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LESESTOFFE - zur Lektüre wärmstens empfohlen

Steigen Sie ein!

Chalid al-Chamissi (Ägypten): Im Taxi. Unterwegs in Kairo

(aus dem Arabischen v. Kristina Bergmann, Lenos 2011)

In schlichter Prosa berichtet der aus der ägyptischen Oberschicht stammende Erzähler in 58 kurzen, pointierten Episoden von seinen häufigen Taxifahrten in Kairo. In Chalid al-Chamissis Erzählband scheinen die Taxifahrer geradezu erzählwütig zu sein. Der halböffentliche Raum des beliebtesten Kairoer Verkehrsmittels bietet in einer unfreien Gesellschaft die perfekte Möglichkeit, der Empörung über die verlogene Politik und die kafkaeske Bürokratie freien Lauf zu lassen, oder auch nur über die Stadtgerüchte zu plaudern. Ohne zu werten, lässt der Erzähler seine Gesprächspartner – alte und junge, Muslime und Kopten – um den Fahrpreis feilschen, apolitische und politische Witze machen, von ihren familiären Freuden und Sorgen sprechen…

Offenbar hat al-Chamissi mit seinem 2007 im Original erschienenen Buch den Nerv der Zeit getroffen – es ist in seiner Heimat sehr beliebt und gilt als ein Vorbote des Arabischen Frühlings. Der Autor will weder eine politische Theorie schmieden, noch besonders anspruchsvoll schreiben – der Text ist nicht mehr und nicht weniger als eine desillusionierte und sympathievolle Bestandsaufnahme der ägyptischen Gesellschaft. Im Lichte der neuesten Ereignisse gewinnt dieser kurzweilige Band an politischer Brisanz. Wenn Sie sich mittendrin in Kairo kurz vor dem großen Umbruch fühlen wollen, steigen Sie ein!

Vera Kurlenina


litproms WeihnachtsausLESE

Die Weihnachtsfrauen von litprom verraten, welche Lektüre sie wem und warum unter den Christbaum legen.

Eins der lustigsten Bücher von Mário Vargas Llosa

Mário Vargas Llosa (Peru): Tante Julia und der Schreibkünstler

(aus dem Spanischen v. Thomas Brovot, Suhrkamp 2011)

Ich verschenke ein Buch des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa, aber nicht das neueste, sondern eins seiner ersten und besten und lustigsten! Tante Julia und der Schreibkünstler, soeben in neuer Übersetzung erschienen. Der kleine Varguitas hat tatsächlich im zarten Alter von 18 seine Tante geheiratet, aber das ist noch lange nicht die ganze Geschichte ...

Anita Djafari


Gikuyu, englisch und nun auch auf deutsch

Ngugi wa Thiong'o (Kenia): Herr der Krähen

(Aus dem Englischen v. Thomas Brückner, A1 Verlag 2011)

Ich habe Ngugis Wizard of the crow auf Englisch gelesen, kurz nachdem der Roman 2006 erschienen war. Der Autor hat ihn selbst ins Englische übersetzt, nachdem er ihn ursprünglich auf Gikuyu verfasst hatte. Das Buch hat mich gleichermaßen zum Lachen wie zum Nachdenken gebracht und nun, da es dieses Jahr auf Deutsch erschienen ist, verschenke ich es gern weiter - ein tolles Weihnachtsgeschenk für eine anspruchsvolle Leseratte!

Antje te Brake


Ein alphabetisch geordnetes Chaos

Zé do Rock (Brasilien): Jede sekunde stirbt ein nichtraucher. a lexikon üba vorurteile un andre teile

(A1 Verlag 2009)

Ich verschenke das etwas andere Nachschlagewerk – jede sekunde stirbt ein nichtraucher. a lexikon üba vorurteile un andere teile von Zé do Rock. Der Autor, Brasilianer und Wahlmünchner, leidet nach seiner Selbstdiagnose an „sprachparkinson“ und macht aus dieser angeblichen Not eine literarische Tugend. In seinem ersten Roman fom winde ferfeelt besucht der Erzähler „104 lender und 16 gefängnisse“ und schlägt nebenbei eine radikale Orthographiereform des Deutschen vor. Im lexikon führt er seine schwindelerregenden Sprachexperimente fort („Wenn die texte andre lander o sprachen betreffen, zum exemple franceusîche, Cannes es goût Seine, dass si formes disère sprachen ûbèrnême“), nimmt Nationalstereotypen auf die Schippe und empört sich über die Hexenjagd auf die Raucher… Ein urkomisches, alphabetisch geordnetes Chaos zum kreuz und quer lesen an den Feiertagen.

Vera Kurlenina


Ein Buch, das man vielleicht erst nach Weihnachten anfangen sollte ...

Deon Meyer (Südafrika): Rote Spur

(Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer, Rütten & Loening Verlag Berlin 2011)

Zum Glück rechtzeitig vor Weihnachten ist der neue Roman von Deon Meyer erschienen, so dass ich mich vorher selbst davon überzeugen konnte, dass er wirklich wieder ein ideales Geschenk ist.
Einer der vier verschiedenen Handlungsstränge ist im Milieu des südafrikanischen Geheimdienstes angesiedelt, bei dem das Gerücht umgeht, dass ein islamistischer Anschlag geplant sei, und auch die CIA kommt noch ins Spiel. Daneben führt aber auch eine Schmugglerin alle hinters Licht. Dem Bodyguard Lemmer, der einem aus Weißer Schatten noch sehr vertraut ist, kommt seine Waffe abhanden und er setzt alles daran, sie sich zurückzuholen, um nicht für Morde zur Verantwortung gezogen zu werden, die damit begangen wurden.
Neben der atemberaubenden Spannung wird man auch von der Vielfalt des Landes, das so unterschiedliche Facetten aufweist, in Bann gezogen. Das Buch schaffte es im Dezember auch gleich auf Platz 1 der "KrimiZeit-Bestenliste" und auf Platz 4 des Weltempfängers Nr. 13.
Eine Gefahr birgt das Geschenk allerdings: Sollte der Beschenkte noch an Heiligabend zu lesen anfangen, verpasst er vielleicht den Rest von Weihnachten, denn man schafft es kaum, das Buch wieder aus der Hand zu legen.

