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Buchtipps - Buchtipp-Archiv - Termine & News - LITPROM

Lieblingsbücher des Litprom-Teams

Immer Vollgas

Sifiso Mzobe [Südafrika]: Young Blood (aus dem Englischen von Stephanie von Harrach, Peter Hammer Verlag 2015)

Eine anrührende, offenbar stark autobiografisch gefärbte Coming of Age-Geschichte eines jungen Südafrikaners, der in einem Township in einer liebevollen Familie aufwächst. Aber das Leben ist hart, die Schule macht keinen Spaß und die Aussicht, mit der soliden Arbeit in der Autowerkstatt seines Vaters aus den bescheidenen Verhältnissen herauszukommen, gering. Die Schule wird geschmissen, die Versuchung, mit geklauten Autos ganz schnell die ganz dicke Kohle zu verdienen, groß. Zumal sich kaum einer so unschlagbar gut auskennt mit Autos wie „Young Blood“. Die Kumpels machen es vor; jeder Tag eine rauschhafte Party, immer Vollgas, dicht am Abgrund. Ob das alles gut geht, wird hier nicht verraten. Meine Empfehlung: selber lesen!

Anita Djafari


Wieso nie eine rote Socke auf der Leine hängen lassen?

Shaun Tan [Australien]: Die Regeln des Sommers (aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Aladin-Verlag, Hamburg 2014; Bilderbuch)

Für Klein und Groß – so steht es vorn im Buch. „Groß“ verrenkt sich zunächst das Hirn, um für „Klein“ die Sommer-Imperative den eindringlichen Bildern zuzuordnen und in eine Art Geschichte umzuwandeln. Den vielen rhetorischen Wiesos beim Umblättern will schließlich auch begegnet werden – ja, warum soll man denn auf einer Party nie die letzte Olive wegmampfen? Dabei riskiert „Groß“, sich in komplizierten Interpretationen zu verheddern, derweil „Klein“ längst in Shaun Tans umwerfendes, surreales Bilderuniversum entschwunden und mit zwei Jungs in einem raketenartigen Flugapparat zu Robotern, Monsterchen und Riesenkarnickeln aufgebrochen ist. „Klein“ durchstreift ganz beherzt Horrorszenarien und akzeptiert eine wirre, verlockende Welt. „Groß“ könnte sich entspannen und staunen, wie „Klein“ abtaucht in einen Traum, der mal wunderbar und mal schrecklich beängstigend ist, hinein in die Freiheit, in wilde Abenteuer und dicke Freundschaften eines Sommers, dessen Regeln doch wohl völlig klar sind. Oder etwa nicht, „Groß“? Eine Regel für mich diesen Sommer: Nie zu viel erklären.

Petra Kassler

Kleiner Tipp: Mal Shaun Tans Website besuchen.


Organisiertes Verbrechen, Zombie und Dämon

Gary Victor [Haiti]: Soro (aus dem Französischen von Peter Trier, Litradukt 2015)

Ich nehme es gleich vorweg: Gary Victors Krimireihe um Inspektor Dieuswalwe Azémar hat es mir angetan! Stimmgewaltig und scharfzüngig wie der Vorgänger Schweinezeiten, setzt Victor mit Soro nochmal einen obendrauf: Nicht nur, dass der Roman am Tag selbst des verhängnisvollen Erdbebens in Haiti spielt, sondern diesmal scheint das “Schwein”, gegen das der Inspektor sich zu behaupten hat, niemand geringerer als er selbst zu sein … Benannt nach dem flüssigen Höllenzeug, das ihn auf seinen ganz persönlichen Höllentrip schickt, hat er – neben dem organisierten Verbrechen und einem Zombie – allen voran gegen seine eigenen Dämonen und den moralischen Verfall inmitten einer Welt der Korruption zu kämpfen. Demgegenüber die allzu realistischen, erschütternden Höllenbilder der Verwüstung und des unermesslichen Leids der haitianischen Bevölkerung, die unter die Haut gehen. Düster und humorvoll zugleich, mit einem Protagonisten, der trotz oder gerade wegen seiner menschlichen Schwächen den Leser vereinnahmt. Einfach großartig!

Kathrin Franzen

Platz 4 der Weltempfänger-Bestenliste Nr. 27


Erzähl dich!

