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Rezensionen

  • Chen Jianghong [China]: An Großvaters Hand »»
  • Ma Jian [China]: Red Dust »»
  • Uday Prakash [Indien]: Dr. Wakankar. Aus dem Leben eines aufrechten Hindus »»
  • Martín Kohan [Argentinien]: Zweimal Juni »»
  • Mahmud Darwish [Palästina]: Der Würfelspieler »»
  • Bei Dao (China): Das Buch der Niederlage »»
  • Rawi Hage [Libanon]: Als ob es kein morgen gäbe »»
  • André Brink [Südafrika]: Die andere Seite der Stille »»
  • Louis-Philippe Dalembert [Frankreich/Haiti]: Jenseits der See »»
  • Jamal Mahjoub [Großbritannien/Sudan]: Die Stunde der Zeichen »»
  • Evelio Rosero [Kolumbien]: Zwischen den Fronten »»
  • Youssouf Amine Elalamy [Marokko]: Gestrandet »»
  • Cristina Peri Rossi [Uruguay]: Endlich allein! Eine Geschichte der Liebe in fünfzehn Episoden »»
  • Gina Nahai [USA/Iran]: Regen am Kaspischen Meer »»


Geschichte einer Kindheit

Chen Jianghong erzählt in einer ausführlichen Bildergeschichte von seiner Kindheit in den 1960er und -70er Jahren, kurz vor und während der Kulturrevolution in der VR China. Es ist trotz der beengten Verhältnisse eine glückliche Kindheit, in der der Großvater für Chen eine bedeutende Rolle spielt. An seiner Hand entdeckt er das Leben. Während beide Eltern bei der Arbeit sind, passen die Großeltern auf die Kinder auf.
Fast ist es eine Idylle in den dunklen, bunt geschmückten Räumen und auf dem kleinen Hof. Die größte kindliche Katastrophe besteht darin, dass Chen die abgeänderte Kleidung seiner älteren Schwester tragen muss oder dass der Großvater sich im Park lauthals mit den anderen alten Männern streitet.

Beängstigend wird es, als Mao die Kulturrevolution ausruft.

Hier verändern sich die schlichten, im Stil von realistischen Comics und in gebrochenen Farben gezeichneten Bilder. Wo eben noch das Rot einen warmen Farbton hatte, wird es auf dieser Doppelseite bedrohlich. Dicht an dicht gedrängt, schwenken uniformierte Menschenmassen rote Fahnen und ein steinerner Löwe trohnt bedrohlich über der Menge.

Die Erwachsenen bekommen Angst; sie verbrennen Fotos, auf denen sie traditionelle Kleidung tragen und tauschen ihre Bilder gegen Mao-Plakate aus. Chen sieht, wie Freunde seines Großvaters gedemütigt durch die Straßen getrieben werden und wie seine heiß geliebte Nachbarin Frau Liu von Rotgardisten gezwungen wird, öffentlich ihre Schuld einzugestehen. Sie holen sie ab, und er hat sie nie wieder gesehen. Schließlich wird auch sein Vater zur Umerziehung in die Wälder nach Heilongjiang geschickt.

Sein Großvater ist stolz auf ihn, als er 1970 mit sieben Jahren in die Schule kommt. Ohne es zu kommentieren, zeichnet Chen den Alltag während der Kulturrevolution, die kleinen Freuden und dann die Katastrophe: Großvater wird krank und stirbt. Grau in Grau und Schwarz sind die Bilder, als Chen erfährt, der Großvater sei „zum Himmel aufgestiegen“. Verzweifelt klettert er auf das Dach des Wohnblocks, um im geheimnisvollen Licht des Vollmondes den Himmel nach dem Tod zu befragen.
1976, das Jahr, in dem Mao stirbt, kommt der Vater endlich wieder nach Hause, erschöpft und gealtert. Hier endet die in vielen realistischen und bewegenden Szenen und Skizzen geschilderte Geschichte seiner Kindheit mit dem Ausblick auf das Kunststudium und das Leben im Ausland.

Für Kinder ist es die spannend geschilderte Geschichte einer Kindheit in einer schweren Zeit und in einem fernen Land. Für Erwachsene enthalten die differenzierten Bilder und die einfachen Sätze eine Fülle interessanter Informationen. Für Chen selbst geht die Geschichte gut aus: Er wird ein bekannter Bilderbuchkünstler. Dieses Happyend sorgt dafür, dass auch kleinere Kinder (ab sechs Jahren) die Erzählung verkraften und auf einer kindlichen Ebene verstehen können.

Ein wichtiges Buch, faszinierend und insbesondere in den Hunderten von Details und Stimmungen in den Bildern voller überwältigender Gefühle und sensibler Beobachtungen. Ein großer Künstler schildert anrührend und brillant seine Kindheit. Großartig!

 

Gabriela Wenke

Chen Jianghong: An Großvaters Hand – Meine Kindheit in China,
aus d. Franz. von Tobias Scheffel,
Moritz Verlag 2009, 80S., € 24,80, (ab 5/6 Jahren zum Vorlesen, ab 8)
ISBN 978-3-89565-210-3

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Der chinesische Autor Ma Jian lebt in London im Exil. Sein Roman Red Dust ist aktuell in China verboten und liegt jetzt unter dem Titel Red Dust. Drei Jahre unterwegs durch China auf Deutsch beim Verlag Schirmer Graf vor (Übers. aus dem Englischen v. Barbara Heller). Ruthard Stäblein hat ihn gelesen und findet, dass dieser Reisebericht eine der besten Möglichkeiten zur Einstimmung auf den diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist.

Ma Jian war ein Künstler der Pekinger Bohème. Als der Grafiker, Fotoreporter und Maler Anfang der 80er Jahre in seinem Pekinger Backsteinhäuschen nächtelang feierte und dann noch anfing, Akt zu zeichnen, bekam er immer mehr Schwierigkeiten auf der Arbeit und mit der Partei. Die startete damals eine Kampagne gegen „geistige Verschmutzung“. Mit anderen Worten: gegen missliebige Intellektuelle und dem geschätzten Ergebnis von einer Million Verhaftungen und 24.000 Todesurteilen.

Die neuen Machthaber nach Mao wollten (und wollen) die wirtschaftliche Liberalisierung, aber keineswegs die geistige Freiheit. Ma Jian sollte sich im Betrieb und vor der Gewerkschaft rechtfertigen. Aber er hatte keine Lust auf Demütigung. Zudem befand er sich in einer persönlichen Krise. Ma Jian wurde geschieden. Seine Frau nahm die Tochter. Die Freundin verließ ihn. So ergriff er die Flucht nach vorn, fälschte Empfehlungsschreiben – ohne ein offizielles, gestempeltes Papier konnte man sich damals kaum bewegen – und zog durch das riesige Reich der Mitte.

Drei Jahre lang; wenn er Geld hatte, mit dem Zug oder Bus; als Tramper mit LKWs; die meiste Zeit jedoch zu Fuß. Insbesondere die Ränder Chinas interessierten den „Wanderautomaten“: die kasachische Steppe, die Wüsten, die Innere Mongolei, die Grenzgebiete zu Vietnam mit den noch archaisch lebenden Gemeinschaften und vor allem Tibet.

