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Porträts/Gespräche/Interviews / 

Sabine Giersberg, Übersetzerin

Von Wahlverwandtschaften und dem Glück einer lebenslangen Liebe

(LiteraturNachrichten Nr. 94 - Herbst 2007)

Sie gehört zu den viel beschäftigten und gefragten Übersetzerinnen aus dem Spanischen. In nur wenigen Jahren hat Sabine Giersberg (*1964) erreicht, wozu die meisten ihrer Kollegen etwas länger brauchen: Ihr Name ist im Programm der Verlage, die Belletristik vor allem aus Lateinamerika veröffentlichen, nicht mehr wegzudenken. Anita Djafari hat sich bei ihr nach den Stationen ihrer Karriere erkundigt.

„Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu machen“, antwortet Sabine Giersberg auf die Frage, was denn so toll sei am Übersetzen. Und es kommt nicht die Spur eines Lamentos, dass man doch immer in der zweiten Reihe stehe, nicht genannt oder gewürdigt, unsichtbar oder unterbezahlt sei. Nein, diese Frau findet ihre Arbeit einfach gut. Sie empfindet sie als spannend, weil sie sich auf immer neue Textwelten einlassen, sich andere Stimmen anverwandeln kann. „Und selbst wenn einem ein Text mal nicht ganz so liegt, ist er irgendwann abgeschlossen und man kann sich einem neuen zuwenden.“ So einfach ist das.

Das Erfolgsrezept ist wohl diese positive Grundeinstellung, gepaart mit Zielstrebigkeit, einer guten Ausbildung, Fleiß und Talent und – ungewöhnlich in dem Beruf der literarischen Übersetzerin, in dem es viele Quereinsteiger mit Zickzack-Lebensläufen gibt – ein erstaunlich gerader Weg. Er begann bereits in der Oberstufe des Gymnasiums mit dem Grundkurs Spanisch. „Aus dem Grundkurs wurde ein Leistungskurs und daraus eine lebenslange Liebe, die meinen Weg bestimmt hat“, erzählt die sympathische Frau. Angefangen hat es bei ihr wie bei so vielen anderen auch mit Gabriel García Márquez. Ein Glück, dass die Lehrerin sehr anspruchsvoll war, es wurde schon bald ein Roman gelesen, und Sabine Giersberg verbrachte freiwillig die Wochenenden mit Vokabelpauken, weil sie ihn im Original verstehen wollte. Und wie es mit dem magischen Realismus damals so war, wurde auch sie magisch angezogen vom lateinamerikanischen Kulturraum und entdeckte im Laufe der Zeit immer mehr interessante Autoren. Ihre Diplomarbeit schrieb sie dann über den mexikanischen „Altmeister“ Carlos Fuentes.

Da sie schon früh ein großes Faible für die Arbeit an der Sprache hatte, entschloss sie sich nach dem Abitur zunächst zum Studium des Übersetzens und schloss es mit dem Diplom ab. Dem folgte ein Studium der Hispanistik und Lusitanistik. „Als alte Leseratte wollte ich noch mehr über Literatur wissen, und ich wusste auch, dass ich in dem Bereich arbeiten wollte“, erklärt Giersberg. Mit Professor Dr. Dieter Janik von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz hatte sie wieder Glück. Sie verdankt ihm sehr viel, sagt sie, denn er lenkte immer wieder den Blick auf den Text, die Sprache, weg von der Sekundärliteratur. „So habe ich nicht nur einen Sinn für sprachliche Strukturen, sondern auch Antennen für Schwingungen entwickeln können. Aber vor allem hat er mich auf die Idee zu meiner ersten Übersetzung gebracht, ein Ausschnitt aus Ricardo Piglias Künstliche Atmung.“ Diesen Roman, in dem u.a. ein fiktives Zusammentreffen zwischen Kafka und Hitler dargestellt wird, hat sie dann viele Jahre später tatsächlich mit Unterstützung des Freundeskreises zur internationalen Förderung von literarischen und wissenschaftlichen Übersetzungen übertragen. 2002 ist er im Wagenbach Verlag erschienen. Für Sabine Giersberg ging ein Traum in Erfüllung, und die Begeisterung fürs Übersetzen wuchs mit jedem Buch.

Inzwischen ist die Liste von Titeln aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas, die von ihr ins Deutsche gebracht wurden, lang. Sie scheint alle gleich gut meistern zu können, egal ob die Autoren nun aus Kuba, Kolumbien oder Mexiko kommen, aus Chile oder Argentinien, die sie ja jeweils mit einem etwas anderen Spanisch konfrontieren. Für die Übersetzerin aus Liebe aber gilt wohl der Spruch: Probleme sind dazu da, dass man sie löst. „Ich mache mir immer zunächst klar, ob ich der ‚Stimme’ des Textes folgen, sie nachgestalten kann. Ansonsten hat man ja heutzutage viele Möglichkeiten, sich über spezielle Lexika und das Internet einzuarbeiten und natürlich den Kontakt zu Muttersprachlern aufzunehmen. Im optimalen Fall zu den Autoren selbst.“ Wenn diese sich dann so kooperativ zeigen wie der Kubaner Antonio José Ponte, dessen Buch La fiesta vigilada (dt. Der Ruinenwächter von Havanna) sie gerade ins Deutsche überträgt (ersch. im Frühjahr 2008 bei Kunstmann) und mit dem sie seitenlange E-Mails zu nächtlicher Stunde austauscht, dann ist das für sie schon wieder ein „ungeheures Glück.“

Ihre besondere Liebe gilt der argentinischen Literatur: eine Wahlverwandtschaft, wie sie selbst sagt. Ein einschneidendes Erlebnis war für sie dabei ihre erste Begegnung mit dem argentinischen Tango, mit der Musik Astor Piazzollas. Inzwischen tanzt sie sogar regelmäßig Tango − von der inhaltlichen Nähe zu den literarischen Stoffen abgesehen ein schöner Ausgleich zur geistigen, zumeist einsamen Arbeit, zuhause in ihrer Wohnung. Und sie räumt ein: „Ich habe es erst lernen müssen, die Tage im Wesentlichen allein am Schreibtisch zu verbringen.“ Deshalb ist Giersberg auch Mitglied im VDÜ (einem Berufsverband der Übersetzer), tauscht sich in eigens eingerichteten Foren im Internet mit den Kollegen über Fachfragen aus, aber viel wichtiger noch ist ihr der persönliche Kontakt zu bestimmten Menschen. Im Laufe der Jahre haben sich Freundschaften entwickelt, den engen Kontakt zu Übersetzerkolleginnen, aber auch zu Autoren und Lektoren, möchte sie nicht mehr missen. Sie schätzt den Tiefgang, der durch eine intensive Zusammenarbeit entsteht und erklärt: „Gerade, wenn man mal bei einem schwierigen Projekt zusammen gearbeitet hat, lernt man den anderen schätzen. Das halte ich für ein großes Privileg von uns Büchermenschen.“

Besonders bei zwei Stipendien, in deren Genuss sie kam, hat sie viel von anderen lernen können. Das eine, das den Ausschlag für die endgültige Entscheidung fürs Übersetzen gab,  bekam sie 1999 von der Bertelsmann-Stiftung für Nachwuchs-Übersetzer aus dem Spanischen, das andere war eines der Übersetzerwerkstatt in Berlin im Jahr 2006, bei dem sie auch wieder neue Freundschaften knüpfen und gemeinsame Projekte mit Kolleginnen aushecken konnte.

Sie genießt es außerdem, wenn sie ihre Autoren auf Festivals treffen kann und gelegentlich bei Lesungen mit von der Partie ist. Bei diesen Auftritten moderiert und dolmetscht sie mit großer Leichtigkeit, man merkt, dass sie mit Autor und Werk gleichermaßen befreundet ist und so auch „live“ viel rüberzubringen vermag. Die Begegnung mit so vielen „wunderbaren Menschen“, empfindet sie auch als Entschädigung dafür, dass man als Übersetzerin selbst bei guter Auftragslage materiell keine großen Sprünge machen kann. Sie muss allerdings inzwischen keine zusätzlichen Bürojobs oder Fachübersetzungen mehr annehmen, sondern verdient das etwas schnellere Geld mit leichteren Unterhaltungsromanen, was ihr ebenfalls Spaß macht.

Das alles klingt nach viel Arbeit, die ohne Disziplin und Ausdauer wohl kaum erledigt werden kann. Dass sie das schafft, dafür sorgt ihr ganz persönlicher Coach. Cockerspaniel Anabel ist nämlich dafür verantwortlich, dass bei vielen Stunden in der Natur und „bei Wind und Wetter“ der Kopf wieder frei wird und Sabine Giersberg sich erneut entweder dem (am Ende immer befriedigenden) Ringen mit dem Text oder gleich ganz dem „Flow, der einen beim Schreiben trägt“,  hingeben kann. Ein Glück.

Pablo Ramos (Argentinien)

Einer, der das Leben wählt

(LiteraturNachrichten Nr. 95- Winter 2007)

Pablo Ramos (*1966 in Buenos Aires) ist literarischer Autodidakt und eine der auffälligsten Stimmen der jüngeren argentinischen Literaturszene. Sein erster Erzählband Cuando lo peor haya pasado (Wenn das Schlimmste vorbei ist) wurde 2003 mit dem Premio del Fondo Nacional de las Artes ausgezeichnet und 2004 mit dem Premio Casa de las Américas. 2004 folgte der Roman El origen de la tristeza, der diesen Herbst unter dem Titel Der Ursprung der Traurigkeit bei Suhrkamp erschienen ist (übers. v. Susanna Mende). Silke Kleemann traf den Schriftsteller im Frühjahr 2007 in Buenos Aires, als er gerade seinen jüngsten Roman, La ley de la ferocidad (Das Gesetz der Heftigkeit) abgeschlossen hatte.

