Die Bücher 2016

© Katja Bohm

Hassan Blasim [Irak]: Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Verlag Antje Kunstmann, 256 Seiten

Der Autor wurde 1973 in Bagdad geboren und studierte dort an der Filmhochschule. 1998 zog er in den kurdischen Teil des Irak, wo er aus Angst um seine Familie unter dem Pseudonym Ouzad Osman Filme drehte, u.a. den Spielfilm Wounded Camera. 2004 emigrierte er nach Finnland. Die erste Sammlung seiner Kurzgeschichten erschien 2009 unter dem Titel The Madman of Freedom Square. Der zweite Band The Iraqi Christ erschien 2013 und gewann 2014 den renommierten Independent Foreign Fiction Prize.

Hassan Blasims Geschichten schildern den Irak der letzten Jahrzehnte als surrealistisches Inferno – den Krieg mit dem Iran, die Herrschaft und den Sturz Saddam Husseins, die Besatzungszeit, die Eskalation der Gewalt und die sich ausdehnende Wüste der Erinnerung – und sie erzählen von der Emigration, von den Grenzen und Zäunen, den Ämtern und Verstecken, der Einsamkeit und der Entfremdung, der die Flüchtlinge ausgesetzt sind. Vor allem aber erzählen sie von Menschen, von ihren Traumata und Albträumen, von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, von ihrem Schmerz und ihren Strategien, in einer wahnsinnigen Wirklichkeit zu überleben.

„Blasims strahlende Prosa spiegelt das Zusammenkrachen des Fantastischen mit dem Gewöhnlichen in einem kafkaesken Chaos während eines fortdauernden Krieges.“ The Financial Times

Der Verrückte vom Freiheitsplatz hat es auf die Bestenliste Weltempfänger 28 / Herbst 2015 geschafft.

Eka Kurniawan [Indonesien]: Tigermann

Lelaki Harimau. Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke
Ostasien Verlag, 227 Seiten

Eka Kurniawan wurde 1975 in West-Java geboren. Sein Studium an der philosophischen Fakultät der Universität Gajah Mada in Yogyakarta schloss er mit einer Arbeit über den bekanntesten indonesischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ab, Pramoedya Ananta Toer. Kurniawan schreibt Romane, Kurzgeschichten, Essays und journalistische Kommentare. Er betreibt eine Website (ekakurniawan.com) mit eigenem Blog, beschäftigt sich mit Grafik-Design und zeichnet gern Comics.

Ein dörfliches Wohngebiet am Rand einer Kleinstadt an Javas Südküste: Jeder kennt jeden, Alteingesessene leben neben neu Zugezogenen, die einen recht gutgestellt, die anderen mühsam um Arbeit und ein Auskommen kämpfend. Die Erzählung beginnt mit der Nachricht von einem brutalen Mord. Margio, ein stiller Junge, zwanzig Jahre alt, hat seinen Nachbarn getötet, indem er ihm die Kehle durchgebissen hat. Was sind die Hintergründe der Tat?
Sprachlich präzise, dicht und mit ungewöhnlichen Metaphern lässt Eka Kurniawan Margios Welt entstehen: schwierige Familienverhältnisse, die Beziehungen zwischen den Nachbarn, die Bindung an die Großeltern, Margios Geschick bei der Jagd, die Unsicherheiten der ersten Liebe. Der Roman bietet eine überzeugende soziale und psychologische Darstellung, wobei der Rekurs auf den Tigermythos ein magisches Element einflicht und mit dessen Grenzen spielt.

Tigermann belegt Platz 1 der Bestenliste Weltempfänger Nr, 29 / Dezember 2015.

Weitere Informationen zum Autor und seinem Werk finden Sie auch in unserer Vorschlagsliste zeitgenössischer indonesischer Literatur.

Maja Petzold bespricht Tigermann in ihrer Rezension auf seniorweb.ch.


© Patrice Normand

Shumona Sinha [Indien]: Erschlagt die Armen!

Assommons les Pauvres! Aus dem Französischen von Lena Müller
Edition Nautilus, 128 Seiten

Shumona Sinha wurde 1973 in Kalkutta geboren und lebt seit 2001 in Paris. An der Sorbonne schloss sie in Literaturwissenschaft ab. Sie arbeitete als Lehrerin für Englisch; ab 2009 war sie als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig. Nach der Veröffentlichung von Erschlagt die Armen! 2011 verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde.

„Erschlagt die Armen!“ ist Titel eines Prosagedichts von Charles Baudelaire, und die Protagonistin dieses Romans scheint ihn wörtlich genommen zu haben: Die junge Frau schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf. Was treibt eine dunkelhäutige Frau indischer Abstammung, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht – und ist angewidert vom System, dessen Teil sie geworden ist. Als Migrantin bleibt sie fremd in den Augen der Beamten, aber auch ihren ehemaligen Landsleuten ist sie fremd – als eine, die es geschafft hat. Schließlich scheint es auch für sie in der menschengemachten Enge der Welt keine andere Begegnung als den Angriff zu geben.

Erschlagt die Armen! ist ein zorniger Roman, der in kraftvoller, bilderreicher Sprache aufrüttelnde Fragen zu Identität und Zusammenleben in einer globalisierten Welt stellt.

Mehr Informationen, Lesungstermine, Pressestimmen auf der Seite des Verlags Edition Nautilus.

“Der obszönen Bürokratie das Genick brechen” ist die Rezension von Milena Hassenkamp in der Zeit online betitelt.

Judith Heitkamp bespricht das Buch in einem etwa vierminütigen Audio-Beitrag auf Bayern 2 Radio.

Eine “Erzählung über die dunkle Seite der Migration” nennt Maja Petzold den Roman in ihrer Rezension auf seniorweb.


© Gabriel Díaz

María Sonia Cristoff [Argentinien]: Lasst mich da raus

Inclúyanme afuera. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Berenberg Verlag, 160 Seiten

Die Autorin wurde 1965 in Trelew, Patagonien, geboren und studierte Literatur in Buenos Aires, wo sie auch heute lebt. Ihre Beiträge erscheinen in verschiedenen argentinischen Zeitungen und literarischen Magazinen, und sie unterrichtet Patagonische Literatur sowie Kreatives Schreiben. Reisen und die Beschäftigung mit nicht fiktionaler Literatur sind zentrale Elemente ihrer Arbeit als Schriftstellerin. Neben Reportagen hat sie mehrere Romane veröffentlicht.

Mara, im früheren Leben Konferenzdolmetscherin, will endlich ihre Ruhe haben. Ein Jahr. Mindestens. Und so nimmt sie in einem obskuren Heimatkundemuseum in der argentinischen Provinz eine Stelle als Saalwächterin an. Dumm nur, dass sie so schnell befördert wird und einem geschwätzigen Tierpräparator zur Hand gehen muss. Soll das Schweigejahr nicht für die Katz sein, gilt es, drastischere Maßnahmen zu ergreifen – die zu allseitigem Erstaunen eine Art Happy End mit sich bringen (außer vielleicht für den Präparator).
Elegant, witzig, klug und zutiefst radikal: ein kleiner, feiner Anarchistenroman!

Der Roman hat es auf die aktuelle Bestenliste Weltempfänger geschafft.

“Untergründige Subversivität in einer verschlafenen Provinzstadt in Argentiniens Pampa. Daraus schafft María Sonia Cristoff einen spannenden Roman”, befindet Maja Petzold in ihrer Rezension auf seniorweb.ch am 27.02.2016.

Eva-Christina Meier bespricht das Buch in der Neuen Zürcher Zeitung.