Diese Seite empfehlen Diese Seite drucken Impressum

Schreiben nach dem Arabischen Frühling 2011

Gestaltung: Renate Schlicht

 

Die Winterausgabe der LiteraturNachrichten Nr. 111 / Winter 2011/12

Lesen Sie ein Porträt des Friedenspreisträgers Boualem Sansal von seiner Übersetzerin Regina Keil, einen Überblick über Literatur und Freiheit vor und während des Arabischen Frühlings von Stephan Milich und vieles mehr.

Wie immer gibt es auch Interessantes aus anderen Regionen, diesmal u. a. ein Artikel über die Situation der Literatur in Nordkorea.

Abonnieren  (4 Ausgaben für 25,- €)/ Probeheft bestellen
oder NEU: direkt kaufen im Bahnhofsbuchhandel
von Kiel bis München und an Flughäfen!

Leserstimmen »»
Archiv »»


Nummer 111 in Auszügen online

  • Impressum / Editorial / Inhalt »»

  • Wo die Welt aufhört, fängt Algerien an
    Eine Annäherung an den Friedenspreisträger des DeutschenBuchhandels 2011 von Regina Keil-Sagawe »»

  • Beliebt sind Spione, Sänger und Tänzer'
    Katharina Borchardt spricht mit einem amerikanischen Professor für nordkoreanische Literatur »»


Vorabdruck "Menschentier" in den LiteraturNachrichten Nr. 109

Ein Textauschnitt als Vorabdruck aus dem Roman Menschentier von Indra Sinha, der im November in der Edition Büchergilde erscheint.

Indra Sinha (Indien): Menschentier

Früher war ich ein Mensch. Erzählt man mir. Ich erinnere mich selbst nicht daran, aber Leute, die mich kannten, als ich klein war, sagen, ich ging auf zwei Beinen wie ein Mensch.

„Ganz niedlich warst du, ein ungezogener kleiner Engel.Du standest auf Zehenspitzen, Animal, mein Sohn, und hast im Schrank nach Essen gesucht.“ Solche Dinge sagen sie. Nur daß es meistens kein Essen gab, zudem sind es nicht alle Leute, die das sagen, sondern bloß Ma Franci, außerdem sagt sie es auch nicht so, sondern sie sagt, tu étais si charmant, comme un petit ange méchant, so reden sie in ihrem Land, zudem bin ich weder ihr richtiger Sohn noch ein wie auch immer gearteter Engel, aber es stimmt, daß Ma mich mein ganzes Leben lang kennt, beinahe zwanzig Jahre also. Die meisten Leute hier in der Gegend wissen nicht, wie alt sie sind, ich schon, denn ich wurde ein paar Tage vor jener Nacht geboren, an die sich niemand in Khaufpur erinnern möchte, die aber keiner vergessen kann.

„So ein hübscher kleiner Junge bist du gewesen, als du drei, vier Jahre alt warst. Riesige Augen hast du gehabt, schwarz wie der Upper Lake um Mitternacht, und einen enormen Lockenkopf. Wie du immer gegrinst hast. Tu étais un vrai bourreau des cœurs, dein Lächeln hätte das Herz jeder Mutter gebrochen“, so redet sie. Ich sei früher aufrecht gegangen, sagt Ma Franci, warum sollte sie lügen? Nicht, daß mich das tröstet. Ist es nett, einen Blinden daran zu erinnern, daß er mal sehen konnte? Die Priester, die den Toten Zauberworte ins Ohr flüstern, sagen ja auch nicht „Kopf hoch, du hast mal gelebt“. Niemand beugt sich vor und versichert dem im Staub liegenden Scheißhaufen zärtlich, „du siehst immer noch ein bißchen wie der Kebab aus, der du mal gewesen bist ...“