„Der Mann, der dies erlebt, ist nicht der Mann, der dies schreibt, aber mit dem Beschluss zu schreiben fängt er an, sich in diesen zu verwandeln. Und endgültig wird er sich in ihn verwandeln, wenn er mit dem Schreiben fertig ist. Durch das Schreiben.“ Diese Sätze stehen auf der ersten Seite von Pablo Ramos’ neuem Roman La ley de la ferocidad, und so geht es auch weiter. „Ein Mann, der versucht, mit bloßem Wort dem außerordentlichen Unwohlsein beizukommen, das ihn auffrisst. Ein Mann, der auf diese Schreibmaschine einhämmert, um sich nicht weiter Flaschen gegen den Kopf zu schlagen, ein Mann, der größeren Schaden angerichtet hat als ein Wirbelsturm. Ein Mann, der beschlossen hat, bei Null anzufangen.“

Beide Zitate stehen auch für Ramos’ Selbstverständnis als Schriftsteller. Besser gesagt, sie machen das Herzblut spürbar, das Nicht-aus-seiner-Haut-Können, den unbändigen Drang zu schreiben – um so das Sein ertragen zu können. Fünf Jahre nach dem Tod seines eigenen Vaters erzählt Ramos von der dreitägigen Totenwache für einen Vater. Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Gabriel Reyes, derselbe, der als 12-jähriger in Der Ursprung der Traurigkeit  mit Eintritt in die Adoleszenz erste Desillusionierungen erlebt und den Glauben an die Familie verliert. Nun ist Gabriel 35, hat drei gescheiterte Ehen hinter sich, aus denen zwei Söhne von zwei verschiedenen Frauen hervorgegangen sind. Aus der Armut hat er es zu etwas gebracht, er nennt ein nicht näher bestimmtes Unternehmen sein Eigen. An Geld mangelt es nicht – doch ansonsten läuft ihm so gut wie alles aus dem Ruder. Die emotionale Belastung durch den Verlust des Vaters, für den er eine intensive Hassliebe empfindet, lässt Gabriel wieder zur Flasche greifen. In einem Schwindel erregenden Niedergang, literarisch durchbrochen von Rückblenden in seine Vergangenheit, fällt er zurück in Alkoholismus, Kokainsucht und Sexbesessenheit. Überhaupt ist der ganze Roman ein Exzess, brutal und überbordend in Inhalt, Sprache und Metaphern.

In der Ruhe seines Arbeitszimmers bestätigt Pablo Ramos, dass La ley de la ferocidad ganz anderen Gesetzen folgt als seine beiden vorherigen Bücher, die sehr viel minimalistischer angelegt sind. Die Erzählungen in Cuando lo peor haya pasado umfassen oft nur wenige Seiten, bestechen durch die knappen Dialoge und die in kurzen Sätzen eingefangenen Stimmungen. Der Ursprung der Traurigkeit besteht im Grunde aus drei langen Erzählungen, die einen klaren Spannungsbogen haben. „Die Figur des Gabriel hat hier etwas anderes gebraucht“, erklärt Ramos, der sich selbst als „weitgehend intuitiven Autor“ beschreibt. Seine Geschichten konstruiert er ausgehend von den Figuren, damit sie nicht zu verkopft werden. Sein Glaube an den Schaffensprozess wirkt fast religiös. Für ihn hat er vier Phasen: Zuerst kommt die bloße Existenz der Figur, dann beginnt eine Suche. Der Abschluss der Suche führt die Figur zu ihrer Essenz. „Bei Literatur muss es um etwas gehen“, so Ramos. Ihn interessiert das „moralische Abenteuer“ seiner Figuren, er bringt sie in knifflige Situationen, möchte wissen, wie sie sich an Scheidewegen verhalten, was in ihnen vorgeht. Und es gelingt ihm, in seinen traurigen Texten voller Gewalt und kommunikativem Scheitern trotzdem am Ende auf ein Licht zuzusteuern – die Traurigkeit und die Heftigkeit, die er beschreibt, tragen den Wunsch nach einem anderen Leben in sich.

Ramos weiß, wovon er spricht. Zwar betont er: „In meinen Texten gibt es nicht ein Detail, das genau so aus meinem Privatleben stammt“, doch räumt er auch ein, dass seine Schreibmotivation, dieser oft manische Drang, aus dem eigenen Erleben kommt und sich aus autobiografischen Erfahrungen nährt. „Ich kann mich von diesen Belastungen nur durch das Schreiben befreien. Das ist die Art, die ich gefunden habe, es ist quasi ein egoistischer Akt.“

Und es kann ein essentieller sein, wie in La ley de la ferocidad deutlich wird: „Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas schrieb. Wenn man das Schreiben nennen kann. Und wenn ich auch nicht hätte erklären können, warum, fühlte ich seit jenem Moment eine wirkliche Rechtfertigung. Ich wusste, von jenem Tag an war der Selbstmord nicht mehr in meiner Nähe. Ramos benennt selbst die Gefahren autoreferenzieller Literatur: Banales berichten, in Selbstmitleid schwelgen, Texte ohne literarischen Wert schaffen. Doch hier gilt, ähnlich wie in Der Usprung der Traurigkeit für die Beschreibung der Slums: „Ich habe da einen Vorteil. Ich komme selbst aus einer sehr armen Familie.“

Ebenso hat er selbst Alkoholismus und mehrere längere Krankenhausaufenthalte überlebt, kennt Wahn, Depression und Gewalt aus nächster Nähe. Schreiben, das ist für ihn ein Ventil, mit dem er andere Süchte auf Abstand hält. Er kokettiert nicht, wenn er die Energie des Schriftstellers mit der des Alkoholikers vergleicht. Ramos schreibt auf der Schreibmaschine, braucht die physische Erschöpfung des Hämmerns auf die Tasten. Leidenschaftlich und mit höchster Intensität präsent ist er auch im Gespräch, oder in den Literaturworkshops, die er an mehreren Abenden pro Woche gibt. Aufgewachsen in El Viaducto, einem nicht gerade wohlbetuchten Vorort im Großraum Buenos Aires – in Der Ursprung der Traurigkeit gibt er literarisches Zeugnis davon –, hatte er ersten Zugang zur Literatur in der Pfarrbücherei, später in der Bibliothek eines Journalisten, für den er arbeitete. Seine erste Muse war jedoch die Musik; auch heute greift er in seinem Haus – nun in der Hauptstadt, im bodenständigen Viertel La Paternal – schnell nach der Gitarre, um ein paar Akkorde des Liedes anzuspielen, von dem gerade die Rede war. Die Schule hat er nicht abgeschlossen. Seine literarische Karriere wurde von einer erfahrenen Kollegin unterstützt: der Schriftstellerin Liliana Heker. Deren Literaturwerkstatt besuchte er mehrere Jahre lang, sie stellte erste Kontakte zur Verlagswelt her. In seinen eigenen Workshops gibt Ramos die selbst erfahrene Großzügigkeit weiter: Auch wer den Monatsbeitrag einmal nicht zahlen kann, darf weiter kommen. Die Teilnehmer sind nicht zimperlich, untereinander gibt es durchaus harsche Kritik. Einer trägt den Spitznamen „El bisturí“, das Skalpell, seine minutiösen Analysen sind gefürchtet. Wie Ramos selbst kommt er aus prekären Verhältnissen, schreibt darüber und fungiert inzwischen als eine Art Sekretär für Ramos: Er tippt dessen Texte am Computer ab.

Für Ramos ist die Literatur ein Kommunikationsmittel. Was ihm selbst mit der gesprochenen Sprache oft nicht gelingt, weil sie zu verletzend ist, das kann er in Texten durch ein sich Einlassen, eine Öffnung, durch Poetik ausdrücken: Zuneigung, Liebe, Ermutigung. „Das Schreiben ist dem Sprechen entgegengesetzt. Die Literatur, das ästhetische Dasein der Worte, ist so subtil, dass auch nur ein Hauch an Erklärung, an Explizitem, an Definition die Literatur zum Einsturz bringt. Die Literatur ist ein Sandschloss, das nach einem Leser sucht.“

In der Bar „Mataron a Kenny“, wo Ramos einen Teil seiner Workshops abhält, hängt ein Zitat des in der Zeit der Militärdiktatur verschwundenen Journalisten Rodolfo Walsh und fordert Zivilcourage von der schreibenden Zunft. Auf meine Nachfrage meint Pablo Ramos, in einem reichen Land wie Argentinien, in dem es so viel Armut gebe, fließe das soziale Engagement unweigerlich in die Literatur ein. Dazu brauche es keine bestimmte Pose oder spezielle Textformen. Als Beispiel nennt er eine Szene aus Der Ursprung der Traurigkeit: Gabriel kommt mit seinen Freunden in die Schule und stellt fest, dass alle Räume mit Evakuierten aus dem benachbarten Slum belegt sind, wo es gebrannt hat. Gabriel spürt Traurigkeit, auch Wut: Seine Schule ist nicht mehr seine Schule – das ist nicht in Ordnung.

Doch es fruchtet auch nicht, sich an den äußeren Umständen aufzureiben. So wie damals, im Jahr 2001 beim so genannten Corralito, als die Konten eingefroren wurden: Pablo Ramos schrieb gerade, als sein Geschäftspartner ihn warnte: Renn zur Bank und hol dein Geld raus. Doch er beschloss, lieber weiter zu schreiben, beim Wesentlichen zu bleiben. Er sah voraus, dass er nie wieder aus der Schleife der Entrüstung über die Ungerechtigkeit herauskommen würde, wenn er einmal mit Protestieren und Klagen anfangen würde: „Mein Weg ist es, die Traurigkeit zu leben. Man muss sie respektieren, muss sie leben. Die bloße Tatsache, die Traurigkeit zu leben, bedeutet, das Leben zu wählen. Jeden Morgen, an dem ich aufstehe und mir meinen Mate zubereite, wähle ich das Leben. So traurig ich auch sein mag. Ich bin traurig, aber ich lebe.“

Silke Kleemann (*1976) ist Übersetzerin aus dem Spanischen, Lektorin  und Autorin und lebt in München. www.drachenbauch.de

Horacio Castellanos Moya (El Salvador)

Schreiben im Exil

(LiteraturNachrichten Nr. 94 - Herbst 2007)

Von Sommer 2004 bis Sommer 2006 war der Autor Horacio Castellanos Moya (s. LiteraturNachrichten 88, Frühjahr 2006) Gast der Stadt Frankfurt im Rahmen des Programms „Städte der Zuflucht“. Da er nicht in seine Heimat zurückkehren kann, lebt er derzeit in Pittsburgh in den USA. Wir haben ihn gebeten, von seinen Erfahrungen im Exil zu berichten.