Mi Jian gab sich als Reporter aus und verhielt sich so. Er hörte zu, enthielt sich des Kommentars und hatte den Mut, unbequeme Fragen zu stellen. So erfuhr er die Brutalität des chinesischen Alltags, wie kasachische Nomaden umgesiedelt werden sollten, die Entmündigung und zugleich die extreme Armut tibetischer Bergvölker, die Misshandlung der Flüsse: Der Tang-Dichter Li-Bai „schrieb von bunten Wolken über dem Jangtse und kreischenden Affen am Ufer. Heute sieht man dort statt der Affen Düngemittelfabriken und Zementwerke, die den Fluss mit ihren gelben Abwässern verschmutzen. Wo die grünen Böschungen abgetragen wurden, glänzt die Erde wie ungegerbtes Schweinsleder.“

Und Ma Jian gibt die ihm mitgeteilten Schrecken der Kulturrevolution an die Leser weiter: Im Kampf gegen bürgerliche Autoritäten etwa schlachteten Schüler in einem Dorf der Zhuang ihren Lehrer ab. „Um der Partei ihre Ergebenheit zu beweisen, kochten sie seinen zerstückelten Körper und aßen ihn zum Abendbrot auf. Sie fanden Geschmack an frischen Innereien, und bevor sie ihr nächstes Opfer töteten, schnitten sie ein Loch in seinen Brustkasten und traten es in den Rücken, so dass ihnen seine Leber in die Hände flog.“ – Steinzeitkommunismus à la Pol Pot, Joseph Conrad und Apocalypse now.

Ma Jian beschreibt indessen auch die Schönheiten einsamer Landschaften und von Mädchen mit roten Blusen unter schweren Schaffellmänteln sowie die Wohltaten der Gastfreundschaft. Wie ein guter Reporter verklärt und kommentiert er nur wenig. Gelegentlich steht dann doch eine Warnung an Rousseauisten und andere Idylliker: Die Natur frisst dich von innen auf. Denn Ma Jian fühlt gerade in der Natur nicht die Harmonie, sondern die Extremsituation. In der Wüste sucht er die Nähe zum Tod, wird im letzten Augenblick gerettet und spürt erst so, dass er existiert. Als wollte er das existentialistische Programm von Karl Jaspers erfüllen: Erst in Extremsituationen von Angst- und Todeserfahrung entscheidet sich das Leben, erfährt man sich selbst, wird aus dem „man“ ein „ich“. Auch die Nähe zu den amerikanischen Abenteurern Jack London, Walt Whitman und Ernest Hemingway wird deutlich. Mehr als zu dem beatnik Jack Kerouac, die angelsächsische Kritiker ihm andichteten (Red Dust erschien zuerst 2001 in London). Drogen verabscheut Ma Jian.

Er sucht die Ränder der eigenen Existenz und die Ränder Chinas. Dazu bewegt er sich horizontal und vertikal fort. Er will bei seiner Reise in die entlegensten Provinzen möglichst viel von China sehen, in das „schwarze Loch China“ eintauchen und es erhellen. Und er will sich selbst erfahren, den roten Staub der Straße – die buddhistisch eingefärbte Titelmetapher – als Illusion durchschauen.

So gelingen ihm ein formidabler Reisebericht und zugleich die vom Willen zur Selbsterkenntnis angetriebene Autobiographie. Ohne literarisch geschraubt zu werden, malt er schillernde Bilder. Erlebnisreich und vorurteilsfrei. Der Beweis: Obwohl Ma Jian Buddhist ist, auf einer Pilgerreise zu sich selbst, himmelt er nicht die Tibeter an, sondern zeigt auch auf ihre Grausamkeiten, die sie an Han-Chinesen und damit auch an ihm begehen.

Von Ma Jian erscheint außerdem bei Rowohlt der Roman Peking Koma (Übers. aus dem Englischen Susanne Höbel). Der Autor wird auf der Frankfurter Buchmesse anwesend sein.

Ruthard Stäblein ist Kulturjournalist und Literaturkritiker (u. a. für den HR). Er lebt mit seiner Familie in Frankfurt a. M.

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Ein bewegender Roman über Macht, Korruption und Idealismus!

von Jürgen Sander

„Das Ganze war völlig absurd. Aber es war real.  Eine absurde Realität. In einer solchen Realität spielt sich unser Leben ab. Sie ist zweifelsohne originell, aber auch unvorstellbar grausam“, so ein Eintrag von Dr. Dinesh Manohar Wakankar in sein Tagebuch. Und diese Realität ist nicht der schriftstellerischen Imagination eines Autors entsprungen, nein, sie ist ein Teil der Lebenswirklichkeit Indiens. So schreibt Uday Prakash gleich zu Beginn seines Romans: „Dr. Wakankar existiert unabhängig von Schriftsteller und Werk.“
Der Protagonist von Uday Prakashs Roman Doktor ist Arzt im indischen Staatsdienst und wird von seinen Patienten sehr geschätzt, denn er nimmt seine Verantwortung als Mediziner ernst.
Seine Kollegen sind vor allem daran interessiert, die kleinen und die großen Vorteile ihrer Position zu nutzen. Sie machen gemeinsame Sache mit Pharmafirmen, kaufen längst abgelaufene Medikamente zu Spottpreisen und verkaufen sie zum vollen Preis weiter. Ein Spiel mit dem Leben der Kranken.
Als Harvansh Pandit alias Spuckender Maharaj an einer mit Schimmelpilzen verseuchten Infusion stirbt, fasst Doktor Wakankar den Entschluss, sich bei offiziellen Stellen über Missstände und Korruption im Gesundheitsdienst zu beschweren. Doch das bringt seine Vorgesetzten und Kollegen, die an ihren dubiosen Geschäften gut verdienen, gegen ihn auf.
Und immer dann, wenn Dr. Wakankar wieder einmal aufbegehrt, wird er strafversetzt, bis er schließlich im kleinen Provinznest
mitten im Tribal Belt, in der ‚Strafkolonie‘ Dinghar landet. Auch hier gerät er bald wieder in Schwierigkeiten.  Als der Premierminister das kleine Dorf besuchen will, bricht eine Choleraepidemie aus. Die Honoratioren des Bezirks sind alle mit den Vorbereitungen zu diesem Besuch beschäftigt und verweigern Dr. Wakankar ein dringend benötigtes Fahrzeug, um die Trinkwasserreservoirs des Bezirks desinfizieren zu können ...
Doktor Wakankar ist kein strahlender Held. Um seinem Außenseitertum zu entkommen, engagiert er sich in der RSS (Rashtriya Swayamsevak  Sangh), einer rechtslastigen Organisation, die sich der Wiederherstelllung des „wahren“ Hindutums verschrieben hat.  Die RSS ist eine hochideologische Truppe, aus deren Reihen auch der Mörder von Mahatma Gandhi kam und die in den 1990er Jahren über ihren politischen Arm, die BJP (Bharatiya Janata Party), die Regierung in Indien stellte.  Doktor Wakankar, der einfache, idealistische und vielleicht auch naive Provinzarzt beschreibt in seinen Tagebucheinträgen auch seine zunehmende Ernüchterung und Enttäuschung über die Heilsversprechen der RSS und der BJP.
Damit ist er vielleicht auch ein alter Ego des Schriftstellers, Journalisten und Dokumentarfilmers Uday Prakash, der in jungen Jahren Mitglied bei der CPM, der kommunistischen Partei Indiens, war und sich im Laufe der Jahre immer radikaler gegen jeden Dogmatismus ausgesprochen hat. Sein eigentliches Anliegen ist die Humanität, hat er immer wieder gesagt,  es ist die Triebfeder seines Schreibens. Und so nimmt er die Sorgen und Nöte seiner Protagonisten ernst, auch wenn er sie in Situationen schickt, die sie an Gott und der Welt zweifeln lassen.  „Ich wüsste zu gerne, ob man als aufrichtiger Mensch nicht auch Realist sein kann“, seufzt Dr. Wakankar einmal  - und das ist auch die Frage, die dieser Roman aufwirft. 

