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Titel: Big River, Big Sea - Untold Stories of 1949
Autor: Lung Yingtai
Jahr: 2009
Verlag: CommonWealth Magazine
Gattung: Autobiografie
Region: Asien
Land: Taiwan
Originalsprache: Chinesisch
Umfang: 367 Seiten
Rechte: o. A.
Kontakt: Viola Sung (Lung Yingtais Assistentin): viviwaysung@gmail.com

Thematik:

In den späten vierziger Jahren flohen zwei Millionen Chinesen vor den Maoisten nach Taiwan. Unter den Flüchtlingen waren viele Kuomintang-Soldaten. Sie verloren ihre Heimat und übernahmen in Taiwan mit Gewalt die Macht. Die prominente taiwanische Essayistin Lung Yingtai stammt aus so einer Kuomintang-Flüchtlingsfamilie und umkreist in ihrem Buch "Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949" das Jahr, in dem die Maoisten endgültig siegten und die Volksrepublik China ausriefen. Es ist das Jahr, das sowohl für Taiwan als auch für China einen historischen Einschnitt bedeutete, der viele Menschen traumatisiert hat. Darunter leiden beide Länder bis heute.


Gutachten:

Von ihrer eigenen Familiengeschichte ausgehend arbeitet Lung Yingtai in ihrem Buch die Geschichte Taiwans im 20. Jahrhundert auf. Dies bedeutet, dass sie auch die vielfältigen Verflechtungen Taiwans mit China und Japan aufzeigt: Sie beleuchtet die japanische Herrschaft in Taiwan (1895-1945), den Zweiten Weltkrieg im Pazifischen Raum und den chinesischen Bürgerkrieg, in dem Kuomintang-Soldaten Maoisten töteten und umgekehrt. Historische Fakten und Oral History werden dabei auf sehr ausgewogene Weise miteinander kombiniert, denn Lung hat nicht nur in Archiven recherchiert, sondern auch zahlreiche Zeitzeugen interviewt. Diese Gesprächspartner lässt sie in ihrem Buch in mehreren Kapiteln ausführlich zu Wort kommen: Taiwaner, die im Zweiten Weltkrieg unter den Japanern gedient haben, Taiwaner, die mit dem Kommunismus sympathisierten und dafür verfolgt wurden, Chinesen, die vor den Maoisten nach Taiwan flohen, und taiwanische Ureinwohner, die teils von der Kuomintang und teils von den Maoisten rekrutiert und in den Krieg geschickt wurden etc.

Sie alle erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, im chinesischen Bürgerkrieg und in der Nachkriegszeit unter der Kuomintang-Herrschaft auf Taiwan. Gleichzeitig geht Lung Yingtai aber auch ihrer eigenen Familiengeschichte nach und besucht die Heimatstädte ihrer Eltern, die sie nach ihrer Flucht nach Taiwan nicht mehr wiedergesehen haben. „Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949“ ist mit zahlreichen historischen Fotos, Briefausschnitten, Karten und Tabellen (alle in schwarz-weiß) ausgestattet.

Die Autorin

Lung Yingtai wurde 1952 in Taiwan geboren. Sie studierte Anglistik in Taiwan und promovierte in den USA. 1986 ging sie mit ihrem Mann in die Schweiz und nach Deutschland, wo sie u.a. an der Universität Heidelberg lehrte. 1999 kehrte sie nach Taiwan zurück und wurde Leiterin der Kulturbehörde in Taipeh. Heute ist sie Gastprofessorin an der Universität in Hongkong und leitet die „Lung Yingtai Cultural Foundation“ in Taipeh. Sie ist eine der prominentesten und streitbarsten Essayistinnen im chinesischsprachigen Raum und hat mit ihren Essays stark zur Demokratisierung in Taiwan beigetragen.

Sprache und Übersetzung

„Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949“ ist in journalistischem Ton verfasst, der sich sofort erschließt und nicht schwierig zu übersetzen sein sollte. Stellenweise bekommt das Buch auch einen persönlichen Klang, etwa wenn Lung beschreibt, wie die Gespräche auf sie wirken, die sie mit zahlreichen Interviewpartnern führt. Persönlich wird ihr Stil außerdem, wenn sie ihre eigene Familiengeschichte ins Spiel bringt, die schließlich den Ausgangspunkt für ihre Beschäftigung mit der Vertreibung der Kuomintang aus China und ihrer Ankunft in Taiwan bildet.

Neben z.T. wörtlich wiedergegebenen Interviewausschnitten zitiert Lung auch aus historischen Dokumenten (Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, offizielle Schriftstücke etc.). Manche der historischen Dokumente werden als Bilder dargestellt und erfordern eine gesonderte deutsche Übersetzung, die im chinesischen Original natürlich nicht vonnöten ist.