Fast mein gesamtes literarisches Werk habe ich im Exil verfasst. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, wurden von den dreizehn fiktiven Büchern (einschließlich der Romane und Erzählungen), die ich bis heute veröffentlicht habe, nur eines und die Hälfte eines anderen in El Salvador geschrieben. Das ist nicht überraschend: Seit ich erwachsen bin, habe ich den größten Teil meines Lebens außerhalb meines Heimatlandes verbracht. Das erste Mal, das ich mich auf und davon machte, war im Februar 1979, als die Massaker und politischen Verbrechen die Straßen von San Salvador mit Blut zu beflecken begannen. Damals war ich 21 Jahre alt, ein Dichter-Lehrling, und ich ging nach Toronto, Kanada; doch ich blieb nur elf Monate in jener Stadt.

Im Januar 1980 kehrte ich nach San Salvador zurück; es war die Zeit, in der das Militär massenhaft die Volksorganisationen unterdrückte und in der die Reihen der linken Guerilla mit Regimegegnern anwuchsen. Der Ausbruch des Bürgerkrieges stand unmittelbar bevor. Unter diesen Umständen konnte ich nicht einmal drei Monate im Land bleiben: Am 24. Februar entführten Soldaten meinen Cousin Roberto und seine dänische Ehefrau Anette Mathiessen, die Häuser unserer Familie wurden unter Bewachung gestellt, und da beschloss ich, dass es das klügste sei, erneut wegzugehen. Zwei Wochen später fand man die Leichen von Roberto und Anette, durch Folter entstellt. Der Erzbischof von San Salvador, Monseñor Oscar Romero, prangerte das Verbrechen in seiner sonntäglichen Predigt vom 9. März an – zwei Wochen später wurde auch er ermordet.

Ich brach nach Costa Rica auf, wo ich ein Jahr blieb, dann ging ich nach Mexiko, wo ich ein langes Jahrzehnt lebte. In San José, Costa Rica, stellte ich meinen ersten Erzählband fertig; in Mexiko schrieb ich zwei weitere Bücher mit Erzählungen und meinen ersten Roman, La diáspora (San Salvador: UCA Editores 1988; „Die Diaspora), für den ich 1989 den Romanpreis der Universidad Centroamericana (UCA) „José Simeón Cañas“ von San Salvador erhielt. In der Absicht, den Preis aus den Händen der jesuitischen Priester, die diese angesehene und mutige Universität leiteten, entgegenzunehmen, kehrte ich im Mai 1989, im schlimmsten Wüten des Bürgerkriegs, nach El Salvador zurück. Ich blieb nur die wenigen notwendigen Tage, um an der Preisverleihung teilzunehmen; in der Stadt war es, als atme man den Terror. Die Jesuiten, die die Universität leiteten und mir den Preis verliehen, wurden im November desselben Jahres vom Militär ermordet.

Die Wahrheit ist, dass ich niemals über die Tatsache, im Exil zu sein, nachgedacht habe, während ich meine Bücher in San José und in Mexiko-Stadt schrieb. El Salvador und sein Bürgerkrieg waren viel zu nah. Alles bei den Salvadorianern drehte sich um den bewaffneten Konflikt, wir lebten in einer Art Blase. In den Städten, in denen ich lebte, fühlte ich mich wie im Haus eines Nachbarn und nur auf Durchreise. Dass wir Sprache, Religion und Kultur teilen, half, das Gefühl von Ferne zu mindern. Nicht umsonst gehörten El Salvador, Costa Rica und Mexiko vor anderthalb Jahrhunderten zum selben kolonialpolitischen Raum, dem Vizekönigreich von Neuspanien.

Jahre später ging der Krieg zu Ende. Im Mai 1991, sieben Monate vor Unterzeichnung der Friedensverträge zwischen Regierung und Guerilla, zog ich nach El Salvador. Meine Begeisterung wurde von der Illusion geleitet, am Prozess des Übergangs zur Demokratie mitwirken zu können. Von 1991 bis 1997 widmete ich mich dem politischen Journalismus in meinem Land. Ich war stellvertretender Herausgeber einer Zeitschrift und Herausgeber einer Zeitung. Zwar habe ich in diesem Zeitraum zwei Romane verfasst, doch ich schrieb sie in Mexiko-Stadt, so als ob ich nur dort meinen literarischen Energien freien Lauf lassen konnte, so als ob es ganz normal für mich gewesen wäre, in dieser Stadt zu schreiben, so als ob es unerlässlich gewesen wäre, fern von El Salvador zu sein, um Literatur zu verfassen. Und da entdeckte ich, dass in meiner Einbildung Mexiko-Stadt die große Metropole war, während San Salvador und die anderen mittelamerikanischen Hauptstädte lediglich Provinzstädte waren in diesem bedeutenden Kulturraum, der Mesoamerika genannt wird. Und daher fühlte ich mich während des Schreibens in Mexiko nicht wie im Exil.

Im August 1997 verließ ich El Salvador für immer. Nach der Veröffentlichung meines Romans El asco. Thomas Bernhard en San Salvador (San Salvador: Editorial Arcoiris 1997; „Der Ekel. Thomas Bernhard in San Salvador“) erhielt ich Todesdrohungen, und mir wurde klar, dass ich nicht mehr gegen die Feindschaft und den Hass, den meine Arbeiten weckten, ankämpfen wollte. Ich machte das Exil zu meiner Lebensart und schrieb meine Romane weiter in Mexiko, Guatemala und Spanien.

Im August 2004 zog ich dank einer Einladung der Initiative „Städte der Zuflucht“ für zwei Jahre nach Frankfurt am Main. Es war damals das erste Mal, dass mir wirklich bewusst wurde, was es bedeutet, im Exil, außerhalb des eigenen Sprach- und  Kulturraums, zu schreiben. Mir wurde bewusst, was Distanz bedeutet, die wirkliche Ferne, sich fremd zu fühlen in der einen umgebenden Welt, und ich entdeckte, dass ich keine andere Heimat mehr besaß als mein Gedächtnis, dass es die Wunden in meiner Erinnerung sind, die mir das Gefühl von Zugehörigkeit und die Kraft zum Schreiben geben.

Ich stimme mit denen überein, die behaupten, im Exil zu schreiben erweitere die eigene Perspektive, eröffne die Möglichkeit, die Erfahrungen, mit denen der Schriftsteller arbeitet, aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. In meinem Fall heißt dies: Seit Frankfurt konnte ich die Welt des Bürgerkrieges und der Nachkriegszeit verlassen, die bis dahin die Achse meiner Romane war, konnte in andere geschichtliche Zeiträume vordringen, zu einer anderen Art von Figuren und Situationen. Allerdings fürchte ich, dass diese erweiterte Perspektive von einer „Abkühlung“ begleitet wird, von einem Verlust an Frische und Leidenschaft. Sollte dies so sein, könnte ich nicht sagen, ob es an der Natur des Exils liegt, oder daran, dass ich alt werde.

Aus dem Spanischen von Carsten Regling

Amir Valle (Kuba)

Die Revolution und ihre Schatten

(LiteraturNachrichten Nr. 94 - Herbst 2007)

Im Oktober 2005 wurde Amir Valle (geb. 1967) nach Spanien eingeladen, um dort einen seiner Romane vorzustellen, Kuba erlaubte ihm die Ausreise. Als er sich bereits im Ausland befand, bat er um Erneuerung seiner Ausreisegenehmigung, doch diese erfolgte nie. Seitdem lebt der kubanische Schriftsteller dank des PEN-Programms Writers in Exile mit seiner Familie in Berlin. Amir Valle ist ein typisches „Kind der Kubanischen Revolution“. Sein Vater gehörte der aufständischen Gruppe in der Sierra Maestra an und noch im Alter glaubt er an die Revolution. Die Leidenschaft für die Literatur vermittelte ihm seine Mutter, eine Lehrerin. Seine jüngste Veröffentlichung Las palabras y los muertos (Die Wörter und die Toten, Edition Faecke, Köln 2007), ausgezeichnet mit dem Vargas Llosa-Romanpreis, ist soeben auf Deutsch erschienen. Seine „Zeugnisliteratur“ provozierte Verdächtigungen, Verfolgung und Zensur seitens der offiziellen Kulturpolitik. Fidel Castro gab den ausdrücklichen Befehl, sein Werk Jineteras (Reiterinnen) über die Prostitution in Kuba, ein Bestseller in Lateinamerika und Spanien, „unsichtbar zu machen“. Dafür bekam er gerade den spanischen Preis Rodolfo Walsh. Esther Andradi traf den Autor in Berlin.

Esther Andradi: Seit zwei Jahren leben Sie außerhalb Kubas. Wann kehren Sie zurück?

Amir Valle: Ich habe Kuba verlassen, um einen Roman vorzustellen, und eine zweimonatige Rundreise durch Spanien gemacht, dann wurde ich in die Jury für einen Literaturpreis berufen und sollte meine Ausreisegenehmigung erneuern. Aus Kuba bekam ich die Versicherung, dass diese bewilligt worden war, aber sie kam nie an. Praktisch ein Jahr und drei Monate wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Währenddessen erschienen zwei meiner Bücher, Jineteras und Las palabras y los muertos, in dem ich über die „andere“ Geschichte der kubanischen Revolution schreibe. Zwei Publikationen, die die Regierung nicht gerne sieht, weshalb alles, was ich aus Kuba höre, so klingt, als solle mein Aufenthalt hier ziemlich lange dauern.

