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PARK Min-gyu - Literatur aus Korea - Service - LITPROM

Literatur aus Korea

PARK Min-gyu
PARK Min-gyu

PARK Min-gyu

Park Min-gyu wurde 1968 in Ulsan geboren und studierte Kreatives Schreiben. Seine Romane wurden bereits mit dem Munhak Dongne Preis und dem Hankyoreh Literaturpreis ausgezeichnet. Parks Werke zeichnen sich durch eine gewisse Komik, Absurdität und Modernität aus.


Der letzte Fanclub der Sammi Superstars

Wir schreiben die 1980er Jahre in Südkorea. Die Militärdiktatur ist Geschichte und das Land öffnet sich im Zuge der Globalisierung nun plötzlich auch kulturell dem Einfluss Amerikas. Von dem Epizentrum Seoul breitet sich ein eigentümlich hybrides Popkulturbeben aus, in dem sich Coca-Cola und Kimchi, Madonnas Kegel-BHs und das klassisch konfuzianische Familienbild, Superman und der Kung-Fu-Roman zu einem elektrisierenden, zuckrigen Gemisch vermengen, das perfekt dafür geeignet ist, die Phantasie eines kleinen Jungen zu befeuern. Der Ich-Erzähler im Roman Der letzte Fanclub der Sammi Superstars von Park Min-gyu ist ein solcher Junge um die zwölf: Und da ist es nicht verwunderlich, dass er im siebten Himmel schwebt, als er hört, welcher neue Trend nun wieder aus den USA zu ihnen rübergeschwappt ist. Südkorea steht die Gründung der ersten Profibaseball-Liga bevor und auch seine Heimatstadt Icheon wird ein Team stellen: die Sammi Superstars.
Baseball, auch das „Spiel des Protokollierens“ genannt, ist genau die richtige Sportart für den akribischen und mit einem hervorragenden Gedächtnis gesegneten Protagonisten. Er stürzt sich mit kindlicher Liebe („ein Gefühl, dass unter allen Menschenaffen nur Mittelschüler kennen“, S. 58) auf diesen Sport, auf sein Team. Bald schon wirft er mit Zahlen und statistischen Werten nur so um sich. Er kennt das Batting Average (die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Spieler den Ball trifft) eines jeden Spielers seiner heißgeliebten Sammi Superstars auswendig, und kann vorausberechnen, welcher Spieler bei welcher Ausgangslage im Spielverlauf vom Trainer aufs Feld geschickt werden wird. Gemeinsam mit seinem Freund Jo Seong-hun verbringt er seine ganze Freizeit mit diesem Sport. Unablässig diskutieren sie das Team, ihre Platzierung in der Tabelle, mögliche neue Spieler. Sie kleiden sich von Kopf bis Fuß in Fanartikel, sie leben und atmen die Sammi Superstars.
Da wäre nur ein Problem, das ihnen den Weg zur völligen Glückseligkeit verstellt: Die Sammi Superstars sind das schlechteste Team der Liga! Sie spielen nicht einfach nur schlecht, sie sind grottenschlecht! Sie sind eine Amateurmannschaft, die sich in die Profiliga verirrt hat. Und so verbringen der Protagonist und sein Freund eine ganze lange, schmerzliche Kindheit voller desaströser Niederlagen. Das Martyrium dauert an, bis der Club schließlich in eine andere Stadt verkauft wird. Der mittlerweile auf der Schwelle der Adoleszenz stehende Protagonist zieht eine Lehre aus dieser bitteren Erfahrung: Das Leben ist ein ewiger Kampf, deshalb sei kein Amateur unter Profis. Mit dieser neuen Maxime vor Augen stürzt er sich in die unendliche harte Maschinerie des südkoreanischen Bildungswesens. Er ergibt sich dem Diktat der Selbstoptimierung, lernt jeden Tag bis ihm der Kopf rauscht, konditioniert sein ganzes Wesen auf ein einziges Ziel hin: ein Gewinner, ein Profi und kein Abgehängter zu werden. Und so wird aus dem lebhaften Kind ein murakamiesker Held der fehlenden Innerlichkeit, mehr Zahnrad als Mensch. Ein apathischer Lernroboter, der fühllos durch seine restliche Schulzeit und sein Studium treibt, blind dem Befehl zur Selbstoptimierung folgend.
Doch eines Tages wacht er auf. Die Finanzkrise holt Seoul ein, und obwohl er 16 Stunden pro Tag arbeitet, verliert er seinen Job und zudem seine Frau. Das einzige Ziel, das ihm nach dem Desaster der Sammi Superstars im Leben Struktur gegeben hat, ist weggebrochen. Depressiv und vereinsamt treibt er antriebslos dahin, bis sein alter Freund Jo Seung-ho wieder auftaucht. Er ist immer noch Fan des schlechtesten Teams des koreanischen Profibaseballs. Weil er ihre Art, mitten zwischen den ambitionierten Profimannschaften, den Karrieristen und High-Performern unbekümmert ihr mehr als durchschnittliches Spiel durchzuziehen, als eine alternative Lebensform erkannt hat: eine Philosophie des Widerstands durch Durchschnittlichkeit, eine Übung in Gelassenheit in der Niederlage und eben eine Lebenseinstellung „für Durchschnittsmenschen mit einer Gewinnquote von 12,5%“. Der alte Fanclub der Sammi Superstars wird neu gegründet. Sie werden in Zeiten der Unterwerfung aller Bereiche des Lebens unter das Diktat des marktkonformen Profitums mehr gebraucht als je zuvor.
Die Band Tocotronic hat einmal in einem Lied die verbrannten Kinder der modernen Arbeitswelt aufgefordert: „Sagt alles ab!“ Park Min-gyus wunderbarer Roman ist so etwas wie das koreanische Pendant auf dieses hymnische Lied. Brüllend komisch, mit Gespür für die angstbesetzten Zwischentöne seines Protagonisten, erzählt er eine Geschichte des Scheiterns und der Wiedergewinnung des Selbst in der vermeintlichen Niederlage. Sein Stil und der popkulturelle Kosmos seiner Erzählung erinnern an Autoren wie Chuck Klostermann (Killing yourself to live: 85% of a true story) oder Junot Díaz (The brief and wonderous life of Oscar Wao), denen er in Sachen Lesespaß in nichts nachsteht. Das Thema dieses grandiosen Buches ist glocal und am Puls der Zeit, trifft aber speziell den deutschen Leser ins Mark. Mag es der Baseball in unseren Breitengraden auch nicht mit dem Fußball aufnehmen können, jeder Sport hat ein Team wie die Sammi Superstars nötig.

Ein ausführliches Gutachten sowie eine vollständige deutsche Übersetzung liegen vor.
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