Corry v. Mayenburg


Gute Unterhaltung zum Jahreswechsel

Elizabeth Subercaseaux (Chile): Die Geliebten

(Aus dem Spanischen v. Maria Hoffmann-Dartevelle, Pendo 2011)

Ich verschenke den Roman Die Geliebten der chilenischen Bestsellerautorin  und Journalistin Elizabeth Subercaseaux. Nach ihrem 2009 mit dem LiBeraturpreis ausgezeichneten Debüt Eine Woche im Oktober und dem zweiten Roman Eine fast perfekte Affäre, ist dieses dritte auf Deutsch erschienene Buch ihr wohl virtuosestes. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf ein Geschehen machten schon den Reiz der beiden vorangegangenen Texte aus. Noch komplexer wird diese Liebes- bzw. Kriminalgeschichte in Vor- und Rückblenden von verschiedenen Orten aus und aus wechselnden Perspektiven erzählt.
Die Geliebten ist ein ausgesprochen spannender Roman über die alles verändernden Kräfte Liebe und Liebschaft, Zufall und Schicksal, den man in einem Rutsch durchlesen kann, um so bestens unterhalten im neuen Jahr anzukommen.

Zazie Rempe


Am besten erst selbst lesen, dann mehrfach verschenken

Claudia Piñeiro (Argentinien): Der Riss

(Aus dem Spanischen v. Peter Kultzen, Unionsverlag 2011)

Man nehme eine Leiche, einen Mann mittleren Alters, die Architektur Buenos Aires', den Riss in einer Hauswand, ein biederes Familienleben, ein schönes Mädchen und mache daraus einen Roman! Das Ergebnis ist ein perfektes Geschenk – es bietet viele Lesarten und wird daher die unterschiedlichsten Geschmäcker bedienen, wie z.B. Freunde des entlarvenden Gesellschaftsromans. Angesiedelt ist die Story im gehobenen argentinischen Bürgertum, in dessen Gebälk es unangenehm knirscht und knarrt. Geliefert wird zudem das Psychogramm eines gelangweilten Architekten Mitte 40, der nicht weiß wohin mit sich und seinen Illusionen. Wer einmal literarisch durch die argentinische Hauptstadt spazieren möchte oder sich gern mit Beziehungsstörungen auseinandersetzt, kommt ebenfalls auf seine Kosten; findet der Mittvierziger doch keinen Ausweg aus seinem spießigen, eintönigen Familienleben und schon gar nicht hinaus aus dem Bett seiner nervenden Frau, derer er längst überdrüssig ist. Nicht zuletzt ist Der Riss ein höchst spannender Psychokrimi, der ohne die typischen Merkmale des Genres auskommt und ganz einfach mit einem stilistischen Dauerton des Unbehagens und der Bedrohlichkeit Fans der Gattung faszinieren wird. Sollte an Weihnachten kein Claude Chabrol im Fernsehen laufen, kann man getrost auf dieses Buch zurückgreifen – so man es denn unterm Baum hatte.

Petra Kassler


Für die Kleinen

Ken Kimura (Text)/ Yasunari Murakami (Illustrationen): 999 Froschgeschwister ziehen um

(Aus dem Japanischen von Hana Christen, NordSüd Verlag 2011 / ab 3 Jahren)

Weihnachtsgeschenke bekommen bei mir nur die Kinder! Meiner 3-jährigen Nichte schenke ich 999 Froschgeschwister ziehen um – eine ganz reizende Geschichte über viel zu viele Frösche, die einen neuen Teich finden müssen, was natürlich sehr gefährlich ist, aber Dank der Tapferkeit der Geschwister gut klappt.

Eva Massingue


„ach da kommt mein rilke-shake mit amour & schoko pur“

Angélica Freitas (Brasilien): rilke shake

(aus dem brasilianischen Portugiesisch v. Odile Kennel, luxbooks 2011)

Angélica Freitas zählt zu den „jungen Wilden“ der brasilianischen Lyrik. Statt hermetische Gedichte zu schreiben, entdeckt sie neu die Lust am anarchistischen Sprachspiel. In ihrer lyrischen Welt sind von Karies befallene Zähne, zerbrochene lesbische Beziehungen und Zitate aus der Weltliteratur zu einem köstlichen Cocktail vermischt. „gegen herzschmerz hilft allein/ rilke-shake bei fackelschein“, mit Gertrude Stein ist sie zu einem Rendezvous in der Badewanne verabredet, und gegen „unfälle mit mallarmé“ erlässt sie ein „statut der entmallarmierung“.
Portugiesischsprachige Leser werden sich an manch einem glücklichen Einfall der Übersetzerin Odile Kennel erfreuen, für die zwei Grundsätze gelten: „Erstens, mit etwas Spieltrieb ist alles übersetzbar, und zweitens, der Sinn ist dehnbarer als die Form“. Aber ich möchte dieses schöne himmelblaue Bändchen nicht nur Brasilien-Kennern, sondern allen Lyrikliebhabern ans Herz legen, zumal Angélica Freitas der deutschsprachigen Tradition sehr nahe steht. Zu ihren Inspirationen zählen Christian Morgenstern, Kurt Schwitters und die konkrete Poesie.
Hier eine Kostprobe:

luftleben

wie sehr willst du das, sag schon, mit mulmigem magen,
frei schnauze den norden bestimmen, dir unbeirrt alles vom hals
halten, was ohne belang, über den tellerrand schaun, dich hastig,
was soll’s, um kopf und um kragen reden, dich schulter an schulter
mit dem schutt in den schmutz setzen, nun sag schon, mit mulmigem
magen, wieviel verschwendete zeit, wie viel schotter im portemonnaie,
wie viele ungelesene bücher, wie viel minuten wartezeit, wie viel von
karies befallene zähne, nun sag schon, wie sehr du das willst,
wohin ich’s dir schicken und ob ich’s dir einpacken soll

