Djenar Maesa Ayu

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Djenar Maesa Ayu und ihr Werk

Litrantara hat's gelesen

Die Autorin gehört zu jenem Kreis der indonesischen Autorinnen, die mit ihren Texten stets für Aufsehen sorgen. Aber wie kaum eine der anderen Autorinnen polarisiert Djenar: Einige kritische Stimmen lassen kein gutes Haar an ihren Texten, andere loben sie in den Himmel. Und womöglich gibt es nicht wenige Leser, die ihre Werke heimlich sammeln. Ob Kurzgeschichte oder Roman – ausnahmslos alle Werke aus der Feder der im Januar 1973 in Jakarta geborenen Autorin werden kontrovers diskutiert. Eigentlich ist das keine Überraschung, denn ihre Texte über Frauen, Moral und Sexualität verfasst sie mit freizügiger und zweifellos expliziter Sprache.
Tatsache ist, dass das Thema Sexualität in Indonesien mit seiner muslimischen Bevölkerungsmehrheit bis heute als Tabu gilt, über das man nicht spricht. Djenars Texte brechen mutig mit diesem Tabu, und sie kritisieren die patriarchalische Gesellschaft, die Kluft zwischen den Geschlechtern, Diskriminierung und die engen Grenzen einer Moral, die die Meinung der indonesischen Bevölkerung dominieren: “Wenn ich bei meiner Arbeit eine Maske tragen muss, so wie es mir im gesellschaftlichen Umgang häufig aufgenötigt wird, dann ist es besser, wenn ich nicht schreibe,” erklärt die Autorin und alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern.

Als Kind war Djenar ein großer Fan von Hans Christian Andersen und nutzte bereits früh das Schreiben als Möglichkeit ihre Gedanken festzuhalten. Da sie einen völlig anderen Tagesablauf als ihre Eltern – beides vielbeschäftigte Künstler – hatte, kommunizierte sie mit ihnen häufig über schriftliche Notizen und Briefe. „Ich bin tatsächlich ein „Text-Mensch“. Auch heute noch schreibe ich lieber SMS anstatt zu telefonieren.” In der indonesischen Filmwelt kennt man ihre Eltern nur zu gut, ihr Vater ist der Regisseur Sjumandjaya und ihre Mutter die Schauspielerin Tuti Kirana.

Später nimmt Djenar die Gelegenheit war, einigen namhaften Autoren Indonesiens über die Schultern zu schauen, wie Budi Darma, Seno Gumira Ajidarma und Sutardji Calzoum Bachri. Ihre Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit beim Lernen und Schreiben trug schon bald Früchte. Obwohl sie sehr kontrovers aufgenommen werden, erhält Djenar bereits für einige ihrer frühen Texte Preise. Ihr erstes Buch, eine Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Mereka Bilang, Saya Monyet! (2002, dt. etwa: „Sie sagen, ich sei ein Affe“) wurde bereits acht Mal aufgelegt und mit dem Khatulistiwa Award 2003 für eines der zehn besten literarischen Werke des Jahres ausgezeichnet. Wir empfehlen es zur Übersetzung.
Ihr zweites Buch Jangan Main-main (dengan Kelaminmu) (2004) wurde ebenfalls mit dem Khatulistiwa Award 2004 für eines der fünf besten Werke ausgezeichnet.

Viele von Djenars Kurzgeschichten werden in namhaften Zeitungen und Zeitschriften in Indonesien veröffentlicht. Jangan Main-main (dengan Kelaminmu) enthält unter anderem die Kurzgeschichte “Menyusu Ayah”, die 2002 von der feministischen Zeitschrift Jurnal Perempuan ausgezeichnet wurde. Ein Zitat daraus: “Ich heiße Nayla. Ich bin eine Frau, das heißt nicht, dass ich schwächer bin als ein Mann. Ich habe nicht an der Brustwarze meiner Mutter gesaugt. Ich habe am Penis meines Vaters gesaugt. Ich habe keine Muttermilch getrunken. Ich habe das Sperma meines Vaters getrunken.“ Djenar macht keine ausschweifenden Worte.

Diskriminierung der Geschlechter, Moral, Sexualität – Djenars Texte drehen sich um einen Themenkomplex, zeugen aber von einer kreativen und methodischen Vielfalt. Weitere Kurzgeschichtensammlungen sind: Cerita Pendek Tentang Cerita Pendek (2006), T(w)ITIT (2012) – inspiriert von elf Tweets ihres Twitter-Accounts – sowie ihr neuester Band SAIA (2014), in dem sie erneut die Rechte der Frauen behandelt, die selbst in der urbanen Gesellschaft unterdrückt werden.

