Weltempfänger Nr. 32

Sieben Ausnahmeerscheinungen für laue Spätsommerabende

Auf Platz 1 findet sich Der letzte Granatapfel von Bachtyar Ali, ein aus dem irakischen Kurdistan stammender Autor. Er überzeugte die Jury mit seinem stilistisch herausragenden und zugleich zutiefst menschlichen Roman. Ihm folgt auf Platz 2 Oğuz Atay mit dem monumentalen Roman Die Haltlosen, der Lebensgeschichte eines Ingenieurs und Familienvaters in der Türkei der 1970er Jahre. Platz 3 geht an Han Kang aus Südkorea, die in ihrem bereits viel beachteten Roman Die Vegetarierin in wunderbarer Sprache die Metamorphose einer Frau zu einem Baum beschreibt. Mit den rhythmischen Klängen des Bolero im Hintergrund fertigt auf Platz 5 Leonardo Padura aus Kuba in seinen Erzählungen Skizzen vom Leben selbst, seiner Tragik und seiner Schönheit gleichermaßen. Die Plätze 4, 6 und 7 werden vom afrikanischen Kontinent belegt. In Der Ort, an dem die Reise endet erzählt die Kenianerin Yvonne Adhiambo Owuor auf höchst eindringliche Weise von ihrem zerrissenen Land. Ganz anders verhalten sich die Dinge in der Dystopie Die 33. Hochzeit der Donia Nour des Ägypters Hazem Ilmi, die jedoch, mit einer kräftigen Prise schwarzem Humor gewürzt, für jeden gut verdaulich ist. Der Südafrikaner Mike Nicol schließlich nahm die Jury mit seinem rasanten und explosiven Polit-Gangsterthriller Power Play erneut für sich ein.

Weltempfänger Nr.32 zum Download

1. Bachtyar Ali. Der letzte Granatapfel [Irak] **

Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Unionsverlag, 352 Seiten

Ein Vater auf der Suche nach seinem verlorenen Sohn, die sich ausweitet zu einer eindringlichen Reise durch die alptraumhafte Geschichte der irakischen Kurden im 20. Jahrhundert. Bachtyar Ali, der große Erneuerer der kurdischen Gegenwartsliteratur, schenkt uns Weltliteratur voller Mystik und Magie, furios übersetzt. (Claudia Kramatschek)

“Das Buch ist ein Paukenschlag, einer der intensivsten Texte aus dem orientalischen Raum, die seit Langem zu lesen waren. Sofort versteht man, warum der Autor in seiner Heimat Kultstatus genießt.” (Stefan Weidner, Qantara.de)

“Schlicht Weltliteratur – der kurdische Bestsellerautor Bachtyar Ali schreibt einen Roman, dessen Poesie nicht politischer sein kann”, so Claudia Kramatschek in ihrer Besprechung auf wdr.de.

2. Oğuz Atay. Die Haltlosen [Türkei]

Roman. Aus dem Türkischen von Johannes Neuner. binooki, 786 Seiten

Turgut strandet als Ingenieur und Familienvater im „Monstrum Leben“. Er wird ein „Haltloser“, Sinnsucher, Intellektueller in der Türkei der 70er; mitgerissen vom Strom der Erinnerungen, Gedanken, Bilder. Ein moderner Klassiker, turbulent in seiner stilistischen Vielfalt; hinreißend selbstironisch, mit einer Fülle literarischer und politischer Anspielungen. Keine Angst vor dicken Brocken – lesen! (Cornelia Zetzsche)

Oğuz Atay macht sich dabei auch über die Gründungsmythen der Türkei lustig, die sich nach dem Zerfall des osmanischen Reiches neu erfinden musste. Das macht den Roman heute so aktuell, denn alle nationalen Komplexe der Türkei werden hier verhandelt. Die beschriebene Romanzeit, die 60iger Jahre, das ist auch die Zeit, in der ein Recep Tayyip Erdoğan aufwächst. In einer Stelle scheint fast prophetisch sein Typus beschrieben zu sein. (Thomas Fitzel, WDR)

3. Han Kang. Die Vegetarierin [Südkorea] *

Roman. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau, 190 Seiten

Für ihren Ehemann ist Yeong-hye langweiliger Durchschnitt, genau das findet er gut an ihr. Bis sie beschließt, Vegetarierin zu werden. Ein unerhörter Akt der Rebellion, für den sie nur Unverständnis erntet. Ihre Antwort ist eine rauschhafte Flucht in den Wahn, sie mutiert in ihrer Vorstellung zum Baum. Der Zerfall einer Frau, erzählt aus dreifacher Außenperspektive, nachhaltig verstörend, ungeheuer beeindruckend. (Anita Djafari)

Ein Gespräch zwischen Claudia Kramatschek und Katharina Borchardt über die “Vegetarierin” ist zu hören auf SWR2.de
in/-/id=658730/did=18068022/nid=658730/wcfaoa/index.html.