Deborah Levy [Großbritanien/Südafrika]: Was ich nicht wissen will (aus dem Englischen von Barbara Schaden, Verlag Klaus Wagenbach 2015)

Um der unerträglichen Routine ihres Familienlebens zu entkommen und zu sich selbst zu finden, flieht eine junge Schriftstellerin in eine abgelegene Pension auf Mallorca. Das Gespräch mit einem chinesischen Ladenbesitzer, der ihre Bücher kennt, veranlasst sie, ihre Geschichte zu erzählen: Ein Leben, das in einer regimekritischen Familie im Südafrika der Apartheid beginnt und so schon früh mit Spannungen und Gegensätzen zwischen Kulturen, Wertesystemen und Interessen konfrontiert ist. Wie kann man in all diesen Widersprüchen eine Sprache entwickeln, die man jedoch dringend braucht, um den eigenen Standpunkt zu vertreten?
Von der Frau als Homo Narrans handelt dieser autobiografische Kurzroman. Auf sehr poetische Weise und dennoch stechend scharf beschreibt Levy das Schreiben als leisen Kampf um die eigenen Möglichkeiten.

Sophie Adler


Maulbeeren und neue Schimpfwörter

Riad Sattouf [Libyen/Syrien/Frankreich]: Der Araber von morgen: Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984) (aus dem Französischen von Andreas Platthaus, Albrecht Knaus Verlag 2015)

Riad Sattouf ist Comiczeichner, Musiker und Filmemacher. Und sein Humor schreibt mir ein Grinsen ins Gesicht, das sich immer wieder mit einem Innehalten, Nachdenken und Reflektieren abwechselt. In Der Araber von morgen erzählt er in knuffig gezeichneten Bildern von der Zeit, die er als Kind mit seinen Eltern in Syrien und Libyen verbracht hat. Als Sohn einer Französin und eines Syrers reist er mit seinen Eltern der Karriere des Vaters hinterher, im Hintergrund – wie eine Kulisse – die politischen Geschehnisse im Nahen Osten der frühen 1980er Jahre. Dabei erzählt er konsequent aus der Sicht des Fünfjährigen. Riad isst Maulbeeren direkt vom Baum und lernt Schimpfwörter in der neuen Sprache. Neugierig betrachtet er die fremde Welt um sich herum und wundert sich ebenso über das seltsame Spielzeug und die Turnschuhe der anderen Kinder wie über die neuen Verhaltensweisen, die seiner Eltern plötzlich an den Tag legen. Damit gelingt Sattouf ein ebenso liebevoll-amüsanter wie kritischer Blick auf den Nahen Osten.

Stefanie Aznan

Platz 5 der Weltempfänger-Bestenliste Nr. 27

Corry von Mayenburg empfiehlt den neuen Krimi von Andrew Brown aus Südafrika. In Trost dreht sich alles um ein Thema, dass auch bei uns plötzlich aktuell werden kann. In einer Kapstädter Synagoge wird die Leiche eines muslimischen Jungen gefunden und obwohl die Hintergründe der Tat noch völlig offen sind, stehen sich sofort Vertreter verschiedener Religionen feindlich gegenüber. Die daraus entstehende Gewalt droht die ganze Stadt mitzureißen. Ermitteln soll Inspector Februarie, dessen Polizistenleben völlig aus den Fugen geraten ist, der ständig säuft und mit einer drogensüchtigen Prostituierten liiert ist. Warum gerade er auf den Fall angesetzt wird und wie Religion oft als Mittel zum Zweck benutzt wird, wird bei der Aufklärung des Falls langsam deutlich.


Petra Kassler empfiehlt eine feine kleine Lese-Auszeit in Form eines Kinderbuchs aus Singapur, verfasst im Alter von 14 von der heute noch nicht einmal 20-jährigen Autorin Chew Chia Shao We, und wunderbar illustriert von der wenig älteren Kollegin Anngee Neo. Die Beiden erzählen in Der Fels und der Vogel die innige Freundschaft zwischen einer Möwe und einem Steinklotz; weitere Protagonisten sind Wellen und Strand. Es geht dabei um philosophische Fragen nach Vergänglichkeit und Treue, nach Beständigkeit und Verlust, die bereits Vorschulkinder gern “geklärt” haben möchten. Ein sicher anspruchsvoller Text zum Vorlesen, Selberlesen und Nachdenken, eingebettet in sand-, meeres- und himmelsfarbene Bilder zum „lange Hingucken“.