Das lateinamerikanische Exil geht weiter. In den 60er Jahren war es Brasilien, in den 70er Jahren Uruguay, Chile, Argentinien. Sind die 90er Jahre die Zeit des Exils der kubanischen Intellektuellen?

Das kubanische Exil  begann bereits Ende der 70er Jahre, als wichtige Intellektuelle das Land verließen und in den USA die Gruppe „Mariel“ gründeten. Und Ende der 80er Jahre, als das sozialistische Lager zusammenbrach, begann die zweite große Migration von Intellektuellen, die bis heute anhält. Eines der großen Traumata der aktuellen kubanischen Kultur ist, dass fast die Hälfte dessen, was literarisch und künstlerisch geschaffen wird, außerhalb des Landes entsteht.

Gibt es irgendeine Brücke zwischen denen, die sich außerhalb, und denen, die sich innerhalb des Landes befinden?

Glücklicherweise gibt es seit den 90er Jahren die Idee einer Einheit der kubanischen Intellektuellen, einschließlich derer, die auf der Insel leben und das dortige System verteidigen. Eines der ernsten Probleme, die in diesem Jahr aufgetaucht sind, ist, dass man auf der Insel angefangen hat, Personen und Institutionen, die im Exil auf den Wandel und eine Begegnung gesetzt haben, anzugreifen.

Warum herrscht soviel Angst vor den Intellektuellen? Wird dort nicht gesagt, die Leute seien glücklich?

Man war immer geneigt, Kuba als ein Land in schwarz und weiß zu sehen, ohne die Nuancen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Kuba hat eine lange Geschichte sozialer Kämpfe, die nicht erst mit der Revolution, sondern bereits in den 20er Jahren begonnen haben. Mit dem Triumph der Revolution wurde ein Klima von kontinentaler Reichweite geschaffen für die soziale Bedeutung von Gesundheit, Bildung und Sport als Voraussetzungen für eine bessere Welt. Das funktionierte bis vor zwanzig Jahren; heute kann nicht einmal die Regierung mehr sagen, dass das Bildungswesen erfolgreich wäre und man erkennt bereits an, dass das Gesundheitswesen ein völliges Desaster ist – selbstverständlich schreibt man alles der Blockade zu. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der sieht, wie die Kubaner leben, behaupten kann, die Kubaner seien glücklich: 90 % der Bevölkerung lebt von Schwarzarbeit und Doppelmoral. Der Tourist, der nach Kuba fliegt, sieht, was für gute Menschen wir Kubaner sind, dass es keine Gewalt in den Straßen gibt – die gibt es, aber im Verborgenen –, dass es eine minimale Gesundheitsversorgung gibt, dass die Bildung nichts kostet, auch wenn sie stark politisiert ist, und das alles führt dazu, dass viele Leute eine falsche Vorstellung haben. Aber außerhalb Kubas, einem Land mit elf Millionen Einwohnern, leben etwa drei Millionen Kubaner, und jede Woche versuchen zwischen drei- und viertausend Menschen auszuwandern.

Was ist das für ein Kuba?

Weder das der Postkarten noch das finstere Kuba, das viele der Rechten schildern. Ich habe in einem Kuba gelebt, in dem es Ausgrenzung, Doppelmoral, große menschliche Verarmung gibt, aber in dem die Leute weiterhin die Hoffnung haben, dass ein besseres Leben dort oder irgendwo anders möglich ist. Ein Kuba, in dem die Leute sich nicht aufgeben. Es ist natürlich auch ein Kuba mit Sonne, Stränden und Mulattinnen. Ich habe im Herzen von Havanna gelebt, das architektonisch wunderschön, aber gleichzeitig völlig verfallen und das Zentrum der Marginalisierung ist, und dennoch haben die Menschen, die dort wohnen, weiterhin ihre Träume.

Wie leben Sie jetzt?

Ich empfinde es als Bereicherung, im Ausland zu leben. Durch das Internet habe ich den Kontakt mit der Insel nicht verloren. Jeden Morgen lese ich die Zeitschrift Granma, das ist leichter als in Kuba, denn ohne Internet muss man dort sehr früh aufstehen, um ein Exemplar zu erhalten. Zudem habe ich die Möglichkeit, mich mit der Exilgemeinde in Verbindung zu setzen, die bereits um die 300 Seiten im Internet hat, auf denen man Ansichten jeglicher Richtung finden kann. Es ist wie eine Wiederentdeckung, wie eine andere Insel. Ein viel größeres Archipel, als es Kuba in Wirklichkeit ist. Im Internet kann ich durch einige Museen der Insel reisen, die Nationalbibliothek betreten. Die Perspektive erweitert sich, denn es gab viele wichtige Stimmen, die in den letzten fast 50 Jahren die Politik, die Wirtschaft, das Land analysiert haben, aber diese Leute existierten für uns Kubaner, die auf der Insel gelebt haben, nicht, sie wurden uns „weggenommen“.

Wie kam es zu Ihrem Buch Las palabras y los muertos, das mit Fidel Castros Tod beginnt?

Als Journalist habe ich „Geschichten“ über die Geschichte meines Landes gesammelt, gleichzeitig besitze ich die vollständigste Sammlung der Witze von „Pepito, dem bösen Jungen“. Und eines Tages, als ich mich mit Guillermo Vidal, dem inzwischen verstorbenen, großartigen Schriftsteller, unterhielt, sagte er mir, er hätte einen Stoff für einen Roman: eine „andere“ Chronik der Revolution. Das Volk hat immer diesen sechsten Sinn. Anfang 2000 habe ich den Roman begonnen, im August 2005 habe ich ihn beendet, ein Jahr, bevor das mit Castro passierte.

Der Schatten, der die Geschichte erzählt, ist die einzige Romanfigur ohne realen Namen. Warum haben Sie ihn Facundo genannt?

In den 50er Jahren war das ein beliebter Name auf dem Land, es gab viele Revolutionäre, die sich im Untergrund Facundo nannten. Ich gab ihm diesen Namen, um damit zu sagen: „Ihr alle, die ihr Castro wie ein Schatten gefolgt seid, seht, was geschehen kann.“ Denn dieser Romanfigur, die es wirklich gibt, konnte ich nicht ihren wahren Namen geben.

Aus dem Spanischen von Carsten Regling

Ayu Utami (Indonesien)

Wilde Ehe, Bier und Pornographie

(LiteraturNachrichten Nr. 94 - Herbst 2007)

Ayu Utami hat in ihrer Heimat mit ihren Romanen und einem unkonventionellen Lebensstil viele Diskussionen ausgelöst. Ihr Roman Saman, in Indonesien mit viel Aufmerksamkeit und auch Kritik bedacht, erscheint jetzt auf Deutsch (Übers. Peter Sternagel, Horlemann Verlag 2007, Der ANDERE Literaturklub). Katrin Figge, Mitarbeiterin des Goethe-Instituts in Jakarta, hat sich mit ihr getroffen.

Ayu Utami kommt zu spät. Eine typisch indonesische Angewohnheit – aber wohl ihre einzige. Mit energischen Schritten betritt die 38jährige Schriftstellerin das Café in der „Komunitas Utan Kayu“, einem Treffpunkt für Künstler, Journalisten und Literaten im Osten der Stadt Jakarta. Ayu Utami selbst gehört zu denjenigen, die Utan Kayu Mitte der neunziger Jahre gegründet haben. Deswegen kennt sie hier viele Gäste. Sie grüßt freundlich in alle Richtungen, bleibt an einigen Tischen kurz stehen, um mit Freunden und Bekannten zu plaudern. Die zierliche Person mit den langen schwarzen Haaren zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Sie scheint ihrem Vornamen mehr als gerecht zu werden: „Ayu“ bedeutet anmutig, reizend, hübsch.

„Eigentlich ist es in diesem Café viel zu laut, um sich vernünftig unterhalten zu können. Vielleicht sollten wir lieber zu mir nach Hause gehen, ich wohne hier in der Nähe“, schlägt sie vor. Doch vorher ruft sie noch der Bedienung zu: „Ich hätte gerne vier Flaschen Bier! Ja, bitte einpacken, für zu Hause!“

In vielen Ländern wäre dies wohl nichts Besonderes, auch wenn die Uhr erst halb zwölf am Mittag anzeigt. Doch wir sind in Indonesien, im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Bier trinkende Frauen existieren nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Da spielt es auch keine Rolle, dass Ayu Utami keine Muslimin, sondern Katholikin ist. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie die Plastiktüte mit den Flaschen in Empfang nimmt. Die erstaunten Blicke der anderen Café-Besucher stören sie nicht im Geringsten. Ayu strahlt sowohl Selbstsicherheit als auch Widerspenstigkeit aus. Sie ist sich ihrer Ausnahmestellung in der indonesischen Gesellschaft bewusst; sie hat sie sich erkämpft und verdient. Trotzdem kann sie sich ihrer Umgebung mit allen Regeln und Traditionen nicht vollständig entziehen.

Der Name Ayu Utami ist in Indonesien spätestens seit 1998 wohlbekannt. Wenige Tage vor dem Sturz des Suharto-Regimes erschien ihr erster Roman Saman. Sie schrieb über Folter und Gewalt durch die Regierung, ethnische Konflikte, religiöse Minderheiten – und sie schrieb über Sex. Themen, die zuvor als tabu gegolten hatten. Die indonesische Öffentlichkeit war hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Ablehnung. Viele Vertreter eines konservativen Islam zeigten sich schockiert: zu freizügig, zu offen, zu direkt. Ayu Utami konnte dies egal sein, denn auch die negativen Äußerungen zu ihrem Erstlingswerk sorgten dafür, dass Saman in aller Munde war.

Ihr Roman wurde so zu einer literarischen Sensation. Innerhalb weniger Monate wurden über 100.000 Exemplare verkauft, es gibt bereits die 10. Auflage, in einem Land, in dem selbst die größten Verlagshäuser nie mehr als 3.000 Exemplare für ihre Erstauflage drucken.

