Aus dem Leben eines Maskenträgers

Osamu Dazai [Japan]: Gezeichnet (aus dem Japanischen von Jürgen Stalph, Cass Verlag 2015)

Wie so oft bin ich auf das Buch zufällig gestoßen, ohne dass ich vorher von dem Autor gehört hatte. Dabei gehört das erstmals 1948 veröffentlichte Buch zu den am meisten gelesenen Büchern Japans. In der Geschichte finden sich Parallelen zur Biographie des Autors, doch darüber hinaus beschreibt Osamu Dazai den generellen Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft.
Der Protagonist Yozo Oba spielt bereits als Kind den Clown in seiner Umgebung, hinter dessen Maske sich jedoch die unendliche Einsamkeit des Einzelnen versteckt. Der soziale Abstieg beginnt dann mit dem Umzug in die Hauptstadt Tokio und verläuft tragisch. Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich für die (prinzipiell unlösbaren) Widersprüche zwischenmenschlicher Beziehungen interessiert, und sich nicht scheut, in das Innenleben eines „Gezeichneten“ zu schauen, der sich selbst als hilflose Gestalt seiner eigenen Existenz sieht.

Joscha Hekele


Die Verrückte unterm Dachstuhl

Jean Rhys [Dominica/ England]: Die weite Sargassosee (aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, Schöffling & Co 2015)

Jean Rhys gelingt mit Die weite Sargassosee, erschienen im Jahr 1966, nun in einer neuen Übersetzung beim Schöffling Verlag erhältlich, ein postkolonialer Perspektivenwechsel: Anknüpfend an Charlotte Brontës Jane Eyre schildert sie die Geschichte der „madwoman in the attic“, entwirft jedoch fast 120 Jahre später ein psychologisch vielschichtigeres Porträt der jungen Kreolin Antoinette, die in Zeiten des Umbruchs aufwächst. Mitte des 19. Jahrhunderts in Jamaika, kurz nach der Abschaffung der Sklaverei, begehrt die schwarze Bevölkerung erstmals gegen die ehemaligen Herren auf. Antoinette heiratet einen unvermögenden Engländer, der von ihrem Wohlstand profitiert. Doch ihr selbstbewusstes Wesen und ihre Schönheit, aber auch das Fehlen der alten Ordnung in der sogenannten „Neuen Welt“ schüren in ihm Ablehnung und Misstrauen gegenüber seiner neuen Frau.
Besonders gefallen haben mir Rhys moderner Erzählstil und die unterschiedliche Perspektivierung, denn dadurch gewinnt die Szenerie an Komplexität, bleibt aber oft undurchschaubar-unheilvoll und erlaubt so kein abschließendes Urteil darüber, wer Opfer und Täter ist.

Hanna Kopp


Schicke Kleider, bunte Vorhänge, Cafézinho und Broa

Eymard Toledo [Brasilien/Deutschland]: Onkel Flores. Eine ziemlich wahre Geschichte aus Brasilien (Kinderbuch, Baobab Books 2016)

Ach, endlich! Sagte ich, als das neue Buch von Eymard Toledo auf meinem Schreibtisch lag – hatte mir und meinem kleinen Mitleser zuhause doch bereits der wunderbare Vorgänger über den Fußballer Béné so viel Freude bereitet und uns so viele kreative Anregungen verschafft. Diesmal ist die Papierschnipselkunst wieder ebenso umwerfend, der Inhalt allerdings etwas sperriger, aber dafür umso wichtiger (um schon Nachwuchsleser nicht nur zu unterhalten, sondern diskret zu sensibilisieren): Es geht um den Schneider Herrn Flores, seinen Neffen Edinho und ein brasilianisches Dorf, das durch die Niederlassung von Industrie einem krassen Wandel unterworfen wird. Traditionelle Berufe verschwinden, die Leute verdingen sich fortan in der Fabrik. Die Umwelt wird zerstört, und billige Massenware macht den Schneider arbeitslos. Aber Edinho, der später in die Fußstapfen des Onkels treten will, hat zum Glück eine Idee. Aus den bunten Stoffresten von früher, als Herr Flores noch fröhliche Sonntagskleider und Karnevalskostüme nähte, werden ab sofort Vorhänge gemacht, die reißenden Absatz finden. Und dann kommen auch wieder Aufträge für schicke Kleider. Die Kunden stehen Schlange bei Herrn Flores, bei dem es nicht nur schöne Sachen, sondern auch Milchkaffee, Maiskuchen und ein Schwätzchen im Angebot gibt! Wir wünschten uns beim Lesen ebensolche neuen Gardinen und würden allzu gerne mal bei Onkel Flores und seinem Neffen reinschauen …
PS: Einen Besuch wert ist die nette Website der Autorin: www.ey-toledo.de, auf der übrigens auch Rezepte zu finden sind.

Petra Kassler


Lesen zum Überleben

Kader Abdolah [Iran/Niederlande]: Die Krähe (aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post, Arche Verlag 2015)

Der Protagonist der Novelle erzählt die Geschichte seiner Flucht aus dem Iran bis zur Ankunft in den Niederlanden, wo er Asyl erhält. Nicht von ungefähr ähnelt sie dem Lebensweg des Autors. Er erlebt die Sprache und das Schreiben als Befreiung und Rückzugsmöglichkeit, als unbedingtes Überlebenswerkzeug. Gierig, alles zu lesen, was ihm in die Hände fällt, füllt er die Zeit und das Warten mit der Lektüre holländischer Romanklassiker und Lyriker. So erwirbt er sich in kurzer Zeit die niederländische Sprache und damit das Fundament zum Überleben; zum Broterwerb wird er Kaffeemakler und verfolgt vor allem seinen Kindheitstraum weiter, Schriftsteller zu werden.
Mich haben die poetische Sprache und die schlanke, ausdrucksstarke Form bestochen und ich bin sehr gespannt auf die Veranstaltung am 10. Juni in Frankfurt, wo der Autor im Rahmen des Festivals „literaTurm“ live zu erleben sein wird.

Friederike Ottnad


Von Brüdern und Büchern

Chico Buarque [Brasilien]: Mein deutscher Bruder (aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner, S. Fischer 2016)

Alles beginnt mit dem Brief, den Ciccio findet. Adressiert an den Vater, auf Deutsch geschrieben, liegt er auf Seite 35 von Der goldene Zweig, der englischen Ausgabe von 1922. Schnell wird Ciccio klar, was der Brief bedeutet: Er hat einen Halbbruder, geboren in Deutschland, wo sein Vater einige Jahre verbracht hat. In einer Welt voller Bücher und Zigarettenasche beginnt Ciccio, sich das Leben dieses Halbbruders auszumalen und begibt sich schließlich auf eine Spurensuche, die sein ganzes Leben dauern soll.
Chico Buarque verwebt in seinem neuesten Roman fiktionale und autobiographische Elemente zu einer Geschichte, die mich von Anfang an in ihren Bann geschlagen hat – sehr lesenswert!

Sophie Bauer