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LESESTOFFE - wir empfehlen

Fußball ist Leben

Eduardo Sacheri hat sich in der argentinischen Fußball- und Bücherwelt einen Namen gemacht. Nachdem einige seiner Erzählungen in einer beliebten Radiosendung vorgelesen wurden, gingen die Verkaufszahlen nach oben: Bis heute hat er von seinem Erzählband Esperándolo a Tito mehr als 30 000 Exemplare verkauft. Aus diesem Band sind auch einige der Geschichten entnommen, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen: Die Hand Gottes und andere Tangos. Fußballgeschichten (Übers. von Matthias Strobel, Berlin Verlag 2010)
Esperándolo a Tito - Warten auf Tito kann ganz schön nervenaufreibend sein. Denn Tito ist nicht irgendwer. Er ist der Fußballstar, der es aus einfachen Verhältnissen in die europäischen Profiligen geschafft hat, er verkörpert also den argentinischen Traum, den gerade die Nationalmannschaft in Südafrika in der Person von Lionel Messi und ad extremum geführt natürlich von Diego Armando Maradona vorführt. Kommen soll Tito direkt aus Europa zu einem entscheidenden Fußballspiel zwischen zwei Amateurteams: Die Jungs treffen sich seit der Kindheit einmal im Jahr zum Kräftemessen. Und seit Tito weg ist, verliert sein Team. Nun steht die Statisitk auf den Spiel: Noch eine Niederlage und die Gegner haben mehr Siege auf ihrer Habenseite. Es geht also um alles und die Jungs brauchen "ihren" Tito. Doch kommt er wirklich?

Im August erscheint im Berlin Verlag von Sacheri außerdem der Roman Warten auf Perlassi (Übers. Matthias Strobel), in dem ebenfalls ein einst gefeierter Fußballer im Mittelpunkt steht. Hier geht es jedoch sehr viel philosophischer zu, ein Durchschnittsargentinier sucht nach dem Sinn des Lebens.
Eduardo Sacheri ist auch am großen argentinischen Kinoerfolg El secreto de tus ojos beteiligt. Der oskargekrönte Film basiert auf seinem Roman. Mehr »»

Die Übersetzung von Die Hand Gottes und andere Tangos wurde durch litprom gefördert.

Von Antonia Stock


Vom Jubeln und Fluchen im Stadion

Ariel Magnus Roman Ein Chinese auf dem Fahrrad (Übers. Silke Kleemann, Kiepenheuer & Witsch 2010) als Fußballbuch zu einzuordnen greift natürlich zu kurz. Wie der Titel schon sagt geht es um Chinesen, im Besonderen um Chinesen in Buenos Aires, und darüber hinaus mindestens noch um eine Entführungs- und eine Liebes- und eine Entwicklungsgeschichte.
Und trotzdem: Mein persönliches Lieblingskapitel handelt von Fußball und trägt die aussagekräftige Überschrift Geschichte vom Vater, der keine Tore bejubeln wollte, und vom Sohn, der nicht schimpfen wollte.
Der genannte Vater ist ein begnadeter Kicker, doch ihm fehlt das Jubel-Gen. So wird er trainiert: "Um die Behandlung zu beschleunigen, zog man ein Team aus vier Profis heran, bestehend aus einem Psychiater, einer Lehrerin für Ausdruckstheater, dem Sänger von Los Tintoreros und einem Tänzer vom Teatro Colón." Das Resultat: Das Jubeln gelingt, das Toreschießen funktioniert nicht mehr.
Jahre später nimmt der Vater seinen fußballerisch uninteressierten Sohn Sonntag um Sonntag mit ins Stadion. Doch der Sohn kann nicht fluchen. Die halbe Tribüne versucht sich in Nachhilfe und bietet die unterschiedlichsten Fluchmodalitäten an. Auch der Sohn entpuppt sich nach geraumer Zeit als guter Lerner und bringt schließlich ein "Du bist ja so hässlich!" heraus.