Vor ihrem Erfolg als Schriftstellerin hat Ayu Utami als Journalistin gearbeitet. Mit anderen ambitionierten Kollegen gründete sie 1994 eine Gemeinschaft unabhängiger Journalisten. Das passte der damaligen Regierung unter Suharto allerdings nicht; Ayu verlor ihren Job bei dem Magazin Matra und war gezwungen, Artikel und Essays fortan in Untergrundzeitschriften zu veröffentlichen. Mit dem erzwungenen Rücktritt Suhartos kam endlich die lang ersehnte Pressefreiheit. Im Jahr 2001 erschien schließlich mit dem Titel Larung die Fortsetzung zu Ayu Utamis Debütroman.

Schon bald fanden sich Nachahmerinnen ihres Erfolgskonzeptes. Seit einigen Jahren führen junge indonesische Autorinnen, die sich in ihren literarischen Werken mit einstigen Tabu-Themen wie Homosexualität beschäftigen, die Bestsellerlisten in ihrem Land an. Dieses Phänomen heißt in Indonesien nicht Chick Lit wie in anderen Ländern, sondern ein wenig liebevoller „Sastra Wangi“, „Duftende Literatur“. Ayu Utami hat den Weg zu dieser neuen eigenständigen Literaturgattung geebnet.

Ayu wohnt tatsächlich um die Ecke. Das ist eine Überraschung, denn in Indonesien bedeutet „in der Nähe“ meist eine Autofahrt von mindestens zwanzig Minuten. Erst vor einigen Monaten ist sie umgezogen, vorher lebte sie bei ihrer Mutter im Süden Jakartas. Das Haus ist noch eine halbe Baustelle. Die offene Küche ist im traditionellen Stil gehalten und grenzt an einen kleinen Garten. Vier kleine Katzen nehmen dort gerade ein Sonnenbad, auf der fein geschnitzten Holzbank in der Küche räkelt sich faul ein Hund. Sind die Bauarbeiten erst einmal abgeschlossen, wird es wunderbar ruhig werden in diesem Haus. Kaum vorstellbar, dass dies Jakarta ist, die anstrengende, lärmende Stadt, die nur die wenigsten mit Ruhe und Harmonie in Verbindung bringen dürften. Ayu teilt sich die neue Bleibe mit ihrem Lebensgefährten. Verheiratet sind die beiden nicht.

„Anfangs war es schwierig für meine Familie, das zu akzeptieren: dass ich unverheiratet bleibe und auch keine eigenen Kinder haben möchte“, erzählt Ayu. „Aber inzwischen haben sie sich damit abgefunden.“

So tolerant wie ihre Familie sind nicht alle Indonesier. Viele missbilligen ihre Lebensweise. Deswegen war es auch gar nicht so leicht, das neue Grundstück zu erwerben: Ein unverheiratetes Paar, das dennoch zusammenlebt, wird nicht gerne gesehen. Deswegen gehört der vordere Teil des Hauses offiziell Ayus Lebensgefährten, der hintere Teil ihr selber. So steht es im Vertrag. „Dadurch sind wir größeren Problemen aus dem Weg gegangen“, lächelt Ayu ein wenig verlegen. Und auch wenn diese bekannte Persönlichkeit nach außen ein Leben gegen alle Konventionen führt, zeigt sie doch hiermit, dass auch sie sich nicht vollständig von dem sozialen Druck befreien kann.

Doch sie wehrt sich dagegen, so gut es geht, das beweist auch ihr Buch Si Parasit Lajang („Der Parasit Single“), eine Sammlung von Essays, erschienen im September 2003. Darin äußert sie sich unter anderem teils ironisch, teils sarkastisch über die Unfähigkeit der indonesischen Gesellschaft, Frauen zu akzeptieren, die ehemann- und kinderlos bleiben möchten.

Ayu holt sich ein Glas und öffnet eine der Bierflaschen. „Ich sage immer, wenn es schon nach elf Uhr ist, darf ich  ruhig trinken. Mit dieser Meinung stehe ich aber ziemlich alleine da. Als ich in Australien war, hatte ich wirklich Probleme, jemanden zu finden, der mittags mit mir ein Bier trinken wollte.“ Sie macht ein verständnisloses Gesicht und nimmt den ersten Schluck. „Aber wahrscheinlich sollte ich dafür lieber nach Deutschland fahren, das ist doch das Land der Biertrinker.“ Sie muss es wissen: 2003 und 2004 nahm sie am internationationalen literaturfestival berlin teil. Und ging danach auf Lesereise, gemeinsam mit Peter Sternagel, der ihren Roman Saman ins Deutsche übersetzt hat.

Derzeit ist sie vor allem damit beschäftigt, ihren vierten Roman zu beenden. Sie möchte aber noch nicht verraten, wovon er handelt. Wenn sie nicht daran sitzt, arbeitet sie fürs Radio Utan Kayu, ist Mitherausgeberin der Kulturzeitschrift Kalam und schreibt zudem für ein lokales Männermagazin, auf internationaler Ebene wohl am ehesten mit dem Playboy vergleichbar, wenngleich in Indonesien (noch) nicht besonders viel nackte Haut darin zu sehen ist.

„Das mache ich eigentlich nur, weil ein Freund mich darum gebeten hat“, erklärt Ayu. „Und wegen der Diskussion um das Anti-Pornographie-Gesetz.“

Dieser Gesetzentwurf, der bereits seit einigen Monaten im indonesischen Parlament diskutiert wird, sieht vor, dass alles, was unter den Begriff „pornographische Handlung“ fallen könnte, strafbar ist. Nicht nur vom Küssen in der Öffentlichkeit oder erotischem Tanzen in der Diskothek ist die Rede, sondern auch von Künstlern, die Aktbilder malen oder eben Schriftstellern, die in ihren Werken offen über Sex schreiben.

„Ich mag eigentlich keine Extreme, aber in diesem Fall fand ich, dass ich mich für eine Seite entscheiden muss. Sonst kommt es noch so weit, dass man mich ins Gefängnis steckt, nur weil ich so angezogen bin“, sagt Ayu und deutet auf ihr ärmelloses gelbes Top, das im Grunde alles andere als zu freizügig wirkt. „Trotzdem denke ich nicht, dass die islamischen Parteien mit diesem Gesetz durchkommen werden. Und ich denke auch nicht, dass ich mich in meinen Büchern zukünftig beschränken muss.“

Ayus Mobiltelefon klingelt. Schon zum zweiten Mal während unseres eineinhalbstündigen Gesprächs. Sie blickt auf die Uhr. Das Treffen hat länger gedauert als geplant. Doch das ist in Indonesien nichts Ungewöhnliches, und Ayu bleibt sich treu: Sie wird wohl auch zu ihrer nächsten Verabredung nicht pünktlich erscheinen.

Navid Kermani, Autor, Islamwissenschaftler, Köln

Nicht weniger als die Welt

(LiteraturNachrichten Nr. 93 - Sommer 2007)

Navid Kermani gilt als einer der renommiertesten Autoren, denen es gelingt, wissenschaftlich fundierte Kenntnis des Islam einem interessierten Publikum anspruchsvoll nahezubringen. Ein wichtiger Brückenbauer in diesen von Missverständnissen aus Unkenntnis geprägten Zeiten. Er studierte Theaterwissenschaften, Philosophie und Orientalistik in Köln, Kairo und Bonn, promovierte über islamische Religion, habilitierte sich und war zuletzt Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. Heute lebt Navid Kermani als freier Schriftsteller und Regisseur in Köln. Anita Djafari hat mit ihm gesprochen.

Zu den langsamen „Brütern“ gehöre er jedenfalls nicht, antwortet Navid Kermani auf die Frage nach seiner enormen Produktivität. Es gebe eben zwei Typen von Autoren, jene, die viele Jahre an einem einzigen Werk schrieben, auch schon mal eine ganze Woche vor einem leeren Blatt säßen und dann auch wirklich Großartiges und Großes vollbrächten und solche wie er, die einfach ständig produzieren müssten. Dabei komme dann natürlich nicht immer nur Großes und Großartiges heraus, aber unter dem Strich möglicherweise doch genau so viel Brauchbares. Das ist bescheiden ausgedrückt für jemanden, der mit knapp 40 Jahren bereits ein umfangreiches, von Kritik und Publikum gleichermaßen hoch anerkanntes Werk vorweisen kann. Dazu zählen eine ganze Reihe Sachbücher, vier Romane und ein Kinderbuch, zahlreiche Essays, Artikel, Beiträge und Vorträge. Moderationen, Fernseh- und Radioauftritte sowie die Inszenierung eines Theaterstücks kommen hinzu. Die Vielseitigkeit und Vielfalt der Formen, in denen er sich auszudrücken vermag, hat sich für ihn „so ergeben“, wie er selbst sagt. Ausdrücklich angestrebt habe er das nicht. Sachbuchautor und Essayist kommen dem Verfasser von Belletristik dabei keineswegs in die Quere. „Ich kann so meine Wahrnehmung der Welt auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen. Da gibt es immer Schnittstellen. Der Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen und dem literarischen Schreiben ist, dass ich bei letzterem meine Quellen nicht offenlegen muss“, erläutert er. Seine Themen sind (kurz gefasst) das Verhältnis zwischen Westen und Orient und der Dialog der Religionen. Für sein Sachbuch Gott ist schön: Das ästhetische Erleben des Koran (C.H. Beck, München 2000) erhielt er im Jahr 2000 den Ernst-Bloch-Förderpreis, (nicht nur) der Folgeband Der Schrecken Gottes – Atar, Hiob und die metaphysische Revolte (C.H. Beck, München 2005) wurde vom Feuilleton gelobt und unter anderem als „heilsam verstörend“ (NZZ) bezeichnet. Als „heilsam verstörend“ könnte man auch seinen neuesten Roman Kurzmitteilung (Amman Verlag, Zürich 2007) bezeichnen. Der Protagonist Dariusch – dem Autor in den äußerlichen Koordinaten wie Alter, iranische Eltern, Hauptwohnort usw. nicht unähnlich – setzt sich auf für den Leser wahrhaft verstörende Weise mit dem plötzlichen Tod einer Bekannten auseinander, die er in beruflichem Zusammenhang nur zweimal gesehen hat. Genau genommen geht ihn dieser Tod eigentlich nichts an, beinahe angewidert und gespannt zugleich folgen wir diesem coolen Typen dabei, wie er sich in seinem ansonsten sowohl im Beruf des Eventmanagers als auch im Privaten so oberflächlich wie bequem eingerichteten Leben des aufgesetzten Gefühls der Trauer bemächtigt. Die Herkunft von Dariusch spielt dabei nur zwischen wenigen Zeilen eine Rolle, aber er kann nicht umhin, sich doch irgendwie damit auseinanderzusetzen, seit dem 11. September wird er wegen seines Aussehens als Araber und potenzieller Terrorist wahrgenommen, er hadert damit und mit dem Islam und dem, was er von seinen Eltern nicht mitbekommen hat. Am Ende findet er eine für sich schlüssige und möglicherweise wieder nur bequeme, für den Leser erneut verstörende und manch einen Literaturkritiker nur irritierende Antwort.

