Das waren die Bücher 2014

Ihr Lese-Programm 2014:

© Theo Bruns

Luiz Ruffato [Brasilien]: Mama, es geht mir gut

(Mamma, son tanto felice)
Roman, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. Assoziation A, 160 Seiten.

Ein brutaler Familienpatriarch, der mit Axthieben und Brandrodung das Land urbar macht und seine junge Frau „an die Nabelschnur endloser Schwangerschaft“ fesselt. Eine unter Schmerzen sterbende Frau. Ein Sohn, der in einem Dialog mit seiner Mutter die Vergangenheit Revue passieren lässt. Ein Mann, der sich eines Verbrechens schuldig fühlt, das er vielleicht gar nicht begangen hat. Schonungslos beschreibt Luiz Ruffato die Härte, die Entbehrungen und die Grausamkeit des Landlebens, das die Welt italienischer Einwandererfamilien im Hinterland der Berge von Minas Gerais/Brasilien in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts prägt.
Der Roman bildet den Auftakt des Romanzyklus Vorläufige Hölle. In einer Art literarischer Collage, kühn und raffiniert erzählt, verleiht Luiz Ruffato den Armen, den einfachen Leuten, den Migranten Stimmen – unprätentiös und frei von Sozialromantik.

Luiz Ruffato lebt in São Paulo. Er arbeitete u. a. als Verkäufer und Mechaniker und studierte Journalismus. Zwischen 2005 und 2011 schrieb er den fünfbändigen Zyklus Inferno provisório. Maja Petzold bespricht diesen Romanzyklus und erklärt, weshalb sich Ruffato mit den Schattenseiten der italienischen Einwanderungsbewegung nach Brasilien auseinandersetzt.

2013 war er der literarische Eröffnungsredner der Frankfurter Buchmesse.


© Marion Ettlinger

Anne Landsman [Südafrika]: Wellenschläge

(The Rowing Lesson)
Roman, aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Schöffling & Co., 272 Seiten.

Bei der weißen Landbevölkerung und den armen schwarzen Familien Kapstadts heißt er Dokter God – Harold Klein ist ein leidenschaftlicher, allseits respektierter Arzt, aber auch aufbrausend und herrschsüchtig, wie seine Tochter Betsy nur zu gut weiß. Sie hat sich ihm und Südafrika entzogen, um in New York ein Leben als Künstlerin zu führen. Als ihr Vater überraschend ins Krankenhaus eingeliefert wird und das Bewusstsein verliert, kehren sich die Rollen um: Er ist nun Patient, und die Tochter spürt seinem Leiden nach – das tief in der Familienbiografie und der Geschichte seines Landes wurzelt. Der Roman ist ein imaginäres Zwiegespräch über die Kindheit und Jugend des Vaters. Zu dessen intensivsten Momenten gehören Ruderausflüge auf dem Fluss Touw, einem alles entscheidenden Sehnsuchtsort für Vater und Tochter.
In Wellenschläge erzählt Anne Landsman in einer einzigartig fließenden Sprache vom Leben einer jüdischen Familie vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs bis hinein in das Südafrika der Apartheid.

Anne Landsman studierte an der Universität von Kapstadt und der Columbia University. Für Wellenschläge erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Sunday Times Fiction Prize.

Auf Deutschlandradio Kultur stellt Carsten Hueck Anne Landsmans Hymnus auf den ewigen Kreislauf von Kommen und Gehen vor. Zum Hören und zum Lesen!

Im KulturSPIEGEL finden Sie eine Rezensionsnotiz zu Wellenschläge.

Die Kulturredaktion von wina – Das jüdische Stadtmagazin empfiehlt ebenfalls Landsmans Familienroman.

Maja Petzold bespricht Wellenschläge auf seniorweb.ch

Sabine Rohlf zählt auf berliner-zeitung.de die Gründe auf, weshalb dieser Roman die bisher erhaltenen Preise verdient hat.


© Shaildendra Pandey-Tehelka

Manu Joseph [Indien]: Das verbotene Glück der anderen

(The Illicit Happiness of Other People)
Roman, aus dem Englischen von Claudia Wenner. C.H.Beck, 375 Seiten.

Der siebzehnjährige Unni Chacko hat etwas Schreckliches getan. Drei Jahre nach seinem Selbstmord erhält sein Vater, der Journalist Ousep Chacko, mit der Post ein Päckchen mit einem Comic seines künstlerisch hochbegabten Sohnes – ein Irrläufer, der Ousep erneut auf die Suche nach den Gründen für den Tod seines Sohnes schickt. Er befragt seine ehemaligen Freunde, besucht Treffen der Comic-Zeichner, belästigt einen berühmten Neuropsychiater, entdeckt das ungewöhnliche Leben seines Sohnes und dringt zugleich immer tiefer in die Geheimnisse der eigenen Familie ein.
Der Roman, der in den 1990er Jahren in Madras spielt, klug, scharfsinnig, komisch und sehr anrührend, erzählt vom Leben einer schwer gebeutelten Familie, von Wahrheitssuche und Liebe, spannend und herzzerreißend.

Manu Joseph, geboren 1974, lebt in Delhi und ist Herausgeber des Open Magazine. Er war u. a. Redakteur bei The Times of India, veröffentlichte 2010 den Roman Serious Men, für den er den Hindu Literary Prize erhielt.


© Futuropolis

Carlos Sampayo und José Muñoz [Argentinien]: Carlos Gardel – Die Stimme Argentiniens

(Carlos Gardel, la voix de l’Argentine)
Comic, aus dem argentinischen Spanischen von Rike Bolte. Reprodukt, 128 Seiten.

Am 24. Juni 1935 verliert die Musik bei einem Flugzeugunglück einen ihrer Weltstars: Carlos Gardel, die wichtigste Persönlichkeit des Tango, die Stimme Argentiniens, ein Mythos bereits zu Lebzeiten. Seine Landsleute Carlos Sampayo und José Muñoz haben dem großen Tangosänger und -komponisten nun einen Comic von unvergleichlicher Eleganz gewidmet, der die steifen Pfade der biografischen Comics weit hinter sich lässt. Atmosphärisch dicht, sinnlich, voller Leben und Musik, so zeigen sie den Aufstieg des geheimnisumwitterten Carlos Gardel in Buenos Aires und liefern darüber hinaus ein eindrucksvolles Sittengemälde Argentiniens im frühen 20. Jahrhundert.

Carlos Sampayo emigrierte aus politischen Gründen nach Spanien, wo er die Bekanntschaft von José Muñoz machte, für den er u. a. die Comic-Biografie der Jazzsängerin Billie Holiday verfasste. Neben Comics schreibt Carlos Sampayo auch Romane und arbeitet als Musikkritiker.

José Muñoz siedelte in den frühen 1970er Jahren nach Europa über. Mit den Hard-boiled-Krimis um „Alack Sinner“ etablierte José Muñoz seinen schnörkellos-expressiven Zeichenstil.