Vera Kurlenina


Die Hölle war nicht traurig

Mahi Binebine (Marokko): Die Engel von Sidi Moumen

(aus dem Französischen v. Regula Renschner, Lenos 2011)

Am 16. Mai 2003 sprengten sich in Casablanca vierzehn Jugendliche in die Luft. Vierzig Menschen sind gestorben, Hunderte wurden verletzt. Die Selbstmordattentäter stammten aus dem riesigen Bidonville Sidi Moumen in den Vororten der Stadt. Wir sind inzwischen derartige Nachrichten gewohnt und reagieren darauf empört oder auch gleichgültig. Mahi Binebine gewährt mit seinem Roman einen ganz anderen Zugang zu dieser Geschichte und ihren Helden. Jaschin erzählt von dem täglichen Wühlen in den Müllbergen, seinen Kameraden, seiner Leidenschaft für Fußball – und seinem Tod. Das Paradies, welches ihm die islamistischen Seelenfänger versprochen haben, hat er nicht gefunden, und die irdische Hölle von Sidi Moumen – sie war nicht traurig („L’Enfer n’était pas triste“ – so warb der französische Verlag Flammarion für das Buch). Viele Episoden sind berührend, heiter, ja sogar komisch. Ich fühlte mich den Figuren nahe und konnte so auch nachvollziehen, warum die Jugendlichen in ihrer ausweglosen Situation das Paradiesversprechen glaubten.
Der Roman hat auch seine Schwächen. Im literarischen Jenseits soll Jaschin das erhalten, was er in seinem Leben nie hatte – eine eigene Stimme und einen Überblick über die Zusammenhänge seines Lebens. Immer wieder scheint aber nicht das analphabetische Slumkid, sondern der aufgeklärte Autor das Wort zu führen. Zuweilen wird die Erzählung zu einer direkten politischen Anklage. Trotzdem möchte ich Die Engel von Sidi Moumen zur Lektüre empfehlen – eine tragikomische Geschichte, die die Spannung hält.

Vera Kurlenina


Alicia überlebt

Laura Restrepo (Kolumbien): Die Insel der Verlorenen.

(Aus dem kolumb. Spanisch v. Elisabeth Müller, Luchterhand 2011)

Ein junger Hauptmann und seine noch jüngere Frau Alicia sowie einige Soldaten kommen 1908 auf der winzigen Felseninsel Clipperton an. Dort – irgendwo vor der mexikanischen Pazifikküste – sollen sie das mexikanische Territorium verteidigen.
Angreifer von außen sind weit und breit nicht in Sicht, dafür sehen sich die Inselbewohner jedoch anderen Problemen gegenüber: Die Versorgungsschiffe kommen nicht pünktlich (in den Wirren der mexikanischen Revolution steht Clipperton nicht an erster Stelle der Prioritätenliste), ein heftiges Unwetter vernichtet fast sämtliche Errungenschaften (einen Garten mit herbeigeschaffter Erde z. B.), die Disziplin der Truppe leidet, schließlich kommt es zur Katastrophe.
Doch Alicia überlebt. Wie, das beschreibt Laura Restrepo in spannender Prosa. Dabei flicht sie die Ergebnisse ihrer Recherchen und Gespräche mit Nachfahren der Inselbewohner ebenso mit ein wie Erzählkunst und Phantasie.
Dass wir dies auch auf Deutsch genießen können, ist der Übersetzerin Elisabeth Müller zu verdanken. Nach Land der Geister hat sie auch dieses – bereits 1999 auf Spanisch erschienene Werk der kolumbianischen Autorin hervorragend ins Deutsche übertragen.

Antonia Stock


Zauberhafte Intrigen aus der Provinz

Antonio Skármeta (Chile): Mein Vater in Paris

(Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold, Graf 2011)

Protagonist des gerade einmal 96 Seiten umfassenden Werkes ist Jacques: ein junger Lehrer, der abends französische Gedichte übersetzt, ein Faible für seine Nachbarin Teresa hegt und – seit dem Weggang des französischstämmigen Vaters nach Paris – alleine mit seiner Mutter in einem „gottverlassenen“ chilenischen Dorf lebt. Augusto, Teresas jüngerer Bruder und Schüler Jacques’, bietet diesem seine Kupplerdienste an, sollte er ihn nur einmal mit in ein Bordell im nahegelegenen Provinzstädtchen Angol nehmen. Jacques, der ebenso wie Augusto keine Erfahrungen mit Freudenhäusern hat, will dies bei einem Ausflug dorthin nachholen, wobei er auf seinen verschollen geglaubten Vater trifft. Dieser trägt ein Baby bei sich und, wie sich noch herausstellt, kennt Jacques die Mutter nur zu gut.
Als Regisseur seines eigenen Stücks arrangiert Jacques seine „Helden“ und nicht nur er wird zum atemlosen Beobachter, wobei er seinen Plan bis zum Schluss für sich behält.

