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Kostproben aus Prosa und Lyrik

Hier können Sie Erzählungen, Auszüge aus Romanen und Gedichte entdecken, die noch nicht in deutscher Übersetzung veröffentlicht sind.

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"Die Maus" von Jussuf al-Scharûni [Ägypten] »»

"Der Schutzraum" von Samah Idriss [Libanon] »»


"Die gute Ehefrau" von Bina Shah [Pakistan]

Als Sharif Din plötzlich einen seltsamen Schmerz im Knie spürte, schrieb er das seinem Alter zu. „Ich bin wohl kein junger Mann mehr“, sagte er zu seiner Frau. Sie hockte schweigend über der choolah und rührte mit einem alten, angekohlten Rührlöffel in dem Topf Salan, der über dem Feuer köchelte. Er dachte bei sich, dass seine Frau in den ganzen vierzig Jahren ihrer Ehe nie einen vollständigen Satz gesprochen hatte. Eines Tages aber könnte der Damm brechen, und all die Worte, die sich im Laufe der Jahre aufgestaut hatten, würden sich über ihn ergießen und ihn in einer Flut unausgesprochener Gefühle und verborgener Gedanken ertränken.

Sharif Din hatte sein ganzes Leben mit Feldarbeit zugebracht. Jetzt, mit sechzig, hatte er vier kräftige Söhne, die seine Pflichten übernehmen konnten. Für ihn war die Zeit gekommen, in der er sich zurücklehnen und ausruhen durfte. Er war auf ganz besondere Weise gesegnet, im Gegensatz zu anderen Männern, die sich darum sorgen mussten, lästige Töchter zu verheiraten. Das war, so dachte er mit Blick auf seine Frau bei sich, einer ihrer Vorzüge.

Zufrieden kaute er auf dem Stiel des Betelblattes und sah ihr beim Kochen zu. Sie hatte auch dabei ein gutes Händchen, konnte aus den einfachsten Zutaten die interessantesten Speisen bereiten. Während andere Männer sich mit bloßen Mehl-Chapatis und gekochten Linsen zufrieden geben mussten, schaffte sie es, Fleisch und Gemüse zu besorgen, und das sogar für zwei richtige Mahlzeiten am Tag, sowie im Sommer außerdem noch Mangos und etwas Buttermilch. All seine Freunde beneideten ihn. Sie versuchten, einander zu übertreffen, um eine Einladung zum Essen zu bekommen, die er wiederum mit der Großzügigkeit eines Mughal-Königs aussprach, der seine Höflinge zum Abendessen im königlichen Dastarkhwan einlädt.

Sie war nicht die schönste Frau, aber er empfand auch keinerlei Schuldgefühl, das zuzugeben. Hierzulande schuf Schönheit ohnehin nur Probleme. Wie im Falle seines unglückseligen Cousins Aman Din, dessen Frau Khadija so schön gewesen war, dass sie allerlei unerbetene Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Ein Nachbar, ein außerordentlich verführungssüchtiger Kerl namens Allah Bux, trieb sich ständig am Haus herum, wenn Aman Din auf dem Feld war. Eines Tages aber kam Aman Din nach Hause und erwischte die beiden, wie sie sich unterhielten, während sie im nahegelegenen Fluss die Wäsche wusch. Sie lachte Allah Bux an, ihre weißen Zähne blitzten zwischen ihren roten Lippen. Aman Din hatte keine Wahl: Er musste seine Ehre wieder herstellen. Allah Bux kam nur davon, weil er in den Fluss sprang und sich auf der gegenüberliegenden Seite krabbelnd in Sicherheit brachte. Aman Din, der nicht schwimmen konnte, konnte ihn nicht verfolgen. Khadija wurde in einem namenlosen Grab bestattet, und Aman Din spuckte auf die frisch aufgeworfene Erde, drehte sich um und ging davon. Ein ganzer Mann.

Nein, Sharif Dins Frau hatte nie etwas getan, das Schande über ihn gebracht hatte. Sie hatte ihn und die gemeinsamen vier Söhne versorgt, gewaschen, sauber gemacht, gekocht. Ohne zu klagen. Sie hatte noch nicht einmal um so eine Kleinigkeit wie ein Radio gebeten. Ganz anders als diese anderen Mädchen im Dorf, die darauf bestanden, dass man ihnen erlaubte, die Schule zu besuchen. Mein Gott, der Gedanke allein war lächerlich! Mädchen, die sich vor fremden Männern zeigten, denen alles Mögliche zustoßen konnte, während sie sich außerhalb des Schutzes ihres Mannsvolkes befanden. Was würden sie als nächstes verlangen? Ein Auto, um damit durch die Gegend zu fahren? Er schüttelte fassungslos den Kopf. Man musste einfach wissen, wie man seine Frau unter Kontrolle hielt: Das war der Schlüssel zum Leben hier.

Sharif Dins Frau, die über der choolah hockte, warf einen schnellen Blick zu ihrem Mann hinüber, der auf dem charpai auf dem Rücken lag und in den blauen Himmel stierte. Er war ein guter Mann, Sharif Din. Er hatte sie immer gut behandelt, trotz der einen oder anderen Tracht Prügel, der schweren Feldarbeit, den Schwierigkeiten bei den Geburten und der Erziehung von vier missratenen Söhnen. Und sie kannte das Geheimnis ihres harmonischen Zusammenlebens: schweigen, im Beisein eines anderen Mannes niemals die Augen oder gar die Stimme heben, niemals nein sagen, egal, worum dein Mann dich gebeten hat.

Und sie kannte noch ein Geheimnis, das sie niemandem je offenbaren würde: das attar, das Rosenöl, das sie zubereitete und täglich tropfenweise dem Essen im Kochtopf beifügte. Das war ein Rezept, die Liebe zwischen Mann und Frau zu entfachen, oder – wenn schon nicht die Liebe, dann zumindest eine starke Zuneigung, die nicht von Jugend oder Schönheit abhing.

An dem Tag aber, an dem Sharif Din sie ärgerte, würde sie ebenfalls ganz genau wissen, was sie zu tun hatte. Sie würde das Rosenöl durch eine kleine Menge Türkenkappe, auch Wolfstod genannt, ersetzen, das sie in einem kleinen Packen zusammen mit einem Bündel Geldscheine und einem kleinen Foto ihrer Tochter, die im Alter von nur acht Jahren gestorben war, unter der Kochstelle vergraben hatte. Wenn dann ihre Söhne und die anderen Dorfbewohner seinen Leichnam fanden, würde sie nur die Achseln zucken. „Er war nicht mehr der Jüngste“, würde sie sagen. Und sie würden alle im Gedanken an die Grausamkeit des Lebens zustimmend nicken.

Aus dem Englischen von Thomas Brückner

(LiteraturNachrichten Nr.95 - Winter 2007)

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Gedichte von Mamduh Adwan [Syrien]

Der Verdächtige

Oh Gott, wie schön ist auf Ansichtskarten das Vaterland

Und wie schön war es einst in den Liedern der Kindheit

Ich gestehe dir ein, wie untätig und verdächtig ich bin

Denn eigentlich sehe ich nur die leere Hälfte des Glases

Doch dein harter Blick

Und der Knüppel, mit dem dein Henker an seine Stiefel schlägt

Hinderten mich zu sagen

Dass die zweite Hälfte des Glases

Ebenfalls leer ist

Und ich wollte ein gänzlich gefülltes Glas

Ich wollt’ mir das Positive ansehen, das auf den Spruchbändern prangt

Doch dem Spitzel, der mich verfolgte

War mein langes Verweilen ein Dorn im Auge. 

Dabei stand so viel auf den Transparenten

Und die Sache, mein Freund, ist die, dass du kein Recht hast

Jawohl, kein Recht hast

Egal, wie mächtig du bist

Von mir zu erwarten, dass ich singe nach diesem langen Schweigen.

Denn meine Stimme würde sicherlich heiser klingen 

Und du gestattest mir nicht, mich zu räuspern

Ich war wie der Jude, ich betastete jeden Morgen meinen Körper   

Um sicher zu sein, dass ich nicht eine Frau bin

Was soll ich heute betasten

Um sicher zu sein, dass ich nicht ein Verräter

Oder ein Staatsbürger bin, der geeignet ist

Zum Verrat

Um sicher zu sein… zu

Erwachen

Heute bin ich erwacht, wie mir scheint

Und habe mir an den Kopf gegriffen

Und entdeckt, dass ich nur

In Ruhe schlafen

Und ohne Angst herumlaufen will

Dass ich ein wenig anders sein will als die Herde

Denn wir sehen ja alle aus wie

Die Gurken aus dem Gewächshaus

Wie die Hennen in den Hühnerfarmen 

Die nach dem Eierlegen nicht mehr gackern

Und der Hahn kräht nicht mehr, um wach zu werden oder zu wecken

Selbst die Morgendämmerung haben wir wachgerüttelt, damit

     sie singt

Und sie schrie: Oh Nacht. 


 
Der Einsame

Zweihundert Millionen Kämpfer

Zweihundert Millionen Feddayin   

Alle bereit, sich selbst zu opfern und fürs Vaterland zu sterben

Alle steh’n fest zusammen wie Steine einer Mauer

Alle sind miteinander verzahnt wie ein geflochtener Zopf    

Alle marschieren

Alle ertragen ohne Schmerz und Schande die Niederlage

Was für eine langweilige Nation ist das, in der man nicht einen Verräter

     entdeckt

Drum wünsche ich mir, mein Herr, ein Verräter zu werden.

Wenn ich aufstand, fragte mein Sohn mich:

Wo ist denn das ganze Dunkel geblieben?

Und er fragte mich ferner: Was bedeutet das Meer?

Jetzt erwacht er frühmorgens erschrocken

Um mich zu fragen: Sind sie schon da?

Oder um mich zu berühren  

Und seufzend

Wieder einzuschlafen

Auch ich berühr’ ihn

Und weine.


Brief an einen Emigranten

Die Lage bei uns ist stabil

Keinerlei Störung

Keine Säufer, die lärmend aus Kneipen torkeln       

Die Reichen, die bis mittags schlafen

Werden nicht gestört

Sogar die fliegenden Händler erheben nicht ihre Stimmen

Alle wissen, was der Markt ihnen bietet, und aus den offiziellen Nachrichten

Und von den tuschelnden Nachbarn

Natürlich auch die Preise.

Keiner singt auf den Straßen

Keine Frau befürchtet

Ihr Ehemann könne eine Affäre mit einer anderen haben

Alle fürchten sich vor der Sittenpolizei

Und vor Aids

(Wir sind ja zivilisiert und

Erkranken wie alle Völker der Erde an Aids)

Keine Frau läuft Gefahr, auf der Straße bewundernd angesehen zu werden

Denn sie nimmt Rücksicht auf die finanziellen Schwierigkeiten ihres Mannes

Und kauft sich kein Make-up

(Auch um nicht den Schmuggel zu fördern)

Die Lage ist stabil

Die Arbeitslosen

Wissen, dass sie arbeitslos sind

Drum lungern sie nicht auf der Straße herum

Und die Unterdrückten stören keinen mit ihrem Geflenne

Und die Gefängnisinsassen unterstützen das Regime

Und wählen freiwillig

Mit einer Zustimmungsquote von 99,99%

Spontane Demonstrationen werden eine Woche vorher angekündigt

Und die Kandidaten, die wissen, dass sie verlieren werden

Empfangen den Lohn für ihr Kandidieren

Welches die Demokratie gestärkt hat

Die Lage ist völlig stabil

Wir melden uns freiwillig zu Selbstmordattentaten

Wenn Kriege erklärt werden

Und bewundern unsere Führer, die den Krieg verdammen

Wir bezahlen die Steuern, egal, wie hoch sie sind

Und kaufen Nahrung, egal, wie teuer sie ist

Und werden wir nicht satt

So deshalb, weil Gott nicht mit uns zufrieden ist.

Keiner klagt                

Keiner stiftet Unruhe         

Keiner protestiert                       

Die Lage ist stabil

Und wir fühlen uns allzeit in Sicherheit  

Da ja überall Sicherheitsleute     

Und die Straßen frei von Liebenden, Säufern und Narren sind.

Darum, mein Bruder, bitte ich dich

Kehre nicht aus dem Exil zurück

Und wenn du kannst

So besorg’ mir ein Visum, damit ich dich besuchen kann

Auch wenn ich dich dann gar nicht sehe.

[Aus der Zeitschrift Masharif Nr. 27, Arabesque Publishing House, Haifa 2005.
Aus dem Arabischen von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker]


Der Syrer Mamduh Adwan machte sich während der politisch turbulenten Zeiten in der arabischen Welt – nach der Niederlage gegen Israel 1967, nach dem Oktoberkrieg 1973 und den nachfolgenden Jahren – als politischer Dichter und Dramatiker einen Namen. Er schrieb politisch-sozial engagierte Gedichte, seine Theaterstücke behandelten damals aktuelle Themen, die anscheinend nicht mit der staatlichen syrischen Zensur kollidierten. So erweckte Adwan lange Zeit den Eindruck, als sei er sozusagen ein integraler Bestandteil der syrischen Regierung, so dass der irakische Poet Abdul-Wahab al-Bayyati einmal über ihn sagte: „Er ist in einem Rednerpult zur Welt gekommen.“ Doch die Verlockungen der freien Meinungsäußerung und der arabische Nationalstolz können sogar Sprachrohre der Regierung veranlassen, von der staatlich verordneten offiziellen Linie abzuweichen. Hinzu kommt, dass Adwan aufgrund seiner guten Beherrschung der englischen Sprache bemerkenswerte Kenntnisse der Weltliteratur besaß. Lange war das Übersetzen aus dem Englischen für ihn eine Art Zuflucht. Er übertrug z.B. Homers Ilias oder Kazantzakis’ El Greco ins Arabische. Kurz vor seinem Tod im Jahre 2004 legte er Gedichte vor, die sich als ironisch-sarkastische Abrechnung mit einer längst vergangenen Epoche, in der er als Hauptzeuge auftrat, lesen lassen. In diesen Texten gesteht er gleichsam mit abgenützter Zunge den großen Betrug ein, den man als zentrales Merkmal jener Epoche bezeichnen könnte.

In deutscher Übersetzung sind Gedichte Adwans in Khalid Al-Maalys Anthologie Zwischen Zauber und Zeichen. Arabische Lyrik seit 1945 (Hans Schiler. Berlin 2000) erschienen.

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"Die Maus" von Jussuf al-Scharûni [Ägypten]


Als ich nach den Sommerferien ins Büro zurückkehrte, musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass in den Schubladen meines Schreibtischs offensichtlich eine Maus gewesen war. Sie hatte ihre Spuren darin zurückgelassen: trockene Exkremente von der Länge kleiner, schwarzer Maden. Eine ganze Menge davon lag in einer Ecke der mittleren und gleichzeitig größten Schublade verstreut.
Dergleichen Exkremente sind mir seit meiner Kindheit bekannt. In dem uralten Haus, in dem wir wohnten, stellte meine Mutter die Vorräte, die uns meine Großmutter aus Oberägypten schickte, auf einen der Balkone, und hin und wieder stießen wir dann auf Krümel dieser Art.
Ich schenkte der Angelegenheit keine weitere Beachtung und vergaß das Ganze rasch, da ich mit anderem beschäftigt war. Berge von Arbeit hatten sich angehäuft! Doch offenbar passte der Maus meine Gleichgültigkeit nicht. Sie schien mir, sollte ich irgendwelche Zweifel an ihrer Existenz haben, letztere bekräftigen zu wollen. Ein paar Tage später fand ich die Schachtel Zigaretten – selbst Nichtraucher, biete ich sie Besuchern in meinem Büro an – zur Hälfte zernagt, und zwar ziemlich unordentlich. Die ockergelben Eingeweide der Glimmstengel lagen herum, vermischt mit den winzigen braunen Exkrementen.
Die Maus wollte mich also provozieren, und ich musste dieser Provokation begegnen. Rasch öffnete ich alle Schubladen und erwartete, dass die Maus aus einer von ihnen herausspringen werde. Leider vergeblich. Doch nahm ich dies zum Anlass, meine Papiere durchzusehen und vieles zu entsorgen. Während ich das Übriggebliebene wieder einordnete, fragte ich mich, wie eigentlich eine Maus, die ja doch ein gewisses Volumen besitzt, durch Lücken hindurchschlüpfen konnte, die so schmal waren, dass sie den Schubladen gerade einmal den Spielraum zum Öffnen und Schließen gewährten.
Nun rief ich Fathallah, den Bürodiener, setzte ihn ins Bild und hieß ihn eine Falle kaufen und im Zimmer aufstellen, sobald ich gegangen sei. Ich würde am Abend nicht nochmals zur Arbeit erscheinen. In die Falle solle er etwas legen, was die Maus anlockt, zum Beispiel ein Stück Gurke oder Tomate. Vielleicht eher ein Stück Brot mit Butterschmalz, schlug Onkel Fathallah vor.
Als Kind legte ich immer Wert darauf, auch bei Nacht und im Halbschlaf, als Erster auf dem Balkon die in die Fall gegangene Mäuse zu entdecken, um eifrig und freudig die Nachricht zu verbreiten. Dann waren zweierlei Spektakel möglich: Im ersten versuchte die Maus so lange vergeblich, aus der Falle zu entweichen, bis sie an den Drahtstäben ihre Nase blutig gestossen hatte. Sollte dazu noch ihr Schwanz in die Tür der Falle geklemmt sein, veranlasste sie das zu entsetzten, verzweifelten Versuchen, sich aus diesem Gefängnis im Gefängnis zu befreien, Versuchen, die damit endeten, dass sie ihren Schwanz befreite, aber nur um den Preis abgeschundener Haut, was den Schwanz wie das Ende einer Karotte aussehen und die Maus beidendig blutig zurückließ.
Am nächsten Morgen war die Falle noch sperrangelweit offen, wie das Maul einer Maus, die mich auslacht. Sie hatte den schmackhaften Happen verschmäht und lieber am Rand einiger Akten und Dokumente geknabbert, die ich, unkopierbar wie sie waren, wegen ihrer Wichtigkeit in den Schubladen meines Schreibtischs aufbewahrte. „Die Maus ist ein intelligentes Tier“, glaubte Fathallah bemerken zu müssen. „Es ist nicht einfach, sie zu hintergehen. Aber ich habe zuhause eine Katze, die könnte ich Ihnen ins Büro mitbringen und sie heute Nacht mit der Maus zusammen einsperren. Man könnte es probieren.“
Am folgenden Tag war unklar, ob die Katze die Maus aufgestöbert und mit Haut und Haaren vertilgt hatte. Jedenfalls fanden sich keinerlei Überreste des Nagetiers. Aber weder schien die Katze zugenommen zu haben, noch stießen wir auf die üblichen Spuren. Ich war etwas beruhigt, auch wenn mich noch immer Zweifel plagten, die mich bewogen, Fathallah zu bitten, die Katze noch ein oder zwei Nächte im Büro zu lassen. Die Spuren der Mausepräsenz tauchten nicht mehr auf, und mein Vertrauen in das Wirken der Katze wuchs. Entweder hatte sie das Nagetier verschlungen und damit ihre Aufgabe erfüllt, oder die Maus hatte es mit der Angst zu tun bekommen und dem Büro auf Nimmerwiedersehen den Rücken gekehrt. Fathallah konnte die Katze wieder mitnehmen.
Das andere der beiden Spektakel setzte die Existenz einer Katze voraus. Diese sperrten wir auf den Balkon, um sie kurz darauf ein schreckliches Spiel treiben zu sehen. Es war, als befände sich die Maus im Magnetfeld der Katze, unfähig dieses zu verlassen. Die Katze wirft sie in die Höhe und schnappt nach ihr. Dann geben ihre Zähne sie wieder frei, was sie glauben lässt, sie könne entkommen. Doch kaum versucht sie zu enthuschen, findet sie sich auch schon wieder von Katzenkrallen festgehalten. Wir waren immer gespannt und befürchteten, die Maus könnte plötzlich entwischen. Wenn die Katze schließlich ihres Spiels müde war, verschwand sie mit ihrer Beute unter einem Schrank oder einem Bett, und wir hörten nur noch das Knacken der Knochen.
Als ich nach dem Wochenende zurückkehrte, bemerkte ich die Spuren der verfluchten Maus in jeder Form. Ihre braunen Exkremente. Ganz kleine gelbe Flecken auf den Papieren, sicher Rückstände der inzwischen getrockneten Pisse, Papierschnitzel und anderes. Ich wünschte, ich würde sie einmal zu Gesicht bekommen, würde sie auch nur ein einziges Mal sehen, wie sie quer durchs Zimmer flitzt, um zu erfahren, ob es sich um eine oder zwei handelte, ob sie groß oder klein war. Doch sie weigerte sich, meinen Wunsch zu erfüllen und meine Neugier zu befriedigen. Also gab ich das auf. Aber mehr als einmal öffnete ich ganz bewusst meine Bürotür sehr leise und schlich auf Zehenspitzen hinein, in der Hoffnung, sie wenigstens zu hören, das Rascheln der Papiere, ihre spitzen Krällchen, wie sie damit herumspielten, ihre scharfen Zähnchen, wie sie daran herumnagten. Doch die Maus zog es vor, verborgen zu bleiben, fern von Augen und Ohren.
Einem Freund, der mich besuchte, erzählte ich von meinem Malheur, und er wusste Abhilfe, ein spezielles Mäusegift: schwarzes Pulver, das man auf kleine Stückchen ihrer Lieblingsnahrung streue. „Du wirst am nächsten Tag todsicher die verfluchte Maus mausetot vorfinden. Ich habe es zuhause ausprobiert, nachdem meine Frau ein Gezeter wegen der Mäuseplage erhoben hatte. Nach einigen Tagen waren sie völlig verschwunden. Hier gibt es weder Kinder noch Tiere, die sich an den vergifteten Happen vergreifen könnten.“
Ich war sofort einverstanden. Fatahallah kaufte das Pulver, streute davon auf kleine Stücke mausgerechter Nahrung und verteilte diese auf die Zimmerecken und die Schreibtischschubladen. Am folgenden Tag suchte ich, zusammen mit Fathallah, bang und gespannt nach der toten Maus. Vergeblich. Wir warteten noch einen weiteren Tag, einen dritten, dann eine Woche. Jeden Tag erwartete ich, dass Fathallah mich mit der erhofften frohen Botschaft überraschen werde. Doch die tote Maus tauchte nicht auf. Andererseits gab es auch keine neuen Spuren. Ganz bewusst liess ich die Schachtel mit den Zigaretten in der Schublade liegen. Sie blieb unberührt, unangetastet. Keine Exkremente, keine Flecken, kein abgenagtes Papier.
Ich entspannte mich im Hinblick auf die Mäuseproblematik, doch war mit ihrem Verschwinden auch die Gelegenheit dahin, das Corpus Delicti tot oder lebendig zu sehen. Aber, wer weiß? Solange ich die Maus nicht tot gesehen habe, bleibt immerhin die Möglichkeit, dass eines Tages ihre Spuren wieder auftauchen und mir Erfolg vergönnt wäre, wo er mir dieses Mal versagt geblieben war: die Maus zu Gesicht zu bekommen.

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich

(LiteraturNachrichten Nr. 91 - Winter 2006)


Zwar gehört er seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Kurzgeschichtenautoren Ägyptens und ist inzwischen über achtzig Jahre alt, dennoch ist Jussuf al-Scharûni selbst in der arabischen Welt nicht so bekannt wie andere Erzähler seiner Generation, besonders Jûssuf Idris oder Edward al-Charrât.
Jûssuf al-Scharûni (*1924 in Unterägypten) hat Philosophie studiert und einige Zeit im Sudan als Lehrer gewirkt. Danach arbeitete er in der ägyptischen Kulturbürokratie, war gleichzeitig aber auch als Kritiker tätig. Aus seiner Feder stammen einige Kurzgeschichtensammlungen, deren erste, „Die fünf Liebenden“, 1954 erschien, und zahlreiche Bände mit Aufsätzen über moderne Literatur.
In seinen Erzählungen beschreibt Jussuf al-Scharûni – von Anfang an in einem Stil, der sich in spielerischer, auch ironisierender Weise vorsichtig vom damals gängigen Realismus Nagib Machfus’scher Prägung absetzte – die Veränderungen der ägyptischen Gesellschaft und ihrer Befindlichkeit seit den 40er Jahren. In Wahl und Behandlung seiner Themen wird seine philosophische Neigung sichtbar. Grundidee ist, dass das Leben des Menschen durch Unsicherheit, ja, Furcht bestimmt wird, dass diese beiden Empfindungen den modernen Menschen gar am Leben halten.

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"Der Schutzraum" von Samah Idriss [Libanon]

„Nicht aufregen. Ist ja noch mal gut gegangen, das ist nur ein Kratzer!“ sagte der Fahrer des Autos, das mein Auto von hinten gerammt und dabei einen Teil des rechten Rücklichts zertrümmert, den Kotflügel zerkratzt und Streifen in den neuen Lack gezogen hatte. Ich blicke auf den Fahrer. Dieses Gesicht kenne ich doch. Da fällt es mir mit einem Mal wieder ein. „Meister Hasan!“ rufe ich. Und nach kurzem Zögern antwortet er: „Misu, Masin. Mein Kleiner!“ Überschwänglich drückt und umarmt er mich. Die Begegnung mit ihm versetzt mich 15 Jahre in die Vergangenheit zurück, bis ans Ende der 80er Jahre, als ich mit ihm und einigen anderen Bewohnern Beiruts in einem feuchten Schutzkeller die Zeit absaß, weil wir uns vor den Bomben und dem Krieg schützen mussten. In jener Zeit hatte der libanesische Bürgerkrieg schon viele Jahre getobt, doch das Dröhnen der Kanonen und Donnern der Raketen hatte sich zunehmend verschlimmert. Einer der Gründe hierfür war, dass einige Kriegsparteien neue Raketen benutzen, Raketen, die uns zuvor noch unbekannt gewesen waren.
Von dieser Art Rakete ging erst ein lang gezogenes, Furcht einflößendes Heulen aus, bevor sie irgendwo einschlug, während die Geräusche, die die „alten“ Raketen verursachten, eher mit dem Gezwitscher eines Spatzen zu vergleichen waren. Wenn aber die neuen Raketen einschlugen, bebte die Erde gleich mehrere Male hintereinander. Übrig blieb nicht ein kleines Loch, sondern ein riesiger Graben, von dem aus Bombensplitter in alle Richtungen fetzten. Alle Worte und Streitereien erstarben, jegliches Geflüster erstarrte, wenn wir dieses Heulen vernahmen. Wir verstummten und stellten uns innerlich auf den Einschlag der Rakete ein. Doch wie sehr wir uns auch darauf vorbereiteten, die Explosion versetzte uns jedes Mal wieder von neuem in Angst und Schrecken.
Unser Haus, in dem meine Familie und Meister Hasan wohnten, hatte zehn Stockwerke, aus denen wir in den Schutzkeller hinunter rannten. Genauer gesagt in einen Kellerraum der Familie Abu Said, wo wir nach der Explosion einer dieser neuen  Bomben beschlossen, uns einen Schutzkeller einzurichten. Doch wie flink wir auch waren, so schnell wie Meister Hasan waren wir nie, obwohl er ganz oben im zehnten Stock wohnte. Immer stand er bereits an der Tür zum Luftschutzkeller, wartete dort in aller Ruhe und Gelassenheit auf uns und sagte dann: „Bleibt locker, Leute. Wieso die Eile? Ist doch nur ein Kratzer!“
Kaum waren wir dann im Schutzraum angekommen und beruhigten uns wieder ein wenig, schauten wir uns mit fragenden, noch halb entsetzten Blicken gegenseitig an und dann fragte meistens einer von uns in die Runde: „Was war denn jetzt schon wieder los?“ Denn keiner von uns wusste in Wirklichkeit Genaueres über den erneuten Ausbruch des Kriegstreibens. Die Erwachsenen begannen im Keller alsbald, sich darüber zu streiten, welche der Kriegsparteien die Waffenruhe gebrochen hätte. Einer sagte: „’Deren Leute’ haben doch bestimmt wieder angefangen, weil sie wahrscheinlich grünes Licht von Amerika oder Israel erhalten haben“, worauf gleich wieder ein anderer entgegnete: „Nein, es waren eher unsere Leute. Ich vermute mal, sie sind von den Syrern gewarnt wurden, den Gegnern auf keinen Fall zu erlauben, die roten Linien zu übertreten“. So ging es hin und her, und ich hatte das Gefühl, dass sich die meisten Gespräche in unserem Schutzkeller um grünes Licht und rote Linien drehten.
Ja, die Erwachsenen waren verschiedener Meinung, was die ganzen Lichter und Linien anging, aber in einer Sache konnten sie sich einigen: in der Verteilung der Aufgaben für den Schutzraum. So stiegen wir in Zeiten „relativer Ruhe“, wenn das Donnern der Kanonen und die Kämpfe schwächer geworden waren, in den Schutzkeller hinab, um uns zu vergewissern, dass dort die wichtigsten Dinge vorhanden waren. Wir säuberten den Raum mit Ditol und fegten die Kakerlaken oder toten Mäuse, die wir darin fanden, beiseite. Und niemals werde ich vergessen, wie sich alle Parteien des Hauses auf folgende Dinge einigten: Die Familie von Umm Hani im ersten Stock war verantwortlich für Trinkwasser und Dosensäfte; Abu Saids Familie im zweiten Stock für die Konservenbüchsen (wir aßen immer Thunfisch, Sardinen, Käse und Wurst) und die Familie von Philip im Dritten musste für Licht von der Marke „Luxe“, das Radio und die Batterien sorgen. Wir im vierten Stock hingegen waren zuständig für die „Hauswaffen“. Damit meine ich das Kakerlakenbekämpfungsmittel, das Mäuse- und Rattengift und das berüchtigte Katol. Katol, für diejenigen unter euch, die das nicht kennen, diente zum Schutz vor den Stechmücken. Denen wurde ganz schwindlig davon. Die Hauptsache beim Katol aber war, dass man dafür keinen Strom brauchte und so etwas ist in Kriegszeiten wirklich entscheidend, weil es wegen der Zerstörung der Elektrizitätswerke und dem Mangel an Brennstoffen meistens keinen Strom gab. Das Katol sorgte für Nächte ohne Summen im Ohr und Morgen ohne kleine Huppel, die noch größer wurden, wenn man sich im Gesicht, auf Armen oder Beinen kratzten musste. Ich erinnere mich noch daran, wie meine Mutter uns erzählte, dass die Mücken Kinder besonders gern hätten, weil ihr Fleisch frisch sei und noch nicht mit Haaren bedeckt wie bei den Erwachsenen.   
Das Katol sieht etwa so aus: Es ist ein grünes, rundes Etwas, spiralenförmig wie eine Schnecke zusammengerollt und mit einer kleinen Kerbe versehen; im Innern steckt eine Art Metall, man zündet es an der Seite an, und schon steigt dichter Rauch auf und ein Gestank ... du lieber Gott! Wer das nicht gewöhnt ist, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit Kopfweh und Brennen in den Augen, vielleicht sogar einen geschwollenen Kehlkopf. Den Mücken geht es noch schlimmer. Sie atmen das Katol ein, bis ihnen ganz schwindlig davon wird und sie endgültig tot umfallen.
Wegen der Müllhaufen und offenen Wasserleitungen brachen die Angriffe der Mücken ununterbrochen über Beirut herein. So vergingen manchmal Wochen, in denen die Stadt in endlose Schlachten und Bombenlärm verfallen war, bis endlich die Müllabfuhr mit ihren Besen kommen konnte, um die Straßen zu fegen und den Müll zu beseitigen. Die feuchten Schutzkeller gehörten im Allgemeinen zu den Lieblingsorten der Mücken. Neben den Mücken gab es noch andere abscheuliche Wesen, die, wie Meister Hasan zu sagen pflegte, sich gerne nahmen, was vom Essen im Keller so übrig blieb. Aus all diesen Gründen waren das Katol, das Kakerlakenmittel und das Mäuse- und Rattengift genauso wichtig wie das Essen und Trinken selbst.
Es verstrichen aber auch Wochen, in denen wir keine einzige Rakete oder keinen einzigen Schuss hörten. Mein Vater dankte dann Gott und sagte: „Heute Nacht werde ich endlich mal wieder in meinem schönen Bett schlafen können.“ Ich aber, das muss ich euch ehrlich gestehen, war in jenen Wochen irgendwie traurig, denn im Schutzkeller hatten wir Kinder auch jede Menge Spaß. Ungeduldig warteten wir darauf, mit den Nachbarskindern, die in andere Schulen gingen, spielen zu können, um ihnen unsere neu erworbenen Künste und Spielsachen zu zeigen. Deshalb war es so, dass, wenn wieder die Raketen und Bomben in der Nähe unseres Hauses einzuschlagen begannen, wir Angst und Aufregung zugleich verspürten und sofort zur Wohnungstür liefen, um in den Schutzraum hinunterzueilen. Immer, wenn genügend Zeit blieb, suchten wir schnell unsere neuesten Spielzeuge, unsere schönsten Pyjamas und Kleider zusammen, um sie nach unten mitzunehmen. Kein Wunder also, dass es uns manchmal beim Eingang in den Schutzkeller so vorkam, als würden wir nun auf eine Party oder eine Modenschau gehen.
Auch in unserer Familie teilten wir übrigens die Aufgaben unter uns auf. Wir beschlossen, einen Beutel mit den am dringendsten benötigten Dingen an die Tür zu stellen. Die wichtigsten Dinge, das waren unsere Reisepässe, die Medikamente, das Katol, Streichhölzer, Kekse, eine Wasserflasche, ein bisschen Geld und die Spielkarten. Meine Hauptaufgabe war es, immer dafür zu sorgen, dass sich Katol in unserem Versorgungsbeutel befand, denn ich war bestimmt derjenige in unserer Familie, der am meisten unter den Mücken litt. Sonst hätte diese Aufgabe vielleicht auch meine Schwester übernehmen können, aber sie war zu jener Zeit schon nach Frankreich zum Studieren gegangen. Jedenfalls, sobald die erste Rakete in unserer Nähe einschlug, versammelten wir uns in Reih und Glied vor der Tür, schnappten den Beutel und drängten uns gemeinsam mit den anderen Hausbewohnern auf den Treppen in Richtung Schutzraum. Dort sahen wir natürlich schon Meister Hasan vor der Tür stehen, der wieder einmal sagte: „Das ist doch nichts, Leute. Keine Eile! Ist doch nur ein Kratzer. Die Welt ist noch nicht untergegangen!“ Wenn das alles bloß ein „Kratzer“ war, lieber Meister Hasan (oder Meister Kratzer, wie wir ihn auch nannten), wie war dann erst das, was mehr als ein Kratzer war?
Fragt meinen Hund Sultan! War das ein Kratzer, Sultan? Sie sahen doch, was Sultan veranstaltete, wenn die Bomben fielen? Mit seinem weißen, sanften, strubbeligen Fell, unter den Eisenregalen im Zimmer der Familie Abu Said im Luftschutzkeller, fing Sultan vor lauter Angst zu jaulen an, wenn die Bomben fielen. Und prompt schimpfte Umm Hani los: „Verdammt! Das hat uns noch gefehlt. Ein Hund. Das Allerschmutzigste, was es gibt! Schmeiß ihn doch auf die Straße, dann sind wir ihn endlich los. Der ist bestimmt voller Bazillen und Bakterien!“ Sultan sprang bei diesem Geschrei immer sofort auf meinen Platz, verkroch sich dort zwischen meinen Beinen und blickte mit einem entschuldigenden und leicht tadelnden Blick auf Umm Hani.