Kathrin Franzen empfiehlt Schweinezeiten des Haitianers Gary Victor, weil seine wunderbar nüchterne und zugleich hochkomische und fesselnde Art Bitterböses zu erzählen so begeistert. Ein Polizist, der sich nach und nach in ein Schwein verwandelt? Das klingt erst einmal skurril und völlig abgedreht. Doch schnell wird klar: Haiti durchlebt wahre Schweinezeiten. Auf gerade einmal 127 Seiten entwirft der Autor ein stimmgewaltiges Bild der Korruption in all seiner Hässlichkeit, zeichnet eine verkehrte, eine bittere Welt der Gier. Harte Kost ganz leicht verpackt, denn der liebenswürdige, zwischen Genialität und Wahnsinn wankende Protagonist schafft es dennoch uns zum Lachen zu bringen und so liegen Tragik und Komik, Entsetzen und köstliche Unterhaltung in diesem Pageturner ganz nah beieinander.


Die Verantwortung für ein glückliches Inneres

Manu Joseph [Indien]: Das verbotene Glück der anderen
(Roman, aus dem Englischen von Claudia Wenner, C.H. Beck 2013)

Die obliegt dem Innenminister, und der würde bald ein Gesetz verabschieden, das die Zahl Pi von 3,14159 auf eine simple 3 abrundet, damit alle indischen Kinder die Kreisfläche leichter berechnen können – so der Trost des großen Bruders Unni für den kleineren, der sich mit Mathe und überhaupt allem anderen sehr viel schwerer tut. Unni, halbstark, hochtalentiert, „anders“ und ein begnadeter Comic-Künstler, stürzt (sich?) vom Dach und hinterlässt a) ein ebenso mysteriöses wie geniales, philosophisches und düsteres Werk und b) einen beängstigenden emotionalen Krater in seiner Familie. Der Vater ist ein gescheiterter Schriftsteller und abgehalfterter Journalist – Alkoholiker und Kettenraucher, aber Angehöriger der Spezies der „letzten echten Männer“, davon ist er überzeugt. Des Nachts ersäuft er seinen Kummer in Hochprozentigem, bekommt morgens einen Eimer Wasser übergeschüttet, um tagsüber akribisch und von einer geheimnisvollen Paranoia getrieben der Aufklärung des vermeintlichen Freitods seines außergewöhnlichen Sohnes nachzugehen.
Die Mutter schafft indes Rupien herbei so gut sie kann, scheitert bei der Bewältigung eines Jugendtraumas und bemüht sich, Unnis kleinen Bruder großzuziehen. Alle sind auf ihre Art überfordert mit der Trauerarbeit und verheddern sich im Wirrwarr um Unnis Tod sowie um seine sehr besondere und befremdliche Existenz.
Man lernt eine zutiefst unglückliche Familie kennen und verfolgt eine traurige Geschichte um Liebe und Hass, familiären Zusammenhalt und Zerfall, um mühsam entfaltete Identitäten und deren Dekonstruktion. Gleichzeitig liest man hier ein phänomenal ironisches, unglaublich witziges Buch – denn der Autor beherrscht die große Kunst, genau so viel Abstand zur Tragik einzuhalten, dass ein Zwischenraum entsteht, in dem laut zu lachen absolut erlaubt ist – was ein Glück. Danke, Manu Joseph, für dieses schön schräge Juwel, Titel im Programm des Anderen Literaturklubs 2014 und die Attraktion meines Bücherstapels!

Petra Kassler


Lesen, laufen, leiden, lieben

Christopher Mlalazi [Simbabwe]: Wegrennen mit Mutter
(Roman, aus dem Englischen von Andreas Münzner, Horlemann Verlag 2013)

Sie müssen wegrennen: Ein Mädchen mit ihrer Mutter und ihrer Tante und ein kleines Baby; sie rennen als einzige noch Verschonte eines Familienverbunds aus Shona und Ndebele um ihr Leben. Wir befinden uns in Simbabwe kurz nach der Unabhängigkeit Anfang der 1980er Jahre und stehen dem von der Regierung Mugabe angeordneten Genozid an den Ndebele geschockt gegenüber. Christopher Mlalazi gelingt in diesem kleinen, ganz großen Roman eine meisterhafte atmosphärische Verdichtung, eine virtuose Konzentration auf das schreckliche Wesentliche: den Wahnsinn und die Unfassbarkeit eines Völkermords. Wir Leser sind ganz nah dran, wir rennen mit, wir fühlen mit, wir leiden mit, und letztlich begreifen wir genauso wenig wie Rudo und ihre Familie, was um uns rum geschieht – und doch sind wir mit einer grausigen Vorahnung den anderen einen Schritt voraus, und eben das macht den Horror aus: Helfen können wir nicht.
200 Seiten ganz starke Literatur – gewaltig und von ganz besonderer Zartheit. Kondensiert, verknappt und damit bestechend. Der Autor kreiert ohne blutrünstige Gräuelschilderungen ein Schreckensszenario, das aufrüttelt, zutiefst sensibilisiert und die Aufmerksamkeit auf Dinge lenkt, die man nur allzu gern ignorieren möchte. Wegrennen mit Mutter ist ein absolut bemerkenswerter Text, der unter die Haut geht und Tränen in die Augen treibt – ist er doch zugleich eine der berührendsten Mutter-Kind-Geschichten, die ich je gelesen habe.
Es ist Mlalazis erster auf Deutsch erschienener Roman und gleichzeitig Auftakt der neuen Afrika-Reihe im Horlemann Verlag. Der Autor lebt derzeit als Hannah-Arendt-Stipendiat in Hannover.