Ariel Magnus hat einen Erzählband mit Fußballgeschichten veröffentlicht. Ganar es de perdedores (Gewinnen ist was für Verlierer) liegt noch nicht auf Deutsch vor. In Argentinien ist es im Editorial Norma in der Reihe La otra orilla erschienen.
Auch journalistisch beschäftigt er sich mit dem Thema Fußball. In der Berliner Zeitung erschien vor kurzem sein Artikel Beim Barte des Göttlichen. Auferstanden aus seiner eigenen Legende: Unser Diego Maradona, Trainer und Dichter, den Sie hier als pdf lesen können »»

Von Antonia Stock


Diego Maradonas Ball

Die Traummannschaft (Übers. von Matthias Strobel, Suhrkamp 2006) erzählt die Geschichte von Ariel. Er lebt in Buenos Aires, ist 15 Jahre alt, liebt Fußball – wie sollte es auch anders sein – und jobbt über die Ferien bei seinem Onkel im Gemüseladen. Es ist mörderisch heiß, bald Weihnachten – und auch sonst ist in dieser Fußballgeschichte von der anderen Seite der Erdhalbkugel manches anders als gewohnt. Da muss die siegreiche Mannschaft schon vor dem Abpfiff schauen, dass sie Land gewinnt. Sonst setzt es Prügel von den Verlierern oder dem parteiischen Schiedsrichter! Und die gefürchteten Gardelitos, eine Gang von Dieben und Schlägern, setzt sich zusammen aus korrupten Polizisten!
Doch Ariel kommt klar, er hat einige Fähigkeiten, gute Freunde und die Kraft der ersten Liebe auf seiner Seite. Als Patricia, genannt Pato, in den Laden kommt, fällt ihm zuerst gar nichts mehr ein. Ariel ist plötzlich schwer verliebt. Dass seine Angebetete im Elendsviertel Fiorito lebt, stört ihn erstmal nicht. Wie alle anderen auch, die nicht in Fioroto leben, geht er nicht da hin. Man mag dort keine Fremden. Aber Ariel hat bald keine Wahl, als ihm Pato vom einzigen Schatz ihrer Familie erzählt, der gestohlen wurde und das ausgerechnet von den Gardelitos. Denn trotz aller Not hat Patos Familie nie daran gedacht, diesen Schatz zu verkaufen: Maradonas ersten Ball! Denn auch Maradona stammt aus Fiorito und Patos Vater kann sich noch gut an ihn erinnern. Jetzt haben die Gardelitos den Ball und sicher werden sie ihn zu Geld machen! Ariel verspricht Hilfe und organisiert seine Freunde, doch Fiorito zu durchqueren und den kriminellen Polizisten zu trotzen ist ganz und gar keine Kleinigkeit!

Dieses Jahr kommen Ariel und seine Jungs zurück in die deutschen Bücherregale. Suhrkamp veröffentlicht im August Springfield (Übers. Silke Kleemann), in dem die inzwischen jugendlichen Freunde während eines Austauschjahres in den USA allerhand Abenteuer erleben. 

Die Übersetzung von Die Traummannschaft wurde durch litprom gefördert.

Von Eva Massingue


Bicycle kick heißt Fallrückzieher

Bafana, bafana, „unsere Jungs“ aus Südafrika sind nicht mal bis ins Achtelfinale gekommen, trotzdem bleiben sie für viele  d i e  Traummannschaft. Ein 11-jähriger Junge aus einem gottverlassenen staubigen Nest, der auch noch den Namen Pelé tragen muss, lässt sich mit Zauberern, wilden Tieren, Dieben und Schlägern ein, nur um einmal die Jungs live zu sehen, einmal seinem Idol Sibusiso Zuma nahe zu sein.
Wie wäre es also, über afrikanische Fußballleidenschaft einmal etwas zu lesen, dass ein Südafrikaner geschrieben hat: ein Buch aus und über Südafrika! Leider gibt es das schmale Bändchen noch nicht auf Deutsch, aber keine Angst: Es ist in einem sehr lesbaren Englisch geschrieben, nicht etwa in Afrikaans oder Zulu.

Für Mutige und Interessierte:
Troy Blacklaws (Text)/ Andrew Stooke (Illus.)
Bafana Bafana
The story of Soccer, Magic and Mandela
Jacana Media, Südafrika 2009
ISBN 978-1-77009-718-6
Mehr Infos auf den Verlagsseiten »»
Zu bestellen auf amazon.com, demnächst wohl auch auf amazon.de.

Von Eva Massingue


Und die Kugel rollt am Kap

In Elf - Fußballgeschichten aus Südafrika versammelt Herausgeber Manfred Loimeier Autoren der jüngsten Generation des Landes am Kap mit dem Ziel, ihre je eigenen Eindrücke im Hinblick auf das kommende Großereignis in die Form einer Kurzgeschichte zu gießen - allesamt Originalbeiträge, die vorher noch nicht publiziert worden sind.
Durch die Vielfalt der Themen, die in den Texten verarbeitet werden, entsteht zwischen den Verfassern ein Diskurs darüber, ob die Weltmeisterschaft Grund zur Hoffnung für die südafrikanische Gesellschaft sei oder eher mit Skepsis betrachtet werden müsse. So etwa in Vuyiswa Nodadas Geschichte Die Witwe, in der die einem Township Sowetos entstammende Helen in einem Streitgespräch mit ihrer jüngeren Schwester Nkuli befürchtet, die unbestreitbaren „Nebeneffekte der WM“ wie der weitere Ausbau des Tourismus, die Verbesserung in den Bereichen  Telekommunikation und Informationstechnologie, könnten nur einem privilegierten Teil der Menschen zu Gute kommen.
Neben Fragestellungen, die unmittelbar die nationalen Vorbereitungen zur WM betreffen, wie der landesweite Streik der Taxifahrer in Xoli Normans Verloren gegen das „Bus – Rapid – Transport – System“ (BRT), finden sich in Elf auch Geschichten, die einfach vom Fußball an sich inspiriert sind. Etwa wenn Maakomele Mak Manakas Antiheld Rasta sein fußballerisches Talent lieber durch Drogen und Damenbekanntschaften ersetzt, erzählt im Stakkato-Stil des Lesego Rampolokeng. Wunderbar im wahrsten Sinne ist Greig Camerons Abrechnung mit dem modernen Fußball in Der Schwalbentrainer: Der Verband einer fiktiven afrikanischen Fußballnationalmannschaft engagiert einen russischen Coach, der den Balltretern die hohe Kunst des Elfmeterschindens beibringen soll. Als dieser sein Werk vollendet hat, öffnet er seinen Schirm und entfleucht wie Mary Poppins in die Lüfte.
Nicht nur für Fußballfreunde empfehlenswert!

Die Übersetzung von Elf wurde durch litprom gefördert.

Von Torsten Tullius


Südafrikanische Performance

„Warum nicht mal Gedichte?“ hat sich Bernadette Böcker gedacht und Töchter von morgen von Lebogang Mashile gelesen und gehört (Übers. Arne Rautenberg, AfrikAWunderhorn 2010)

Mit deutlicher Sprache malt Lebogang Mashile ein buntes Bild des heutigen Südafrikas. Dazu benutzt sie mal derbe, mal zärtliche Worte. Immer aber lässt sie ihren Gefühlten freien Lauf und spricht damit für eine ganze Generation. In den 38 Gedichten des jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen Bandes Töchter von morgen lässt sie das Leben einer jungen schwarzen Frau im post-apartheids Südafrika mit allen inhärenten Hoffnungen, Ängsten und Widersprüchen auferstehen und vermittelt auf diese Weise einen facettenreichen Eindruck des sich permanent in Bewegung befindenden Landes und seiner nicht minder aktiven Bewohner. Ein besonderes Bonbon dieser zweisprachigen Ausgabe (englisches Original plus deutsche Übersetzung) ist die beigefügte CD, auf der alle Gedichte – von der Autorin selbst auf Englisch vorgetragen – nachzuhören sind. Mit ihrem unverwechselbaren Stil, in dem sie Elemente des Hip-Hop weiterentwickelt, verleiht Mashile den gesprochenen Worten fesselnde Musikalität und Eindringlichkeit, die der Hörer so schnell nicht vergisst.
Lebogang Mashile gehört in Südafrika zu den wichtigsten Poetry Performerinnen der so genannten Spoken-Word Poesie. Das 2005 in Südafrika unter dem Titel In a Ribbon of Rhythm veröffentlichte Original wurde mit dem renommierten NOMA-Preis ausgezeichnet. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist Lebogang Mashile auch Schauspielerin und Fernsehmoderatorin.
Töchter von morgen
bildet den Auftakt der neuen Edition AfrikAWunderhorn, die sich ausschließlich afrikanischen Autoren und ihren Werken als Reaktion auf den sich wandelnden Kontinent widmen wird.


