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Hier bewahren wir für Sie auf:

Nachrichten / Dokumentationen / Listen usw., die zu bestimmten Ereignissen verfasst und zusammengestellt wurden, jedoch von dauerhaftem Nutzen sein können.


"Enter Korea"

Unter dem Motto "Enter Korea" hat sich Korea als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2005 präsentiert. Aus diesem Anlass wurde eine kommentierte Liste der Übersetzungen koreanischer Literatur - Neuerscheinungen im Verlaufe des Jahres 2005 - zusammengestellt.
Sie steht zum Download weiterhin zur Verfügung.


Literatur rund um den (Erd-)Ball


Fußball
kann man spielen, gucken und LESEN – eine Liste belletristischer Werke für Alt und Jung auch nach der WM hier noch zum Download


Buchtipps "Indien Special"

Eine Auswahl indischer Literatur zum Gastlandauftritt der Frankfurter Buchmesse 2006:

Auf der Suche nach dem Vater

Tan, der junge Protagonist dieses Romans, stammt aus Raipur, einer Stadt in der indischen Provinz Uttar Pradesh, wo er zusammen mit seinen vier Geschwistern behütet aufwächst. Der Vater ist Atheist und fühlt sich mit Leib und Seele dem kolonialistischen, britisch-aristokratisch geprägten Indien verbunden. Die Mutter entstammt einer reichen, südindischen Familie und hält an religiösen Überzeugungen und althergebrachten Traditionen fest. Im Haus der Familie koexistieren diese beiden Weltsichten ganz selbstverständlich. Was der Mutter ihr „Puja“-Zimmer, in das sie sich zurückzieht, um den alten indischen Göttern zu huldigen, ist dem Vater das „Zimmer der Düfte“, in welchem er sich der Pflege von Körper und Geist widmet und sich auf seine Lieblingsbeschäftigung, die alljährlich stattfindende Wildvogeljagd, vorbereitet. Bald machen sich die 60er Jahre mit ihrer Kritik am Kapitalismus, am Vietnamkrieg und an den imperialistischen Allüren des Westens auf dem asiatischen Subkontinent bemerkbar, gleichzeitig verdrängt die amerikanische Alltagskultur zunehmend sowohl die althergebrachten indischen Traditionen als auch den Geist des britischen Kolonialreiches. Während seine Schwester noch eine von den Eltern arrangierte Heirat akzeptiert, geht Tan als Student in die USA, wo er die Hippiebewegung erlebt und viele Jahre mit der jungen Serita verbringen wird, die sich endgültig von der indischen Heimat losgesagt hat. Tan hingegen kehrt schließlich nach Raipur zurück, in Begleitung des gemeinsamen zehnjährigem Sohnes.
Der Shikari handelt von der Suche nach der eigenen Identität im Zeitalter der Globalisierung und dem Verlust der Bindung an Traditionen. Während Serita sich für eine neue Identität in Amerika entschieden hat, verbirgt sich Tans emotionale Heimat hinter dem verheißungsvollen Originaltitel des Romans Chamber of Perfumes (in einer früheren Auflage hieß der Roman gar Sniffing Papa), ist es doch die Prägung durch den Vater, die sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Phasen seines Lebens zieht und ihn schließlich wieder an den Ort seiner Kindheit zurückbringt.
Eindeutigkeit gibt es aber nicht. So wie Tan auch den amerikanischen Teil seiner Identität behält, kann auch Serita sich nicht komplett von der alten Heimat lösen. Dies zeigt ihre Verbindung mit Tan und ihr frühzeitig gefasster Plan, später den gemeinsamen Sohn mit Tan nach Indien gehen zu lassen.
Mit Humor, viel Sprachwitz und in einer temporeichen Abfolge von Bildern und Eindrücken erzählt Inderjit Badhwar von den Jugendjahren seines Protagonisten und den verschiedenen Prägungen, die er bei der Herausbildung seiner Persönlichkeit erfährt. Lediglich die Beschreibungen einer Jagd- und einer Angelpartie könnten dem einen oder anderen Leser, der vielleicht nicht an jedem Detail interessiert ist, ein wenig langatmig erscheinen. Insgesamt aber versteht es der Autor meisterhaft, Atmosphäre aufzuspüren und die Welt mit ironischem Humor zu betrachten. Sei es Tans Schwester Seema, die auf der Suche nach Orientierung von einem religiösen Fimmel zum nächsten stolpert oder der junge Protagonist, der sich die Vorliebe junger Engländerinnen für die Exotik indischer Jungs zunutze macht, stets spürt man den liebevoll-spöttischen Blick des Autors auf die Menschen und ihre Verhaltensweisen.

Anne-Kathrin Häfner

Inderjit Badhwar [Indien]
Der Shikari. Roman.
Chamber of Perfumes, 2004.
Aus dem Englischen von Bernd Seligmann.
Scherz, Frankfurt am Main, August 2006
496 Seiten; EUR 18.90; sFr 33.40
ISBN 3-502-10093-4

Fangen und Freilassen?

Ein Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren und für Liebhaber bibliophiler Kostbarkeiten: Ein kleiner Tiger streift durch den Wald. Dass er gerade auf einem Baum eine Ruhepause einlegt, wird ihm zum Verhängnis. Die Männer des Dorfes fangen ihn – und dann? Ja, das wissen die Männer auch nicht so recht: "Steckt ihn in die Suppe, schießt ihn auf den Mond!" Ob das die Lösung ist? Man kann ihn aber auch wieder frei lassen. Denn wirklich gefährlich ist der kleine Tiger nicht.
Mit nur drei Farben (schwarz, weiß und rot) beweist der mehrfach preisgekrönte indische Illustrator Pulak Biswas, dass man auch mit wenig Aufwand wundervoll Geschichten erzählen kann. Der Text, gereimt und in der strengen Kürze und Dichte von großem Reiz, stammt von der in Indien sehr bekannten Kinderbuchautorin (und Mathematikerin!) Anushka Ravishankar. Das Buch hat eine ganze Reihe internationaler Preise gewonnen und ist in zurzeit sechs Sprache übersetzt worden.

Eva Massingue

Pulak Biswas (Ill.)/ Anushka Ravishankar (Text) [Indien]
Tiger, kleiner Tiger. Bilderbuch.
Tiger on a tree.

Aus dem Englischen von Martin Knackstedt und Dirk Henn.
Blauburg Verlag, Freiburg 2002

40 Seiten, EUR 12,--
ISBN 3-935550-00-6

Indien schlaflos und höchst lebendig

Anthologien aus Anlass eines Ehrengastauftritts zur Frankfurter Buchmesse haben oft den Charakter einer verlegerischen Pflichtübung, so etwa nach dem Motto, dass der Verlag halt im Jahre 2006 auch einen Indientitel vorzuweisen hat. Bei diesem Band verhält es sich freilich anders, weil die renommierte literarische Zeitschrift die horen bereits seit vielen Jahren thematische Schwerpunkte außerhalb Europas setzt und mit dieser Sammlung nun zum vierten Male sich Indien zuwendet.
Reales und Irreales gehen hier – wie in vielen Geschichten aus Indien – ineinander über. An den Prosatexten und Gedichten von 37 Autoren und Autorinnen, die alle nach 1947 geboren sind, fallen die sehr unterschiedlichen Stilformen, fällt der Mut zum Experimentieren auf. Die Anthologie bringt zudem auch eine ganze Reihe von Übersetzungen aus indischen Regionalsprachen, besonders aus dem Hindi und dem Bengali. Auch die Mischung von Prosa und Lyrik ermöglicht ein sehr differenziertes Bild der zeitgenössischen Literatur Indiens. Ein gewisses Pathos scheint mitunter unvermeidlich zu sein, wenn es um die Widersprüche zwischen immensem Reichtum und extremer Armut geht, ein Thema, das manche der Verfasser nicht nur auf den eigenen Subkontinent bezogen wissen wollen, sondern als globales Phänomen betrachten. Das Leidenschaftliche des Leidens wird in vielen Fällen jedoch durch Ironie gemildert, wenn nicht durch Zynismus in Frage gestellt. Und beeindruckend sind Geschichten, in denen sich Fiktion und Sachtext mischen. So die titelgebende Geschichte von Gagan Gill („Die Schlaflosen von Delhi“) oder „Sundar, der Maler“ von Anita Agnihotri: Hier geht es nicht nur um literarische Erbauung der Leser, sondern zudem um Information, die auch bei der „Autobiographie eines Dalit“ von Omprakash Valmiki im Vordergrund steht. In solchen Fällen sind die mit großer Sachkunde (wohl von den mit Indien vertrauten Übersetzerinnen und Übersetzern) erstellte Glossare sehr hilfreich für das Verständnis. Außerdem sind die Biodata und Quellennachweise mit Sorgfalt erstellt.
Einen ganz besonderen Schlusspunkt setzt der Brief an den leider schon 1992 verstorbenen Günther Sontheimer, den der Photograph Henning Stegmüller lange nach dem Tode des Indologen gewissermaßen als eine Art Nachruf formulierte und zudem eine kleine Geschichte schrieb, wie die Faszination entsteht, die viele Menschen mit Indien verbindet. Stegmüller steuert auch eine ganze Reihe von Photographien zu dem Band bei, die den Lesern zusätzliche Zugänge zu den Texten ermöglichen.

Peter Ripken

Michi Strausfeld (Hrsg.)
Die Schlaflosigkeit Delhis und andere Wirklichkeiten. Wortreisen durch einen Kontinent. Indien erzählt.
Verschiedene Übersetzerinnen und Übersetzer aus dem Englischen und indischen Regionalsprachen.
die horen, Band 223, edition die horen im Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, Herbst 2006
244 Seiten; EUR 12.50
ISBN 3-86509-487-2; ISSN 0018-4942

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Lähmende Angst

„Nichts geschieht zufällig. Wir können nur von Zufall sprechen, weil wir die ganze Kette der Zusammenhänge nicht sehen.“ An diese Worte seines Freundes Thorgier erinnert sich Rishi nach dem Treffen mit dem mysteriösen Fremden. Der Mann warnte ihn: Auch Rishi stehe auf der Liste. Die Geheimpolizei wisse alles über ihn, in seiner Akte sei sein Leben bis ins intimste Detail aufgezeichnet. Zu Hause erhält er Anrufe, bei denen sich niemand meldet, nur eine unheimliche Stille macht sich breit. Kürzlich wurde sein Freund Anup Bhai abgeholt. Steht auch seine Verhaftung kurz bevor? Rishi hat Angst. Wissen sie mehr über ihn als er selbst? Gibt es in seinem Leben Zusammenhänge, die er sich nicht eingesteht?
Da ist seine Arbeit als Journalist, seine Reisen und Reportagen. Er hat den Dalai Lama interviewt, sah Not leidende Menschen. Zuletzt bereiste er Bastar, das Land der Adivasi, der Urbevölkerung. Er will die Wahrheit ergründen und sie in seinen Dokumentationen darlegen. Aber ist da nicht auch eine Lüge? War die Reise nach Bastar nicht eine Flucht vor den ihn bedrängenden Fragen, vor seinem privaten Leben? In seinem Haus fühlt sich Rishi fremd. Die leeren Zimmer erinnern vage an frühere Bewohner und ihr Schicksal. Jetzt lebt er dort allein mit seiner Mutter, deren Gedanken sich oft in anderen Sphären zu bewegen scheinen und deren gebrechlicher Körper sich immer mehr zur Erde neigt. Aber sie ist das Bindeglied zu seiner Frau Uma, die in der Klinik liegt. Uma kann das Zusammenleben mit ihm nicht mehr ertragen und entzieht sich ihm durch eine seelische Starre in eine andere Welt. Licht bringt nur Bindu in sein Leben. Sie verzaubert mit ihrer Natürlichkeit, ihre Bewegungen sind geschmeidig wie die einer Adivasi, bei ihrem Anblick denkt man unwillkürlich an Tiere und Pflanzen. Bindu ist Rishis Geliebte, seine erste wirkliche Liebe.
Der Roman Ausnahmezustand spielt in Delhi zu Beginn des Ausnahmezustandes, den Indira Gandhi von Juni 1975 bis März 1977 über Indien verhängte. Die Stadt ist keine pulsierende Metropole, sie wirkt wie gelähmt. Es gibt leere Straßen, leere Wohnungen, ein ausgetrocknetes Flussbett. Viele Menschen sind abwesend, andere alt oder krank. Die Angst scheint allmählich allgegenwärtig. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die persönliche Geschichte Rishis. Die außergewöhnlichen Ereignisse zwingen ihn, sich mit seinem innersten Leben auseinanderzusetzen. Für Nirmal Verma war die Zeit des Ausnahmezustandes ein traumatisches Ereignis und er lässt eigenes Erleben in die Handlung einfließen. Er macht das Gefühl von Angst und Bedrohung förmlich greifbar. Mit großer Sensibilität setzt er sich mit der Situation der Menschen und ihren innersten Gedanken auseinander. Ein großartiges Buch!