Aus dem Arabischen von Stephan Milich

Al-malga’. Dar al-Adab, Beirut 2005

(LiteraturNachrichten Nr. 90 - Herbst 2006)


In der arabischen Welt wurden bisher nur wenige Jugendbücher geschrieben, die die Sorgen, Ängste und Träume von Teenagern ernst nehmen. Letztes Jahr sind dagegen gleich zwei Romane erschienen, die aus der Feder des libanesischen Autors Samah Idris stammen. Beide spielen vor dem Hintergrund des libanesischen Bürgerkriegs und erzählen die Geschichte des Beiruter Jungen Mâsin. Die Handlung des ersten Buchs mit dem Titel Al-Malgâ’ („Der Schutzkeller“) ereignet sich während des letzten Bürgerkriegsjahrs, ist heute indes von einer besonderen Aktualität. Gemeinsam mit seinen Eltern und den anderen Familien des Hauses erlebt Mâsin den Krieg, zurückgezogen im Schutzkeller, sammelt dabei wichtige Erfahrungen und durchlebt schwierige, aber auch schöne Dinge. Im Folgeroman An-Nassab („Der Betrüger“) ist der Bürgerkrieg zu Ende, die Nachwehen des Krieges sind jedoch noch überall spürbar. Samah Idris (*1961 in Beirut), seit 1992 Herausgeber der bekannten arabischen Literaturzeitschrift Al-Adab, Kinderbuchautor, Literaturkritiker und Linguist möchte das Schweigen über den Krieg brechen und besonders Kinder und Teenager, aber auch die Eltern durch seine Geschichte zum Erinnern bewegen, denn der Krieg wird nicht nur im öffentlichen Raum weitgehend tabuisiert, sondern wird gerade im privaten Bereich, auch innerhalb der Familie, häufig verdrängt.

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