Petra Kassler


Kain und Abel

Lee Sung-U [Korea]: Das verborgene Leben der Pflanzen
(Roman, Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, Unionsverlag 2014)

Ein Taugenichts, der als Detektiv endlich einen Auftrag bekommt. Dann stellt sich heraus, dass er seine eigene Mutter beschatten soll. Die bringt seinen Bruder huckepack ins Bordell, denn der hat beim Militär beide Beine verloren. Die Mutter trägt nicht nur diese Last der eigenartigen Familie, der Vater spricht nur noch mit seinen Pflanzen.
Ziemlich schräg das ganze Setting, so meint man, alle stehen sich scheinbar gleichgültig gegenüber. Doch nach und nach entfaltet sich die Story, Schicht für Schicht werden die Geheimnisse hinter den bizarren Handlungen der Protagonisten aufgedeckt und man beginnt zu verstehen. Eine Kain- und Abel-Geschichte, durchsetzt mit märchenhaften mythischen Elementen, es geht um Schuld und Sühne, um Verrat und Liebe – die am Ende fast alles wieder gut werden lässt. Kitschverdacht allerdings ausgeschlossen. Der Roman ist klug komponiert, die Sprache präzise, Spannung garantiert.

Anita Djafari


Schön, schön und nochmals schön

Marguerite Abouet & Clément Oubrerie [Elfenbeinküste/ Frankreich]: Aya
(Graphic Novel, aus dem Französischen von Kai Wilksen, Reprodukt 2014)

Aya ist einfach schön – das trifft sowohl auf die Aufmachung des Buchs zu, als auch auf seine Protagonistin. Das Buch: Cover, Buchrücken und sogar der Inneneinband wunderschön gestaltet, die Zeichnungen sehr ausdrucksstark. Die Protagonistin: Aya, ebenfalls wunderschön, jung, intelligent, träumt davon, Ärztin zu werden. Die Handlung spielt im Abidjan der 1970er Jahre, genauer gesagt im Viertel Yopougon, wo ständig etwas los ist. Während Aya für einen guten Abschluss lernt, treiben sich ihre Freundinnen Adjoua und Bintou am liebsten auf Parties rum und lassen sich von jungen (oder auch älteren) Herren einladen, Ayas Vater hat eine Geliebte, Bintous Vater wiederum möchte eine Zweitfrau nehmen. Da die Jugend in den Häusern ihrer Eltern keine Privatsphäre hat, trifft man sich nachts auf einem Marktplatz, wo jedes Pärchen einen eigenen Tisch hat (es aber im Dunkeln auch immer mal wieder zu Verwechslungen kommt). Und als schließlich auch noch die Schönheitskönigin von Yopougon gekürt werden soll, stehen (fast) alle Kopf. Auch wenn es immer mal wieder auch um schwierige Themen wie Homophobie geht, so ist die Lektüre doch vor allem eins: ein Riesenspaß. Und durch die tollen Zeichnungen von Clément Oubrerie eben auch ein ästhetischer Genuss.
Der auf Graphic Novels spezialisierte Berliner Verlag Reprodukt hat für den Herbst die nächsten drei Bände angekündigt – ich freu mich schon drauf!

Antje te Brake


(K)ein Krimi (?)

Raja Alem [Saudi-Arabien]: Das Halsband der Tauben
(Roman, aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, Unionsverlag 2013)

Eine Frau tot, ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt und vom Mörder keine Spur. Erschwert werden die Ermittlungen, da alles darauf hindeutet, dass es sich bei der Unbekannten um den spirituellen Duft Mekkas, der Heiligen Stadt handelt. Feminismus, Religion und Städteplanung sind nur einige der Elemente, die Raja Alem zu einem literarischen Parfüm besonderer Art zu verschmelzen weiß. Mit Kommissar Nassir nimmt die Leserschaft Witterung in der verworrenen Vielkopfgasse auf, wird unmerklich von ihrem Pflaster in die Köpfe ihrer Bewohner geleitet. Das Halsband der Tauben führt so auf eine Fährte, wo sich Sinnlichkeit und Geistlichkeit gegen totalitäre Zuschreibungen verbünden.
Als jemand, der stets einen großen Bogen um Krimis schlägt, habe ich die Vielfalt der Textaromen genossen. Raja Alem integriert den kriminalistischen Erzählanlass einer nackten Frauenleiche in das komplexe Seelenprofil einer Stadt, sodass der vermutete Mord zum Indiz einer gesellschaftlichen Wunde werden kann. Krimi oder Nicht-Krimi? Auch diese Frage bleibt am Ende ungeklärt.

