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CHOI Jae-hoon - Literatur aus Korea - Service - LITPROM

Literatur aus Korea

CHOI Jae-hoon
CHOI Jae-hoon

CHOI Jae-hoon

Choi Jae-hoon gilt in Südkorea als aufstrebender Star der jungen Literaturszene. Sein literarisches Debüt Das Schloss des Baron Curval erzählt die Geschichte um einen fiktiven Film mit ebendiesem Titel, in dessen Zentrum ein mittelalterlicher Baron und dessen kannibalische Gelüste stehen. Der Autor erzählt die Geschichte um diesen Film in einem eklektischen und experimentellen Stil, der aus einer großen Bandbreite unterschiedlicher Textformen zusammengesetzt ist. Der Text changiert zwischen Zeitungsartikeln, Interviews, Vorlesungen und Zitaten aus wissenschaftlichen Arbeiten über den Kannibalismus. Er demonstriert eindrücklich Chois Virtuosität und seinen frischen, eigenständigen Umgang mit den zentralen Themen seines Schaffens, die ihn auch in seinen folgenden Arbeiten immer wieder beschäftigen: die klassische Schauerliteratur inklusive ihrer popkulturellen Ableger wie Frankenstein, Sherlock Holmes, Hexen und anderen Monstern, die Choi in erhellende neue Zusammenhänge stellt.


Seven Cats' Eyes

In seinem Essay The Philosophy of Composition erklärt Edgar Allen Poe, dass er, um die faszinierend dichte Atmosphäre seiner Geschichten zu kreieren, immer vom Ende her anfing zu schreiben. Ein umsichtiger Autor sollte nach Poes Ansicht nicht einfach auf ein vages Ziel drauflos schreiben, Seite um Seite anhäufen und sich von dem Verlauf der eigenen Narration „überraschen“ lassen. Das kurze Prosawerk als äußerst direkte Form erfordere ein geschickteres Vorgehen: „form follows effect“. Poe wies so das romantische Bild des genialen und entrückten Dichters zurück. Sich selbst sah er hingegen als einen gerissenen Strippenzieher, als einen kalkulierenden und manipulativen Virtuosen, der es versteht, auf knappem Raum mit der emotionalen Klaviatur des Lesers zu spielen. Diesem entromantisierten Verständnis der Kompositionsarbeit beim Schreiben ist es wohl zu verdanken, dass Poes Kurzgeschichten bis heute nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Demselben Geist der Philosophy of Composition scheint auch das tiefgründige Werk Seven Cats‘ Eyes von Choi Jae-hoon verpflichtet. Der in Korea für sein Debüt ausgezeichnete und als Star der jungen Literaturszene gefeierte Choi legt in seinem zweiten Prosawerk eine trickreiche Kaskade von Geschichten vor – gewissermaßen ein Mahlstrom von Poe‘schem Ausmaß. Das in vier Kapitel aufgeteilte Werk präsentiert eine Vielzahl zunächst scheinbar unabhängiger Gruselgeschichten. Jede einzelne ein kompositorisches Kleinod, das nicht nur geschickt mit den Ängsten des Lesers spielt, sondern auch die formalen Grenzen des eigenen Genres abschreitet und aufbricht. So erzählt der erste Text The Sixth Dream die klaustrophobische Geschichte eines Treffens von Mitgliedern eines Internet-Forums für berühmte Mordfälle namens „Silver Hammer“. Von einem Schneesturm in einer Berghütte eingeschlossen wird das Treffen zum Horrortrip, als ein mysteriöser Killer einen Teilnehmer nach dem anderen umbringt. Die Überlebenden, vom Hunger ausgezehrt, werden von Träumen der zuvor begangenen Morde heimgesucht, Realität und Traum verschwimmen. Doch mit dem Bodycount steigen auch die selbstreferenziellen Verweise des Textes auf die eigene Diegese. Bis sich die Geschichte in ein eigenartig changierendes Möbiusband verwandelt, das den Leser fassungslos zurücklässt.
Von dieser Eingangserzählung aus entspinnt sich ein Netz aus Mikronarrationen, die in den Geschichten der folgenden drei Kapitel wieder aufgegriffen und meisterlich variiert werden. So wird etwa in der Episode π ein Motiv aus The Sixth Dream wieder aufgenommen. Hier taucht ein Übersetzer auf, der beginnt Details in seiner Übersetzung zu verändern oder ganze Figuren zu „töten“, indem er sie einfach aus dem Manuskript herausschreibt. Der Titel des Buches wiederum, das er übersetzt, lautet Seven Cats‘ Eyes, was gleichzeitig auch der Name der letzten Episode (und Titel des Meta-Buches von Choi) ist.
In diesem letzten Kapitel wiederum beginnt ein Mann in einer Bibliothek einen Detektivroman mit dem gleichen Titel zu lesen, gelangt jedoch nicht zum Ende der Geschichte, da die Bibliothek vorher schließt. Deshalb versteckt der Mann das Buch zwischen den Bücherregalen, um es am nächsten Tag zu Ende lesen zu können. Allerdings kommt er zunächst nicht dazu, da er sich an den Augen verletzt. Während seiner temporären Blindheit spinnt er die Geschichte im Geiste weiter, muss nach der Wiederherstellung seines Augenlichts aber zu seiner Verblüffung feststellen, dass das Buch s wie vom Erdboden verschwunden ist. Es befindet sich nicht mehr in seinem Versteck und ist auch in keinem der Archive der Bibliothek verzeichnet. Mit solchen geschickten Vexierspielen zwischen Text und Metatext, die an Tlön, Uqbar, Orbis Tertius von Jorge Luis Borges oder Wenn ein Reisender in einer Winternacht… von Italo Calvino erinnern, reiht sich Choi ein unter diese Großmeister des feinen Spiels mit den Leseerwartungen. Seine Gruselkaskaden sind darüber hinaus jedoch kluge und gewitzte Spiele mit dem Medium der Literatur selbst. In dieser koreanischen Gotik erarbeitet ein kompositorischer Meisterhandwerker ein labyrinthisches Mosaik.