Ebenfalls empfehlen sich für die deutsche Fassung ein Glossar, ein Personenregister und ein Vorwort, das in den Taiwan-Konflikt einführt.

Da Lung Yingtai als Leser ihres Buches auch ihren bereits seit Langem in Deutschland lebenden, etwa 20jährigen Sohn vor Augen hatte, ist das Buch auch für deutsche Leser geeignet, die nicht schon alles über Taiwan, China und Japan im 20. Jahrhundert wissen.

Einordnung und Empfehlung

Lung Yingtai ist eine der prominentesten Autorinnen im chinesischsprachigen Raum. Ihre Texte ziehen stets weitreichende Diskussionen nach sich – sowohl in Taiwan und in Hongkong, wo man ihre Texte problemlos kaufen kann, als auch in China, wo ihre Texte größtenteils nur unter der Hand zu bekommen sind. Besonders hohe Wellen schlug 2006 ihr offener Brief an den chinesischen Präsidenten Hu Jintao, der – neben drei weiteren Essays von Lung Yingtai – in dem Band „Taiwans kulturelle Schizophrenie“ (Projektverlag 2006) auch auf Deutsch vorliegt.

In Taiwan steht „Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949“ auch Monate nach seinem Erscheinen noch immer auf Platz 1 sämtlicher Bestsellerlisten. Das Buch hat eine enorme Wirkung entfaltet und wurde in Taiwan und in Hongkong sehr stark diskutiert. Es ist ein Buch, das an tiefe Wunden rührt und gleichzeitig das Potential besitzt, Versöhnung zwischen den Volksgruppen auf Taiwan und auch zwischen Chinesen und Taiwanern zu stiften. Es ist gänzlich untendenziös geschrieben und lässt alle Konfliktparteien mit ihren Erfahrungen und Verletzungen zu Wort kommen.

Auch wenn wir Europäer in diese Auseinandersetzung nicht direkt involviert sind, ist es auch für uns wichtig, „Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949“ lesen zu können. Historisch gesehen eröffnet es uns zunächst einmal einen völlig neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg, der zum großen Teil auch in Ostasien stattgefunden hat: in China, Taiwan, Japan, Indonesien und auf den Philippinen. Außerdem erklärt es uns den chinesischen Bürgerkrieg, den Sieg der Maoisten und den großen Flüchtlingsstrom auf die Insel Taiwan.

Darüber hinaus hat das Buch aber auch ganz aktuelle Bedeutung. Schließlich erläutert Lung Yingtai darin einen Konflikt, der das Potential besitzt, einen weiteren Weltkrieg auszulösen: den Konflikt zwischen China und (der von den USA militärisch unterstützten Insel) Taiwan. Auf den ersten Blick geht es nur darum, dass China Taiwan als abtrünnige chinesische Provinz betrachtet, als Staat nicht anerkennt und zurückfordert. Es ist China auf diese Weise gelungen, Taiwan seit den 70er Jahren international politisch völlig zu isolieren. Doch die Wurzeln des Konfliktes reichen sehr viel tiefer, wie Lung Yingtai zeigt. Sie reichen bis zurück in die japanische Kolonialzeit und in den chinesischen Bürgerkrieg. Diese tiefen Wunden deckt sie auf. Der chinesischen Politik der Stärke und der Unterdrückung setzt sie Offenheit und Verletzlichkeit entgegen.

In Taiwan setzt man sich bereits seit den 80er Jahren mit der eigenen Geschichte auseinander. China ist davon leider noch weit entfernt. Kein Wunder also, dass Lung Yingtais Buch in Taiwan ein Bestseller ist, während es in China verboten bleibt.

Weitere Informationen

Lung Yingtai hat ihr Buch im Rahmen des Taiwan-Programms auf der Frankfurter Buchmesse 2009 vorgestellt. Aus diesem Anlass hat die taz einen Ausschnitt aus „Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949“ übersetzen lassen: www.taz.de/1/leben/buchmessetazde/artikel/1/auf-den-schwertern-kein-tropfen-blut/

Die Autorin hat sich außerdem bei ihren Recherchen zu Buch „Big River, Big Sea – Untold Stories of 1949“ in China und in Taiwan von einem Filmteam begleiten lassen. Daraus ist ein ausgesprochen sehenswerter Dokumentarfilm geworden, der den Titel 目送大江大海 – 龍應台的探索 trägt, was etwa so viel heißt wie „Ein letzter Blick zurück – 1949 – Eine Spurensuche von Lung Yingtai“. Der Film wurde von Sanlih Entertainment Television produziert. Er könnte sehr gewinnbringend auch in Deutschland gezeigt und zur Promotion des Buches eingesetzt werden.

Im Frühjahr 2010 wird im Projektverlag unter dem Titel „Silberne Kakteen“ ein Band mit Erzählungen von Lung Yingtai erscheinen. Die Übersetzerin ist Martina Hasse.

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