Florian Kniffka

Raja Alem war auf Platz 1 des Weltempfängers Nr. 21 / Winter 2013 und steht derzeit auf der Shortlist für den diesjährigen LiBeraturpreis


Eine literarische Installation

Luiz Ruffato [Brasilien]: Es waren viele Pferde
(Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler, Assoziation A 2012)

Luiz Ruffato war während der Frankfurter Buchmesse zu Gast bei uns im Weltempfang – doch leider hatte ich keine Gelegenheit, mir die Veranstaltung anzuschauen. Daher war ich sehr erfreut, dass er Ende Oktober nochmals zu einer Lesung nach Frankfurt kam – gemeinsam mit seinem Übersetzer und LiTPROM-Vorstandsmitglied Michael Kegler. Die Veranstaltung war wirklich toll und äußerst unterhaltsam, die beiden Herren auf der Bühne ein super Team. Inspiriert von der Lesung musste ich im Anschluss unbedingt (und sofort) Es waren viele Pferde lesen. Eine literarische Installation, komponiert aus 69 Einzelszenen – vereinzelt heiter, zumeist verstörend, immer faszinierend. Ungewöhnliche Form, ungewöhnlich gesetzt, hervorragend übersetzt! Die beschriebenen Szenen wiederum hinterlassen den Leser sehr nachdenklich; Luiz Ruffato zeichnet ein düsteres, eigentlich hoffnungsloses Bild der Gesellschaft in São Paulo. Und doch ist dieses Buch in seiner ungewöhnlichen Komposition ein literarisches Kleinod, das unbedingt lesenswert ist. Und es schürt die Vorfreude auf Ruffatos Roman Mama, es geht mir gut, den wir 2014 im Programm des Anderen Literaturklubs haben!

Antje te Brake


Kincaid Mutter
Kincaid Mutter

Verliebt in ein Buch

Jamaica Kincaid [Antigua/USA]: Die Autobiographie meiner Mutter

(Roman, aus dem Englischen von Christel Dormagen, Unionsverlag 2013)

Um es gleich zu sagen: Ich bin verliebt in dieses Buch, vor allem in seine Sprache. Wer bei dem Titel Die Autobiographie meiner Mutter der karibischen Autorin Jamaica Kincaid eine klassische, womöglich rührselige „Frauenemanzipationsgeschichte“ oder dergleichen erwartet, liegt falsch. Stattdessen bekommt man die gallig bittere Schilderung der Lebensreise einer Frau von der Insel Dominica, die kein einfaches Leben hatte. Die Mutter bei der Geburt gestorben, aufgewachsen bei einer lieblosen Pflegemutter, von ihrem Vater immerhin zur Schule geschickt, entdeckt sie im Laufe ihres Lebens vor allem eines: sich selbst! Ihren Körper, ihren Eros, ihren Platz in der Welt zwischen Kolonialherren und Kariben. So nüchtern, so unerbittlich, dabei so verdichtet und poetisch zugleich wurde selten ein Frauenschicksal beschrieben. Vor 20 Jahren erschienen, als Taschenbuch wieder in nach wie vor makelloser Übersetzung neu aufgelegt, absolut lesenswert.

Anita Djafari


Im Rauch der Pfeife

Jeet Thayil [Indien]: Narcopolis
(Roman, aus dem Englischen von Bernhard Robben, S. Fischer 2013)

Was tun, wenn die Heldin der Geschichte, die zu erzählen jemand im Begriff ist, solch ausladende Dimensionen hat, dass ihre Konturen nicht eingefangen werden können? Ähnlichen Fragen scheint sich der Erzähler von Jeet Thayils Narcopolis ausgesetzt zu sehen. Zur Bewältigung dieser die Kräfte Einzelner schier übersteigenden Aufgabe geht er ein Bündnis besonderer, wenn möglicherweise auch nicht seltener Art ein: Er lässt sich das Schicksal der Romanheldin und Millionenstadt Bombay in den Mikrokosmos einer Drogenhöhle gespiegelt von seiner Opium-Pfeife erzählen – und schreibt sie nach deren Diktat nieder. Doch ist dieses Buch kein Fantasy-Roman, sondern im allerbesten, in exquisitem Sinne magisch sowohl als auch realistisch, denn seit sich Ullis „den blauen Rauch der Pfeife ans Blut steppte“ meint sein „Ich“ sowohl den Menschen als auch die Pfeife. So quillt der Roman aus zwei Schlünden zugleich, da niemand sagen kann wer die folgenden Worte spricht: „steck mich an […], ja, halt mich still in die Flamme […]“.

