Cok Sawitri

Cok Sawitri
Cok Sawitri© Prima Wardani

Über die Autorin

Eine Tanzprobe in einem kleinen balinesischen Dorf. Die Schriftstellerin, Tänzerin und Choreographin Cok Sawitri studiert mit einer Gruppe von Kindern einen traditionellen balinesischen Tanz ein. Am Ende der Probe ruft sie die Kleinen zusammen. “Es ist wichtig,” sagt sie, “die Tradition des Danksagens aufrechtzuerhalten.” Und Cok weiß wovon sie spricht. Sie selbst kam schon als Kind mit balinesischen Traditionen, Tänzen und Literaturen in Berührung. Heute gilt sie darin als Meisterin.

Cokorda Sawitri wurde im September 1968 als Tochter einer adligen Familie in Karangasem im Osten der indonesischen Insel Bali geboren. Schon seit Kindertagen liebt sie Theater und Tanz, wobei ihr eigenes künstlerisches Schaffen nie auf das Traditionelle beschränkt blieb. Ihre Bühnenauftritte prägen moderne Elemente und eine feministische Grundhaltung und spiegeln ihre persönlichen Ansichten wider. Ein Großteil ihrer Choreographien basiert auf ihren eigenen Texten und Recherchen. Seit den frühen 1990er Jahren wirkt sie in internationalen Kollaborationen mit Künstlern aus aller Welt mit. So unterstützt sie unter anderem auch das Ubud Writers and Readers Festival, das jährlich auf Bali stattfindet.

Einordnung: die Autorin Cok Sawitri und ihr Werk

Litrantara hat's gelesen

Als Autorin ist Cok Autodidaktin. Wie viele andere Autoren begann sie ihre Karriere damit, ihre Kurzgeschichten an Zeitungen und Magazine zu senden oder in Zusammenarbeit mit anderen Autoren in Anthologien zu veröffentlichen. Ihr erster Roman Janda dari Jirah (2007, Deutsch etwa: “Eine Witwe aus Jirah”) war ein großer Debüterfolg. Kritiker und Leser feierten den Roman gleichermaßen, und er wurde für den prestigeträchtigen Khatulistiwa Award nominiert. Die Recherche für die Geschichte führte Cok in verschiedene Bibliotheken in den Niederlanden, wo sie in unzähligen Stunden antike balinesische Schriften studierte. Ihr zweiter Roman Sutasoma (2009) handelt ebenfalls von einer historischen Figur aus der balinesischen Literatur und befasst sich noch eingehender mit deren philosophischen Hintergründen. Auch Coks dritter Roman ist philosophisch, wobei er wie eine der entwaffnenden Geschichten aus Tausend und einer Nacht erzählt ist. Tantri, Perempuan yang Bercerita (Deutsch etwa “Tantri, eine Frau erzählt”) basiert auf Fabeln, die Cok in ihrer Kindheit begleiteten. Mit diesem Roman beschreibt die Schriftstellerin einen möglichen Weg, Mutter Erde zu schützen. Könige und andere Mächtige tragen die Hauptverantwortung für diese Aufgabe. Ihr jüngstes Werk Baruni Jembatan Surga ist eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Zur Übersetzung wird vorgeschlagen:

Der Roman Janda dari Jirah
(2007, Deutsch etwa: “Eine Witwe aus Jirah”)

Zum Inhalt

Janda dari Jirah erzählt die Geschichte von Calon Arang, einer mächtigen Hexe, die in Jirah lebt und gegen das Königreich Daha opponiert, weil sein König es einst ablehnte, ihre Tochter zu heiraten. Ein hinduistischer Hohepriester aus Daha wendet schließlich einen Trick an, um Calon Arang als den Inbegriff des Bösen zu besiegen. Auf Bali widmen sich zahlreiche Tänze, Dramen, Holzschnitzereien und Gemälde diesem Motiv. Der König sendet einen Freier für Calon Arangs Tochter Ratna Mangali, die wiederum die Bücher mit magischen Formeln aus dem Besitz der Mutter für ihren künftigen Ehemann stiehlt. Diese Legende hat viele indonesische Autoren inspiriert, die die Geschichte von Calon Arang als Fiktion wiederbelebten oder sie zum Gegenstand eingehender literarischer und sozio-kultureller Analysen machten.

