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Autor: Malek Alloula
Jahr: 2003
Verlag: Françoise Truffaut, Paris
Gattung: Prosa
Region: Arabische Welt
Land: Algerien
Originalsprache: Französisch
Umfang: 125 Seiten
Rechte: o.A.
Kontakt: Susanne Stemmler; Stemmler@hkw.de
Thematik:
Der Band kreist um die Thematik des Essens. Alloula erweitert sie zu einer Kindheitserinnerung an das Aufwachsen mit den Rezepten seiner Mutter in Oran/Algerien. Er nimmt diese Erinnerungen auch zum Anlass für eine kleine Geschichte berberisch-arabischer Kultur. Die Perspektive ist die des algerischen Intellektuellen im Pariser Exil: Der Geschmack vertrauter Speisen ruft Erinnerungen an seine Kindheit, an die Familie, an gute Freunde in Algerien wach. Dazu kommen auch dem Essen verwandte Themen wie Kannibalismus, Vegetariertum und Geschmackserziehung.
Der Autor macht uns hier mit einem bedeutenden Aspekt seiner Kultur bekannt – mit der Gastfreundschaft. In philosophisch-autobiografischen Essays beantwortet er mit Les Festins de l’Exil die 33 Fragen seiner Verlegerin Francoise Truffaut rund um das Essen, das in der von ihr initiierte Reihe „Saveurs de la Réalité“ erschienen ist.
Gutachten:
„Was bedeutet Essen?“ – für Malek Alloula ist die Nahrungsaufnahme ein Akt, der uns alle kulturübegreifend eint. Er schildert in sehr poetischen Miniaturen Szenen, in denen die Familie und ihre Gäste um einen großen Tisch mit Freunden sitzen, in denen er zu Gast bei berühmten Schriftstellern wie Kateb Yacine ist oder in denen die körperlich-sinnliche Erotik des Essens zum Tragen kommt. Diese Erinnerungen regen den erzählerischen Appetit an, und um den ‚Genuss des Textes‘ sinnlich auszukosten, stellt Alloula am Schluß des Buches Familienrezepte aus seiner Geburtsstadt Oran vor: z.B. Arroz bel djej (Safranreis mit Hühnchen), Seffa (Süsser Couscous).
Es handelt sich um einen grundlegenden Text im Werk dieses Autors, der zwischen Prosa und Lyrik angesiedelt werden kann. Malek Alloula lässt die Leserinnen und Leser in seiner besonderen poetisch-assoziativen Sprache an seinen Erinnerungen an die gemeinsamen Festmahle seiner Kindheit in Oran teilhaben. Sehr lebendig, mit einem liebevoll-ironischen Unterton kommentiert er die Komik, die aus diesen Szenen zuweilen entsteht – etwa wenn seine Mutter seine Essgewohnheiten bis ins Erwachsenenalter mit dem französischen Begriff „dilicat“ betitelt, oder wenn seine Tante ihn aus lauter Zuneigung auffressen will und dieses bei dem kleinen Alloula zu Alpträumen führt … Diese Schlüsselszenen machen auch auf sehr subtile Weise die besondere Situation Algeriens während der französischen Kolonialherrschaft und die Exilsituation des Autors deutlich.
Alloulas Sprache vermag dabei die Körperlichkeit des Themas meisterhaft umzusetzen, die Erinnerungen finden mit allen Sinnen statt – angefangen bei der „Musik“ der großen Kochtöpfe und der Braseros in der mütterlichen Küche bis hin zu den Gerüchen und Ausdünstungen. Ohne Melancholie oder direkte politische Anspielungen steht dieser Text auch für die Exilsituation einer ganzen Generation algerischer Intellektueller. Das besondere des Textes ist seine sehr poetische, bilderreiche Sprache, die die Lektüre zu einem wahrhaftigen „plaisir du texte“ im Barthes’schen Sinne werden lässt.
Eine große Rolle spielen die 16 Kochrezepte am Ende des Bandes aus den „großen Kochtöpfen“ seiner Mutter, die von Alloula eingeleitet und kommentiert werden und den Leserinnen und Lesern am Ende der Lektüre sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammen laufen lassen. Die Rezepte spiegeln die Besonderheiten der berberischen Küche, welche eine durch die spanisch-jüdischen Traditionen beeinflusste mediterrane Küche kultureller Mischungen ist, die sich nicht zuletzt in den Zutaten niederschlagen.
Einschätzung und Empfehlung:
Der 1937 in Oran geborene Malek Alloula, Absolvent der Ecole Normale Supérieure ist eine in Deutschland leider bislang nur den Lesern seines "Harem Colonial" bekannte Stimme der älteren maghrebinischen Autoren. Er lebt in Paris, wo er seit 1967 als Verlagslektor tätig ist; gerade ist sein neuer Gedichtband "Approchant du seuil ils dirent", (Paris: Ed. Al Manar 2009) erschienen. Alloula leitet die Stiftung zu Ehren seines Bruders, Abdelkader Alloula, Theaterautor und Dramaturg in Alger, einem der führenden Intellektuellen des Landes, der 1994 von Islamisten umgebracht wurde.
Mit seiner kontinuierlichen Textproduktion gehört er zu jenen maghrebinischen Autoren, die bislang nicht in der ersten Reihe der Aufmerksamkeit standen, dieses aber ohne Frage verdienen. Ohne einer bestimmten Epoche des Schreibens aus dem Maghreb zugeordnet werden zu können (und zu wollen) schreibt er kontinuierlich Lyrik und Prosa sowie poetisch-philosophische Essays auf Französisch. Seine frühen Lyrikbände sind verdichtete epiphanienhafte Miniaturen, die sich von Beginn an existentiellen Themen widmen und die als Prosa in "Les Festins de l’Exil" konsequent weiterentwickelt werden. Das international am stärksten rezipierte Buch Alloulas ist ohne Zweifel "Le Harem Colonial. Images d’un sous-ėrotisme" (Paris: Slatkine 1980; Wiederauflage Paris: Séguier 2004), das ins Englische und Deutsche übersetzt wurde, im Deutschen aber bedauerlicher Weise vergriffen ist. Der kulturkritische Essay zu den Fotopostkarten, die in den 20er Jahren in den kolonialen Fotostudios in Algerien entstanden, gilt bis heute als ein kanonischer Text in der Nachfolge der Edward Said’schen Orientalismus-These.
Die Stärke der "Festins de l’Exil" besteht im allgemein zugänglichen Thema, das aber auf höchst komplexe und unerwartete Weise aufgegriffen wird. Es ist die Stärke des Alloulaschen Textes, die sicherlich schmerzhafte Rückschau mit einer sinnlichen, poetischen Sprache umzusetzen, die keinesfalls eine zärtliche Ironie ausspart.
Der Text liegt in deutscher Übersetzung vor.
Übersetzungsprobe:
Liegt vor. Bitte anfordern bei Petra Kassler; kassler@book-fair.com oder direkt bei Susanne Stemmler; stemmler@hkw.de.