Florian Kniffka



Liebesgeschichten der besonderen Art

Rajesh Parameswaran [Indien/USA]: Ich bin Henker

(Erzählungen, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Kiepenheuer & Witsch, 2013)

Als heiratswilliger Henker hat man es nicht leicht: „So lange war es her, seit ich Frau im Haus hatte! (oder irgendeine andere Sache in dieser Art). Ich versuchte, von meinem Beruf wegzulenken. Ich setzte mich vor sie. Ich machte Lächelmund. ‚Margaret, du bist so pralle und hübsche Braut‘“ – aber alle Versuche, die Angebetete vom „Genuss des Ehefraulebens“ zu überzeugen, schlagen fehl, Margaret will nicht mit ins Schlafzimmer. Auch der Tiger Ming sitzt in der Klemme. Zwar ist er frisch und Hals über Kopf verliebt, aber nicht in seine heißblütige Gefährtin Saskia, sondern in den Tierpfleger Kitch. Und der versteht seine Annäherungsversuche irgendwie völlig falsch.
Die neun Erzählungen des Inders Parameswaran sind tragisch, grausam, blutig, einfach urkomisch, unterhaltsam und spannend, so facettenreich wie die (gescheiterte) Liebe selbst: Eine Inderin in den USA, die überzeugt ist, den Tod ihres Mannes durch „dämonische“ Gedanken verschuldet zu haben, ein Arbeitsloser, der sich neuerdings als Chirurg versucht und seine eigene Frau „operiert“, ein schwuler Bahnvorsteher, der kurz vor seiner Hochzeit steht, eine Elefantendame, die ihre Autobiografie schreibt… in originellem Erzählstil, mit formalen Kniffen, lässt Parameswaran seine Antihelden aus ihren ungewöhnlichen Perspektiven heraus über (Aufstiegs)wünsche, (verschmähte) Liebe und den Tod berichten – und setzt sich dabei spielerisch über vermeintliche Widersprüche hinweg. Ein Henker betrachtet sich als fürsorglichen Freund seiner Opfer. Und ein Tiger verspeist ein Baby in einem Anflug grenzenloser, überwältigender Liebe.
Verstörend, witzig, klug und originell, ein Buch, das ich nur empfehlen kann!

Lea Himmelsbach


Lektüre für echte Fußballer

Eymard Toledo (Brasilien/Deutschland): Bené – schneller als das schnellste Huhn

(Kinderbuch, Baobab Books 2013)

Keine Chance! Dachte ich, würde dieses Büchlein haben – neben Grüffelo, Pippi, Jim Knopf, Mausi, Superwurm und Konsorten. Totaler Irrtum. Die Schilderung des – sehr anderen und doch so vertrauten – Alltags des kleinen Fußballfans Bené in einem brasilianischen Dorf hat es auf Anhieb nach ganz oben auf die aktuelle Bestenliste im Kinderzimmer geschafft. Bené muss helfen, die Familie über Wasser zu halten: Sie produzieren Fußbälle. Und Bené „testet“ sie vor dem Verkauf. Er spielt barfuß oder mit Flip-Flops, mit Freunden und mit Affen. Die Bilder dazu sind tolle Collagen aus Papierschnipseln und anderem Material, die dringend nachgeahmt werden müssen! Der Text ist gewürzt mit brasilianischen Vokabeln, die neugierig machen. Und Wenn Bené dann am Ende der Geschichte und seines langen Tages in der Hängematte einschläft, wird er von Trikots und Schuhen „wie echte Fußballer sie haben“ träumen. Gute Nacht. Aus den Kissen neben mir ertönt ein energisches „nochmal!“. Viel besser kann wohl kaum eine Kinderbuchkritik ausfallen.