Literatur glObal
Arbeitsgruppe Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika - EvB

Nirmal Verma [Indien]
Ausnahmezustand. Roman.
Rat ka reporter, 1989.

Aus dem Hindi von Hannelore Bauhaus-Lötzke und Harald Fischer-Tiné.
Draupadi Verlag, Heidelberg 2006
154 Seiten; EUR 14.80, sFr 24.00
ISBN 3-937603-06-9

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Die Quadratur der Familie

Von Indien könne man nur im Plural schreiben, so das Diktum des bekannten Autors Shashi Tharoor. Indische Autoren picken sich aus diesem Konglomerat vieler Welten oft nur eine winzige Facette heraus und schreiben Romane nicht unter 400 Seiten darüber.
Einer davon ist Rohinton Mistry, 1952 in Mumbai geboren, seit 1975 in Kanada lebend. Sein vierter ins Deutsche übersetzter Roman heißt: Die Quadratur des Glücks und handelt von einer parsischen Mittelklasse-Familie in Mumbai.
Nariman Vakeel lebt bei seinen Stiefkindern Jal und Coomy. Er versucht sich gegenüber der herrschsüchtigen Coomy ein Stück Freiheit zu erhalten, was ihn prompt in größere Abhängigkeit führt. Ein gebrochener Knöchel und zunehmende Parkinsonsche Krankheit zwingen ihn ins Bett. Bettpfanne und Urinflasche sind für Coomy inakzeptabel, und so schiebt sie den alten Mann ohne Vorwarnung zur Halbschwester Roxana ab. Roxana liebt ihren Vater, auch ihr Mann Yezad und die beiden Jungs bewundern ihn wegen seines scharfen Verstandes. Aber die zwei kleinen Zimmer und das magere Gehalt Yezads als Verkäufer im Bombay Sporting Goods Emporium reichten schon zuvor nicht für die Familie. Die Söhne schlafen von nun an im Wechsel auf dem notdürftig überdachten Balkon und die Pflege des Alten wird wegen seiner fortschreitenden Krankheit immer aufwändiger. Roxana kann kaum allen Ansprüchen gerecht werden und Yezad lässt sich in seiner Verzweiflung auf immer fragwürdigere Unternehmungen ein. Auch Coomy lässt sich immer wieder Neues einfallen um den Stiefvater nicht zurücknehmen zu müssen, dem sie vorwirft, ihre Mutter nie geliebt und in den Tod getrieben zu haben mit seiner ungehörigen Liebe zu der Christin Luzy. Glücklich zu werden ist, scheint es, eine Quadratur des Kreises und auch nach Narimans Tod kaum zu erreichen.
Wunderbare 637 Seiten voller Geschichten aus der uns so unbekannten Welt der Parsen und der so bekannten Welt der Familienunzulänglichkeiten.

Eva Massingue

Rohinton Mistry [Indien]
Die Quadratur des Glücks. Roman.

Family matters, 2002
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt
Krüger, Frankfurt am Main 2002
637 Seiten; EUR 24,90, sFr. 42,--
ISBN 3-8105-1273-7

Aufwachsen in Bombay

Ravan und Eddie wachsen in einem Wohnblock in Bombay während der 50er Jahre auf. Aber es verbindet sie kaum etwas. Ravan lebt in einer hinduistischen Familie im unteren Stockwerk. Seine Mutter bereitet zu Hause das Kantinenessen für Fabrikarbeiter vor, während der Vater nicht arbeitet und den größten Teil des Tages im Bett verbringt. Eines Tages bringt er eine Frau nach Hause, angeblich seine Schwester, mit der er von nun an sein Bett teilt. Jetzt geht es in Ravans Familie drunter und drüber. Eddie hingegen lebt mit seiner Mutter, seiner Schwester und seiner Großmutter in einem oberen Stockwerk des Mietshauses. Sie sind eine katholische Familie, die aus dem ehemals portugiesischen Goa kommt. Eddie besucht eine von einem katholischen Priester geleitete Schule, leidet aber unter den engen moralischen Gesetzen. Da Eddie Portugiesisch und Ravans Familie Marathi spricht, ist es für die Jungen unmöglich, sich miteinander zu unterhalten. Trotzdem erfährt Ravan von Eddie, dass er als einjähriges Kind Eddies Vater umgebracht habe. Wie war so etwas nur möglich?
Kiran Nagarkar erzählt die Geschichte der beiden Jungen, die im selben Haus wohnen und doch in ganz unterschiedlicher Umgebung aufwachsen. Ihr Heranwachsen, ihre Charaktere und das jeweilige soziale Umfeld sind in farbigen Episoden geschildert. Es ist spannend von Szene zu Szene zu verfolgen, wie Ravan und Eddie das Leben entdecken und sich darin zurechtfinden, wie sich ihre Lebenswege kreuzen.
Seit Kiran Nagarkar nicht mehr in Marathi, sondern in Englisch schreibt, finden seine Bücher außerhalb Indiens eine begeisterte Leserschaft. Dieser Autor ist ein Glücksfall. Gleichzeitig wird deutlich, wie viel indische Literatur verborgen bleibt, weil wir bedauerlicherweise keinen sprachlichen Zugang zu ihr haben.

literatur glObal
Arbeitsgruppe Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika - EvB

Kiran Nagarkar [Indien]
Ravan & Eddie. Roman.

Ravan & Eddie, 1995.
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini.

A1 Verlag, München 2004
395 Seiten; EUR 24.80, sFr 43.50
ISBN 3-927743-73-9

Amour fou auf indisch oder was macht man, wenn der Nebenbuhler ein Gott ist?

Indischen Romanen, die seit kurzem sehr in Mode sind, scheint etwas gemeinsam zu sein: kaum einer gibt sich mit weniger als 500 Seiten zufrieden. Krishnas Schatten bringt es auf 692 Seiten Text, und es handelt sich um einen historischen Roman! Trotzdem ist keine Seite langweilig, denn Nagarkar schreibt über das 16. Jahrhundert, aber darin verpackt behandelt er zwei zeitlose Themen: Liebe und Macht.
Beginnen wir mit der Liebe. Das Motto des 14. Kapitels umschreibt das Dilemma: „Wir waren ein wahrlich seltsames Paar. Noch nach jahrelanger Ehe waren wir bis über beide Ohren verliebt. Ich in sie und sie in einen anderen.“ Der Kronprinz des Fürstentums Mewar verliebt sich Hals über Kopf in die ihm zugedachte Frau, doch die liebt nur Gott Krishna. Die Liebeslieder, die sie dichtete, gehören noch heute zum literarischen Kanon der indischen Literatur. Doch Heilige, so Nagarkar, sind die selbstsüchtigsten Menschen der Welt, denn sie sind sich selbst genug. Der Maharaj-Kumar verzehrt sich in unerfüllter Liebe, die Mirabai jedoch nicht beachtet. Die originellen und z.T. bezaubernden erotischen Szenen des Romans lohnen allein schon das Lesen.
Aber kommen wir zur Macht. Als erstgeborener Sohn eines Herrschers ist der Maharaj-Kumar ständigen Anfeindungen und Komplotten ausgesetzt. Mittelalterliches Rajasthan: Haremsintrigen, Eunuchen, zu viele Prinzen auf der Jagd nach der Krone, Fehden, Kämpfe, ritterlicher Ehrenkodex, Giftmorde, Tapferkeit und echte Freundschaft, Günstlingswirtschaft, Mätressen – was für ein farbenprächtiges Gemälde. Davor unser Maharaj-Kumar, der Ich-Erzähler des Romans, eher trocken, begnadeter Politiker, Stratege und seiner Zeit weit voraus – was diese ihm übelnimmt. Er interessiert sich für die besten Rückzugstaktiken, für Kanalisation und Abwässer – nicht unbedingt das, was eine Welt, in der Ritterlichkeit und heroische Tapferkeit im Kampf am meisten gilt, in Begeisterungsstürme versetzt. Immer wieder stößt der junge Prinz an seine Grenzen, während seine hochbegabte, sensible Frau lieber in den Armen eines Phantoms liegt als in seinen, wenn seine Vorschläge zur Militärstrategie von den alten Kämpen als unehrenhaft abgetan werden, wenn er die Achtung und Liebe seines Vaters zu erringen versucht. Doch über all dem liegt nicht nur Tragik, über allem schwebt hauchzart Humor und feiner Witz.
Kiran Nagarkar wurde 1949 in Mumbai geboren, er ist ein Multitalent, schreibt in Marathi und Englisch, Romane, Theaterstücke und Filmdrehbücher und spielte bereits in mehreren Filmen mit – u.a. in der Rolle eines katholischen Priesters. Für Krischnas Schatten wurde ihm 2000 die höchste Auszeichnung der Akademie der Schönen Künste, der Sahitya Academy Award, verliehen.
Bleibt noch anzumerken, dass der A 1 Verlag ein vorbildliches Glossar angegliedert hat. Das ist beileibe nicht für jeden Roman aus Indien gelungen.

Eva Massingue

Kiran Nagarkar
Krishnas Schatten. Roman.
Cuckold.
Aus dem indischen Englisch von Giovanni und Ditte Bandini.
A 1 Verlag, München 2002
703 Seiten, € 28,--

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Legenden, ganz nahe

Wegen einer zwielichtigen Liebschaft mit seiner Stiefmutter hängt Ravi sein Studium der Astrophysik an den Nagel und zieht als Lehrer in das abgelegene Dorf Khasak. Hier soll er eine kleine Dorfschule eröffnen. Es finden sich 20 Kinder, die etwas lernen und die Geheimnisse des Lebens entdecken möchten. Ravi, dessen Interesse während seiner Studienzeit dem weiten Blick in den Kosmos galt, lernt den Mikrokosmos eines Dorfes kennen. Er gerät mitten in die Auseinandersetzungen zwischen den islamischen und hinduistischen Bevölkerungsgruppen und entdeckt alte Familiengeschichten. Erstaunt muss er feststellen, wie nahe sich alltägliches Leben und mythische Vorstellungen sind. Überall scheinen Götter und Geister am Werk. Neben Armut, Unterdrückung und Hass findet er aber auch viele Augenblicke der Schönheit, der Zufriedenheit und der Liebe. Dazu verhilft ihm nicht zuletzt die schöne Maimuna, die von vielen bewundert und geliebt wird. Ravi bleibt ein Jahr in Khasak – beim Lesen taucht man mit ihm zusammen immer tiefer in das vielfältige Dorfleben – bis ihn seine ehemalige Studienfreundin aus dem Dorf zurückholen will.
O.V. Vijayan zeichnet auf Grund eigener Erfahrungen die Personen und das Leben eines indischen Bergdorfes sehr genau nach und öffnet gleichzeitig einen Zugang zu einer überirdischen Welt, die den Alltag erfüllt. Ursprünglich erschien der Roman 1969 in Malayalam, einer südindischen Regionalsprache. Der Autor hat später sein Werk selber ins Englische übersetzt und dazu bemerkt, dass mit der Übertragung leider viele sprachliche Details und Anspielungen verloren gegangen seien. Der nun auf Deutsch vorliegende Roman bietet dennoch ein faszinierendes Bild eines indischen Dorfes mit all seinen Geschichten, Legenden und Mythen.

Literatur glObal
Arbeitsgruppe Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika – EvB


O. V. Vijayan (Indien)
Die Legende von Khasak. Roman.
The Legends of Khasak, 1994.
Aus dem indischen Englisch von Ursula Gräfe.

Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2004.
235 Seiten; EUR 19.80; sFr 35.80
ISBN 3-458-17219-X

Ein Drehbuch für Bollywood

Sharukh Khan würde glänzen in der Rolle des naiv-gutmütigen Kellners Ram Mohammed Thomas, Amitabh Bachchan wäre die Idealbesetzung für Father Timothy. Der Roman des Diplomaten Vikas Swarup hat einiges gemein mit einem dieser Herz-Schmerz-Epen des indischen Kinos. Der jugendliche Held des Romans wächst als Ram Mohammed Thomas bei einem katholischen Priester auf, die Namensgebung ist eine Reverenz an die drei großen Religionen, da man ja nicht weiß, zu welcher das Findelkind gehört. Der Junge lernt zwar perfektes Englisch, aber recht wenig über das wahre Leben in seinem Heimatland. Nachdem sein Mentor ermordet wird, gerät Ram als Hausbursche oder Kellner von einer tragischen Geschichte in eine andere. Seine Erlebnisse, Miniaturen des indischen Alltags der unteren Schichten in all ihrer alltäglichen Brutalität und Ausweglosigkeit, ermöglichen es ihm aber, die richtigen Antworten auf alle Fragen des auch in Indien viel gesehenen Pendants der Quiz-Show „Wer wird Millionär?“ richtig zu beantworten.
Doch die Fernsehmacher, die nie damit gerechnet hatten, dass jemand alle Fragen beantworten kann, haben das Geld nicht und unterstellen Ram, der nie eine Schule besucht hatte, nur durch Betrug gewonnen zu haben. So kommt der Sieger ins Gefängnis, wird, wie dort üblich, gefoltert und erst durch eine engagierte junge Anwältin, die plötzlich wie ein guter Geist auftaucht, gerettet. Ihr erzählt Ram sein Leben, jedes Kapitel wird abgeschlossen mit der dazugehörigen mitgeschnittenen Frage-und-Antwort-Sequenz der Show. Prall, bunt, unglaublich sind die Erzählungen aus der Subkultur Bombays, Delhis und Agras, spannend zu lesen, packende Milieuschilderungen, aber doch zu sehr mit einem Auge auf die Lesegewohnheiten eines globalen Publikums geschrieben. Da ist alles, was sich als „indischer Mikrokosmos“ in der Vorstellungswelt des Westlers auftut, in ein achtzehnjähriges Leben gepackt: die Welt der Schönen und Reichen, eine alternde Filmdiva, brutal verkrüppelte Kinder, die zu Bettlern abgerichtet werden, das Leben in Mietskasernen, Zwangsprostituierte, segregierte Gesellschaften mit extremen Bräuchen, der pakistanisch-indische Krieg, Päderasten, Auftragsmörder, die wahre Liebe, echte Freundschaft, Heuchelei und Doppelmoral der Reichen, Korruption, die Scheinwelt der Medien und, und, und ...
Schade nur, dass Vikas Swarup immer wieder ins Platte abrutscht, den Geschmack des „Kinopublikums“ meint bedienen zu müssen. So werden die Bösen bestraft, die Guten belohnt, auch wenn dazu das Schicksal erstaunliche Volten schlagen muss. Schade auch, dass Swarup am Ende des Romans jeden einzelnen losen Faden glaubt aufsammeln zu müssen und alle zu Ende zwirbelt: Da ist die bedrohte Unschuld gerettet und trägt ihre Dankesschuld ab, der Held heiratet die Heldin und auch für alle anderen gibt es gewissermaßen die Schlussabrechnung.
Schade auch, dass es in Deutschland immer noch an Lektoren zu fehlen scheint, die ein wenig über Indien Bescheid wissen: in Gurudwara kann man nicht aufgehalten werden (S. 48), da es sich nicht um einen Ort, sondern die Bezeichnung eines Sikh-Tempels handelt. Es gibt auch keine Hindi-Frauen, da Hindi die Bezeichnung der Sprache ist, es sich also um Hindu-Frauen handelt (Glossar), die Journalistin auf S. 242 trägt eine kurta, keine kurti – das ist wiederum im Glossar richtig geschrieben, dort aber sind chapattis und samosas verwechselt worden (erstere sind flache Fladenbrote, letzteres gefüllte Teigtaschen). Dass auf Seite 29 der Superstar des indischen Kinos Sharukh Khan mit einem überflüssigen l (Sharukhl) daher kommt, ist wahrscheinlich nur ein Schreibfehler.
Alles in allem ist Rupien! Rupien! ein Schmöker, nicht ohne Reiz, aber eher als Reiselektüre für einen längeren Winterurlaub zu empfehlen.

Eva Massingue

Vikas Swarup [Indien]
Rupien! Rupien! Roman.

Q & A, 2005
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005
343 S.; EUR 19.90, sFr 34.90
ISBN 3-462-03603-3

Education sentimentale eines indischen Studenten

Der Verleger Pankaj Mishra, in erster Linie bekannt geworden als Entdecker von Arundhati Roy, stellt in seinem ersten Roman einen jungen Mann vor, naiv und unbedarft, der eigentlich nirgendwo so recht zuhause ist.
Samar, der jugendliche Ich-Erzähler, kommt nach seinem Universitätsabschluss nach Benares, um hier die drei Jahre, die ihm bis zur Prüfung für den Staatsdienst bleiben, mit möglichst nicht viel mehr als Lesen zu verbringen. Samar ist selbst ist in zwei Welten aufgewachsen, doch weder die traditionell hinduistische, noch die modern westliche kennt und versteht er wirklich. Gegen letzteres will er etwas tun. Die drei geschenkten Jahre sollen mit westlicher Literatur angefüllt werden, Weisheit und Wissen will er ziehen aus den dickleibigen Werken von Schopenhauer und Turgenjew, Flaubert und Tolstoi. Der Roman beginnt mit Samars Ankunft 1989 in Benares. Doch nichts wird so wie geplant. Der Winter ist ungewöhnlich kalt, Unterkunft findet der nahezu mittellose Samar in einem Zimmerchen am Ufer des Ganges, das ein opiumsüchtiger Musiker vermietet und hier lernt er Miss West kennen, eine kultivierte Engländerin, die ihn unter ihre Fittiche nimmt. Um seinen sozialen Kontakten auf die Sprünge zu helfen, stellt sie ihm ihre Freunde und Bekannten vor. Samar lernt Engländer und Amerikaner kennen, die in Indien leben oder „auf der Durchreise“ sind und etwas suchen, was Fiktion bleibt. Zu den Diskussionen über Politik und Literatur kann der schüchterne Samar kaum etwas beitragen, ihre Sicherheit im Urteil erstaunt ihn. Die englischen Kolonialherren wollten Indien umformen nach ihrem Gusto, doch diese neuen Eindringlinge wollen nicht Indien, sondern sich selbst verändern. So indisch sein wie nur möglich ist das Ziel. Sie suchen ein Indien voller selbstgenügsamer Dörfer in strahlender Sonne, voller Kunst und Ayurveda. Catherine, Miss Wests schöne französische Freundin, möchte auf der Erde schlafen und auf Kühlschrank und Waschmaschine verzichten. „Aber eine Klimaanlage brauchen wir schon, oder?“, meint Anand. Doch der junge Sitarspieler, der vom Geld seiner Geliebten lebt, wird schmerzhaft an seine Grenzen erinnert: „Du willst also wirklich eine Klimaanlage? Ich kann dir jederzeit eine kaufen.“
Ihr Freund Anand ist verhindert, so fährt Catherine allein mit Samar in die Berge. Die Schönheit und Heiligkeit des Himalaya hatte Samar schon immer fasziniert, und hier haben beide eine kurze Affäre. Nichts Ernstes für die Französin, der Beginn einer großen Liebe für den Inder. Hin und Hergerissen ist er zwischen seiner Liebe und der Pflicht, seinen kranken Vater in Pondicherry zu besuchen. Doch nach und nach muss er erkennen, dass seine Liebe keine Zukunft hat – als er die Chance bekommt, als Englischlehrer in Dharamsala zu arbeiten, nimmt er an.
Der andere Fixpunkt Samars Zeit in Benares ist Rajesh, ein studentischer Agitator und zwielichtige Gestalt mit Pistole unterm Bett und mafiosem Gebaren.
Es gibt wenig Dialoge in dem Roman, alles was geschieht, wird aus der Sicht Samars geschildert, dessen Unbedarftheit mit der Zeit weniger wird. Die Handlung entwickelt sich langsam und ruhig, begleitet von vielen Schilderungen und Beschreibungen – oftmals schön und poetisch, aber hier tut Mishra manchmal des Guten zuviel. Warum der laute, bunte und lebendige Bahnhof allein viermal beschrieben werden muss, ist nicht einsichtig. Mishra traut wohl seinem Leser wenig Vorstellungskraft zu, alle wichtigen Stationen der „education sentimental“ des Helden werden diskutiert und wiederum diskutiert. Und dies bremst den bereits langsamen Duktus des Romans noch mehr ab. Eine leichte Kürzung hätte dem Roman sicher gut getan.
Insgesamt ist das Erstlingswerk des noch jungen Autors poetisch, sanft dahingleitend und gut beobachtet, einfühlsam geschildert und gut zu lesen.

Eva Massingue

Pankaj Mishra [Indien]
Benares oder Eine Erziehung des Herzens. Roman.
Aus dem Englischen von Barbara Schaden.
Karl Blessing Verlag, München 2001
288 Seiten, EUR 20,45
ISBN 3-89667-133-2

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Wenn Bombay schreibt oder Mumbai im Visier der Literaten

Vielleicht ist es Zufall, wahrscheinlich aber nicht. Im Herbst 2006 erscheinen zum Gastlandauftritt Indiens auf der Frankfurter Buchmesse mindestens vier Haupttitel zum Thema Bombay in deutschen Übersetzungen. Wenn man sie gelesen hat, erhärtet sich ein Verdacht: Die Bombay-Szene ist operativ, der neoliberale Glanz des India Shining blendet sie nicht, die Schatten sind ihr Thema. Martin Zähringer hat sich umgelesen.

Die Riesenstadt Bombay am Arabischen Meer ist Hauptstadt des im Westen Indiens gelegenen Bundeslandes Maharashtra und unumstritten die wirtschaftliche Metropole des indischen Subkontinents. Die Angaben zur Bevölkerung Bombays schwanken zwischen 14 und 18 Millionen, klar ist aber ihr Status einer Megacity. Unklar jedoch sind die realen Verhältnisse dieser Stadt. Die Effekte der neoliberalen New Economic Policy (NEP) und die Propaganda ihrer Vertreter verführen so manchen (westlichen) Beobachter zu Visionen, die Indien in der globalisierten Zukunft als Weltmacht zeigen. Bombay wäre ihr Tor zur Welt. Die Beobachter, um die es hier gehen soll, blicken eher in die jüngere Geschichte und auf die Gegenwart und scheinen anderes zu sehen. Das Tor zur Welt haben sie selbst schon ausgiebig genutzt, sie sind westlich gebildet, gehören zur internationalen Szene der angloindischen Literatur, wandern zwischen den Welten und haben den berühmten doppelten Blick. Der Romancier Amitav Gosh schreibt in seinem Essayband Zeiten des Glücks im Unglück, dass man in Indien nie sehr gut auf Kritik der Auslandsinder zu sprechen ist. Dort schon gar nicht, wo Bombay (Portugiesisch bom bahia: gute Bucht) zu Mumbai wird (Maharati Mumba Ai: große Mutter) – in der Stadt der rechtsextremen Hinduorganisation und -partei Shiv Sena mit ihrem (verstorbenen) Führer Bal Thackerey. Diese hatte 1995 die Umbenennung durchgesetzt, betreibt eine muslimfeindliche Bevölkerungspolitik mit organisierten Massakern und steht im Fokus der literarischen Kritik. Intellektuelle gelten hier allerdings nichts, sie sind "säkulare Würmer". Was die Autoren Kiran Nagarkar, Vikram Chandra, Suketu Mehta und Shashi Tharoor in ihren neuen Büchern über dieses Mumbai schreiben, ist brisant. Es ist dies umso mehr, als sich die Kraft von Fiktion (Roman) und Fakten (Reportage) wechselseitig bestätigt. Die Literatur in der Reportage und die Recherche im Roman ergeben eine explosive Mischung.

Suketu Mehta provoziert schon mit seinem Titel Bombay. Maximum City aus dem Jahre 2004 und gibt auch bekannt, dass er aus einer Dynastie von Diamantenhändlern stammt. Diese Berufsgruppe gehört zu den Gründern Bombays, aber für jene, die in Bombay Mumbai sagen, genausowenig zum wahren Hindustan wie der Auslandsinder Mehta. Nach 20 Jahren im Ausland kann der Kosmopolit Mehta darüber lachen, aber das Lachen vergeht ihm bald, denn als Autor kehrt er in seine Heimatstadt Bombay zurück, um ein Buch über sie zu schreiben. Was er in jahrelanger Recherche dann tut, das hat mit Stadtschreiberei, Großstadtliteratur und investigativem Journalismus zu tun, aber es ist mehr, denn auch Megacity ist mehr als Großstadt. Sie wird auf eine komplexe Weise beherrscht von Gewalt, Korruption, politischer und wirtschaftlicher Kriminalität, von einer fatalen menschlichen Gleichgültigkeit zwischen Shopping Mall und geschützten Wohnkomplexen und den Slums der zuströmenden Massen. All diese Dimensionen haben in Bombay/Mumbai konkrete Gesichter. Journalisten und Schriftsteller arbeiten seit langem an ihrer Profilierung, und Suketu Mehta will noch näher an sie heran. Der Junge aus Bombay lernt seine Stadt noch einmal kennen, die anderen Jungs aber, die er kennenlernt, sind härteste Kaliber.

Das beginnt beim berühmten Polizisten Ajay Lal, der 1993 die Hintergründe der damaligen Bombenanschläge aufgeklärt hat und jetzt mit den ausufernden Bandenkriegen in der Stadt befasst ist. Ohne größere Skrupel vermittelt Ajay Lal dem Journalisten Einblicke nicht nur in die gängigen Folterpraktiken bei der Polizei oder das System der Korruption, er zeigt ihm auch, wie ein Encounter vor sich geht. Dabei werden von Spezialisten der Polizei bestimmte Mitglieder der verfolgten Banden illegal und skrupellos hingerichtet. Diese sind allerdings auch nicht gerade zimperlich. Sie leben von organisierter Erpressung, bei Widerspruch gibt’s Mord. Das Leben ist für einen Bombay-Killer nicht viel wert, etwa 1.500 Rupien. Suketu Mehta gerät bei den Porträts der Mörder scharf an die Grenzen der distanzierten Reportage, reflektiert die eigene Faszination jedoch mit. Seine Exkursionen, Analysen, Interviews und literarischen Reportagen über 700 Seiten kann man in einem Zug lesen, und man erlebt Maximum City, bekommt einen Vorgeschmack auf die neue Welt der Megacity. Als Leser in der sicheren Stube spürt man auch, wie nah die Recherche immer ihrem vorzeitigen Ende ist – die Killer hätten den neugierigen Reporter jederzeit umlegen können, ihre Verwicklungen in die Operationen der Shiv Sena und in die mörderischen Attacken gegen die Bevölkerung wären Anlass genug.

Vom Gangstertum ist auch Bollywood fasziniert, ebenso wie umgekehrt. So einiges vom Kapital der Gangs wandert laut Recherchen in die Schwarzgeldkassen der Produzenten, dafür erscheinen sie auch einmal auf der Leinwand und dürfen sich stolz mit dem dienstbaren Personal der Träume zeigen. In den Romanen trällern noch die härtesten Polizisten auf ihren Dienstfahrten Bollywoodschlager, Millionen Mädchen vom Land träumen vom Starruhm, in aller Unschuld und verlieren sie dann auf der Casting-Couch ("Frischfleisch"). Bollywood-Stars und-kulissen sind auch die der Romane, die Texte selbst flottieren: Chandra, Mehta, Nagarkar – sie alle haben Drehbücher geschrieben. In der indirekten Beleuchtung der Romane jedoch wirkt das Spektakel Bollywood nicht mehr so harmlos wie seine Filmchen –  es erscheint als kaltes Establishment des Status Quo. Shashi Tharoors Roman Bollywood zeigt die sagenhafte Bigotterie Bollywoods aus der Perspektive der Bilderindustrie. Die astreine Moral der Skripts, die von den analphabetischen Massen als Realität aufgefasst wird, und die gespenstische Synthese von Politik, Verbrechen und Film werfen ein grelles Schlaglicht auf die Verhältnisse der Macht.