 

Uday Prakash
Doktor Wakankar

Aus dem Leben eines aufrechten Hindus
Aus dem Hindi von André Penz
Draupadi Verlag, Heidelberg
108 Seiten, Eur 12.80
ISBN 978-3-937603-32-2

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Der Fehler im System

„Nie habe ich mich von irgendwelchen Gefühlen beeinflussen lassen, das fand ich schon immer verachtenswert.“ Viele Sätze in Martín Kohans Roman Zweimal Juni klingen so beiläufig, dass man sie fast überliest. Dieser eine jedoch lässt sich als Schlüssel zur Persönlichkeit des jungen Mannes lesen, der hier in knappen, nummerierten Absätzen seine Erlebnisse an zwei Tagen im Juni protokolliert. Er ist seit kurzem Soldat und als Fahrer des Militärarztes Doktor Mesiano abgestellt, und nur der kann die Frage beantworten, mit der das Buch beginnt: „Ab wie viel Jahren kann man ein Kind folltern?“ Dass ihn kaum etwas so sehr stört wie Rechtschreibfehler, erklärt der Ich-Erzähler schon an dieser Stelle, und so korrigiert er den sprachlichen Missgriff und macht sich auf die Suche nach dem Arzt, der an diesem Abend im Fußballstadion das Spiel zwischen Argentinien und Italien anschaut.

Kohan wählt für seinen Roman über ein Unrechtssystem nicht die Perspektive eines Täters, sondern die eines Menschen, der, obwohl er unmittelbar beteiligt ist, nur beobachten will. Sein Psychogramm eines Mitläufers in der argentinischen Diktatur bleibt bruchstückhaft, liefert aber eine eindringliche Sicht auf den bürokratisierten Schrecken. Dass Zahlen ihm die Gewissheit von Ordnung vermitteln, verbindet den Protagonisten mit seinem Vorgesetzten, den er nach der Niederlage des argentinischen Teams durch das nächtliche Buenos Aires chauffiert, in dem die nach Hause schleichenden Fans „einem endlosen Begräbniszug“ gleichen, „nur dass dieser Trauerzug kein Ziel hatte. Er erstreckte sich überall hin.“ Dass auch der Rekrut nach dem Ende seines Militärdienstes ein Medizinstudium beginnt, wirkt geradezu folgerichtig angesichts der Kälte, mit der die ihn umgebenden Ärzte Menschen zu bloßen Fällen und Größen in einem System deklassieren, deren Funktion und Belastbarkeit es zu ermitteln gilt. Literarisch hat Kohans Figur einen Vorläufer in Ernst Weiß’ Der Augenzeuge. Hier kämpft der Erzählerheld als Soldat im Ersten Weltkrieg, behandelt später als Militärarzt den Gefreiten Adolf Hitler, weil er Interesse an dessen Fall hat, kommt aber am Ende zur Einsicht. Kohans Rekrut dagegen versäumt seine Chance zur Umkehr. Als ihn eine Unbekannte in einem Foltergefängnis um Hilfe bittet, beschimpft er sie und tut dies erkennbar mit Lustgewinn.

Aufklärung über das, was in dieser Juninacht 1978 wirklich geschehen ist, liefert Kohan nicht, und auch wenn dies zunächst frappiert, ist es konsequent, denn es ist der Leser, der sich für das menschliche Drama interessiert, nicht der Erzähler. Der bleibt mit seinen Erinnerungen „aus der Zeit, in der der Doktor meine Hilfe brauchte, die ich ihm ohne Zögern zukommen ließ“, alleine. Als er vier Jahre später den Namen von Mesianos Sohn auf einer Liste mit Gefallenen des Falklandkrieges entdeckt, beschließt er, seinem Mentor einen Besuch abzustatten. „Nicht weinen. Über Helden weint man nicht“, sagt der. Dann wendet er sich wieder dem Grill zu.

Andreas Martin Widmann

 

Martín Kohan (Argentinien)

Zweimal Juni. Roman

Dos veces junio, 2002.

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009

183 S. EUR 19.80, sFr. 34.30

ISBN 978-3-518-42078-2


Ein letzter großer Wurf

Am 9. August 2008 starb 67jährig in einer US-amerikanischen Klinik Mahmoud Darwish, gebürtiger Palästinenser und der berühmteste arabischsprachige Dichter der Gegenwart. Nur wenige Wochen zuvor hatte der Dichter in der Londoner Tageszeitung „Al Quds Al Arabi“ ein wunderschönes Langgedicht veröffentlicht.

Posthum wirkt der Text wie ein poetisches Vermächtnis: er offenbart eine zutiefst skeptische, vernunftbetonte Weltsicht, der zu Folge es weder einen göttlichen Plan gibt noch eine Vorsehung, und in der das Individuum letztlich wenig Einfluss auf sein Schicksal hat. Die entscheidenden Dinge im Leben seien vom Zufall geprägt: Keine Rolle spielte ich bei dem, was ich war/Und was ich werde/Es ist nur Glück und keinen Namen hat das Glück. Dennoch hat das Leben einen Sinn: es bekommt ihn durch die Poesie. Keine Rolle spielte ich in meinem Leben/Nur als es mich seine Psalmen lehrte sagte ich:/Ich will noch mehr davon/Und um das Leben zu verändern entzündete ich in mir des Lebens Licht.

Der Würfelspieler ist eine knappe Lebensbilanz, mit der Darwish sich einmal mehr in den Kanon der Weltliteratur eingeschrieben hat. Dank der Initiative des deutsch-syrischen Lyrikers und Übersetzers Adel Karasholi, eines langjährigen engen Freundes von Darwish, und dem A1 Verlag liegt der Text nun schon wenige Monate nach dem Erscheinen des Originals auch auf Deutsch vor. Karasholi hat dazu ein schönes, informatives Vorwort geschrieben, das nicht nur den Text einordnet, sondern Neulingen auch Zugang zum Gesamtwerk ermöglicht.

Formal handelt es sich bei dem Langgedicht um eine „Qaside“, wobei hier nicht das relativ starre altarabische Poesie-Genre mit fixen Endreimen gemeint ist, sondern die moderne Version, wie sie im 20. Jahrhundert von zahlreichen modernen arabischen Dichtern als sogenannte „freie Poesie“ entwickelt wurde. Die Kraft dieser Dichtung beruht auf dem Sprachrhythmus, den eindrucksvollen Bildern und auf der Präsenz des lyrischen Ichs. Ein lyrisches Ich, das sich im Fall Darwishs vor allem durch seine Skepsis gegenüber imaginierten oder realen Kollektiven auszeichnet ebenso wie durch seine radikale Kritik an Ideologien und vorgefassten Weltanschauungen.

In den knapp sieben Jahrzehnten seines Lebens hat Mahmoud Darwish die Tragödie des palästinensischen Volkes in all ihren Facetten hautnah erfahren: 1948 von der israelischen Armee vertrieben, musste der spätere Dichter als Sechsjähriger erleben, wie sein Heimatort Al-Birwe von der israelischen Armee dem Erdboden gleichgemacht wurde. Als Sechzehnjähriger saß er zum ersten Mal in einem israelischen Gefängnis, weil er gegen die Unterdrückung der israelischen Araber protestiert hatte. Später, im Exil in Beirut, erlebte Darwish den Ausbruch und die grausamen Gewaltexzesse des libanesischen Bürgerkrieges. Krieg, Belagerung und sinnloses Morden musste er auch nach seinem Umzug nach Ramallah mit ansehen, wo er unter anderem den Ausbruch der zweiten Intifada, die Belagerung von Yassir Arafat und zuletzt den blutigen Bruderkrieg zwischen den palästinensischen Gruppen Fatah und Hamas miterlebte, den er ebenfalls dichterisch verarbeitete.

Nicht wenige Menschen wenden sich vor dem Hintergrund solch einschneidender Vernichtungs-Erfahrungen mit zunehmendem Alter der Religion zu oder machen sich andere sinnstiftende Überzeugungen zu Eigen, um das Unerträgliche bewältigen zu können. Nicht so Mahmoud Darwish. Sein Schreiben ist im Angesicht der Zerstörung eher noch luzider geworden, seine Botschaft glasklar. Es ist tödlich, Menschen ideologische Fesseln anzulegen und sie auf bestimmte Identitäten oder politische Ziele festlegen zu wollen. Worauf es ankommt, ist das Begehren zuzulassen, offen zu sein für die poetischen Möglichkeiten der eigenen und der kollektiven Existenz, die unendliche schöpferische Energie des Menschen, sich immer wieder neu zu erfinden. In diesem Sinn ist dem Spieler Mahmoud Darwish ein letzter großer Wurf gelungen: ‚Dass nicht ausufere der Gesang und der Ton/Nicht versage von Refrain zu Refrain/Dem doppelzeiligen/Da der Schluss einzeilig ist: Es lebe das Leben.’

 

Martina Sabra

 

Mahmud Darwisch (Palästina)

Der Würfelspieler. Gedichte

Zweisprachige Ausgabe

Aus dem Arabischen und mit einem Vorwort von Adal Karasholi

A1 Verlag, München 2009

92 Seiten; Euro

ISBN 978-940666-08-6


Nebeldichter

Zur „Meng Long Shi Pai“ gehört er also, dieser Dichter, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, zur Schule der unverständlichen Nebeldichter. Zhao Zenkai hat diesen Stempel zum Ehrentitel gemacht und in den 1980er Jahren eine Anthologie so benannt. Inzwischen kennt man ihn als Bei Dao mit drei Gedichtbänden auch bei uns, in weiteren etwa 30 Sprachen ist seine „obskure Lyrik“ ebenso präsent. Bei Dao ist ein politischer Dichter, der seit 1989 China nicht mehr betreten darf und dennoch gelesen wird. Allzu nebelhaft findet man ihn wohl nicht.

Im Kontext einer anderen Sprache sieht das schwieriger aus. Die Gedichte enthalten eine stark politisch und weltanschaulich gefärbte Metaphorik und zahlreiche Anspielungen auf aktuelle oder historische Ereignisse in China oder im Exil. Zudem gibt es da noch den inneren Resonanzraum der chinesischen Lyrikgeschichte – da stehen sozusagen alle paar hundert Jahre ein oder zwei Dichter, auf die sich ein Vers oder ein Motiv, ein Titel oder Zitat beziehen kann, und diese beziehen sich wiederum auf andere hinter oder neben ihnen. Wolfgang Kubin verweist darauf, dass sich Bei Dao gewissen Dichtern der Tang-Zeit nahe fühlt. Er hat als Sinologe souveränen Zugang zu dieser Epoche und könnte sie mittels Kommentar eröffnen, aber man scheint ein breiteres Leserinteresse nicht anzunehmen.

Der von Kubin verehrte Philologe Günther Debon hat das in seinen Anthologien anders gesehen. Hier spürt der interessierte Laie durchaus, wie es von von diesen informativen Aussichtspunkten weiter in die Tiefe gehen könnte oder komparativ in die Breite, indem andere Übersetzungen herangezogen werden. Die der herausragenden Dichter Li T’ai-Po oder Tu Fu etwa aus ebenjener Tang-Zeit, von Hans Bethge oder Klabund vielleicht – und würde bei allen inklusive Debon eines finden: die eigene Literaturtradition. Sie übertragen alles sauber in abendländische Gedichtformen, übersetzen lieber auf den Reim als aus dem Fremden und bedienen mit ihren „Nachdichtungen“ den eigenkulturellen Horizont der Hermeneutik.

Das tut nun Wolfgang Kubin mit Bei Dao nicht. Bei Dao hat zwar seine Beziehung zur Tradition, aber bei ihm gibt es auch den Montageschnitt der Moderne oder die surrealistische Traumsequenz, er setzt sublime poetische Bilder des Alltags bruchlos an Verse mit symbolischen Rätseln:

„Das Pferd der Nacht galoppiert über Straßenlaternen dahin / In allen Landen herrscht Klage / Ich sitze in der Kehre des Jahrhunderts / Eine Tasse Kaffee: auf dem Sportplatz / findet ein Fussballspiel statt / Die Zuschauer springen auf und werden zu Raben.“ 

Was mag es bedeuten? Aussichtslos! Doch es gibt eine Spur, die sich durch das Buch der Niederlage und alle Bände mit den von Kubin ausgewählten Gedichten zieht – das ist die vielschichtige Metaphorik von Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, von Erde und Sonne und vor allem das Motiv des Himmels. Es ist nicht unmöglich, deren Hintergründe zu erkennen, und es lohnt sich.        

Martin Zähringer

 

Bei Dao (China)

Das Buch der Niederlage. Gedichte.

Aus dem Chinesischen und mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Kubin.

Hanser Verlag, München 2009

112 Seiten; EUR 14.90

 ISBN 978-3-446-23283-9   


   

 

Die durch die Hölle gehen

„De Niro’s Game“ lautet der Originaltitel dieses beklemmenden, aufwühlenden Erstlings von Rawi Hage, dessen deutscher Titel Als ob es kein Morgen gäbe zwar auch die Perspektivlosigkeit anklingen lässt, um die es geht, der aber nicht annähernd so bezeichnend ist wie die Anspielung im englischen Titel. Thematisiert wird dort nämlich das Russische Roulette in dem Film „Die durch die Hölle gehen“, in dem Robert de Niro einen von drei befreundeten, psychisch vollkommen zerrütteten Vietnamheimkehrern spielt. Auch in Hages verstörendem Debüt gehen Bassam und George, zwei beste Freunde seit Kindertagen, täglich durch die Hölle – das Bürgerkriegs-Beirut Anfang der 1980er Jahre; die Ermordung des Präsidenten und Phalangisten-Führers Bachir Gemayel nach zweiwöchiger Amtszeit findet sich im Text wieder. Der Krieg hat den beiden jungen Männern Familie und soziales Umfeld genommen, sie zu verrohten, „hormongesteuerten Tagedieben“ gemacht. In der totalen Sinn- und Ausweglosigkeit des Kriegsalltags geben sich die beiden Antihelden dem perversen Zeitvertreib des Russischen Roulettes hin und irgendwie erscheint dieser Nervenkitzel grausam einleuchtend – ist doch das ganze Leben nichts als ein schreckliches Spiel, in dem es keine Gewinner gibt, dessen Figuren allesamt traumatisiert, geschunden, von sich selbst und von der Welt entfremdet durch den Tag taumeln, eben so, als ob es kein Morgen gäbe. „Phänomene“ wie Freundschaft, menschliche Bedürfnisse, Empfindungen und Gewissen stehen in Hages eindringlichem Text wie verkohlte Überbleibsel auf verbrannter Erde und gehen beim Lesen umso mehr unter die Haut. Die Sekunde, wenn der Revolver knackt, aber kein Schuss detoniert, gehört zu den seltenen Glücksmomenten – dann ist der Nächste an der Reihe.  Der Autor hat dem Text ein Zitat von Jean Paul Sartre vorangestellt: „Ich habe schmutzige Hände, bis zum Ellenbogen hinauf. Meine Hände sind in Scheiße und Blut getaucht.“ Ging es für Sartres Romanfiguren jedoch darum, nicht davor zurückzuscheuen, sich für eine Ideologie die Hände schmutzig zu machen, so lautet hier die Aufgabe für zwei Freunde, die nichts mehr zu verlieren haben, ganz einfach, sich im allgegenwärtigen Dreck das nackte Überleben zu sichern. Dennoch suchen Bassam und George jeder für sich ein Stück Zukunft. Bassam, aus dessen Perspektive der Roman geschrieben ist, setzt alles daran, sein Land zu verlassen, um dem Horror zu entkommen. George macht „Karriere“ in einer christlichen Miliz und lässt sich schließlich vollkommen instrumentalisieren. Der Bericht über sein Mitwirken an Massakern in palästinensischen Flüchtlingslagern nach der Ermordung Gemayels ist harte Kost. Hages Prosastil besticht. Die – vor allem in der zweiten Hälfte des Romans – sehr cinematografischen, schnell „geschnittenen“ und aus zahlreichen Dialogen bestehenden Sequenzen werden immer wieder von der Poesie in Bassams Halluzinationen abgefangen. Diese (Wahn-)Vorstellungen sind zugleich fantasievolle Verschnaufpausen, Auszeiten aus einer gnadenlosen Wirklichkeit sowie bedrohliche, wirre Alpträume, die das Tempo ein wenig drosseln, die Gedanken abschweifen lassen. Trotzdem bleibt der Text das Musterbeispiel von einem „Pageturner“, er ist ein wahres Stück Spannungsliteratur voller überraschender Wendungen, bei dem wohl der Ruhepuls eines jeden Lesers steigt.

Petra Kassler

Rawi Hage [Libanon]
Als ob es kein Morgen gäbe. Roman
De Niro’s Game, 2006
Aus dem Englischen von Gregor Hens
Dumont, Köln 2009
256 S.; EUR 19.95
ISBN 978-3-8321-8097-3


Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte

Es ist schon verwunderlich, warum dieser Roman des wahrhaft nicht unbekannten Schriftstellers André Brink sechs Jahre lang nicht ins Deutsche übersetzt wurde – immerhin steht ein bedeutendes Kapitel der deutschen Vergangenheit im Mittelpunkt dieses Buchs. Die Schilderungen seien zu grausam, gab Brink im Interview als für deutscher Verleger, den Roman nicht zu publizieren, an. Dabei hätte sich das Gedenkjahr an den Krieg der deutschen Kolonialarmee vor 100 Jahren gegen Herero und Nama schon aus Marketinggründen vorzüglich geeignet, diese literarisch noch wenig beleuchtete Phase des deutschen Expansionsdrangs editorisch aufzugreifen. Und brutaler als manch ein Weltkriegsroman ist Die andere Seite der Stille gewiss nicht.
Der fiktive Erzähler dieser Geschichte macht sich in Bremer Archiven auf die Suche nach Angaben über die Deutsche Hanna X. Das „X“ symbolisiert bereits, dass Hanna eine reale Person gewesen sein könnte, zugleich aber auch stellvertretend steht für eine Vielzahl deutscher Frauen, die einst, zum Beginn der Besiedelung Deutsch-Südwestafrikas, angeworben wurden, damit sie in der Namib deutschen Soldaten oder Farmern den Haushalt führen. Auch Hanna ist dabei, doch beginnt für sie ein Weg, der nur zu Erniedrigung und Vergewaltigung führt. Schließlich wird ihr gar die Zunge abgeschnitten und sie wird in ein abgelegenes Lager namens „Frauenstein“ gesteckt. Im zweiten Teil des Buches kann sie von dort fliehen und zusammen mit einer Freundin zieht sie rächend und mordend durch die Wüste, bis sie ihren allerersten Peiniger stellen und töten kann.
Brink ist dafür bekannt, dass er für seine Romane penibel und exzessiv recherchiert. Dies ist auch diesem Buch anzumerken, das uns detailgenau die Kulisse Namibias vor Augen zaubert. Man spürt geradezu die Hitze, die Trockenheit, hört das Getrappel der Pferdehufe, hört die Schreie, Verwirrung und das Entsetzen, riecht Angst und Schweiß und Blut. Dabei ist die Handlung gerade nicht darauf angelegt,  der Effekte wegen zu schockieren – sie ist einfach nur realistisch und, der Akribie der Recherche entsprechend, weitestgehend authentisch. In namibischen Archiven fand Brink vor Jahren schon sein Material, und er trug diesen Roman jahrzehntelang mit sich im Kopf – immerhin ist er fast 74 Jahre alt.
Es geht ihm in diesem Roman nicht vorrangig darum,  Deutschland anzuklagen, sondern ganz allgemein um das Phänomen des Kolonialismus, der sogar seine eigenen Repräsentanten verschlingt. Und es geht um die Situation der Frauen, die innerhalb einer kolonialistischen Gesellschaft eine weitere kolonisierte Bevölkerungsgruppe darstellen. Hannas Aufbegehren ist daher nicht nur ein Aufbegehren gegen einen Offizier der Kolonialarmee, sondern ein Aufbegehren gegen patriarchale Ordnung überhaupt. Insofern ist Die andere Seite der Stille  nicht nur ein Roman über den Kolonialismus frühester Ausprägung, sondern auch eine verklausulierte Kritik an chauvinistischen Gesellschaftssystemen der Gegenwart.
Derlei Botschaft vermittelt Brink in seinem Roman freilich ganz unaufdringlich und nur zwischen den Zeilen. Der Autor schildert nüchtern, aber präzise, er erzählt ausholend, aber nicht ausschweifend. So wird die Lektüre zu einem spannenden, fesselnden und dabei fast allzu rasch vorübergehenden Lese-Erlebnis. Dazu trägt natürlich auch die Übersetzung durch Michael Kleeberg bei, der das eigene schriftstellerische Empfinden wohltuend anzumerken ist.

Manfred Loimeier

André Brink (Südafrika)
Die andere Seite der Stille
The Other Side of Silence, 2002
Aus dem Englischen von Michael Kleeberg
Osburg, Berlin 2008
411 S.; EUR 19.90; sFr. 38.40
ISBN 3-940731-14-2

Siehe Platz 3 der litprom-Bestenliste Weltempfänger

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Exodus aus Haiti

Der Horizont, die Linie, an der „Himmel und  Erde zusammenkommen“,  ist  nicht selten Projektionsziel von Träumen und Hoffnungen; das ist weltweit so. Louis-Philippe Dalembert hat diese Empfindung zum Ausgangspunkt seines Romans Jenseits der See gemacht und seine Erzählung von genauen geographischen Koordinaten befreit. Weder Zeit noch Ort werden in diesem Roman, der doch eindeutig die Zeitgeschichte Haitis wiedergibt, beim Namen genannt.
Die indirekte Art, von einem und vielen Orten gleichzeitig zu erzählen, gibt dem Roman, der 1998 nach einem gescheiterten Rückkehrversuch des Autors entstand und jetzt auf Deutsch erschienen ist, seinen überzeugenden und außergewöhnlich kraftvollen Ton. Auch die Erzählerin „Grannie“, die rückblickend ihren Lebensweg nachzeichnet, ist in dieses Konzept subtiler Verallgemeinerung eingebunden. Die klar denkende, dem Tod entgegen gehende Großmutter übermittelt ganz im Sinne der in Haiti noch präsenten mündlichen Erzähltradition historische Erfahrung als erlebte Wahrheit und verbindet diese mit ihrer Lebensweisheit. Am eigenen Leib hat sie die Geschichte Haitis erlebt, die Narben von der Flucht zurück über den „Massakerfluss“ trägt sie noch an ihrem Körper. Anschaulich nah wird diese Flucht aus dem Blickwinkel des jungen Mädchens, das Grannie damals noch war, geschildert. Es ist spürbar, wie die scharfen Blätter des Zuckerrohrs die Haut der Fliehenden zerschneiden. Nie aber wird benannt, wann und wo genau dies passiert. Im Zentrum steht die emotionale Realität, die hier authentisch übermittelt wird. Nur: Wer die haitianische Geschichte kennt, weiß, dass dieses Kind vor dem Massaker flieht, das 1937 die Regierung der Dominikanischen Republik an rund 30.000 in den Zuckerrohrplantagen arbeitenden Haitianern verübt hat.
Die Sehnsucht in die Ferne, die zu Beginn geschildert wird, ist nicht nur ein Jugendtraum der Ich-Erzählerin. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch den aus vier Erzählebenen zusammen gefügten Roman. Immer wieder setzt sich Grannie mit der Frage auseinander, warum so viele Haitianer das Land verlassen. Der Exodus des haitianischen Volkes, der unter dem  (namentlich nicht genannten) Diktator François Duvalier begann, hält bis heute an. In der Erzählpassage „Die Stadt“, die nun aus der Perspektive von Grannies Enkel Jonas geschildert wird, rücken die Ereignisse nah an die Gegenwart heran. Jonas erlebt hautnah die zunehmende Verrohung des Volkes. Detailgenau schildert der Erzähler beispielsweise eine „Père Lebrun-Szene“, in der auf der Straße ein Mensch wie in einem brutalen Ritual getötet und mit Autoreifen verbrannt wird.
Schritt für Schritt zeigt Dalembert, der in Paris Journalismus und Literatur studiert hat, wie sich Haiti innerhalb der Lebensphase einer Person verändert hat. Die Kontraste, die zu Beginn der Erzählung und zum Ende hin sichtbar werden, sind ein erschütterndes Zeugnis von der Zerstörung dieser Gesellschaft.

Andrea Pollmeier

Louis-Philippe Dalembert  [Frankreich/Haiti]
Jenseits der See. Roman
„L’autre face de la mer“, 1998
Aus dem Französischen von Peter Trier
litradukt Verlag, Kehl 2008
147 S.; EUR 14.80; sFr. 26.00
ISBN 978-3-940435-05-7

siehe Platz 5 der litprom-Bestenliste Weltempfänger

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Hoffnung lauert überall

Die Geschichte vom Aufstand des Mahdi, des „Rechtgeleiteten“, gegen die Übermacht einer Allianz von Engländern und Ägyptern im Sudan ist ein Stoff, mit dem der Autor Jamal Mahjoub Leser und Leserinnen fasziniert. Die Stunde derZeichen ist sein dritter auf Deutsch erschienener Roman. Können historische Romane wirklich spannend sein? Vor allem, wenn das Vorwissen, die Grundlagen zum Verständnis der Geschichte des Landes fehlen? Es ist verblüffend, aber dieses Buch hat einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Mythos, Magie und ein Drittes, der Sufismus, d.h. die islamische Mystik, sind wichtige Elemente der Erzählstruktur; Zauberei und Legendäres machen die Attraktivität aus, werden jedoch immer mal wieder von der Ratio in Frage gestellt – und ironisiert. Sagenumwobenes und tiefe Spiritualität vertragen sich erstaunlich gut mit den Fakten. Vorzeichen wie zum Beispiel eine schneeweiße Eule oder die epileptischen Anfälle einer Frau namens Noon kehren vom Prolog und dem ersten Kapitel „Am Weißen Nil im Sudan – am 12. August 1881“ an bis zum Schluss leitmotivisch wieder. Um die Jahrhundertwende sind es dann die Signale der Eisenbahn in diesem „Krieg zwischen dem Gestern und Morgen“, welche die Omen ablösen. Und so werden zwei Jahrzehnte detailgetreu gegenüber Land und Leuten, Rebellen und Widersachern behandelt, und die Geschichte endet auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, als manches, wenn auch nur scheinbar, wieder im rechten Gleis ist. Da hat sich einer der jungen Kämpfer aus den 1880er Jahren als Stationsvorsteher an der jüngst erbauten Eisenbahnlinie etabliert und erklärt einen Derwischprediger – Hawi, einer der Protagonisten des Romans – schroff zum Verrückten, ohne zu wissen, dass die Frau, die den Asketen begleitet, eine armselige Erscheinung, jene Noon ist, der er selbst einst zur Flucht aus dem Bordell verholfen hat.

Die Stunde der Zeichen ist als erster Band der  neuen, von Ilija Trojanow herausgegebenen Reihe „Weltlese“ erschienen, und man ist versucht, den Titel von Trojanows Roman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (Hanser, 1996) abzuwandeln, als Kompliment für die Wahl dieses Buchs. Die Rettung liegt in der Hoffnung auf gute erzählende Literatur, mit der die Diversität der unterschiedlichen Welten und Perspektiven mit viel Phantasie zur Sprache gebracht wird. Der Autor Jamal Mahjoub kennt sich im Sudan wie in Europa aus, 1960 als Sohn einer Engländerin und eines Sudaners geboren, in Liverpool und Khartum aufgewachsen, studierte er u. a. Geologie in Sheffield/Yorkshire und lebt heute als Schriftsteller in Barcelona. Auch zur Wahl des Übersetzers ist der Verlag zu beglückwünschen. Zu kritisieren bleibt nur eins: Ein Nachwort fehlt. Bei aller Liebe zu der gelungenen Darstellung des Mahdi-Aufstands – ein Kommentar zu den historisch belegten Ereignissen würde die Lektüre denn doch erleichtern.

Monika Carbe

Jamal Mahjoub [Großbritannien / Sudan]
Die Stunde der Zeichen. Roman

In the Hour of Signs, 1996
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Edition Büchergilde / Weltlese (Hg. Ilija Trojanow), Frankfurt am Main 2008
368 S.; EUR 17,90 sFr 29,90
ISBN 978-3-940111-53-1


Der alte Mann und der Krieg

Kann man über einen bewaffneten Konflikt, der seit vielen Jahren das Bild von Kolumbien beherrscht und über den bereits alles gesagt scheint, noch etwas Neues schreiben? Evelio Rosero ist es gelungen, und mehr noch, er hat die grauenvolle, ausweglos erscheinende kolumbianische Wirklichkeit in einen ganz wunderbaren, einmaligen Roman überführt, der nichts beschönigt, von all der Gewalt, dem Schrecken und der Angst erzählt, und dabei gleichzeitig große Literatur geschaffen hat.

Der Protagonist des Romans, der ehemalige Lehrer Ismael, erwartet vom Leben nicht mehr, als in Ruhe die Zeit mit seiner Frau Otilia verbringen und hin und wieder schönen Frauen nachschauen zu können. Genau wie die meisten anderen Bewohner des kleinen Dorfes San José irgendwo in den kolumbianischen Bergen versucht er, inmitten der alltäglichen Bedrohung ein „normales“ Leben zu führen. Auf seinen Spaziergängen durch das Dorf lernen wir nach und nach einige der Bewohner San Josés kennen: seine schöne Nachbarin, die er so gerne im Garten beobachtet, den Barbesitzer Chepe, einen kauzigen Empanada-Verkäufer, einen Wunderheiler und Menschen, deren Angehörige teils vor Jahren von der Guerilla oder von Paramilitärs verschleppt wurden und die nicht wissen, wovon sie das geforderte Lösegeld bezahlen sollen. Das alles ist alltägliche kolumbianische Realität, genauso wie die regelmäßigen bewaffneten Überfälle auf das Dorf. Ob es sich dabei um Vergeltungsaktionen oder neue Entführungen seitens der Guerilla oder der Paramilitärs handelt, spielt längst keine Rolle mehr für die „einfachen“ Leute, die zwischen den Fronten zerrieben werden, und auch das Militär stellt eher eine Bedrohung als einen Schutz dar. Ismael versucht, all das mit fast stoischer Ruhe hinzunehmen. Erst als der Mann seiner Nachbarin von Uniformierten entführt wird und seine Frau Otilia verschwindet, als sie ihn warnen will, da auch er bedroht scheint, beginnt mit der Suche nach seiner Frau eine alptraumhafte Odyssee für den alten Mann. Während immer mehr Bewohner das Dorf verlassen, verschleppt oder getötet werden, harrt Ismael aus und gerät von einer grotesken Szene in die nächste, bis sich Realität und Wahn immer stärker vermischen. Letztlich hat der Strudel einer Gewalt, die längst keiner noch so geringen Logik mehr folgt und alles mit sich reißt, auch ihn erfasst.

Zwischen den Fronten ist kein explizit politischer Roman. Es ist nicht Roseros Intention, über die vielfältigen Ursachen und Entwicklungen eines jahrzehntelangen Konflikts aufzuklären, und er will auch keine Lösungsvorschläge anbieten. Sein Verdienst ist es vielmehr, den alltäglichen Wahnsinn in einem Land am Abgrund aufgezeigt und dabei große, stilistisch bestechende Literatur und einen Protagonisten, den man nicht so schnell vergessen wird, geschaffen zu haben.

Carsten Regling

Evelio Rosero [Kolumbien]
Zwischen den Fronten.
Roman
Los ejércitos, 2007.
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel.

Berlin Verlag, Berlin 2008
175 Seiten; EUR 19.90, sFr 35.90
ISBN 978-3-8270-0765-0 


Gestrandet im Leben und im Tod

Zehn Wasserleichen, fünfzig, hundert? Wie viele dürfen es denn sein? Fast täglich wird über Flüchtlinge berichtet, die im Mittelmeer ertrinken, Menschen, die im Grunde nichts anderes wollen, als das ihnen zustehende Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit wahrzunehmen, die das aber nicht können, weil Europa dicht macht. Auch wenn man noch so sensibel ist, man kann kaum anders als abstumpfen angesichts des fortwährenden Zählens der Toten, und man kennt sie auswendig, die immer gleichen Erklärungsversuche der Berichterstatter, die gebetsmühlenartig das Lied von der Armut und der Perspektivlosigkeit wiederholen – so als ob jeder, der wenig oder nichts besitzt, deshalb gleich sein Leben aufs Spiel setzen würde. Das gestanzte Sprechen führt dazu, dass die unerhörten Begebenheiten mit der Zeit immer irrealer und fiktiver wirken, viel zu weit entfernt, als dass man sich noch die Mühe machte, nach den einzelnen Schicksalen, nach der Vielfalt der Beweggründe oder gar nach der immensen Trauer zu fragen, mit der die direkt Beteiligten fertig werden müssen.

Youssouf Amine Elalamy lässt einen jedoch nicht so leicht davon kommen. Er reißt den Leser aus dem sicheren Kokon der Klischees, packt ihn im Nacken wie einen jungen Hund und taucht ihn mit der Nase mitten hinein in die komplizierte Wirklichkeit, in „Wörter, die Sachen erzählen, die sich dann auch zutragen; Wörter, die Flecken hinterlassen, die nicht mehr verschwinden“.

Ausgangspunkt der Geschehnisse ist Bnidar, ein winziges Dorf irgendwo an der marokkanischen Mittelmeerküste. Hier treffen sich an einem Aprilsonntag nach Einbruch der Dunkelheit zwölf Männer und eine schwangere Frau, um mit einem Seelenverkäufer nach Spanien überzusetzen. Jeder bringt seine eigene unverwechselbare Geschichte mit. Doch alle haben etwas sehr Existentielles gemeinsam: das vergebliche Ringen um Respekt vor ihrer menschlichen Würde und die immense Sehnsucht nach Freiheit. Da ist der Drogenhändler Jaafar, aufgewachsen in einem Slum in Tanger, der eines Tages mit einer hohen Mauer umbaut wird, damit die Reichen nebenan das Elend nicht mehr sehen. Oder Chama, die unverheiratet schwanger ist und Angst vor der Verstoßung durch ihre Familie hat. Oder der dicke Momo, der wegen seiner Körperfülle gemobbt wurde, und der sich schämt, weil er nicht den Mut aufbrachte, gemeinsam mit anderen gegen die soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mein Leben in einer einzigen Nacht durchqueren würde“, sagt Momo zu seiner Mutter. Und schließlich Louafi, den man wegen seiner langen Haare „das Mädchen“ nennt, und der vor Langeweile und Fernweh nicht mehr ein noch aus weiß. „Manchmal verbrenn ich mich, Mutter, um zu sehen, ob ich noch am Leben bin. Und weißt Du Mutter? Ich lebe noch genügend, um wegzugehen.“ 

Elalamys Figuren sind gestrandet – im Leben wie im Tod. Sie erzählen atemlos, fragmentarisch und oft heftig, aber auch mit einer großen Zärtlichkeit und Poesie. Der Autor, der bisher ein halbes Dutzend Romane verfasst hat, erhielt für dieses Buch den Prix Atlas, einen der höchsten marokkanischen Literaturpreise. Zu Recht.

Martina Sabra

Youssouf Amine Elalamy [Marokko]
Gestrandet

Le clandestins, 2002

Aus dem Französischen von Barbara Gantner
Donata Kinzelbach Verlag, Mainz 2008
145 Seiten; EUR 18.00, sFr 33.00
ISBN 978-3-927069-91-6


 