Choi Jae-hoon brilliert in diesem Buch mit einem fein abgestimmten Stil, in dem keine Anspielung, kein noch so kleines Detail so unwichtig erscheint, als dass es nicht Ausgangspunkt einer weiteren Kaskade an Geschichten sein könnte. Witz und Horror liegen dabei immer nah beieinander und bilden so eine eigenständige, sehr moderne Antwort auf die europäische Postmoderne und das trickreiche Formspiel der Oulipo-Bewegung. Seven Cats‘ Eyes ist ein gewitzter Hochgenuss sowohl für anspruchsvolle Leser als auch für Freunde des kniffeligen, atmosphärischen Horrors in der Tradition Edgar allen Poes.
Das feine Gespür für Zwischentöne und neue Sichtweisen auf scheinbar allzu bekannte Geschichten zeichnen Chois Prosa aus und durchziehen auch den Roman Seven Cats‘ Eyes, der viel mehr als ein bloßer Schauerroman ist. Denn das Buch scheint nur auf den ersten Blick aus vier voneinander losgelösten Horrornovellen zu bestehen. Bei genauerem Hinsehen wird ein Geflecht aus Geschichten und Charakteren sichtbar, die sich in den unterschiedlichen Episoden treffen, überschneiden, widersprechen. Die ineinander verwobenen Erzählungen kreieren so eine „Kette von Geschichten, die sich Glied um Glied fortsetzt, ohne sich jemals zu wiederholen“. Genau wie die undefinierbare Zahl π, die „einen Kreis geometrisch beschreibt, als die einfachste Form einer geschlossenen Kurve, die unendlich nahe aber endlos über dem Nulllimes verläuft“. Die Protagonisten dieser bizarren und dennoch spannenden Konstellation kreuzen einander unentwegt, als seien sie in einer Schleife gefangen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen der Identität einer Figur und ihres Wiedergängers werden aufgelöst in der unendlichen Umformung der Geschichten. Choi Jae-hoons meisterlich konstruiertes Buch wird somit zu einer sich verselbstständigenden Metaerzählung, eine Meditation über das Schreiben und das Fortschreiben der Geschichten im Moment des Lesens.

Broschüre des LTI Korea mit einem ausführlichen Auszug des Romans in englischer Sprache: