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Nachrufe

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Carlos Montemayor aus Mexiko ist gestorben

© dpa

Am 28. Februar 2010 erlag der 62-jährige Schriftsteller einem Krebsleiden. Sein deutscher Verlag Assoziation A nennt ihn einen "luziden und unbestechlichen Intellektuellen und einen engagierten Menschenrechtsaktivisten. Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust."

Einen sehr lesenswerten Nachruf finden Sie auf den Seiten von Assoziation A »»
Der ausführliche Artikel erscheint in den Lateinamerika Nachrichten und kann hier als pdf eingesehen werden.

Auch in Deutschland bekannt wurde Carlos Montemayor mit seinem Roman Krieg im Paradies, dessen Übersetzung von Georg Oswald 1998 durch litprom gefördet wurde.


Mario Benedetti (Uruguay) 1920 - 2009

Liebe, Exil und Tod – ein Nachruf von Eva Karnofsky

Neue Wege zu finden, für sich selbst und für andere, das sei für ihn wichtig, hat Mario Benedetti vor einiger Zeit in einem Interview geäußert, und getreu diesem Leitsatz hat er gelebt. 1920 in der uruguayischen Provinz Tacuarembó als Sohn einer Mittelklassefamilie mit italienischen Wurzeln geboren, kam er mit vier Jahren nach Montevideo. Als junger Mann verkaufte er Teppiche, Autoteile und Bücher und verdingte sich als Angestellter im Wirtschaftsministerium. Und „nebenbei“ fand er schon damals seinen Weg: Er schrieb Gedichte. Zeit seines Lebens bezeichnete er sich als Poet, der auch Romane und Essays schreibt.

Von 1938 bis 1941 arbeitete er als Stenograf in einem Verlag in Buenos Aires, und nach seiner Rückkehr nach Montevideo wurde er Leiter der Kulturzeitschrift Marginalia. Seinen Lebensunterhalt bestritt er jedoch noch bis 1969 als Angestellter einer Immobilienfirma. Benedetti wurde Mitbegründer von Número, der Publikation der uruguayischen „Generation von 45“, einer Gruppe von Schriftstellern/innen, die eigene, uruguayische Wege der  Literatur suchte. Den Journalismus gab er nie gänzlich auf: Er war mehrere Jahre Literaturchef der kritischen Wochenzeitung Marcha und ab 1983 gehörte er zum Redaktionsbeirat des linken Magazins Brecha, dem er bis zuletzt verbunden blieb.

Bereits 1945 erschien ein erster Gedichtband und viele sollten folgen. Mario Benedettis erster Roman La Tregua (1960, Alianza Ed., vergriffen, dt. Die Gnadenfrist, 1986, Lamuv, Übers. v. Willy Zurbrüggen, vergriffen; unter www.zvab.com erhältlich), die Geschichte der Liebe eines älteren Mannes zu einer viel jüngeren Frau, sollte sein erfolgreichster sein. Er wurde in 19 Sprachen übersetzt, von Sergio Renán verfilmt (dt. Filmtitel: Waffenstillstand) und für den Oscar nominiert. Benedettis Gedichte, einfach und prägnant in der Sprache, thematisieren den Alltag, üben Sozialkritik oder setzen sich mit Liebe, Exil und Tod auseinander. Sie zählen neben denen Pablo Nerudas zu den bekanntesten in Hispanoamerika und gelangten spätestens nach der Vertonung von El Sur también existe durch Joan Manuel Serrat 1986 zu Weltruhm.

Auch in der Politik suchte Benedetti nach neuen Wegen. 1971 zählte er zu den Gründern des politischen Arms der Stadtguerilla Tupamaros, was ihn nach der Machtübernahme der Militärs 1973 für zehn Jahre ins Exil nach Argentinien, Peru, Spanien und Kuba zwang. Viele sahen es ihm nicht nach, dass er sich nie von Fidel Castro lossagte und zu den verschiedenen Repressionswellen gegen kubanische Intellektuelle, Schriftsteller und Journalisten schwieg.

Mario Benedettis Werk umfasst über achtzig Titel, von denen etliche auch auf Deutsch vorliegen, darunter der Essayband Literatur und Revolution (1986, Rotpunkt, Übers. v. Vilma Hinn, vergriffen, über www.zvab.com erhältlich), die Gedichtsammlung Wenn ein Blitz einschlägt (2004, Verlag Martin Wallimann, Übers. v. Hans Leopold und Silvia Davi, lieferbar), der Erzählungsband  Auf den Feldern der Zeit (1990, Rotpunktverlag, Übers. von Lutz Kliche und Jürg Fischer) sowie der Roman Das Mädchen und der Feigenbaum (1994, Lamuv, Übers. v. Willy Zurbrüggen, vergriffen).

2006 verstarb seine Frau, nach sechzig Jahren Ehe. Davon erholte er sich nicht mehr. Er verstarb am 17. Mai nach langer Krankheit in Montevideo, in jener Stadt, die ihn auch im Exil nicht losließ und die in seinem Werk fast immer präsent ist. 20.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit.


Tajjib Salich 1929 – 2009

„Nach langer Abwesenheit, meine Herren – nach genau sieben Jahren, die ich in Europa studierte – kehrte ich heim zu meinen Angehörigen.“ So ganz trifft der Anfang des legendären Romans Zeit der Nordwanderung nicht auf seinen Autor Tajjib Salich zu, weil Salich fast sein gesamtes Leben als Erwachsener in England verbracht hat. Doch ist mit der Heimkehr in den Sudan vom Studium in England immerhin das Lebensthema des Autors angeschlagen, das ihn in seinem gesamten, nicht sehr umfangreichen Oeuvre immer wieder bewegt. Viele Autorinnen und Autoren aus der „Peripherie“ – oft ein Euphemismus für die kolonialisierte Welt – haben die bedeutende Entwicklung abgehandelt, dass junge Menschen aus den Kolonien mit Stipendien für höhere Bildung in die „Mutterländer“ verbracht wurden. Dem Aufbruch in eine Welt der Entfremdung vom Eigenen folgt irgendwann dann eine Heimkehr in eine Welt, die in der Erinnerung gelegentlich als Idyll aufscheinen mag, die indes auch schon vor dem Aufbruch eine höchst gebrochene war. Im Roman Bandarschâh bewahrt der Intellektuelle Muhammîd, der nur in Khartum gelebt hat, nicht etwa in England, seine Heimat im Herzen, weil er dort auch begraben sein möchte. Wadd Hâmid am Nilufer, der beinahe mythische Ort, der bei Salich immer wieder auftaucht, ist aber keineswegs von den Zerstörungen frei, die die gesamte sudanesische Gesellschaft durchdrungen haben. In Salichs erstem Roman Sains Hochzeit wird der Ort noch eher liebevoll und ironisch skizziert, geht es höchst turbulent-menschlich zu. Doch in Zeit der Nordwanderung ist die Welt bereits aus den Fugen. Geradezu prophetisch kündet Salich in Bandarschâh von den Verwerfungen und den Despotismen einer Zeit, in der Islamisten den Ton angeben und die Aufgeklärten (fast immer die Generation derjenigen, die im Westen studiert haben) zwischen den Traditionalismen der Großväter und dem Radikalismus der Jüngeren aufgerieben werden.
Tajjib Salich, der zu einem großen Teil das Schicksal der Protagonisten seiner Prosa teilte, las früh die wichtigsten arabischen Autoren. Doch auch die europäische, besonders die englische Literatur hat er, der u.a. als Journalist bei der BBC tätig gewesen war und auch bei der UNESCO verschiedene Positionen inne gehabt hatte, in sich aufgesogen.
Sein Werk hat besonders in der arabischen Welt eine Art Kult-Status, weil er wie kaum ein anderer gerade die Zerrissenheit der arabischen Intellektuellen in überzeugende Bilder gefasst hat und in vielem ein literarischer Pionier war. Umso erstaunlicher, dass er seit 1971 kein großes literarisches Werk mehr veröffentlichte, sich freilich als Kolumnist zu zeitgenössischen Themen und besonders zu den Fehlentwicklungen in seiner Heimat äußerte. Falls in dem literarischen Schweigen Skepsis gegenüber dem eigenen Lebensthema und die Entfernung von der Heimat zum Ausdruck gekommen mag, sollten Leserinnen und Leser diese zwar achten, indes keineswegs teilen. Im Gegenteil: Wer Salich heute liest, hat die große Chance, sich der arabischen Welt auf eine Weise anzunähern, die frei wird von den Aufgeregtheiten eines Heute, das sich oft Moderne nennt.
Am 18. Februar 2009 ist Tajjib Salich in London, umgeben von seiner Familie und von Freunden, verschieden.

Peter Ripken

Bücher von Tajjib Salich in deutscher Übersetzung:

  • Bandarschâh. Roman aus dem Sudan. Originaltitel: Bandarsâh, Arabisch, übers. v. Regina Karachouli. (Bandarsâh. Dau al-Bait. Uhdûta ‘an kauni l-ah dahîyatan li-ahîhi wa-bnih (1971), Maryûd, al-Guz’ at-tâni min Bandarsâh.) Mit e. Nachw. v. Hartmut Fähndrich. Basel: Lenos 2001, 190 Seiten. ISBN: 3-85787-322-1
  • Eine Handvoll Datteln. Erzählungen aus dem Sudan. Originaltitel: Dûmat Wadd Hâmid, Arabisch, übers. v. Regina Karachouli. Mit e. Nachw. v. Hartmut Fähndrich. Basel: Lenos 2000, 107 Seiten. ISBN: 3-85787-295-0
  • Sains Hochzeit. Roman aus dem Sudan. Originaltitel: Urs az-Zain, Arabisch, übers. v. Regina Karachouli. Mit e. Nachw. v. Hartmut Fähndrich. Basel: Lenos 2004, 108 Seiten. ISBN: 3-85787-350-7
  • Zeit der Nordwanderung. Roman aus dem Sudan. Originaltitel: Mausim al-higra ilâ s-simâl, Arabisch, übers. v. Regina Karachouli. Mit e. Nachw. v. Hartmut Fähndrich. Basel: Lenos TB 2001, 191 Seiten. ISBN: 978-3-85787 662-2

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