In diesem Licht sucht der Romancier Vikram Chandra den "Gott von Bollywood". In Suketu Mehtas Reportagen spielt Chandra noch selbst eine Rolle – er begleitet den Journalisten bei einigen seiner Interviews mit professionellen Killern. Der literarische Gott von Bombay ist also in Teilen echt, auch der erfolgreiche Polizist Sartaj Singh ist insofern echt, und ebenso der Chef der G-Company, der Killerboss Ganesh Gaitonde. Im Sog der literarischen Lektüre erfahren wir die subjektiven Dimensionen der Megastadt, und von Sartaj Singh gleich zu Beginn "das bittere Geheimnis des Lebens in dieser Metropole: Paisa phek, tamasha dekh - wirf Geld raus, sieh dir das Spektakel an" oder wohl auch: Lass die Puppen tanzen! Das wollen alle – vom ehrenwerten nationalistischen Hindupolitiker bis zum Polizeichef, vom Slumlord bis zu den kleinen Killern mit der großen Schießlust, aber natürlich auch vom Bollywoodregisseur bis zum Romancier. Chandra lotet in seinem als Doppelporträt aufgebauten Großroman den Schicksalsraum der Megacity aus, und jeder Protagonist erreicht subjektiv genau diesen Punkt – Paisa phek, tamasha dekh. Aber eine eben auch tiefere politische Gefährlichkeit manifestiert sich in der Logik von Übergriff und Rache. Das zeigt der Bombay-Plot auch: Die Gefahr kommt aus der Unvermitteltheit von Vertikale (Skyline, High Tech, Superstars) und Horizontale des Wachstums (Glücksversprechen via Bollywood, Verelendung via Slum, Aufstand via Auftragsmord). Chandras Roman endet mit der atomaren Drohung (Die Fortsetzung Bombay Paradise erscheint im Dezember).

In Kiran Nagarkars spannendem Roman Gottes kleiner Krieger wird die Atombombe zum Symbol für die globale Verflechtung von Politik, Terrorismus, Börsenspekulation und Waffenhandel im Milliardenmaßstab. Nagarkar holt sich eine fatale Figur der Zeitgeschichte nah heran, den globalen Typus des Religionsfanatikers. Seine psychologisch-literarische Studie beruht auf genauen Recherchen des fundamentalistischen Milieus. Was der Autor unverblümt aufzeigt, ist keine literarische Fantasie. Der religiöse Terrorismus ist ein globales Phänomen, er hat verschiedene Masken, funktioniert aber auf großer Bühne. Der Gotteskrieger stammt aus der liberalen muslimischen Oberschicht Bombays, wird Terrorist in Afghanistan und Kaschmir, flieht dann in ein Trappistenkloster in den USA und unterwirft sich dem neuen Herrn Jesus. Sein islamischer Fanatismus lässt sich problemlos mit dem christlichen austauschen, die Börse ist neutral, und Atomwaffen für Mudschaheddin sind es in der Logik des kapitalistisch operierenden Klosterbruders auch. Die atomare Bewaffnung hat Indien und Pakistan vor wenigen Jahren an den Rand der Katastrophe gebracht, es ging noch einmal glimpflich aus.

Die atomare Drohung dieser aktuellen Romane erinnert uns jedoch an ein globales Kapitel, das leider nicht abgeschlossen ist.

Martin Zähringer

Vikram Chandra
Der Gott von Bombay. Roman.
Sacred Games, 2006
Band I. Aus dem Englischen von Barbara Heller & Kathrin Razum.
Aufbau Verlag, Berlin 2006
850 Seiten; EUR 24,90; sFr 44,50
ISBN (13)978-3-351-03091-9

und
Bombay Paradise. Roman
Sacred Games, 2006
Band II. Aus dem Englischen von Barbara Heller & Kathrin Razum.

Aufbau Verlag, Berlin Dezember 2006
550 Seiten; EUR 22,90; sFr 41,10
ISBN (13)978-3-351-03092-6

Amitav Ghosh
Zeiten des Glücks im Unglück. Indische Augenblicke. Essays.

Aus dem Englischen von Barbara Heller.
Karl Blessing Verlag, München 2006
222 Seiten; EUR 19,95; sFr 35,00
ISBN-(10) 3-89667-314-9; ISBN-(13) 978-3-89667-314-5

Suketu Mehta
Bombay. Maximum City
Maximum City: Bombay Lost and Found, 2004
Aus dem Englischen von Anne Emmert, Heike Schlatterer & Hans Freundl. Mit einem Nachwort von Carolin Emcke.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2006
744 Seiten; EUR 26,80; sFr 47,70
ISBN (10) 3-518-41842-4; (13) 978-3-518-41842-0

Kiran Nagarkar
Gottes kleiner Krieger. Roman.

God’s little soldier, 2006
Aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini.
A1 Verlag, München 2006
704 Seiten; EUR 28,80; sFr 48,70
ISBN 3-927743-88-7

Shashi Tharoor
Bollywood. Roman.

Show Business, 1993
Roman. Aus dem Englischen von Peter Knecht.
Insel Verlag, Frankfurt August 2006
413 Seiten, EUR 22,80; sFr. 41,00
ISBN (10) 3-458-17312-9; (13) 978-3-458-17312-0

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