung nachgeschaut? Oder eine Postkarte mit der Bitte um Antwort an einen gasgefüllten Luftballon geknotet? Und das haben wir sicher nicht nur aus Langeweile und in Ermangelung von Kumpanen getan, wie die einsame Giraffe in Megumi Iwasas äußerst nettem und liebevoll illustriertem Büchlein. Uns trieb auch die Sehnsucht nach der Fremde “auf der anderen Seite des Horizonts”, wo es doch bestimmt jemanden gibt, der zwar ganz anders ist, mit dem man aber sicher irgend etwas gemeinsam hat. Die Giraffe hat Glück, sie findet so den Pinguin und kann sich ihm zunächst schreibend nähern. Die beiden tauschen sich aus, tasten sich über eine unvorstellbare Entfernung aneinander heran, werden Freunde und lernen sich schließlich persönlich kennen – eine Geschichte, die wohl jedes Kind fasziniert und vielleicht zum Briefeschreiben inspiriert.
“Für alle, die schon gerne selber lesen” heißt es im Klappentext dieses tollen “Freundebuchs” mit Giraffe, Pinguin, Pelikan, Robbe und Wal. Ja, selber lesen geht hier wunderbar, aber auch die Aufteilung “ich den Text, du die Briefe” oder das bekannte Modell “erst ich ein Stück, dann du ein Stück” funktionieren ebenso gut wie reines Vorlesen für noch kleinere Bücherwürmchen. Sehr empfehlenswert, dieser Briefroman für Leseeinsteiger, den die Autorin in Tokio erst geträumt, dann aufgeschrieben hat.

Petra Kassler


Genie ist auch nur eine Art von Politur

Jun'ichiro Tanizaki: Lob der Meisterschaft (aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein, Manesse 2010)

Als die feindliche Armee vor den Toren der Festung steht und er weiß, dass alles verloren ist, nimmt der Shogun ein kleines Teegefäß, das seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie ist. Seine Oberfläche hat vom vielen Polieren eine Alterspatina angesetzt, die es zu einem unersetzlichen Kleinod macht. Der Shogun verpackt das Gefäß sorgsam und schmeißt es dann aus dem Fenster, den andrängenden Feinden in die Arme, kurz bevor sie Feuer an sein Haus legen.
Diese verblüffende Geschichte erzählt Tanizaki Jun’ichiro in seinem Essay Lob der Meisterschaft. Der Text, bereits 1933 geschrieben, ist vor einigen Jahren in der Übersetzung von Eduard Klopfenstein erschienen. Wie in dem berühmteren Lob des Schattens – in dem Tanizaki anhand eines Vergleichs zwischen westlicher und fernöstlicher Architektur eine Art japanische Ästhetik in nuce liefert – widmet sich der große Essayist auch hier dem Unterschied zwischen europäischer Moderne und japanischer Kunsttradition. Im Gegensatz zum europäischen Künstler, der in seinem Werk seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen will, und mit dem Anspruch auftritt, wenn nicht die Welt, so doch zumindest die Kunstwelt aus den Angeln zu heben, nimmt der japanische Künstler sich demonstrativ zurück. Seine Kunst ist eher eine Kunstfertigkeit, die erst durch unablässiges Üben zur Meisterschaft gelangt. Im Gegensatz zum Geniekult der Europäer, so Tanizaki, in der der Künstler als außergewöhnlicher, beispielhaft fühlender Mensch vergöttert wird, fügt sich der japanische in eine Tradition ein. Er muss die gleiche Bewegung, den einen Pinselstrich hunderte, tausende Male üben, bis es ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wie eben jenes Teegefäß, das der Shogun aus dem Fenster warf, um es zu retten, erlangt der Künstler erst durch unablässiges Polieren die Patina, die Höhe seiner Kunst.
Dieses Konzept scheint uns Langnasen sehr fremd. Wie langweilig ist eine Kunst, die nicht Alles will und unbedingt aufs Große zielt, sondern sich dabei verausgabt, nur ein Weniges zu schaffen, die zufrieden ist, der großen Tradition der Vorgänger nur ein Nuance an Eigenheit beizufügen? Und doch steckt eine eigene Erhabenheit in dieser selbstauferlegten Demut, erinnert das japanische Kunstverständnis an ein Denken, das auch hier nie ganz fremd war. Und heißt es nicht schon bei Goethe „in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“? Vielleicht sollten all die Großkünstler, Impresarios des eigenen Schaffens, die Narzissten mit Pinsel und Feder dieses Buch lesen und sich fragen, wer uns eher in Erinnerung bleibt: ein Schreihals, dessen Schaffen sich um sich selbst dreht, oder ein kleines, altes Teegefäß, das aus dem Fenster flog.

Achim Stanislawski