Petra Kassler





Tomás González [Kolumbien]: Das spröde Licht
(aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft, S. Fischer Verlag 2012)

Um es gleich vorwegzunehmen: Für mich ist dieser Roman das schönste Buch des Jahres. Ich empfehle es, wo ich gehe und stehe. Und ich werde es auch verschenken. Erzählt wird aus der Perspektive eines alternden Malers, der sein Leben auf der Suche nach dem „richtigen“ Licht verbracht hat und allmählich erblindet. Er wendet sich dem Schreiben zu und erinnert sich an einen schmerzhaften Wendepunkt im Leben seiner im Großen und Ganzen glücklichen Familie. Der älteste Sohn wird bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt, dass er querschnittsgelähmt ist und an unerträglichen Schmerzen leidet. Er beschließt, mit Hilfe eines Arztes aus dem Leben zu scheiden. Dem Autor gelingt es, den Leser teilhaben zu lassen an dem Leid, welches durch das Unglück in den Alltag einer Familie einbricht und alles verändert. Und gleichzeitig das Leben zu feiern, indem er den Tod hineinlässt, ohne Bitterkeit zu verströmen. Die Sprache ist klar und schnörkellos, kein Wort zu viel. Und die Übersetzung lässt ebenfalls nichts zu wünschen übrig.

Anita Djafari


Spannung pur für kleine und große Bücherfans

Thé Tjong-Khing [Indonesien/Niederlande]: Die Torte ist weg! / Picknick mit Torte / Geburtstag mit Torte
(Bilderbuch, Moritz Verlag, ab 2 Jahre)

und
Carl Nixon [Neuseeland]: Rocking Horse Road
(aus dem Englischen von Stefan Weidle, Weidle Verlag 2012)

Dieses Jahr wird es richtig spannend an Weihnachten. Die Minis finden unterm Baum einen meiner Lieblings-Kinderklassiker, die Bilderbücher der umwerfenden Trilogie von Thé Tjong-Khing. Echte “Kleinkind-Krimis” mit lustigen Tiermenschen – ganz ohne Text und mit wunderbaren Zeichnungen für die Fans witziger Verwicklungen und verrückter Verfolgungsjagden. Bücher voller Rätsel, die clevere Zwergdetektive, die gern genau hinschauen, ganz sicher lösen können. Kurzweil für alle garantiert.
Und für die Großen gibt es meine Neuentdeckung Carl Nixon, dessen Roman ein athmosphärisch verdichteter, psychologisch tiefschürfender und literarisch feinziselierter Krimi ist. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe Jugendlicher, die einen Mord aufklären wollen. Jenseits jeglichen “Schockertums” und ohne Blutbäder liefert dieses Buch Hochspannung bis zur letzten Seite.

Petra Kassler



Schmökerarchiv

Nachstehend stehen etwas ältere litprom-Buchtipps weiterhin zur Verfügung.

Der neue Roman der Wanderin zwischen den Welten

Aminatta Forna (Großbritannien/Sierra Leone): Ein Lied aus der Vergangenheit

(Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini, DVA 2012)

Was für eine Frau. Die Journalistin Aminatta Forna zeigt spätestens mit diesem Roman ihre große Begabung. Ein stimmiger Plot mit drei männlichen Protagonisten: der englische Psychologe Adrian, dem es zu Hause sowohl in seiner Arbeit als auch seiner Familie zu eng geworden ist, der junge Chirurg Kai, der Tag und Nacht arbeitet, um die äußerlichen Versehrtheiten der Kriegsopfer zu lindern und seine eigene Schlaflosigkeit bekämpft, und der im Sterben liegende Elias, der noch eine Schuld abzutragen hat und Absolution sucht. Sie treffen aufeinander in einem Krankenhaus in Sierra Leone, nach Jahren des Bürgerkriegs. Adrian geht eine Beziehung ein mit Mamahay; sie ist Kais ehemalige große Liebe und Elias' Tochter. In präziser und anschaulicher Sprache erzählt die Autorin von Traumatisierung, Freundschaft, Liebe und Verrat, aber auch von der heilenden Kraft der Versöhnung. Dabei wird bei aller Sorgfalt der Recherche niemand belehrt; es reicht, dass Aminatta Forna als Wanderin zwischen den zwei Welten Afrika und Europa genauestens Bescheid weiß und uns daran teilhaben lässt. Großartig!

Anita Djafari

Das Buch ist ein Titel im Programm 2012 des Anderen Literaturklub.


Sind Sie Schriftsteller?