Ihre Texte zwingen den Leser geradezu, den Inhalt mit der Realität in Abgleich zu bringen. Dies trifft vor allem auch auf ihren ersten Roman zu: Nayla (2005) erzählt von der Liebe, die durch Beziehungen verformt wird. Djenar greift die sexuelle Gewalt auf, die in der Gesellschaft zwar weit verbreitet ist, aber häufig vertuscht und verschwiegen wird.

Zur Übersetzung wird empfohlen: Mereka Bilang, saya Monyet

Dt. etwa: „Sie sagen, ich sei ein Affe“
Erschienen bei Gramedia Pustaka Utama, Erste Auflage: 2002
ISBN (8.Auflage)979-686-993-4
Übersetzt ins Englische von Michael N. Garcia, Cornell University
Ausgezeichnet: Kusala Khatulistiwa (Literary Award) 2003

Die Kurzgeschichten des Bandes drehen sich um Gewalterfahrungen von Jugendlichen. Sie erleben Gewalt innerhalb der Familie, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung.
Die Kurzgeschichte “Lintah” (dt. „Blutegel“) erzählt von der Beziehung zwischen einer unverheirateten Mutter und ihrer Tochter.
Schmerz und Enttäuschung der Tochter wird über Sinnbilder gezeichnet. Sie betrachtet die Liebhaber ihrer Mutter als abscheuliche blutsaugende Tiere, als Blutegel, bei deren sexuellen Übergriffen sie ein Gefühl der Ohnmacht überkommt: “Eins schlüpfte unter mein Hemd, ein anderes kroch über meine Hüfte. Ein anderes über meinen Bauch. Sie tummelten sich wie es ihnen gefiel, erforschten meinen Körper und saugten mein Blut …”. Die Protagonistin spricht nicht direkt über ihre eigenen Ängste, so wie es häufig bei Kindern zu beobachten ist, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind.

Das Gefühl der Ohnmacht, die von Kindern mit Gewalterfahrung aus ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld erlebt wird, spiegelt sich auch in der Kurzgeschichte „Melukis Jendela“ wider. Mayra malt ein Bild ihrer verstorbenen Mutter, und währenddessen beklagt sie die sexuellen Übergriffe ihrer männlichen Mitschüler. Gewalt, Einsamkeit, Verbitterung – in Djenars Geschichten sprechen die Protagonisten mit ihrer jeweils eigenen Phantasie, deren Ausgangslage wir mit einer Realität abgleichen können, in der Heuchelei im Namen der Moral an der Tagesordnung ist.

Djenars Kritik trifft nicht nur Männer. In „Melukis Jendela“ schreibt sie etwa: “Ich weiß ganz genau, dass die Hundsköpfige schon mit vielen Männern was gehabt hat, obwohl sie verheiratet ist. Ich weiß ganz genau, dass die Hundsköpfige oft am Geschlecht des Wolfsköpfigen schnüffelt. Die Hundsköpfige hat sogar an meinem Geschlecht geschnüffelt, obwohl wir das gleiche haben, aber nie vor anderen.”

Das patriarchale System wurzelt nicht nur im Denken vieler Männer, sondern kann sich auch in die Köpfe von Frauen schleichen. Gekonnt entwickelt Djenar ihre Kreativität, ihre Ideen und ihre starke Wortwahl. Djenar ist in der Lage, jede ihrer Erzählungen mit einer besonderen Originalität auszustatten.

Der Erfolg ihres Kurzgeschichtenbandes ermutigte Djenar, die Geschichten 2009 in einem Film zu visualisieren, bei dem sie selbst Regie führte. Der Film errang Preise in vier Kategorien des “Piala Citra”, der prestigereichsten Auszeichnung im Bereich Film in Indonesien.

Weitere Titel der Autorin:

Jangan Main-Main (Dengan Kelaminmu)
Erschienen bei Gramedia Pustaka Utama (Erste Auflage: 2004),
122 Seiten
ISBN 9792206701
Auszeichnung: Kusala Sastra Khatulistiwa (Literary Award) 2004

Nayla (Paperback)
Erschienen bei Gramedia Pustaka Utama, 2005
180 Seiten
ISBN 9792214135
Auszeichnung: Kusala Sastra Khatulistiwa (Literary Award) 2005