Antonio Skármetas Geschichte über den verloren geglaubten Vater, Liebesverwirrungen, die Illusionen der Männer und das Leben inmitten von Armut und Intrigen ist unglaublich präzise und aufs Wesentliche beschränkt, ohne viel Schnick-Schnack – aber doch mit genug, als dass es poetisch romantische Emotionen und die Hoffnung auf ein Happy End weckt. Sehr dicht ist die Handlung des Büchleins, dabei sehr leicht, absolut kurzweilig und auch optisch ist es wahrlich zauberhaft, dass ich es uneingeschränkt empfehlen möchte.

Sylvia Mohrhardt


Keine simple Anklage

Salma (Indien): Die Stunde nach Mitternacht

(Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler; Draupadi Verlag 2011; mit einem sehr informativen Vorwort von Kannan Sundaram)

Anlässlich einer Tagung bekam ich den umfangreichen Roman Die Stunde nach Mitternacht der südindischen Autorin Salma in die Hand gedrückt. Über Salmas Leben wusste ich einiges noch vom Gastlandauftritt Indiens 2006. Salma musste nach ihrer frühen und ungewollten Eheschließung heimlich und unter Pseudonym schreiben und immer die Konsequenzen der Entdeckung fürchten. Wie viele Mitglieder einer andersgläubigen Minderheit, Salma ist Muslima, in einem besonders strengen und traditionellen Umfeld aufgewachsen, war ihre Liebe zur Literatur und mehr noch ihr Wunsch selbst zu schreiben „unerhört“ und strikt untersagt. Wie sie es schaffte, doch zu schreiben und letztendlich anerkannte Politikerin zu werden, ist selbst Stoff für einen Roman.
Salma hat aber in Die Stunde nach Mitternacht etwas ganz anderes geschrieben: Eine genau beobachtete, mit großer Empathie, aber auch psychologischem Scharfblick aufgeblätterte Chronik einer Gruppe von Frauen. Ihr Leben wird bestimmt von religiösen Zwängen und Regeln, von Traditionen und Bräuchen, von Arbeiten im Haus, Kochen und den Kindern. Zwischen ihnen gibt es mannigfaltige Beziehungen, Feindschaften und innigste Freundschaften, Missverständnisse, Träume und Niederlagen. Fast erinnert diese Fülle an Personen und Gefühlen an die großen russischen Romane und wie bei diesen erleichtert ein selbstgemalter Stammbaum den Durchblick.
Salmas Buch ist keine simple Anklage, es ist eine genau beobachtete, detailreiche Studie, die viele Einsichten ermöglicht und mir in diesem eher verregneten Sommer doch einiges an Ferienfreude schenkte.

Eva Massingue


Fern von Klischees

Abdelkader Djemaï (Algerien/Frankreich): Gare du Nord

(Aus dem Französischen von András Dörner, Sujet Verlag 2011)

Bonbon, Bartolo und Zalamite sind drei Chibanis im Rentenalter, die gemeinsam, routiniert und gemächlich ihrem Lebensabend entgegengehen. Täglich drehen  die nordafrikanischen Exilanten zu Fuß ihre Runde, es bleibt immer die gleiche, nur verlangsamt sich das Tempo: von ihrem gemeinsam bewohnten Altenheim „Heim der Hoffnung“, durch das Immigrantenviertel von Paris, zum Feierabendbier in ihrem Stammbistro „Grüner Krug“, zum Gare du Nord, der eine besondere Faszination auf sie ausübt sie beobachten die Züge, die sie nicht werden besteigen können, und genießen die flirrende Stimmung, die so gänzlich im Gegensatz zu ihren eigenen Leben steht. Der Beschluss Bonbons, die französische Heimat zu verlassen und seine Familie in Algerien zu besuchen, ist der Wendepunkt in diesem sehr unaufgeregten Plot, der in großem Maße durch seine Sprache besticht und hieran an Dichte gewinnt.
Dieses erste in Deutschland erschienene Buch des Exil-Algeriers Abdelkader Djemaï finde ich absolut lesenswert. Die Geschichte der drei Protagonisten – der Fremden in der Fremde – am Ende ihres Lebens spielt fernab jeglicher Migrantenklischees und wird würdevoll, fast zärtlich erzählt. Nicht trübsinnig ist sie, die Geschichte der alternden Freunde, aber melancholisch, wunderschön geschrieben und einfach ergreifend.

Sylvia Mohrhardt


Der Friseur von Harare

Tendai Huchu: (Simbabwe/ England): Der Friseur von Harare

(Aus dem Englischen von Jutta Himmelreich, Peter Hammer 2011)

Tendenziell bin ich eher skeptisch, wenn Männer aus der Perspektive einer Frau schreiben, so wie Tendai Huchu in Der Friseur von Harare. Aber dann hat mir der Roman doch so gut gefallen, dass ich ihn innerhalb eines Tages komplett verschlungen habe – ein echtes Lesevergnügen! Er handelt von einem Friseursalon in Harare, in dem die Ich-Erzählerin Vimbai aufgrund ihrer hervorragenden Leistungen die ungekrönte Königin ist – bis ihr plötzlich ein junger Mann (!) die Show stiehlt.
Faszinierend fand ich zum einen die erfrischende Leichtigkeit, mit der die Geschichte von Vimbai erzählt wird – obwohl es um den Überlebenskampf einer jungen alleinerziehenden Frau geht, von der ihre Familie nichts mehr wissen will, um Konkurrenzdenken, um die absurde Inflation in Simbabwe, wo Geldscheine nur noch als backsteingroße Bündel den Besitzer wechseln, um Vorurteile gegenüber Leuten vom Land, um gesetzlich verankerte Homophobie und die selbstverständliche Ausbeutung junger Frauen durch (reiche) Männer. Faszinierend fand ich aber auch die Selbstreflexionen der Ich-Erzählerin, die oft um ihr Fehlverhalten weiß, letztendlich aber doch unfähig ist, es zu ändern.
Wer allerdings das Erfolgsrezept des besten Friseurs von Harare erfahren möchte, muss das Buch schon selbst lesen – es besteht jedenfalls nicht darin, der Kundin das Gefühl zu geben, eine Weiße zu sein, wie Vimbai immer angenommen hatte ...

Antje te Brake


Ob Ich ein anderer ist?

Leïla Marouane (Algerien/Frankreich): Das Sexleben eines Islamisten in Paris

(Aus dem Französischen von Marlene Frucht, Edition Nautilus 2010)

Mohamed alias Basile ist kein Islamist, er ist „halt irgendwie“ Muslim, der vergisst, wann Ramadan ist und einen Whiskey nach dem anderen schlürft, mit 40 noch bei seiner Übermutter in der Pariser Banlieue wohnt und das Bankergehalt hübsch auf die Seite legt. Sexleben hat er auch keins – hätte er jedoch gerne! Und zwar ausschließlich mit tabulosen, hellhäutigen Europäerinnen. So also beschließt Mohamed, ein Algerier mit französischer Nationalität, zu dem Zeitpunkt, wo man(n) schon mal eine Midlife Crisis haben kann, ein neues Leben als begehrenswerter Schriftsteller anzufangen. Er mietet sich eine schicke Wohnung, gibt sich einen französischen Namen, glättet sein Haar und verlässt das Hotel Mama – in dem Glauben, die Welt, besonders die weibliche, rund um Saint-Germain-des-Prés gehöre fortan ihm.
Was nun tatsächlich beginnt, ist ein albtraumartiges Identitätschaos, eine schizophrene Hölle, geschürt durch Schlaftabletten und Alkohol, die dem völlig frustrierten, sexuell unbefriedigt bleibenden Mohamed in seiner Verzweiflung und Einsamkeit der einzige Ausweg sind. Täglich grüßt ihn das Murmeltier: Den Weg in sein Bett finden bei jedem Versuch lediglich Maghrebinerinnen, die ihn am Ende aber doch nicht so recht ranlassen, und mit seiner Familie bricht Mohamed jeden Sonntag aufs Neue, wenn er wieder das gemeinsame Mittagessen und Gebet in der Moschee verpeilt, weil er in seinem inzwischen verlodderten "Versailles" wie er sein Domizil nennt komatös seinen Rausch ausschläft.
Die eher schräge Komik der Wiederholung macht diesen bösen Roman so reizvoll; die exakte Schilderung, wie ein Mensch völlig wahnsinnig werden kann, nicht mehr weiß, wer und was er ist, Fiktion und Realität nicht mehr trennen kann, macht ihn so spannend und nervenaufreibend, dass man ihn nicht aus der Hand legen kann.
Hinzu kommt ein Verwirrspiel mit literarischen Verweisen, bei dem die Autorin sich selbstironisch in die Erzählung einbringt, derweil Mohamed versucht, sein Leben zu schreiben und dabei die Kontrolle über seine Figuren verliert – oder sind diese am Ende doch nicht erdacht, sondern wirklich? Sind die wirklichen vielleicht doch nur erdacht? Wer kennt sich aus? Mohamed und Basile nicht mehr.

Petra Kassler


Schweigen wäre die Fortsetzung der Zerstörung

Yanick Lahens (Haiti): Und plötzlich tut sich der Boden auf. Haiti, 12. Januar 2010

(Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich, Rotpunktverlag 2011)

Die haitianische Autorin Yanick Lahens fand Worte zunächst zu schwach, um die Erlebnisse des schweren Erdbebens vom 12. Januar 2010 angemessen ausdrücken zu können. Doch dann las sie die Berichte in den internationalen Zeitungen: Typische Haiti-Klischees hatten sich bereits über die Bilder von Trümmern und Leichen geschoben. Ihr wurde klar, dass Schweigen das Zerstörungswerk des Bebens fortsetzt. Also begann sie zu schreiben.
Entstanden ist ein Werk, das den Finger auf Wunden legt und mit komplexem Hintergrundwissen beschreibt, warum in Haiti die Folgen des Erdbebens so unverhältnismäßig grausam waren. Die eigene Gesellschaft wird in dieser Analyse ebenso wenig geschont wie die internationale Weltgemeinschaft.
Ungewöhnlich ist der Stil, den Yanick Lahens für ihre Annäherung an die Geschehnisse wählt. Sie mischt Teile einer Chronik mit analytischen und fiktiven Passagen. So erzählt sie von einem Liebespaar, das in ihrer Vorstellung schon real durch Port-au-Prince wandelte. Der Ort, an dem die Erzählung stattfinden sollte, lag nun in Trümmern. Fragmente dieser Erzählung sind Teil des Erdbeben-Buches und liegen als Mosaikstein neben dramatischen Bildern von Verschütteten, die unter Betonplatten nur noch wenige Tage via Handy erreichbar waren. Geschickt hat Lahens die unterschiedlichen Erzählweisen zusammengeführt und so ermöglicht, emotionale und analytische Blickperspektiven zusammen zu binden. Auf diese Weise protestiert die Autorin auf kluge, würdevolle Art gegen den Niedergang ihrer Heimat: „Port-au-Prince war ausgeliefert, bloßgelegt, nackt, aber schamlos war Port-au-Prince keineswegs. Schamlos war die erzwungene Entblößung. Schamlos war und ist die skandalöse Armut. Eine Armut, die der Lauf der Welt mit sich gebracht hat.“

Andrea Pollmeier


Einfach nur schön

Il Sung Na: Schhh... Das Buch vom Schlaf

(Aufbau Verlag 2011)

Einfach wunderschön ist dieses Bilderbuch des Südkoreaners Il Sung Na. Alle Tiere schlafen: Dicke Elefanten schnarchen laut, Pferde träumen im Stehen; der Fisch schließt nie die Augen, riesige Giraffen schlummern mit dem Kopf auf den Wolken und tun dies gern allein, Pinguine hingegen müssen kuscheln; der geblümte Wal kann schlafen und schwimmen gleichzeitig ... Und über all diese nächtlichen Gewohnheiten wacht die gute Eule, mit ihrem aufmerksamen Blick, dem nichts entgeht. Erst wenn alle morgens wieder putzmunter sind, kann sie beruhigt die Lider senken.
Schon für die allerkleinsten Bücherwürmchen ist diese Gutenachtgeschichte mit ihren wunderbar kunstvollen Illustrationen, mit denen man nur zu gerne das Kinderzimmer dekorieren würde, ansprechend – so verspielt sind die Farben und Formen, so nett und freundlich die fantasievollen Details. Mein Sohn, der übrigens auch am helllichten Tag diesen echten Schatz aus dem Regal zieht, würde das verträumte, ruhige Buch sicher allen Kindern empfehlen, die sich eine wachsame Eule für ihren Schlaf wünschen. Und für die Erwachsenen: Auch die Website des Autors ist einen Besuch wert: www.ilsungna.com.

Petra Kassler


Falsche Fährten im südlichen Afrika

Michael Stanley (Südafrika): Kubu und der zweite Tod von Goodluck Tinubu

(Aus dem südafrikanischen Englisch von Stefanie Schäfer, Eichborn Verlag 2011)

In der einsam gelegenen Ferienanlage Jackalberry Camp im Okavango Delta werden zwei Gäste ermordet – ein dritter verschwindet bei Nacht und Nebel. Schnell wird dieser zum Hauptverdächtigen erklärt und über die Grenzen hinweg in den Nachbarländern Simbabwe und Südafrika gesucht. Als ein dritter Mord geschieht und das Camp wiederholt überfallen wird, wird dem ermittelnden Superintendent Kubu klar, dass er einer verkehrten Spur folgt. Falsche Zeugenaussagen, ein Toter, der sich als südafrikanischer verdeckter Ermittler entpuppt und immer mehr Hinweise auf den Norden Botswanas als Drogenumschlagplatz bestärken ihn in seinen Zweifeln. Als schließlich seine Schwägerin von Drogenhändlern entführt wird, macht Kubu seinen Namensvettern, den Flusspferden, alle Ehre: Der sonst als gemütlich und friedfertig bekannte Polizist zieht andere Saiten auf und verteidigt aggressiv seine Familie. Nicht von ungefähr zählen Flusspferde zu den gefährlichsten Großtieren Afrikas und verursachen mehr Todesfälle als Löwen oder Krokodile.
Kubus zweiter Kriminalfall ist ein von dem südafrikanischen Autorenduo geschickt ausgeklügeltes Konstrukt mit vielen (falschen) Fährten für den Leser. Innig beschriebene Charaktere und reizvolle Schauplätze liefern auf 500 Seiten kurzweilige und spannende Unterhaltung – und das ganz ohne reißerisches Blutvergießen.

Bernadette Böcker


Narcocorrido

Yuri Herrera (Mexiko): Abgesang des Königs

(Aus dem Spanischen von Susanne Lange, S. Fischer 2011)

Die Nachrichten aus Mexiko werden schon seit längerem von dem ungeheuer brutalen Drogenkrieg dominiert, der im Norden des Landes Gewalt und Schrecken verbreitet. Der Roman Abgesang des Königs nähert sich diesem Thema auf eine literarisch sehr besondere und originelle Art. Eine Stadt im Norden Mexikos: Der Drogenbaron der Gegend, vom Erzähler nur der „König“ genannt, wird in einer Kneipe auf Lobo, einen obdachlosen Straßenmusiker aufmerksam und ernennt diesen zu seinem ‚Barden‘. Lobo zieht in den Palast des Königs ein und gehört von nun an zu seinem Hofstaat. Zum ersten Mal hat Lobo das Gefühl, als Mensch etwas wert zu sein. Er ist fasziniert von so viel schillerndem Reichtum, Überfluss und Wohlgefallen und schreibt für seinen König und die Höflinge die schönsten ‚narcocorridos‘, so werden in Mexiko die Lobgesänge auf die ‚guten Taten‘ der Drogenbanden genannt. Erst nach und nach offenbaren sich dem Sänger auch die  Schattenseiten des Lebens am Hof.
Der Roman, der sich stellenweise wie ein modernes Märchen liest, zeichnet auf wenigen Seiten ein sehr eindringliches Portrait der mexikanischen Gesellschaft, ohne dabei auf eine Schwarz-Weiß-Zeichnung von Täter und Opfer zurückzufallen. Der klaren, entschlossenen und zugleich bildreichen Sprache, die Susanne Lange hervorragend ins Deutsche übersetzt hat, ist es zu verdanken, dass sich der schmale Band selbst wie ein ‚narcocorrido‘ liest, dem man vom ersten bis zum letzten Ton gespannt zuhört.

Imke Borchers


Ohren sehen besser als Augen

Hernán Rivera Letelier (Chile): Die Filmerzählerin

(Aus dem Spanischen von Svenja Becker, Insel Verlag 2011)

In der Atacama-Wüste im Norden Chiles wurde bis in die 1960er Jahre Salpeter im großen Stil abgebaut. Der Rohstoff fand in der Düngemittelindustrie und bei der Herstellung von Sprengstoff Verwendung. Die Arbeit in der Wüste war hart und an Zerstreuung gab es für die Arbeiter so gut wie nichts – einzig das Kino stellte einen Lichtblick dar. Dabei ist die Bezeichnung „Kino“ eigentlich zu hoch gegriffen. In Rivera Leteliers Minensiedlung lässt ein ewig betrunkener Vorführer Filme auf einer weißen Wand laufen, manchmal vertauscht er die Rollen. Aber das macht nichts, der Rausch der bunten Bilder um John Wayne oder Marylin Monroe oder die mexikanischen Herz-Schmerz-Dramen wirken in dieser Einöde trotzdem faszinierend.

Aber eines Tages gibt es etwas Schöneres als Kino: Die 10-jährige María Margarita kann Filme erzählen und ihre Erzählungen sind dramatischer, aufregender – und länger – als die Filme. In der Not, die Familie hat nur Geld für eine Kinokarte, entdeckt María ihr Talent und die Familie eine neue Einnahmequelle. Und María weiß, was sie ihrem Publikum schuldig ist, sie singt und tanzt, benutzt Requisiten und kommt auch manchmal für eine „Sondervorführung“ ins Haus.
Letzteres hätte sie bei dem Verwalter der Salpetermine besser nicht tun sollen. Was er mit ihr tut und was aus dieser Tat entsteht, läutet den Niedergang der Familie ein. Obwohl es auch ohne diese Ereignisse keinen wirklichen Ausweg aus dem Elend gegeben hätte – die Glücksmomente, die María erlebt und das zusätzliche Geld, das die Familie einnimmt, sind nur kurze Unterbrechungen im Leid und Not der Armen. Marías Vater sitzt nach einem Arbeitsunfall gelähmt im notdürftig gebastelten Rollstuhl, die Mutter hat die Familie verlassen, um ihr Glück als Tänzerin in der Stadt zu suchen und auch die vier Brüder Marías haben keine Chance. Marías kurzfristige Berühmtheit endet mit dem Auftauchen des ersten Fernsehers in der Minensiedlung.
So trist die Fakten des Lebens hier auch sind, Hernán Rivera Letelier erzählt sie mit einem Augenzwinkern, mit Sinn für Komik und mit einer großen Liebe zum Kino und für Geschichten. Geschichten spielten in Rivera Leteliers Leben eine wichtige Rolle, er ist selbst in einer Minensiedlung in der Atacama-Wüste aufgewachsen und er war der einzige, der eifrig die Werksbibliothek besuchte. Um sich endlich einmal wieder satt essen zu können, nahm er an einem Schreibwettbewerb teil, der erste Preis war ein Abendessen, er gewann und seither schreibt er.
Ein kurzer Roman, schnell gelesen, aber in aller Minimalisierung punktgenau beobachtet. Letelier erzählt von der Kraft der Erfindung, der großen Liebe zum Kino, zur Farbe im Einheitsgrau der Armut, vom Überlebenswillen und davon, dass die Ohren oft besser sehen können als die Augen.

Eva Massingue


Annäherung an Thailand

Reise nach Thailand: Geschichten fürs Handgepäck

(Aus dem Thai von Kirsten Ritscher und Heike Werner, Unionsverlag 2007)

Thailand wird mein nächstes Reiseziel und neuer Aufenthaltsort sein. Daher habe ich gerade die Kurzgeschichten dieser empfehlenswerten Anthologie gelesen. In dem abwechslungsreichen Werk werden universelle Themen wie Liebe, Freundschaft, aber auch Trauer und Gewalt vor der Kulisse Thailands abgehandelt. Die Erzähler stammen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten des Landes. Die glückliche Liebesgeschichte der „Highway Family“ beispielsweise handelt von einem außerhalb Bangkoks lebenden Arbeiter und lässt dabei die Probleme Bangkoks - Verkehrschaos, Smog und Armut - im Hintergrund, wobei sie doch absolut präsent sind: Der Highway und sein Stau dienen als Schauplatz für eine Liebesgeschichte mit dem glücklichen Ausgang einer lang ersehnten Schwangerschaft.
Die aus der gehobenen Schicht stammende Erzählerin in „Der Topf der nicht mehr zu retten war“ wirft einen kritischen Blick auf die Gesellschaft Thailands, indem sie ihr von familiärer Gewalt und Unterdrückung geprägtes Leben in einer bestialischen blinden Gesellschaft schildert und ihre Hilflosigkeit gegenüber ihrem Mann als Konsequenz ihrer eigenen Erziehung ansieht. Es gibt optimistische, zur Rebellion und Emanzipation aufrufende Passagen in den Monologen der Frau, jedoch bleibt es bis zum Ende der Geschichte auch bei diesen nach Gleichberechtigung und Liebe aufbegehrenden Gedanken.

Stefanie Frei


Kurz aber oho

Juan Pablo Villalobos (Mexiko): Fiesta in der Räuberhöhle

(Aus dem Spanischen von Carsten Regling, Berenberg Verlag 2011)

