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HAN Kang - Literatur aus Korea - Service - LITPROM

Literatur aus Korea

HAN Kang
HAN Kang

HAN Kang

Han Kang, Tochter eines bekannten südkoreanischen Schriftstellers, lehrt Kreatives Schreiben und hat bereits zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Unter den vielfachen Auszeichnungen, die sie in Südkorea für ihre Werke erhalten hat, ist auch der bedeutende Yisang Literaturpreis für Der Mongolenfleck. Diese Erzählung macht den mittleren Teil des vorliegenden Romans in drei Erzählungen aus. Der Roman Die Vegetarierin wurde in Südkorea zwischen 2005 und 2010 siebenmal nachgedruckt.

Die Vegetarierin erscheint bald auf Deutsch. Han Kang hat mit ihrem Roman den Man Booker International Prize gewonnen.


Die Vegetarierin

Yonghye scheint auf den ersten Blick eine normale und gesunde Frau zu sein. Nicht besonders attraktiv, aber auch nicht hässlich. Still und in sich gekehrt wie sie ist, kommt ihr nie ein böses Wort über die Lippen, wenn sie überhaupt einmal etwas sagt. Sie ist, mit anderen Worten, geradezu das Ideal bild einer gehorsamen Tochter, wie es sich ein klassisch-autoritärer Vater oder ein Ehemann mit durch und durch mediokrem Charakter nur wünschen kann. Ein kleines unscheinbares Püppchen nach konfuzianischer Bauart, so subjektlos und devot, dass ihr Mann sich nicht weiter verpflichtet fühlt, sich um ihretwillen anzustrengen oder gar versuchen muss, ihr zu gefallen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Doch ist das Erwachen groß, als Yonghye, diese kleine Zugehfrau mit ehelichen Pflichten, auf einmal rigoros erklärt, sie wolle Vegetarierin werden. Das ist aber nicht alles. Begleitet wird dieser plötzliche Sinneswandel durch ihr merkwürdiges Verhalten, so wirkt sie oft abwesend, wie in einer anderen Welt gefangen, und entwickelt zunehmend Symptome einer Zwangsneurose. Ihr Umfeld, allen voran ihr Ehemann und der despotische Vater, ein Veteran des Vietnamkriegs, der zu Hause ein strammes Regiment führt, begegnet Yonghyes seltsamem Verhalten mit Unverständnis. Die angespannte familiäre Situation eskaliert, als der Vater sie bei einer Familienfeier mit Gewalt dazu zwingen will, Fleisch zu essen. Yonghye begegnet dieser brutalen Zurechtweisung, indem sie sich die Pulsadern aufschlitzt. Es beginnt eine verhängnisvolle Entwicklung, in deren Verlauf sie verlassen, missbraucht und für verrückt erklärt wird. Wahnvorstellungen und anorektische Autoaggression ziehen Yonghye immer tiefer in einen Strudel aus Albträumen. Ihre Rebellion gegen ihre unverständigen Angehörigen lässt sie durch ihr eigenes geschundenes Fleisch verlaufen. Die Vegetarierin retardiert, wird zum Kind und schließlich im Rausch ihres Wahns zur Pflanze, jener Lebensform, die gemäß der buddhistischen Spiritualität am weitesten von der menschlichen Existenz entfernt ist, die zwar das Heilige anstrebt, jedoch ebenso gut zum Mörder werden kann.

Han Kang erzählt die Geschichte dieser wahnhaften Verwandlung auf eine sehr geschickte Weise. Denn obwohl sie große Empathie für ihre Protagonistin hegt und sich der Roman im Kern mit dem Zerfall eines Menschen beschäftigt, wählt sie nicht die Perspektive Yonghyes. Stattdessen setzt sich die Geschichte aus drei untereinander verbundenen Novellen zusammen und bietet so eine dreifache Außenperspektive auf den inneren Kampf einer verzweifelten Frau. Dabei zeichnet die Autorin ein bewegtes Bild der kaputten Innerlichkeit eben jener Menschen, die mit dem katastrophischen Selbstzerstörung einer nahestehenden Person konfrontiert sind, deren Leiden sie einerseits nicht verstehen und gleichzeitig mit verursachen. Auch wenn allmählich die drei Erzähler – Ehemann, Schwager und schließlich auch Schwester – mehr Verständnis für Yonghye aufbringen, bleibt doch das Mysterium ihres Schmerzes allen dreien verborgen, weil sie letztendlich zu egozentrisch sind.

So ist die eigentliche Leistung dieses Romans nicht die kritische Auseinandersetzung mit den zersetzenden patriarchalen Strukturen in einer Gesellschaft, die ihre weiblichen Mitglieder von innen her auffrisst, sondern das feine Vexierspiel der dreifachen Außenperspektive. Mit diesem stilistischen Kunstgriff hat Han einen Weg gefunden, das schwermütige Thema der Geschichte zu dynamisieren. Das Mysterium von Yonghyes Leiden nimmt den Leser auf eine unmerkliche Art gefangen, ihre Reaktionen verblüffen ihn genauso wie die der drei Erzähler. In den Wahn mischt sich nach und nach eine leise Melancholie, bis man fast versteht, warum sich Yonghye wünscht, als Pflanze wiedergeboren zu werden.

Auf Deutsch liegt von Han Kang bereits vor: „Die Früchte meiner Frau“, in:
Koreanische Erzählungen. Hrsg. von Sylvia Bräsel und Lie Kwang-Sook. Dtv 2005

Eine Leseprobe der deutschen Übersetzung von Edeltrud Kim und Sun-Hi Kim sowie ein Auszug aus dem detaillierten Gutachten von Achim Stanislawksi liegen vor.
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