Damit erst gar kein Missverständnis aufkommt: Dies ist keine Migrantenliteratur oder das, was bisweilen dafür gehalten wird. Navid Kermani versteht sich eindeutig als deutscher Schriftsteller, dabei ist es für den in Deutschland Geborenen nicht allein die Sprache, die eine entscheidende Rolle spielt, sondern das Bezugssystem, die Vorgänger, auf die er antwortet. Er fühlt sich der deutschen literarischen Tradition zugehörig, wobei ihm Kafka näher ist als Goethe und Heine. Es gibt für ihn „keine größere Verpflichtung als derselben Literatur anzugehören wie der Prager Jude Kafka“, mit dem er sich in einem lesenswerten Essay ausführlich beschäftigt hat. Bei der Fußballweltmeisterschaft hingegen hält er ebenso eindeutig zu Iran. Er ist eben beides, Iraner und Deutscher mit zwei Pässen.

„Ich glaube, die heutige Literaturkritik hinkt dem faktisch Bestehenden hinterher“, erläutert Kermani auf die Frage nach der Wahrnehmung von außen und dem Bedürfnis, ihn in Schubladen zu stecken. „Dabei gibt es das schon immer, dass Schriftsteller außer der deutschen einer weiteren Tradition angehören.“
Ansonsten findet er es keinesfalls problematisch, je nach Kontext als Iraner oder Deutscher wahrgenommen zu werden. Er interveniert allerdings, wenn er seine Romane in der Buchhandlung in der Ecke der „Schleiereulen“-Literatur, wie er sie nennt, wiederfindet. Damit hat er nichts zu tun, mit der aktuellen persischen Literatur aber sehr wohl. Er hält Kontakt zu vielen Schriftstellern, mit einigen war und ist er befreundet, egal ob sie in Deutschland leben oder im Iran. Dorthin reist er regelmäßig, wenn es seine Zeit zulässt. Diese dürfte allerdings knapp bemessen sein. Denn Navid Kermani meldet sich auch regelmäßig in verschiedenen großen Tageszeitungen in ausführlichen Artikeln zu aktuellen Themen zu Wort. Oder er wird um Stellungnahmen gebeten, im Moment unter anderem zur Islamkonferenz. Sie wurde im Jahr 2006 von Innenminister Schäuble ins Leben gerufen, der mit den in Deutschland lebenden Muslimen ganz offiziell in den längst überfälligen Dialog treten wollte, und der Publizist Kermani wurde als einer der 15 muslimischen Vertreter „auf Zeit bestimmt“, wie er es nennt. „Es ist zwar auch eine Ehre, aber eher nach dem Motto ‚wenn mein Opa das noch erlebt hätte’, vor allem jedoch eine staatsbürgerliche Pflicht, der ich nachkomme. Immerhin kostet mich der Aufwand, den ich dafür betreiben muss, mindestens 12 Arbeitstage im Jahr“, meint er fast lapidar. Dass seine Äußerungen zum Thema ganz besonders gefragt sind, obwohl er sich ausdrücklich nicht als einer der „Lautsprecher“ versteht, erwähnt der höflich zurückhaltende Kermani nicht. Stattdessen weist er ungefragt auf das hin, was ihm von seinen vielfältigen Tätigkeiten am allermeisten Spaß macht. „Reisen und darüber schreiben“, das sei es, verrät er und gerät beinahe ins Schwärmen. So hat er vor kurzem Afghanistan besucht und eine große Reportage darüber geschrieben. „Nicht weniger als die Welt“ soll darin enthalten sein, hat er einmal in einem Gespräch über seine Prosa gesagt. Die Voraussetzungen könnten nicht besser sein.

www.navidkermani.de

Alaa al-Aswani (Ägypten)

Literatur als Vision einer toleranten Gesellschaft

(LiteraturNachrichten Nr. 93 - Sommer 2007)

Im Jahre 2005 wurde der Roman Imarat Ya'qubian – Der Jakubijân-Bau des ägyptischen Autors Alaa al-Aswani mit dem bekannten ägyptischen Schauspieler Adel Imam verfilmt. Der Film war die bisher teuerste ägyptische Filmproduktion und ein Kassenschlager. Danach wurde auch der Roman zum Bestseller, in Ägypten, aber auch in Europa, vor allem in Großbritannien und Frankreich. Vielleicht rührt der Erfolg daher, dass al-Aswani in seinem Roman an viele Tabus der ägyptischen Gesellschaft wie Korruption in der Politik, geheuchelte Sexualmoral, alltägliche Gewalt, Homosexualität und Klassenschranken rührt. Mehr als 500.000 Exemplare wurden von dem Roman auf Arabisch bislang verkauft. Dies ist gerade in einer Region, in der der Kauf von Büchern hinter vielem zurücksteht, völlig außergewöhnlich. Woran liegt also der Erfolg dieses Buches, das vor kurzem mit gewisser Verspätung auch in deutscher Übersetzung (von Hartmut Fähndrich, Lenos Verlag, Basel 2007) und zugleich auch im ANDEREn Literaturklub erschienen ist? Christoph Burgmer hat Alaa al-Aswani in Kairo getroffen.

Christoph Burgmer: Sie sind derzeit der wohl erfolgreichste arabisch schreibende Autor. Ihr Buch Der Jakubijân-Bau ist nun auch in deutscher Sprache im Schweizer Lenos Verlag erschienen. Man feiert Sie als Nachfolger von Nagib Machfus im In- und Ausland. Was also ist das Besondere am Jakubijân-Bau?

Alaa al-Aswani:Das Jakubijân-Gebäude ist ein Fantasiegebilde. Es hat nichts mit dem realen Haus zu tun. Dieses literarische Instrument wurde besonders erfolgreich von dem jugoslawischen Autor Ivo Andric, aber auch von Nagib Machfus angewandt. Es ist eine literarische Kategorie und ich benutzte sie, um meiner eigenen Vorstellung von der Innenstadt Kairos Ausdruck zu verleihen. Denn die Innenstadt Kairos ist nicht nur ein Viertel, ein Stadtteil – sie ist viel mehr als das. Die Innenstadt bezeichnet eine Epoche; sie ist das Symbol für die Seele Ägyptens, ein Symbol für die traditionelle ägyptische Toleranz. Die Religion wurde hier immer tolerant und offen interpretiert. Jahrhunderte lang galten Alexandria und Kairo als kosmopolitische und offene Städte: Hier lebten Juden, Griechen, Armenier, Italiener, Ägypter zusammen. Erst Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat sich dieses weltoffene Klima verändert.

Sie spielen auf die ökonomischen und politischen Veränderungen der ägyptischen Gesellschaft seit den 70er Jahren an, die mit dem Politikwechsel und der engen Anbindung an die USA unter Anwar Al Saddat verbunden sind. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an diese Zeit und die Innenstadt Kairos?

Wenn ich an diese Zeit denke, verspüre ich eine gewisse Nostalgie: Damals war ich Schüler des französischen Lycée und Zeuge des Niedergangs dieser kosmopolitischen Gesellschaft, später, als ich meine erste Zahnarztpraxis im Jakubijân-Bau eröffnete. Hören Sie den Muezzin gerade rufen? Die Art und Weise, wie er heute zum Gebet ruft, ist ein Beleg für diesen Niedergang. Das Azzan ist eine Kunst, eine Art Musik. In Ägypten gab es früher hervorragende Scheichs, Künstler, die es exzellent präsentierten. Durch den saudischen Einfluss seit den achtziger Jahren wurde der Gebetsruf ideologisiert. Er wurde quasi „gleich geschaltet“. Denn die Saudis interessieren sich nicht für die künstlerischen Aspekte des Azzan. In den Siebzigern begann ihr Einfluss überall in der arabischen Welt: Finanziert durch die Öleinnahmen und aus Angst vor der iranischen Revolution und den Schiiten haben sie Milliarden Dollar ausgegeben, um ihre wahabitische Sicht des Islam zu verbreiten. Bis heute versuchen sie ihren Einfluss weltweit zu erweitern. So sind heute alle Moscheen, insbesondere in Bosnien und Rumänien, von den Saudis finanziert und auch die Scheichs werden von ihnen bezahlt. Dabei ist die wahabitische Interpretation des Islam extrem aggressiv und intolerant gegenüber Andersdenkenden und Frauen. Für unsere Diktatoren kam die wahabiyya-Interpretation des Islam äußerst gelegen, denn der wahabitische Islam kennt keine individuellen politischen Rechte. Nach ihrer Lehre muss man den Führern gehorchen und dienen, jedenfalls solange, wie sie Muslime sind. Unsere Diktatoren bedienten sich dieser Ideologie, um die eigene Macht zu begründen. Seit 30 Jahren wird diese Ideologie von abhängigen Scheichs im Fernsehen propagiert. Die Menschen demonstrierten gegen die dänischen Cartoons, weil sie von den Fernsehpredigern aufgehetzt wurden. Dabei wissen wir in Ägypten nicht mehr über Dänemark, als dass von dort ein bekannter Käse kommt. Unsere politischen Rechte sind durch die Ideologie des Wahabismus geknebelt – das ist das zentrale Problem in der arabischen Welt.

