© Marc Nair

Marc Nair

Der Slam-Poet Marc Nair hat seit seinem Debüt mit Along the Yellow Line von 2007 fünf weitere Bücher mit Gedichten und Auszügen aus seinem Bühnenmaterial veröffentlicht – darunter ein Band mit „Foto-Haikus“. Zwei seiner Gedichtsammlungen hat er zusammen mit der Gruppe Neon & Wonder als Spoken-Word-Alben vertont. Er vertrat sein Heimatland auf dem World Event of Young Artist, das 2012 in Nottingham stattfand.
Obwohl noch keines seiner Bücher in deutscher Übersetzung vorliegt, war er doch schon auf der Litprom-Bestenliste Weltempfänger (Herbst 2015) vertreten. Die Kritikerin Katharina Borchardt empfiehlt seine Gedichte zur Übersetzung mit der Begründung: „Kraftvolle Prosagedichte, drängend und heutig, grundiert von einer feinen, unstillbaren Sehnsucht.“

The Poet of Unlove

Die Gedichte Marc Nairs aus dem Band The Poet of Unlove leben durch maximal große künstlerische Freiheit. Als Performancekünstler und Slam-Poet, der in englischer Sprache dichtet, hat Marc Nair denkbar wenig gemein mit den klassischen Ikonen asiatischer Dichtkunst, die höchstens als augenzwinkernder Verweis hier und da eingestreut werden (s. u.: „The Language Hospital“). Seine Verse suchen nicht nach einer abgelegenen Pagode, in der sie still erklingen können; es sind keine Strophen, die eine besondere Stimmung äußerster Aufmerksamkeit verlangen, um zu funktionieren oder andernfalls ungehört zu verklingen: Nairs Reimeinfälle, Wortsprünge, Ideenwirbel sind offensiv, sprechen unmittelbar und laut zum Leser. Sie leben vom verqueren Witz, sind direkt, umstandslos und gerade deshalb mitreißend, ein: „adrenalin shot of pure alphabet.” Wie jede gute Slam-Poesie, die als Performance gedacht werden muss, legen es Nairs Texte darauf an, das Publikum zu überwältigen mit einem Mix aus Pop und Romantik, mit Wortspielgeklingel und absurden Referenzen. Deshalb finden sich hier so skurrile Themen wie ein Gedicht über einen Pizzabäcker in Laos, der feierwütigen Backpackern Marihuana auf die Pizza legt, eine Liga der Bartträger (Beard Liberation Front), die sich mit so illustren Mitgliedern wie Sokrates, Hemingway, Chuck Norris und den Weihnachtsmann schmücken kann, oder der Kirche des heiligen Kopismus, deren Heilslehre darin besteht, Raubkopien im Internet zu „teilen“. Solche wohl jedem Leser zwischen 20 und 40 auf der ganzen Welt zugängliche Themen der globalen Popkultur, die einen nicht geringen Teil aller Slam-Poesie ausmachen, stellt Marc Nair jedoch auch noch einige wunderschöne Liebesgedichte zur Seite. Wie zum Beispiel das Gedicht „I See You“, das mit den Worten beginnt: „There are questions I try to answer in your skin. They curl within silence on days we do not meet.”
Auch hier erweist sich Marc Nair als schlagfertiger und gewitzter Autor, dessen Verse gleichzeitig eine verborgene Melancholie durchscheinen lassen, die mit dem feinen Humor dieses Autors durchmengt ist. Es scheint, als habe er sich das „Gargoyle“ (das „Wasserspeierisch“) aus dem gleichnamigen Gedicht behalten und zum Bildgeber seiner Poesie gemacht: „Gargoyle: the secret language of kids who couldn’t fit in.”
Seine Leser, die wahrscheinlich auch des Gargoyle mächtig sind, werden sich wiedererkannt fühlen und sich gerne von diesem so unkonventionellen Dichter der Unliebe in sein „language hospital“ schicken lassen:

I. The Language Hospital

Are you always reduced to silence?
Do you suffer from diseases of the letter?
If you get into a word-related accident
Do you know where to go for help?

Sometimes
we all have to visit the language hospital

The doctors are poets, and the nurses,
well the nurses will be their Muses.
Because if poets are physicians of language,
they should get paid for all the ironic incisions,
blank verse bandages and parodic prescriptions
of words they provide.
[…]
At the language hospital,
there are procedures to remove
tumours of words turned into themselves,
diseased and ugly; throbbing from
badly used tenses or bloated syntax.

There are rooms to treat occasions
Like promotions and births; where
newborn linguists raise constant cries
as unpublished poets take notes.
[…]
When your condition has been stabilized
And word-rate is back to normal, we test reflexes
by making you write a haiku about the frogs
in the pond outside.

II. The Poet of Unlove

I am the poet of unlove.
I wear shades on blind dates.
I call you only by your surname.
I describe your beauty inappropriately;
[…]
I quote stats not the stars in your eyes.
I am into the shape of your assets, financial,
not physical.
I almost always travel alone.
Because I sleep with a stuffed animal.

I am the poet of unlove.
I live with my parents.
[…]
My tweets are too short for you to think I can commit
to long form, my blog posts can be read under a minute.
I like you to get in and out of my site quickly.
Don’t leave a comment; I’d rather wake up to
spam the next morning.

In my poems,
There is only me, like a TV dinner without the TV.
You are on the doorstep ringing the bell, waiting to surprise,
Because you believe home is where the heart is, but I,
I am never home.

Publikationen:

The Poet of Unlove. Spoken Word, Red Wheelbarrow Books, Singapur 2015
Along the Yellow Line. Gedichte, Red Wheelbarrow Books, Singapur 2007
Chai. Reisegedichte, Red Wheelbarrow Books, Singapur 2010
After Class. Photohaikus, Blurb Self-Publishing, San Francisco 2011
Postal Code. Gedichte, Red Wheelbarrow Books, Singapur 2013
Animal City. Gedichte, Red Wheelbarrow Books, Singapur 2014