Wie oft ich auch zu Ma Franci gesagt habe, „ich möchte nicht länger Mensch sein“, es ist nie wirklich in ihr beschissenes Hirn gedrungen oder vielleicht glaubt sie mir auch einfach nicht, was verständlich ist, doch wenn ich mich selbst erblickte — ich habe Spiegel gemieden, aber man wirft schließlich einen Schatten —, fühlte ich totalen Abscheu. In meinen Wahnsinnsanfällen, wenn die Stimmen in meinem Kopf schrien, erfüllte mich eine Wut auf alles, was auf zwei Beinen geht, ja sogar auf alles, was auf zwei Beinen steht. Meine Neidliste war endlos lang. Ma Franci; die anderen Nonnen im Waisenhaus; Chukku, der Nachtwächter; Frauen, die Töpfe auf ihren Köpfen trugen; Kellner, die auf jedem Arm vier Tabletts balancierten. Ich haßte es, meinen Freunden beim Himmel-und-Hölle-Spiel zuzusehen. Ich verabscheute den Anblick von Tänzern; Tanzbären, die von diesen dreckigen Arschlöchern aus Agra angeschleppt wurden; Leute, die auf Stelzen gingen; Abdul Saliq, den Bettler vom Pir Gate, mit seinem Ein-Bein-eine-Krücke. Ich beneidete Reiher, Torpfosten, Leitern, die an Mauern lehnten. Ich beäugte Farouqs Fahrrad und fragte mich, ob es ebenfalls einen Platz auf meiner Haßliste verdiente.

Wie kann ich dir das erklären?

Die Welt der Menschen ist dazu gedacht, in Augenhöhe betrachtet zu werden. Deiner Augen. Hebe ich meinen Kopf, starre ich jemandem auf den Schritt. Ist eine ganz andere Welt, so untenrum. Glaub mir, ich weiß, wer sich die Eier nicht gewaschen hat, ich kann verpißte Zwickel und verschissene Hinterteile riechen, deren Gestank nicht bis zu deiner Nase dringt, Fürze riechen besonders übel. In meinen Wahnsinnsanfällen brülle ich Leute auf der Straße an, „he, egal, wie scheiße es euch geht, und keiner ist so glücklich, wie er eigentlich sein sollte, ihr steht wenigstens auf zwei Beinen!“

Keine Sorge. Zu gegebener Zeit wird e seine Erklärung für alles geben. Ich bin nicht so klug wie du. Ich kann nicht aus jedem Wort kunstvolle Frikadellen machen. Es werden nicht urplötzlich blaue Eisvögel aus meinem Mund fliegen. Wenn du meine Geschichte hören willst, mußt du dich mit meiner Art zu erzählen abfinden.

ZWEITE KASSETTE

Das erste, was ich sagen will, geht an den Kakadu-Schurnaliss aus Austral. Salaam, Schurnaliss, ich bin’s, Animal, ich spreche mit dem Kassettengerät. Nicht mit dem, das du mir gegeben hast. Das funktioniert nicht mehr, Regen ist reingekommen, die schwarzen Klümpchen sind wahrscheinlich Skorpionscheiße. Ich mußte es verstecken, nachdem du abgereist bist, ich habe es in einem Loch in der Mauer versteckt. Lag lange dort, ich habe es nie benutzt, auch wenn ich’s versprochen habe, jetzt ist es im Arsch. Ich schätze, du denkst, was für eine Verschwendung von Shorts.

Meine Geschichte hast du haben wollen, hast gesagt, du verwendest sie in einem Buch. Ich wollte nicht darüber reden. Ich habe gefragt, ist es eine große Sache, meine Geschichte in einem Buch? Ich habe gesagt, ich gehöre zu den kleinen Leuten, bin nicht mal ein Mensch, was kann meine Geschichte schon bewirken? Du hast gesagt, daß manchmal die Geschichten der kleinen Leute in dieser Welt große Dinge bewirken können, so redet ihr Ärsche doch immer.

Ich habe gesagt, daß viele Bücher über diesen Ort geschrieben worden sind, keines hat eine Besserung bewirkt, was soll an deinem denn anders sein? Du wirst rumlamentieren wie all die andern auch. Du wirst von Recht, Gesetz, Justiz schwafeln. Diese Wörter hören sich aus meinem Mund genauso an wie aus deinem, aber sie bedeuten nicht das Gleiche, Zafar sagt, derartige Wörter sind wie die Schatten, die der Mond in der Fabrik der Kampani wirft, verändern ständig die Gestalt. In jener Nacht war es Gift, jetzt sind es Wörter, die uns ersticken.

Erinnerst du dich an mich, Schurnaliss? Ich kann mich an dich erinnern, an den Tag, an dem du mit Chunaram hierhergekommen bist. Wie konntest du bloß den Fehler machen, diesen Sisterfucker als Mittelsmann anzustellen? Er tut doch alles für Geld, hat er nicht die Leute fürs Zugucken bezahlen lassen, als er sich den kleinen Finger abgerissen hat? Ich schätze, du hast nicht gewußt, daß er im Nebenerwerb Ausländer abpaßt? Täglich wartet er auf Gleis eins auf den Shatabdi-Expreß, genau an der Stelle, an der der klimatisierte Erste-Klasse-Waggon hält. Du wirst mit verwirrtem Blick aus dem Zug gestiegen sein. Tja, wozu ist denn Chunaram da? „Bitte, wollen Sie Taxi? Hotel? Bestes in Khaufpur. Stadtrundfahrt? Stadtführer? Übersetzer? Schurnaliss sind Sie, oder?” Als er erst mal wußte, weshalb du gekommen warst, wird er versprochen haben, dir alles zu zeigen. Die echt brutalen Dinge, die übelsten Fälle. Leute wie mich. „Dieser Junge“, wird er dir gesagt haben, „hat in dieser Nacht alles verloren.“ Dieser Ausdruck auf deinem Gesicht, als er dich hierherbrachte, du die Plastikplane zur Seite geschoben, dich durch das Loch in der Mauer gebückt hast. Wie gierig du dich umgeschaut hast. Dein Hunger war zu spüren. Du würdest alles verschlingen. Ich habe dich beobachtet, wie du alles registriert hast, den Boden aus Lehm, die groben Steinmauern, die aufgestapelten, getrockneten Kuhfladen neben der Herdstelle, den Rauch, der sich in die Luft ringelte, wie ein Sikh, der sein Haar richtet. Klar, du hast versucht, es zu verbergen. Schlagartig bist du todernst geworden. Deine Begrüßung hatte den Tonfall, den ich allmählich zur Genüge kennengelernt hatte, einen schweigenden Respekt, als würdest du ein Gebet sprechen, als wäre der Gott des Todes anwesend.

„Schurnaliss“, informierte mich Chunaram, der vor sich hin kicherte, als hätte er einen Goldbeutel gefunden; das hatte ich bereits erraten.

„Spricht kein Hindi“, sagt Chunaram. „Hier hast du 50 Rupien, Animal, red einfach, bis die Kassette zu Ende ist.“

„Worüber soll ich reden?“

„Das Übliche, was sonst“, er ist schon beinahe zur Tür raus.

Oh, dein Gesicht, als er sich verpißte. Völlig alarmiert. Chunaram hat anderes zu tun, er muß sich um seinen Teeladen kümmern. Als er sich von dir verabschiedet hat, hast du da seine neun Finger gesehen?

Tja, was jetzt? Du hast dagesessen, mich auf diese schmachtende Art angesehen, als wären deine Augen die Knöpfe und meine die Knopflöcher.

Ich habe gesagt, „Scheiße nochmal, starr mich nicht so an oder ich sage gar nichts.“ Ich habe es auf Hindi gesagt, ich soll mir nicht anmerken lassen, daß ich ein bißchen Englisch verstehe, Chunaram fällt fürs Übersetzen noch was zusätzlich in den Schoß. Du hast das Daumen-hoch-Zeichen gemacht, stier weitergestarrt. Ich hab gesagt, du Wichser. Du hast genickt, mich angelächelt. Khaamush, dann habe ich geschwiegen. Nach einer Weile habe ich zum ersten Schweigen ein zweites hinzugefügt. In deinem Kopf wuselten Gedanken wie Ratten. Ich konnte sie in meinem eigenen Kopf hören, warum hat dieser Junge aufgehört zu reden, ist wunderlich wie eine geflügelte Schlange, wie er da an der Mauer lehnt mit diesem Ausdruck auf seinem Gesicht, das hübsch wäre, wenn er nicht so mißmutig wäre, was er für eine Brust hat, breit wie die eines Ringers, der Brustkorb, wie er aus diesen verdrehten Hüften wächst, die Beine wie Seilstränge drangeklinkt, oh Gott, der Brustkorb, wie der sich hebt und senkt, als würde er sich jeden Moment übergeben, vielleicht ist er krank, Junge, was hast du für ein Problem, oh je, meine wortlosen Fragen verschlimmern seine Zuckungen noch, ich glaube, er bekommt einen Anfall, was mache ich bloß, wenn er stirbt, ach herrje, meine bemühten Versuche, mich zu unterhalten, mit Händen, die „warum“ fragen, und das Augenbrauengehebe scheinen heftiges Zittern auszulösen, die Lippen dieses Burschen verziehen sich krampfhaft, sollte man einen Arzt rufen, wo findet man an diesem Ort bloß einen Arzt, wo zum Teufel bin ich eigentlich, scheiße, was mache ich überhaupt hier?