In Cok Sawitris Roman taucht der Name Calon Arang nicht auf. Der Leser wird anstatt dessen Rangda ing Jirah (Witwe aus Jirah) und ihrer Tochter Ratna Mangali vorgestellt. Die Witwe ist eine leise sprechende Priesterin, die den Weg Buddhas lehrt. Die Könige der umliegenden Regionen respektieren die Priesterin für ihre Weisheit und übergeben ihr Ländereien, die als Kabikuan bekannt sind. Es ist fruchtbarer Boden, mit dem die Bauern dank Rangdas Anweisungen gute Ernteerträge erzielen und ein friedliches und sorgenfreies Leben führen. Rangdas strenge buddhistische Regeln verbieten jedem den Zutritt, der in einen Krieg ziehen will oder in unlauterer Absicht kommt. Kabikuan ist darüber hinaus ein Zufluchtsort für Asyl- und Schutzsuchende. Ratna Mangali aber sagt voraus, dass ihre Mutter künftig verleumdet und als Hexe bezeichnet wird, und dass die Wahrheit für hunderte von Jahren verborgen bleibt.

Im Jahr 940 Saka des balinesischen Kalenders wird Prinz Airlangga, Sohn des Königs Udayana von Bali, von einem verfeindeten Königreich angegriffen. Der Angriff ereignet sich während seiner Heirat mit der Prinzessin von Medang auf Java. Alle außer Airlangga kommen ums Leben. Dem Prinz gelingt es, mit seinen getreuesten Wachen zu fliehen. Gemeinsam mit seinem Berater Narotama begründet er das Königreich unter dem neuen Namen Kadiri. Daha wird Haupstadt. Airlangga ist zwar ein starker König, aber auch getrieben von der Angst vor Prinz Samarawijaya, dem Thronfolger von Medang, der nach dem ersten Angriff verschwunden blieb. Darüber hinaus wird Airlangga von einigen Fraktionen im Reich nicht als rechtmäßiger König von Kediri akzeptiert. Im zehnten Jahr seiner Herrschaft wird Kadiri erneut angegriffen. Überschäumend von dem Wunsch nach Rache und kriegslüstern betreten Airlanggas Kriegsgeneräle das Kabikuan-Territorium und brechen das Tabu. Blut wird vergossen. Prinz Samarawijaya lebte in der Zwischenzeit inkognito unter dem Schutz der Priesterin und setzt sich nun dafür ein, Kabikuan zu verteidigen. Der Zeitpunkt dafür ist heikel: Airlangga ernennt soeben seine Tochter als Thronfolgerin …

Über das Buch

Die Geschichte von König Airlangga ist historisch belegt. Kediri und Daha existieren bis heute als Zwillingsstädte auf Java. Cok Sawitri beginnt ihre Erzählung mit einem Ausspruch, der vor hunderten von Jahren als Tabu galt. Dichtern und Gelehrten war es nicht erlaubt diesen Satz niederzuschreiben, aus Furcht es würde das Ansehen des Königs, seiner Majestät König Rake Halu Dharmawangsa Airlangga, beschmutzen und seine Macht schwächen.

In einem Interview, das im Magazin Tempo erschien, erklärt Cok, dass es sich bei Rangda von Jirah unmöglich nur um einen Mythos handeln könne. “She is the mother of Ratna Mangali, mother and great grand mother of many influential clans, of “mpus” or learned persons throughout Indonesia's history, from (…) Singosari upto Majapahit and even in Bali, her descendants exists. That means she is not a myth. How can a priestess with so much wisdom be depicted as an evil witch who must be killed?”

Auch wenn Cok Sawitri mehr als zehn Jahre für die Recherche von historischen Aufzeichnungen benötigte, bleibt das Werk Fiktion. Mit ihrem Roman dekonstruiert sie die historische Figur Calon Arang, die als Sinnbild des Bösen gilt. Cok Sawitri bedient sich dabei einer poetischen Sprache, die in der modernen Literatur kaum verwendet wird. Ihre Ausdrucksweise katapultiert den Leser zurück in eine Zeit, als Könige Hof hielten und gegeneinander kämpften, um ihre Machtsphären und Reiche auszudehnen. Cok Sawitris Beschreibungen sind detailreich, ohne jedoch den Leser zu langweilen oder dessen Geduld zu strapazieren. Der Leser taucht ein in eine mystische Welt, in der Bäume und Tiere sich miteinander unterhalten. Die Erzählung fließt dynamisch, die Dramaturgie hält den Leser in ihrem Bann.

Janda dari Jirah wurde unter dem Titel Widow of Jirah von Suliati Boentaran ins Englische übersetzt und in einem unabhängigen Verlag in New York veröffentlicht.

Weitere Werke von Cok Sawitri:

  • Sutasoma, Kakilangit Kencana, 2009
  • Tantri: Perempuan yang Bercerita, Kompas 2011

Kurzgeschichten erschienen in folgenden Anthologien:

  • Mata yang Indah – Cerpen Pilihan Kompas, Kompas 2001
  • Sepi Pun Menari di Tepi Hari – Cerpen Pilihan Kompas, Kompas 2004
  • Pelangi Perempuan – Institut Pelangi Perempuan 2008
  • Un Soir du Paris, Gramedia Pustaka Utama 2010
  • Baruni Jembatan Surga, Cok Sawitri 2013