Letztlich allein

In fünfzehn Geschichten erzählt Cristina Peri Rossi von der Liebe und deren episodenhaftem Charakter. Ein junger Mann, der von seinem Vater auf Europareise geschickt wird, damit er eine unliebe Liebe vergisst. Ein Sohn, der die lesbischen Beziehungen seiner Mutter (schließlich nicht mehr) stumm mitansieht. Männer, die verführerischen jungen Frauen erliegen oder auch nicht. Eine Frau-Frau-Beziehung, bei der nicht mit offenen Karten gespielt wird. Und ein Töchterchen, das seinen Vater, der doch schon unter der Trennung von der Mutter leidet, damit quält, seine Suppe nicht essen zu wollen.
„Endlich allein!“, das kann der freudige Ausruf der Liebenden sein, wenn endlich alle Hindernisse ausgeräumt sind und sie sich in der Intimität in die Arme fallen können. „Endlich allein!“ kann aber auch hinter dem „Schlusspunkt“ (so der Titel einer der abstrakteren Erzählungen) stehen, glückliche Rückkehr in ein Leben ohne Symbiose, wenn man seine Geschichte nicht mehr mit der Version abgleichen muss, die sich der oder die Andere erzählt. Peri Rossi lässt nicht nur die Flammen der Leidenschaft aufflackern, sie zeigt auch, was der ersehnten Zweisamkeit alles im Wege stehen kann: nur allzu bekannte Nebenbuhler, unverhoffte Ehemänner, die lieben Kleinen oder auch nur die Fallstricke der eigenen Psyche.
1941 in Uruguay geboren, seit den 70er Jahren in Spanien lebend, nimmt man Peri Rossi die aus dem Buch sprechende Lebens- und Liebeserfahrung ab. Neben Preisen für ihr essayistisches und belletristisches Werk wurde sie 2002 mit dem Premio Rafael Alberti ausgezeichnet, dem wichtigsten spanischen Lyrikpreis. Die Lyrikerin tritt in diesem schmalen Band in einigen der Texte in den Vordergrund, dabei liefert sie ein gesundes Maß an geschmackvoll in Bildern greifbar gemachten Gefühlen, Parabeln für die Freuden und Fallen emotionaler Bindungen.
Die Übersetzerin Lisa Grüneisen zieht mit und für Cristina Peri Rossi alle Register: Psychologisierend oder poetisch, zart erotisch oder derb mit Arschbacken, knapp und pointiert und verdichtet, manchmal spitzzüngig – die Sprache sitzt, Anverwandlung gelungen! Man meint, den Spaß der Übersetzerin an der Arbeit zu spüren, und das ist immer ein gutes Zeichen.
Dass der schmale Band tatsächlich, wie im Untertitel verkündet, eine Geschichte der Liebe bietet, wagt frau zu bezweifeln. Oder hofft vielleicht mit jüngerem Idealismus auf dauerhaftere Zustände als die erzählten Episoden, gar auf geglaubte Romantik. Klar ist die Wirkung: Peri Rossis Erzählungen verstören eher, als dass sie ernüchtern. Sie werfen Fragen auf, erklären nicht das Warum der Entzweiung (dafür gibt es drei angenehm unaufgeregte Zwischentexte analytischer Natur), erzählen nur anschaulich, was da geschieht. Und unterstreichen die Einzigartigkeit und womöglich schlussendliche Vereinzelung jedes Individuums – als Erzähler der eigenen Geschichte und letztlich auch im Dschungel der Beziehungsgeflechte.
Zur Desillusionierung aber sind Peri Rossis Episoden viel zu kraft- und freudvoll, zu sinnlich, zu lebensverliebt. Und machen so doch wieder Lust auf Liebe!

Silke Kleemann

Cristina Peri Rossi [Uruguay]
Endlich allein! Eine Geschichte der Liebe in fünfzehn Episoden.
Por fin sólos, 2004
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen.

Dörlemann Verlag, Zürich 2008
160 S.; EUR 18.90, sFr. 33.00
ISBN 3-908777-40-3

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Manche Familien sind merkwürdiger als andere

Ein jüdisches Mädchen im Iran vor der Revolution von 1979 schildert seine von gesellschaftlichen Zwängen und Normen sowie familiären Umständen zerstörte Kindheit und Jugend und erzählt gleichzeitig die Geschichte seiner Mutter. Diese kommt aus bescheidenen jüdischen Verhältnissen, findet den vermeintlichen Märchenprinzen und heiratet in eine ebenfalls jüdische, aber steinreiche Familie ein. Ein Albtraum beginnt; die neue Familie behandelt sie mit Verachtung, der Prinz mutiert zum Tyrannen und geht binnen kurzem mit einer Muslimin fremd, um am Ende Frau und Kind zu verlassen. Die Ich-Erzählerin wird in diese Tragödie hineingeboren und erlebt Szenen einer Ehe, die nie stattgefunden hat. Im Laufe der Zeit verliert sie bezeichnenderweise ihr Gehör – der verzweifelte Versuch des Ausbruchs aus einem psychischen Martyrium.
Die Autorin Gina Nahai wurde 1961 in Teheran als Tochter iranischer Juden geboren und kam 1977 in die USA. Dort gilt sie als politische Stimme der iranischen Juden. Als Jüdin im Iran galt sie meist als Nicht-Iranerin, in Amerika fühlt sie sich nicht unbedingt amerikanisch, und ihre Großmutter ist französische Katholikin. Diese kulturelle Heterogenität zeichnet sich deutlich in ihren Büchern ab. Es gehe ihr darum, Einblicke in weithin Unbekanntes zu gewähren, ihre Leser an fremde Orte, zu fremden Menschen zu begleiten. Nach der Inszenierung kurdisch-iranischer Juden inmitten christlich-amerikanischer Fundamentalisten in Sunday’s Silence (Harcourt 2001) eröffnet Nahai in ihrem vierten Roman Regen am Kaspischen Meer den Zugang zur Welt der iranischen Juden in den 60er und 70er Jahren. Gleichzeitig sei ihr wichtig, so die Autorin, dass man im Fremden immer auch etwas von sich selbst wiederfinden kann. Und das gelingt ihr. Die Lektüre macht zum einen neugierig auf die Alltagswelt, die Traditionen und die Geschichte einer Minderheit, von der Ende der 70er Jahre 100.000, heute nur noch 25.000 Menschen im Iran leben – einem Staat, dessen Präsident den Holocaust leugnet und erklärte, Israel von der Landkarte tilgen zu wollen. Zum anderen erzählt das Mädchen Yaas ganz einfach sein eigenes Leben sowie das seiner Mutter Bahar, zwei Existenzen geprägt von Desillusion, Lieblosigkeiten und unmöglichen Fluchten aus frustrierenden Beziehungen. Die ganze Tragik deutet sich am Anfang des Romans bereits an, als Yaas erklärt: „Obwohl ich das Ende immer schon kenne, bevor ich das erste Wort gesagt habe, gefällt mir das Spiel mit den Möglichkeiten; der Gedanke, dass bei jedem neuen Erzählen ein anderer Schluss möglich ist.“ Eine Strategie, die nur in der Fantasie funktioniert, und Yaas muss feststellen, was keinem unbekannt sein dürfte: „Manche Familien, das weiß ich inzwischen, sind merkwürdiger als andere.“
Regen am Kaspischen Meer ist ein mitreißendes, einfühlsames und berührendes Buch, das die individuellen Schicksale der Protagonistinnen in einem von Männern dominierten Umfeld so eindringlich schildert, dass sie dem Leser unter die Haut gehen. Die vielen kurzen Kapitel lesen sich schnell; es ist ein Roman, den man verschlingt. Aber er steckt gerade wegen seiner Emotionsgeladenheit auch voller „Kitschklippen“, die die Autorin immer wieder umsegeln muss, was die Lektüre teilweise etwas anstrengend gestaltet. Denn das ein oder andere Mal ist der Schiffbruch schon recht nahe, wenn Nahai in allerletzter Sekunde das Ruder noch herumreißt.

Petra Kassler

Gina Nahai [USA/Iran]
Regen am Kaspischen Meer.

Caspian Rain, 2007
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

marebuchverlag, Hamburg 2007
318 S.; EUR 19.90, sFr. 34.90
ISBN 978-3-86648-077-3

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