Buchtipps: Kinder- und Jugendmedien

Eine Reise durch Raum und Zeit

Heekyoung Kim (Text), Krystyna Lipka-Sztarballo (Ill.) [Korea | Polen]: Wo geht’s lang? Karten erklären die Welt (aus dem Koreanischen von Hans-Jürgen Zaborowski, Gerstenberg Verlag 2011)

Auszug der Rezension aus LiteraturNachrichten Nr. 110, Herbst 2011:

Nicht nur auf Seide, Pergament oder Papier gemalt sind die Karten, die uns Heekyoung Kim vorstellt, die Karte der Marshall-Insulaner besteht aus Stöcken und Muscheln und ein Plan des antiken Rom ist im wahrsten Sinn des Wortes in Stein gemeißelt. Dieser Römer rechnete bestimmt nicht mit einer schnellen Änderung der Verhältnisse, so wie er sie kannte. Heekyoung Kim hat 18 Karten in ihrem Buch Wo geht’s lang? versammelt, sehr unterschiedliche aus nahezu der ganzen Welt. Sie zu betrachten, sich zu überlegen, warum und von wem sie wohl hergestellt wurden und was sie uns heute sagen, willentlich oder nicht, ist nicht nur für Kinder ab 8 Jahren ein Vergnügen. Im Anhang findet der interessierte Leser noch eine ganze Reihe von Fakten zu jeder Karte, Spezialistenwissen für alle, die noch tiefer in die Materie eintauchen wollen.
Wo geht’s lang? entfaltet seinen besonderen Zauber gerade auch durch seine wundervollen Illustrationen. Die Autorin aus Korea lernte die Illustratorin aus Polen anlässlich ihrer Polenreise kennen und beide beschlossen, gemeinsam etwas zu erarbeiten. Laut Krystyna Lipka-Sztarballo war die Arbeit an diesem Buch „eine ihrer schönsten Reisen durch Raum und Zeit“ gewesen.
Wo geht’s lang? und das ist wohl mit das Schönste, was man über ein Buch sagen kann, ist für jedes Alter lesenswert und vergnüglich.


Kindheitserinnerungen an die Kulturrevolution

Chen Jianghong [China]: An Großvaters Hand (aus dem Französischen von Tobias Scheffel, Moritz Verlag 2009)

In beeindruckenden Bildern erzählt der vielfach ausgezeichnete Illustrator und Autor Chen Jianghong seine Kindheit in Nordchina. Zwar ist die Familie arm, aber zufrieden: Die Eltern arbeiten, die Großmutter kocht und züchtet Küken im Hof, Chens taubstumme Schwester besucht eine Gehörlosenschule. Chen selbst, der noch sehr klein ist, begleitet seinen Großvater oft in den Park. Doch mit Beginn der Kulturrevolution wird alles anders. Propaganda und Gewalttaten sind an der Tagesordnung, Erinnerungsstücke und Bücher müssen verbrannt werden und das Leben der Familie ändert sich von Grund auf. Chen Jianghong führt anhand persönlicher Erinnerungen durch ein erschreckendes Kapitel der jüngeren chinesischen Geschichte. Das Buch ist für Kinder ab 7 Jahren aber auch für Erwachsene gedacht, die mit einem etwas anderen Blick mindestens ebenso fasziniert sein werden.


Der Löwe im Bauch

Nasrin Siege (Text) [Iran / Deutschland], Barbara Nascimbeni (Ill.) [Italien / Deutschland]: Wenn der Löwe brüllt (Peter Hammer Verlag 2009)

Wenn der Hunger im Bauch rumort, dann fühlt sich das wie ein brüllender Löwe an. Ab und an kann man den Löwen vertrösten, wenn man mit den anderen Kindern spielt, aber dann reißt der das Maul wieder weit auf und brüllt entsetzlich. Emanuel und Bilali leben auf der Straße, irgendwo in Afrika. Sie kennen den Löwen gut. Manchmal können sie ihn nicht besänftigen, wenn sie zu wenig Geld haben, dann reicht es nur für süßen Tee. Aber ab und an schnurrt der Löwe auch zufrieden, denn meistens kommen die beiden Jungs ganz gut klar auf der Straße. Nasrin Siege zeigt uns liebenswerte, ganz normale Kinder, mit ganz normalen Träumen – und Barbara Nascimbeni bringt sie – und den Löwen – uns sehr nahe. Dazu kommt noch ein Spiel mit Collageschnipseln, die Suchen, Finden und Erkennen möglich machen, jenseits der Geschichte. Ein gutes Vorlesebuch ab 5 Jahren.


Der Bär und die Wildkatze

Kazumi Yumoto (Text)/ Komako Sakai (Ill.)[Japan]: Der Bär und die Wildkatze (aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Moritz Verlag 2009)

Ein ergreifendes Bilderbuch aus Japan über Einsamkeit, Kummer und Verlust, an dessen Ende ein Neuanfang steht. Der beste Freund des Bären, der kleine Vogel, stirbt und Bär muss das verkraften. Das gelingt ihm erst mit Hilfe von Wildkatze. Zart und zurückhaltend wie die erzählte Geschichte sind auch die Illustrationen, meist schwarz-weiß mit sehr dezentem Gebrauch von Farben. Die Blätter des Buches muten ein wenig wie Packpapier an in ihrer feinen Musterung, die Illustrationen sind als meist ovale Vignetten in die Seiten gesetzt, zart umrahmt wie mit Kreide. Man muss schon genau schauen, um alles zu entdecken.