Liegt ein Geheimnis des Erfolges ihres Romans darin, dass Sie schonungslos die Zusammenhänge von Korruption, Diktatur und islamischer Herrschaftsideologie aufzeigen?

Mein Erfolg als Schriftsteller scheint ein Beleg dafür zu sein. Ich wende mich an die ägyptischen Leser, die auf eine literarische Tradition von drei bis vier Jahrhunderten zurückblicken können. Natürlich gibt es zehn Prozent politisch Radikale, die am Tropf des Wahabismus hängen und meine Bücher bekämpfen. Mein neues Buch Chicago erschien als Vorabdruck in der prominenten Zeitschrift dustur, die in einer Auflage von 150.000 Exemplaren wöchentlich erscheint. Und wie nicht anders zu erwarten, quasi auf Knopfdruck, griffen sie mich wieder an. Sie waren gegen die Darstellung sexueller Szenen überhaupt, besonders aber gegen die Darstellung einer verschleierten Frau, die im Westen lebt und dort eine sexuelle Beziehung eingeht. Aber diese Intoleranz ist nicht ägyptisch, sie geht vom Wahabismus aus.

Sie werden, insbesondere in der westlichen Presse, häufig mit Nagib Machfus verglichen. Auch Machfus verzichtete nicht auf die politischen Bezüge in seinen Romanen. Welche  Rolle spielt das Politische in ihrer Literatur?

Dass Politik in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt, ist meine Vision von Literatur. Ich schreibe Romane aber nicht, um meiner politischen Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Will ich mich politisch äußern, verfasse ich Essays und Artikel. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass man mit Romanen Leben erschafft. Ich liebe die Definition, dass Literatur das Erschaffen von Leben auf Papier bedeutet. Es ist so ähnlich wie das wirkliche Leben, aber präziser, lebhafter und schöner. Das funktioniert aber nur, wenn man wirkliches Leben in die literarische Fiktion einwebt. Durch dieses Verfahren gelingt es, Charaktere und Dramaturgie so zu gestalten, dass jedes nur erdenkliche Thema bearbeitet und verknüpft werden kann. Soziale und politische Themen werden dann durch die Kunst zur Literatur.

Aber birgt ein solches Verfahren nicht die Gefahr, wie es häufig gerade in der arabischen Literatur zu beobachten ist, dass man als Autor zu sehr ideologisch und zu wenig literarisch arbeitet?

Die größte Schwierigkeit eines Schriftstellers besteht darin, Charaktere zu erschaffen, wirkliche, reale Charaktere. Deshalb arbeite ich oft monatelang an meinen Charakteren. Täglich widme ich ihnen vier Stunden und trotzdem benötige ich für einen Roman zwischen zwei und drei Jahre. Ich muss zunächst einmal selbst davon überzeugt sein, dass dieser von mir beschriebene Charakter tatsächlich real existieren könnte. Diese Arbeit steht am Beginn des Romans. Dann aber, wenn ich die ersten Seiten geschrieben habe, verliere ich plötzlich die Kontrolle über meine Charaktere. Das mag viele Menschen irritieren. Aber die Literatur folgt  eigenen Gesetzen. Deshalb kann ich zum Beispiel das Ende eines Romanes nicht vorhersehen. Nehmen wir das Ende des Romans Der Jakubijân-Bau, in dem dieser alte Lebemann die junge Frau heiratet. Was aber ist vorher passiert? In der vorangegangenen Szene waren sie wegen Unzucht auf der Polizeiwache. Dort sagt die junge Frau völlig desillusioniert, dass sie niemals Glück oder eine Perspektive in ihrem Leben gehabt hätte. Ich, der Autor, war sehr traurig darüber. Als ich aber am nächsten Morgen aufstand und den Laptop einschaltete, stellte ich fest, dass die beiden doch heiraten würden. Und plötzlich war ich sehr glücklich. Ich mache keinen Witz. Es lag wirklich nicht an mir. Ich habe das Ende eines Romans nicht unter Kontrolle. Ich steuere nur den Beginn und stelle die Charaktere einander vor.

Eine besondere Rolle in ihrer Geschichte spielt der junge Islamist, eine Art Geschichte in der Geschichte. Man könnte diesen Islamisten als Bildungsromanfigur bezeichnen, als einen, der sich der Bildung zwar nicht verweigert, den sie jedoch zum militanten Widersacher des Regimes macht und letztlich in den Tod führt.

Ich war inspiriert von einem jungen Mann, den ich eines Tages traf. Er erzählte mir, dass er als Richter in Ägypten arbeiten wollte, man ihn aber aufgrund seiner einfachen, armen Herkunft abwies, obwohl er alle erforderlichen Qualifikationen hatte. Er zeigte mir ein Schreiben, in dem stand, dass er abgelehnt sei, weil sein Vater als Automechaniker arbeite. Er sagte mir, dass er in diesem Land alles als ungerecht empfinde und dass er, wenn er die Gelegenheit hätte, diesem Land zu schaden, niemals zögern würde, es zu tun. Kurze Zeit nach unserem Gespräch beging der junge Mann Selbstmord. Ich hatte viele schlaflose Nächte und dachte darüber nach, wie ein normaler Mensch sich zu einem solch aggressiven und rücksichtslosen Charakter verwandeln könne, dass er gegen den Staat kämpft. Und die Antwort war einfach: Grund dafür ist die täglich persönlich erfahrene Ungerechtigkeit.

Einen Skandal löste in Ägypten insbesondere Ihr offener Umgang mit der Darstellung von Homosexualität aus. Homosexualität steht in Ägypten unter Strafe. Wie kann man zu einem solchen Thema recherchieren? Ist das nicht auch für den Autor gefährlich?

Ich habe zunächst alles Mögliche über Homosexualität in Ägypten gelesen. Doch das genügte nicht. Also begann ich, die abgewrackten Bars und Treffpunkte der Homosexuellen in der Innenstadt zu besuchen. Als ich zum ersten Mal in eine dieser einfachen Kneipen ging, gab es eine Razzia. Dies geschieht häufig. Der Polizist wollte meinen Ausweis sehen. Als er fragte, warum ich hier sei überlegte ich, ob ich ihm sagen sollte, dass ich hier sei, um die Atmosphäre kennen zu lernen und um mit den Leuten zu sprechen. Aber ich wusste, wenn ich das täte, würde es nur Ärger geben. Also sagte ich ihm, dass ich gerade aus den USA gekommen sei und einfach nur ein Bier trinken wolle. Darauf antwortete er, dass das doch nicht ginge. „Wenn ein Doktor ein Bier trinken will, dann soll er doch in ein Fünf-Sterne-Hotel gehen“, sagte er. Ich aber bestand darauf, auch hier mein Bier trinken zu dürfen. Und so ließ er mich in Ruhe. Nach und nach lernte ich bei Razzien alle Polizisten kennen. Und wenn sie mich sahen, grüßten Sie mich und riefen: Hi Doktor, wie geht’s? Aber sie ließen mich in Ruhe.

Machen diese Erfahrungen in der Recherche den Unterschied zwischen westlicher und arabischer Literatur aus?

Es gibt keinen Unterschied zwischen arabischer und westlicher Literatur. Es gibt nur einen Unterschied zwischen guter und schlechter Literatur. Aber die Akzeptanz ist unterschiedlich. Denn wenn man einen guten Roman schreibt, sagen alle, es sei ein guter Roman, egal, aus welchem Kulturkreis er kommt. Das ist unabhängig vom Sujet. Gabriel García Márquez sagte einmal, dass ein guter Roman jeden Inhalt transportieren kann. Aber ein guter Inhalt wird niemals zwangsläufig einen guten Roman ausmachen. Es ist also nicht die Frage, ob es einen eigenen westlichen Geschmack gibt. Ein wichtiger Unterschied zwischen westlicher und arabischer Literatur existiert allerdings: Im Süden kann man von der Literatur nicht leben. Ich schreibe seit über zwanzig Jahren, aber ich lebe von meinem Einkommen als Zahnarzt. Erst in den letzten zwei Jahren habe ich mir durch das Schreiben etwas dazu verdient. Und das auch nur deshalb, weil meine Bücher in europäische Sprachen übersetzt wurden. Das wiederum eröffnet andere, gewichtigere Probleme. Denn allein mit der Übertragung arabischer Literatur in westliche Sprachen ist es nicht getan. Die mangelnde Akzeptanz arabischer Literatur im Westen lässt sich nur teilweise mit reinen Übersetzungsproblemen begründen, obwohl auch diese existieren. Die Schwierigkeiten reichen jedoch darüber hinaus. Hier ist vor allem entscheidend, welcher Text überhaupt und warum für eine Übersetzung ausgewählt wird, und wie dieser Text im Westen rezipiert wird. Häufig wird nicht die literarische Qualität, sondern die politische Situation zum ausschlaggebenden Kriterium. Im Westen fokussiert man zum Beispiel zu sehr auf die Frage, ob der Autor irgendetwas zum Islamismus im Roman ausgeführt hat. Manchmal gewinne ich den Eindruck, die arabische Literatur wird darauf reduziert.

Welches Verständnis von Literatur setzen Sie gegen eine solche schematische Sichtweise?