“Auch in “Die Vegetarierin” geht es um Gewalt und um die Spuren, die sie auf dem Körper einer Frau hinterlässt: Wie viel Gewalt erleidet eine Frau, die ein gewaltfreies Leben führen will? Und wie viel Gewalt fügt sie sich auf dem Weg dorthin selbst zu?” (Karin Janker, Süddeutsche Zeitung)

“Ohne Fährleute und Lotsen hat auch die beste Literatur keine Chance, die Grenzen ihrer Herkunftsländer zu überwinden. Manche Stoffe reisen schlecht, manchmal wehrt sich die Sprache dagegen, in fremde Bahnen gelenkt zu werden. Im Fall der Südkoreanerin Han Kang, die das Talent hat, komplizierte Dinge in schlichten Worten zu sagen, kann davon keine Rede sein.” (Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel)

4. Yvonne Adhiambo Owuor. Der Ort, an dem die Reise endet [Kenia] *

Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Dumont, 512 Seiten

Kenia wurde von Ngu˜ gı˜ wa Thiong’o auf die literarische Weltkarte gesetzt, Yvonne Adhiambo Owuor schraffiert nun diese Karte neu, mit viel Mut zu prägnanten Sätzen, aufgeladenen Metaphern und einer schillernden Geheimnishaftigkeit, die ohne platte Erklärungen in ostafrikanische Geisteswelten hineinführt; ein zeitgeschichtliches Panorama (das bis zu dem Massenmord der britischen Kolonialverwaltung zurückreicht) von intimer Intensität. (Ilija Trojanow)

Es gibt Romane, bei denen schon auf der ersten Seite klar wird, dass sie ein großer Wurf sind. Die man deshalb lange beiseitelegt, ehe man sich ihnen gänzlich hingibt, weil schon zu ahnen ist, dass man sich ihnen nicht wird entziehen können; dass man sie in einem Zug wird lesen wollen. Yvonne Adhiambo Owuors 500-Seiten-Erstling „Der Ort, an dem die Reise endet“, ist ein solch großer Wurf. (Marie-Sophie Adeoso, Frankfurter Rundschau)

5. Leonardo Padura. Neun Nächte mit Violeta [Kuba]

Erzählungen. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, 256 Seiten

Die Erzählungen enthalten die gesamte Bandbreite seines Könnens. Padura schreibt über enttäuschte Jugendträume, verpasste Gelegenheiten, die Entbehrungen des sozialistischen Alltags, Einsätze in Angola, den Abschied von Idealen und Träume von erotischen Fluchten. Alles getragen vom Rhythmus des Bolero und seiner Einsicht „zu genießen, was du genießen kannst, denn alles geht dahin.“ (Ruthard Stäblein)

6. Hazem Ilmi. Die 33. Hochzeit der Donia Nour [Ägypten/Neuseeland]

Roman. Aus dem Englischen von Matthias Frings. Blumenbar, 272 Seiten

Tägliches Gebet ist Pflicht. Wer über Soll betet, erhält einen attraktiven Paradiesgutschein. Will kommen im Ägypten des Jahres 2048! Islamismus und Neo-Scharia regieren das Land. Donia Nour will weg und spart sich das Geld für ihre Flucht als 24-Stunden-Braut zusammen. Doch ihre 33. Hochzeit geht gründlich schief. Hazem Ilmis Zukunftsvision für sein Land: tiefschwarz und gerade deshalb hochkomisch. (Katharina Borchardt)

7. Mike Nicol. Power Play [Südafrika]

Thriller. Aus dem Englischen von Mechthild Barth. btb, 416 Seiten

„Titus Andronicus“ in Kapstadt, heute. Mit seiner bösen Shakespeare-Variation erzählt Mike Nicol eine makabre Gangstergeschichte um einen Bandenkrieg, bei dem es im Hintergrund um politische Macht geht. Einmal mehr zeigt sich Nicol mit diesem rasanten, virtuosen Thriller als verzweifelt-wütender Chronist einer Gesellschaft, die er als extrem bedroht versteht. (Thomas Wörtche)


Alle Interessenten und Multiplikatoren können die Bestenliste Weltempfänger als Plakat bei uns anfordern: litprom@book-fair.com


Die Bücher der neuesten (und vergangener) Weltempfänger-Bestenlisten können Sie auch über calle-arco.com erwerben.


Kontakt

Anita Djafari

Tel. 069/2102-113
Fax 069/2102-46113
E-Mail: djafari@book-fair.com