Um ehrlich zu sein, Schurnaliss, ich habe mich bemüht, nicht zu zeigen, daß ich dich auslachte. Danach habe ich geredet, was auch sonst. Deine Kassette drehte sich langsam. Da warst du glücklich, deshalb warst du gekommen. Du warst wie alle anderen, bist gekommen, um unsere Geschichten aus uns rauszupressen, damit Fremde in weit entfernten Ländern darüber staunen können, daß es in der Welt so viel Leid gibt. Ihr seid wie die Geier, ihr Schurnalissn. Irgendwo passiert was Übles, Tränen wie Regen im Wind, und siehe da, da kommt ihr schon, vom Geruch des Blutes angelockt. Ihr habt aus uns Khaufpurern Geschichtenerzähler gemacht, aber es ist immer dieselbe Geschichte. Ous raat, cette nuit, jene Nacht, immer diese Scheißnacht.

Du hast höflich zugehört, vorgegeben, der Geschichte zu folgen, hin und wieder gelächelt pour m’encourager, wie Ma Franci sagen würde. Du bist dir so scheißsicher gewesen, daß ich über diese Nacht redete. Du hast gehofft, daß dieses Kauderwelsch, das aus meinem Mund kommt, die grausigen Geschichten enthält, wegen der du gekommen bist. Tja, fick dich. Keine Chance, daß ich diese Geschichten erzählen würde. Ich habe sie so oft erzählt, daß meine Zähne von diesem endlosen Wortstrom glattgeschliffen sind.

Vorabdruck aus dem Roman "Menschentier", der im November 2011 in der Edition Büchergilde erscheint. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Aus dem Englischen von Susann Urban


Die nächste Ausgabe erscheint im Dezember

Nr. 111/ Thema: Arabische Welt


Archiv

Ältere Ausgaben der LiteraturNachrichten als pdf-Dateien zum Download »»


Leserstimmen

"Vielen Dank für die zahlreichen interessanten Artikel in den LiteraturNachrichten, die tollen Lesetipps und die meist faszinierenden Bücher, die ich als Mitglied im Anderen Literaturklub erhalte. Und natürlich für die viele engagierte Arbeit, die hinter all dem steckt!
In der Indien-Ausgabe des Heftes hat mir der Artikel über Tagore besonders gefallen. Darauf habe ich gewartet ohne es zu wissen. Ich habe vor einigen Jahren mit meiner indischen Freundin und deren Familie Santiniketan besucht. Dort lehrte Tagore und ein Onkel in der Familie unterrichtet dort an der musischen Hochschule. Obwohl ich nicht zu Verherrlichung neige: Es ist ein Ort des Friedens oder der Friedensvision. Ein wunderschöner Park, ein faszinierendes pädagogisches Konzept und ein starker "genius loci", der natürlich vor allem von Tagore herrührt."

Noemi Wertenschlag, Mitglied im Anderen Literaturklub

"Ich freue mich jedesmal, wenn die "Literaturnachrichten" ankommen und lese die meisten Beiträge mit großem Vergnügen! Mabruk = Glückwunsch zu der Zeitschrift!"

Ingeborg Tiemann, Jerusalem


Sie möchten abonnieren?

Ganz einfach »»