Ein schmales Buch, schnell gelesen – leider. Denn es ist ein ganz wunderbares Buch, voll schwarzem Humor, ein Blick in die Psyche eines einsam aufwachsenden Kindes in einem ganz seltsamen Milieu.
Tochtli ist der Sohn eines mexikanischen Drogenbarons, er wächst einsam auf, denn sein Vater hält sich versteckt. Das Versteck ist jedoch ein Palast mit allem, was das Herz begehrt. Besonders für Tochtli, denn sein Vater erfüllt ihm jeden Wunsch, der mit Geld zu bezahlen ist. Ein eigener Zoo mit Löwen und Tigern – kein Problem. Probleme gibt es nur mit den liberianischen Zwergnilpferden. El rey, der Drogenbaron, fliegt mit seinem Sohn nach Liberia und lässt ein Zwergnilpferdpaar einfangen. Der Transport klappt jedoch nicht so, wie es sich der Vater vorgestellt hatte und so erhält Tochtli halt nach einigen Wochen nur die Köpfe der beiden Tiere, montiert auf Holzplatten, ausgestopft, und unter jedem Kopf den Namen, den der Junge den Tieren gegeben hatte: Ludwig XVI und Marie Antoinette.
Die Namenswahl ist erklärbar, denn vom Kopfabschlagen, wie auch von Kopf-und Bauchschüssen ist der 7-jährige fasziniert. In seiner Welt sind die Franzosen gute Kopfabschneider, siehe oben, Spanier sind es nicht, die haben immer noch lebende Könige, und die Yankees sind an allem Schuld. Aber sie haben gute Waffen, von denen findet der Junge ein ganzes Zimmer voll, und steckt sich eine ein, aber nur eine ganz kleine!
Außer den Männern seines Vaters, die manchmal plötzlich verschwinden, den Hausangestellten und der jeweiligen Freundin des Vaters kennt der Junge nur noch den Hauslehrer. Mazatzin, der enttäuschte Revolutionär, hat eine eigene Sicht auf die Geschichte, die er Tochtli beibringt. Er schwärmt für das alte Japan, Usagi nennt er seinen Schüler und zeigt ihm Samuraifilme. Gleichaltrige Spielgefährten hat der Junge nicht.  „Heute habe ich meine sechzehnte Person kennengelernt”, sagt der einsame Junge einmal.
Tochtli liest viel, sammelt Hüte, treibt sich in Haus und Garten herum, blättert in Wörterbüchern und erklärt sich selbst die Welt. Was dabei herauskommt, ist voll schmerzhaftem Humor, rabenschwarz, witzig und traurig zugleich. Kritiklos übernimmt der Junge den Machismo und den Größenwahn seines Vaters und stellt ihn damit bloß. Schade, dass die Fiesta in der Räuberhöhle nur ein Miniroman ist, aber vielleicht hätte man mehr auch nicht ausgehalten, zu schrecklich ist dieses Leben im Luxus durch Drogenhandel, einsam und unsicher, mit den Augen eines 7-jährigen Kindes betrachtet. Ein wunderbar gemachtes Buch und eines, dem ich viele Leser wünsche.

Eva Massingue


Muhammad al-Bissati: Hunger

(aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, Lenos 2010)

Hunger ist nicht nur ein augenblickliches Gefühl und Verlangen, das unmittelbar gestillt werden kann. Hunger kann zu einem Lebensgefühl werden, das schließlich den kompletten Alltag kontrolliert und bestimmt. Zu dieser Erkenntnis gelangt man sehr schnell, wenn man das schmale Buch des ägyptischen Romanciers Muhammad al-Bissati liest. Leise und einfühlsam schildert er das dörfliche Leben einer vierköpfigen Familie und ihr tägliches Ringen darum, satt zu werden. Der Vater, ein Tagelöhner, der es nie lange bei einem Arbeitgeber aushält und auch noch wissenshungrig durch die Straßen zieht, als sei es nicht genug, permanent physischen Hunger zu verspüren. Die Mutter, die mit Argusaugen über den von der Decke hängenden Korb wacht – wenn er denn mal mit Brot gefüllt ist – und deren größte Sorge ist, ihre zwei Söhne satt zu bekommen. Auf ein Happy End wartet man hier vergebens: Glück und Unglück, Hunger und Sattsein gehen Hand in Hand, auf und ab, aber am Ende bleibt der Hunger. In seiner stillen und unaufgeregten Art beschreibt al-Bissati ein authentisches Bild der kleinen Leute, die nie anklagen und auch nie ihre Würde verlieren. Hunger ist ein ungewöhnliches Gesellschaftsporträt und nicht erst durch die letzten Ereignisse in der Arabischen Welt zeitpolitisch enorm wertvoll.

Bernadette Böcker


Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten

(Nautilus 2011)

In seinem ersten Roman Der falsche Inder (Nautilus 2008) verarbeitete Abbas Khider seine lange Odyssee aus dem Irak nach Deutschland. Er hatte 1996 nach einer zweijährigen Haftstrafe seine Heimat verlassen und versuchte in verschiedenen Ländern ein neues Leben anzufangen, bevor er schließlich in Deutschland „strandete“. Sein zweiter Roman hat nun eben diese Hafterfahrung zum Thema: Er berichtet von einem jungen Mann, der aus „politischen Gründen“, die ihm selbst völlig schleierhaft sind, eine Haftstrafe in einer unterirdischen Zelle verbüßt. Die Lektüre ist bisweilen nicht gerade einfach angesichts der polizeilichen Willkür, angesichts von Hunger und Folter, die ein Inhaftierter unter der Diktatur Saddam Husseins ertragen muss – und wir Leser mit ihm. Doch Abbas Khider webt Rückblicke in die glücklichere Vergangenheit des Protagonisten in die Geschichte der Haft – und macht so nicht nur die Lektüre erträglich, sondern vermittelt außerdem ein facettenreiches Bild vom Leben im Irak der 80er und frühen 90er Jahre. Und zwar auf Deutsch, das er zur Sprache seiner Prosa gemacht hat (Gedichte schreibt er auf Arabisch), obwohl es so ganz anders ist als seine Muttersprache. Das bewundere ich sehr. Aus diesen und noch viel mehr Gründen habe ich sein Buch mit großem Interesse und – trotz der vielen buchstäblich haarsträubenden Episoden – großem Genuss gelesen.

Antje te Brake


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