Bernardo Carvalho (Brasilien): In São Paulo geht die Sonne unter

(Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin Schweder-Schreiner, Luchterhand München 2009)

„Sind Sie Schriftsteller?“ – fragt die alte Besitzerin eines japanischen Billigrestaurants ihren Stammgast, einen arbeitslosen Werbetexter. Direkter könnte er mit dieser seiner längst aufgegebenen Ambition nicht konfrontiert werden, die er früher an allen Ecken herausposaunt hatte. Die alte Dame will vor ihrem Tod noch unbedingt eine Geschichte erzählen. Und ihr Zuhörer wird sich seiner japanischen Abstammung stellen müssen und mit der Aufgabe wachsen, diese Geschichte der Welt zu übermitteln. Sein Buch führt uns von São Paulo, einer Stadt, die sich immer als etwas ausgibt, was sie nicht ist, nach Japan, in das Land, wo die Sonne aufgeht, während sie untergehen sollte. In Bernardo Carvalhos Roman geht es um verzerrte Wahrnehmungen und um Gegensätze, die einander näher stehen, als man vermutet. Das vermeintliche Eifersuchtsdrama entpuppt sich als Kriminalgeschichte um Rache für Kriegsverbrechen und einen gestohlenen Namen. Ein spannender Roman, der unterschiedlichen Erzähltraditionen den Spiegel hält und abermals die Welthaltigkeit der brasilianischen Literatur belegt.

Vera Kurlenina


Keine simple Anklage

Salma (Indien): Die Stunde nach Mitternacht

(Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler; Draupadi Verlag 2011; mit einem sehr informativen Vorwort von Kannan Sundaram)

Anlässlich einer Tagung bekam ich den umfangreichen Roman Die Stunde nach Mitternacht der südindischen Autorin Salma in die Hand gedrückt. Über Salmas Leben wusste ich einiges noch vom Gastlandauftritt Indiens 2006. Salma musste nach ihrer frühen und ungewollten Eheschließung heimlich und unter Pseudonym schreiben und immer die Konsequenzen der Entdeckung fürchten. Wie viele Mitglieder einer andersgläubigen Minderheit, Salma ist Muslima, in einem besonders strengen und traditionellen Umfeld aufgewachsen, war ihre Liebe zur Literatur und mehr noch ihr Wunsch selbst zu schreiben „unerhört“ und strikt untersagt. Wie sie es schaffte, doch zu schreiben und letztendlich anerkannte Politikerin zu werden, ist selbst Stoff für einen Roman.
Salma hat aber in Die Stunde nach Mitternacht etwas ganz anderes geschrieben: Eine genau beobachtete, mit großer Empathie, aber auch psychologischem Scharfblick aufgeblätterte Chronik einer Gruppe von Frauen. Ihr Leben wird bestimmt von religiösen Zwängen und Regeln, von Traditionen und Bräuchen, von Arbeiten im Haus, Kochen und den Kindern. Zwischen ihnen gibt es mannigfaltige Beziehungen, Feindschaften und innigste Freundschaften, Missverständnisse, Träume und Niederlagen. Fast erinnert diese Fülle an Personen und Gefühlen an die großen russischen Romane und wie bei diesen erleichtert ein selbstgemalter Stammbaum den Durchblick.
Salmas Buch ist keine simple Anklage, es ist eine genau beobachtete, detailreiche Studie, die viele Einsichten ermöglicht und mir in diesem eher verregneten Sommer doch einiges an Ferienfreude schenkte.

Eva Massingue


Einfach nur schön

Il Sung Na: Schhh… Das Buch vom Schlaf

(Aufbau Verlag 2011)

Einfach wunderschön ist dieses Bilderbuch des Südkoreaners Il Sung Na. Alle Tiere schlafen: Dicke Elefanten schnarchen laut, Pferde träumen im Stehen; der Fisch schließt nie die Augen, riesige Giraffen schlummern mit dem Kopf auf den Wolken und tun dies gern allein, Pinguine hingegen müssen kuscheln; der geblümte Wal kann schlafen und schwimmen gleichzeitig … Und über all diese nächtlichen Gewohnheiten wacht die gute Eule, mit ihrem aufmerksamen Blick, dem nichts entgeht. Erst wenn alle morgens wieder putzmunter sind, kann sie beruhigt die Lider senken.
Schon für die allerkleinsten Bücherwürmchen ist diese Gutenachtgeschichte mit ihren wunderbar kunstvollen Illustrationen, mit denen man nur zu gerne das Kinderzimmer dekorieren würde, ansprechend – so verspielt sind die Farben und Formen, so nett und freundlich die fantasievollen Details. Mein Sohn, der übrigens auch am helllichten Tag diesen echten Schatz aus dem Regal zieht, würde das verträumte, ruhige Buch sicher allen Kindern empfehlen, die sich eine wachsame Eule für ihren Schlaf wünschen. Und für die Erwachsenen: Auch die Website des Autors ist einen Besuch wert: www.ilsungna.com.

Petra Kassler