Ich glaube, dass Literatur die Menschen in erster Linie als widersprüchliche und komplexe Wesen begreift. Gute Literatur stellt sie nicht oberflächlich dar oder reduziert den Einzelnen auf einen Typus. Das ist das entscheidende Kriterium für gute Literatur. Mütter lieben ihre Kinder und Verliebte lieben sich unabhängig von Kultur und Politik. Literatur erlaubt uns, dies zu erfahren. Sie macht uns toleranter. Für den Autor selbst ist die Begeisterung der Leser der Gewinn. Ich beispielsweise hätte als Zahnarzt auf bequeme Art und Weise reich werden können. Auch dass man als erfolgreicher Schriftsteller bekannt ist, ist nichts wirklich Großes. Das eigentliche Geschenk ist die Begeisterung der Leser. Das ist der wahre Erfolg.

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Léonora Miano (Kamerun)

Wir müssen die Vergangenheit akzeptieren

(LiteraturNachrichten Nr. 92 - Frühjahr 2007)

Léonora Miano (*1973 in Douala) wurde im Herbst 2006 für ihren Roman Contours du jour qui vient (Plon, Paris 2006) mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet, einem der wenigen Publikumspreise im französischen Literaturzirkus. Wie bereits in ihrem 2005 erschienenen Roman L’intérieur de la nuit, ebenfalls mehrfach ausgezeichnet, wird der Leser nach Mboasu geführt, ein von Kriegen gebeuteltes, fiktives Land in Afrika. Beide Romane haben noch keinen deutschen Verlag gefunden.

Birgit Pape-Thoma:
Herzlichen Glückwunsch zum Goncourt des Lycéens! Mit dem Prix Renaudot für Alain Mabanckou (s. LiteraturNachrichten 91) und Ihrem Preis bekommt man den Eindruck, die afrikanische Literatur in Frankreich bekomme Oberwasser.

Léonora Miano:
Für mich existiert keine „afrikanische Literatur“. Ich habe zwar meine Kindheit und Jugend in Afrika verbracht und die schönsten Momente meines Lebens dort erlebt, aber das heißt nicht, dass ich deshalb „afrikanische“ Bücher“ schreibe. Ich produziere meine eigene Literatur, die übrigens völlig anders ist als die von Alain Mabanckou. Ich nehme an, auch ein westeuropäischer Autor könnte einen Roman schreiben, der in Afrika spielt. Ist das afrikanische Literatur? Die Nationalität eines Autors sagt für mich nicht viel aus, wichtiger ist seine Persönlichkeit. Ich bin zwar eine frankophone Autorin, da ich auf Französisch schreibe. Aber das ist nur eine Tatsache am Rande ohne viel Bedeutung.

Ihre beiden Romane führen den Leser in ein Afrika am Rande des Abgrunds. In Ihrem ersten Roman sprechen sie kannibalistische Riten im Bürgerkrieg an.

Ich bin durch eine Fernsehreportage inspiriert worden, in der Jugendliche – ehemalige Kindersoldaten – berichteten, zu welchen Grausamkeiten sie im Krieg in Liberia gezwungen wurden. Das war für mich der Ausgangspunkt, die gegenwärtigen Schwierigkeiten afrikanischer Gesellschaften anzusprechen. Afrika ist ein Kontinent mit einem hohen Anteil an jungen Menschen. In L’intérieur de la nuit habe ich das Schicksal vieler dieser jungen Leute und ihre Zukunft angesprochen, in einem vom Bürgerkrieg betroffenen Land, das irgendein Land in Zentralafrika sein könnte. Ich wollte dann – immer noch in diesem fiktiven Land, aber nach dem Bürgerkrieg – untersuchen, welcher Typ von Gesellschaft existieren könnte und wie diese schwierigen Bedingungen im städtischen Umfeld auf Menschen wirken.
Contours du jour qui vient handelt von Sekten und den „enfants sorciers“, einem Problem, das in mehreren afrikanischen Ländern aufgekommen ist, vor allem in der Demokratischen Republik Kongo, die ja ebenfalls mehrere Jahre Krieg erlebte. Die „enfants sorciers“ sind Kinder, die von ihren eigenen Eltern verstoßen werden, weil man sie der Hexerei verdächtigt und beschuldigt, am Elend ihrer Familie schuld zu sein. Das schockiert sehr, zumal Kinder in den traditionellen afrikanischen Gesellschaften immer eine Bereicherung darstellen. Die Menschen waren mit Situationen konfrontiert, die die alten Werte ins Wanken bringen, vor allem in den Städten. Das Leben in der Stadt ist überall schwierig, sogar hier in Europa. Aber hier gibt es mehr soziale Absicherung. Wenn es die aber nicht gibt, keine soziale Sicherheit, keine Institutionen, an die man sich wenden könnte, was machen die Menschen dann? Was passiert dann in einer solchen Gesellschaft? Davon wollte ich erzählen.

Befürchten Sie nicht, dadurch die gängigen Afrika-Klischees, die in den westlichen Medien kursieren, zu verstärken, besonders Afrika als Synonym für Bürgerkrieg und Armut?

Ich glaube nicht, dass diese Klischees mich brauchen, um bestätigt zu werden. Diejenigen, die sich daran festhalten, sind Leute mit einer beschränkten Sichtweise. Und wenn sie sich durch meine Arbeit bestätigt fühlen, dann nur, um sich noch bequemer in ihren Ansichten einzurichten. Ich denke, dass diese Leute sich eigentlich gar nicht für Afrika interessieren. Schließlich ist ein Roman kein Dokumentarbericht, Fiktion spiegelt nicht die ganze Wirklichkeit. Ein Roman spiegelt immer die Sicht des Autors zu einer speziellen Frage. Kein Roman kann eine Gesellschaft komplett abbilden. Leute, die das wissen, verstehen auch, dass meine Romane von einem menschlichen Drama handeln, das sich einfach vor einem afrikanischen Hintergrund abspielt. Dieses menschliche Drama könnte man auch in Kolumbien finden oder in Thailand, wo dreizehnjährige Mädchen von ihren eigenen Müttern zur Prostitution gezwungen werden: Dramen, die vom Elend handeln. Aber die gibt es nicht ausschließlich in Afrika.

In Contours du jour qui vient sucht die zwölfjährige Musango ihre Mutter, die sie drei Jahre zuvor der Hexerei beschuldigt und verjagt hatte und vergibt ihr schließlich. Beschreibt dies den schwierigen Weg der Identitätsfindung?

Ja, vor allem zur Entwicklung einer individuellen Identität, einer eigenen Identität. Ich wollte die Entstehung einer starken Persönlichkeit in einem Umfeld beschreiben, das eher Angst vor der Individualität hat. Mir ist es wichtig, dass in unseren afrikanischen Gesellschaften, die ihre Identität aus der Gruppe beziehen, der Einzelne auch die Möglichkeit der persönlichen Freiheit bekommt. Das Individuum wird als eine Bereicherung der Gruppe betrachtet. Derzeit ist es eher so, dass derjenige, der einen neuen und eigenständigen Weg geht, von der Gruppe vernichtet wird. Musango vergibt ihrer Mutter, weil sie gelernt hat, mit den Wunden der Vergangenheit zu leben. Die Grundidee des Romans ist, dass man aus seiner eigenen Asche neu aufstehen kann. Aber man muss es wollen! Es ist ein Akt der Freiwilligkeit, der nicht selbstverständlich ist. Man muss sich dafür entscheiden.

Musango, ihre Mutter und die Großmutter: drei afrikanische Prototypen von Frauen?

Das hat zwar mit Afrika zu tun, aber mehr politisch betrachtet. Wenn man diese Frauentypen als Metaphern betrachtet, verkörpert die Mutter Musangos die Generation von Afrikanern, die nicht während der Kolonisation gelebt hat, sondern gleich danach. Diese Generation musste die Unabhängigkeit bewältigen, obwohl ihr dazu das nötige Werkzeug fehlte. Diese Generation ist verstört. Die Großmutter repräsentiert die Generation davor. Sie hat zwar die Kolonisation erlebt, hat dabei aber ihre tradierten Werte erhalten und auch noch das damit verbundene Selbstwertgefühl. Durch die Kolonisation wurden diese Werte allerdings nicht auf die nachfolgende Generation übertragen. Daher ist diese Generation nicht stark genug, um mit der neugewonnenen Freiheit richtig umzugehen. Der Roman erzählt nun die Geschichte der jüngsten Generation, der von Musango, die die Fehler der Elterngeneration reparieren muss. Daher lehnt Musango ihre Mutter nicht ab. Sie begreift am Ende, dass die Mutter eine unglückliche Mutter ist, eine verstörte Mutter. Wenn die Geschichte der Mutter anders verlaufen wäre, dann wäre sie eine andere Persönlichkeit geworden und hätte mehr Selbstwertgefühl.
Ich glaube, die Generation meiner Eltern hat viele Fehler gemacht, weil sie nicht wusste, wie sie dieses Afrika aufbauen sollte. Es macht aber keinen Sinn, ihr das vorzuhalten, denn schließlich sind unsere Gesellschaften noch sehr jung. Man kann nicht in kurzer Zeit etwas aufbauen, wofür andere Jahrhunderte benötigten. Natürlich spielt sich dieser Prozess in Afrika mit Gewalt und vielen Schwierigkeiten ab. Schließlich müssen wir akzeptieren, auf unserem eigenen Boden unterdrückt worden zu sein und das ist nicht gerade einfach. Und wir müssen akzeptieren, jetzt auch Elemente in unser Dasein zu integrieren, die von denjenigen stammen, die uns unterdrückt haben. Ich glaube, die junge Generation kann das. Daher habe ich das junge Mädchen „Musango“ genannt, was in meiner Muttersprache Douala „Frieden“ bedeutet. Um ein neues Afrika aufzubauen, müssen wir die Vergangenheit akzeptieren. Wenn man die afrikanische Geschichte im Zusammenhang betrachtet, fällt auf, dass Geschichte überall auf Eroberung und Herrschaft basiert. Es hat aber keinen Sinn, Zukunft auf Rache aufzubauen. Denn die Peiniger werden nie bestraft, die meisten sind nicht einmal mehr da. Die einzige Revanche ist also, seine Vergangenheit zu akzeptieren und auf der Basis seiner Geschichte trotz allem etwas Neues und Konstruktives aufzubauen.

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