Eine Liebesgeschichte, die keine ist

Anna Martin hat sich amüsiert bei der Lektüre von Shahriar Mandanipurs neuem Roman Eine iranische Liebesgeschichte zensieren (aus dem Englischen von Ursula Ballin, Unionsverlag Zürich 2010)

Eine Schere und ein Schreibstift mit abgebrochener Spitze: das sind die Symbole für Zensur im Iran. Mit der Schere zieht der Zensor in Mandanipurs Roman gegen "widerliche Schreiberlinge" und anstößige Passagen zu Felde. Dieser omnipräsente Zensor, ein gewisser Herr Petrowitsch, ist nach dem Untersuchungsrichter in Dostojewskis Schuld und Sühne benannt, wie auch der gesamte Roman von zahlreichen intertextuellen Referenzen wimmelt – sei es aus der persischen oder der westlichen Literaturtradition. Figuren der Weltliteratur erscheinen meist an unerwarteter Stelle, wenn etwa Schirin, die Heldin eines klassischen persischen Kunstepos, nach der Hochzeitsnacht mit dem König Chosrow in die Notaufnahme eines Teheraner Krankenhauses eingeliefert wird, in dem sich die Protagonisten der Kernerzählung zu einem verbotenen Stelldichein eingefunden haben. Wie die beiden, Sara und Dara – benannt nach zwei Figuren in einer Lesefibel aus der Schahzeit – versuchen, trotz strikter islamischer Verhaltensregeln zueinander zu finden, davon handelt die „iranische Liebesgeschichte“, die durch Fettdruck hervorgehoben ist. Deren Erzählfluss wird vom Autor immer wieder unterbrochen, indem er auf amüsante und unterhaltsame Art mit dem Leser kommuniziert und mit dessen Erwartungen spielt. Neben der Geschichte um die beiden jungen Liebenden schafft Mandanipur eine weitere Erzählebene, die sich im Schriftbild durch Normaldruck von der Kernerzählung abhebt. Allerhand Erzählenswertes aus Geschichte und Politik des Landes vermischt sich mit Reflexionen über das Schreiben und so unternimmt der Autor – oft mit scharfer Ironie – einen geistreichen Exkurs in „2500 Jahre der Zensur“. Um der Schere des Herrn Petrowitsch zu entkommen, hat der Autor sich gleich selbst zensiert, was im Text der Kernerzählung durch durchgestrichene Passagen zum Ausdruck kommt. Es versteht sich von selbst, dass man diesen Textstellen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Nebenbei erfährt der Leser unter anderem, was es mit Granatäpfeln wirklich auf sich hat, warum der persische Dichter Nizami vor etwa 900 Jahren gezwungen war, bei der Schilderung von Liebesszenen zu Vergleichen aus dem Gartenbaubereich zu greifen und dass es im Iran lebenswichtig werden kann, zu wissen, welche Farbe der Kühlschrank der Angebeteten hat.

Shahriar Mandanipur zählt zu den wichtigsten Autoren der iranischen Gegenwartsliteratur. Er wurde für sein Werk mehrfach ausgezeichnet. Den Roman Eine iranische Liebesgeschichte zensieren zu lesen ist ein Genuss!

Das Buch wurde im Weltempfänger 1/ 2008 für eine Übersetzung ins Deutsche empfohlen.

Die Übersetzung wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert. 


Wenn Liebe unglücklich macht

Alice Grünfelder war mit Samrat Upadhyay in Kathmandu: Der Liebesguru (aus dem Englischen von Philipp P. Thapa, Edition Kathmandu, 2009)

Ein Mathematiklehrer, verheiratet, zwei Kinder, verliebt sich in seine Nachhilfeschülerin: eine verzwickte Geschichte, egal ob in Berlin, New York oder – Kathmandu. Und in Kathmandu brechen unruhige Zeiten an, Demonstrationen und Straßenschlachten erschüttern die Stadt. Leise und fein verwebt der Autor diese beiden Ebenen ineinander, das Elend eines Volkes bohrt sich wie ein Widerhaken in die private Misere, in scheinbar unausweichliche Schicksale und Lebensläufe.
Das erste heimliche Rendezvous zwischen Ramchandra und Malati könnte skurriler nicht enden: Als die beiden frisch Verliebten in einem Wäldchen ein Liebesversteck suchen, werden sie von einer Affenbande überrascht. Kreischend und mit bleckenden Zähnen entreißen die Affen Malati den Sari, bis diese schließlich verängstigt und mit entblößter Brust in einer Ecke kauert. Ramchandra steht hilflos daneben und schaut zu, wie das Unglück über sie hereinbricht – einmal mehr in seiner Unentschlossenheit gefangen. Ausgerechnet die betrogene Gattin Goma soll ihn aus der Zwickmühle befreien, und das tut sie mit einer an Unwirklichkeit grenzenden Großmut – oder ist es weises Kalkül? Tatsächlich erlaubt sie die Menage à trois, und die rasende Verliebtheit erlischt alsbald im erotischen Strohfeuer. Das Rad aber lässt sich nicht zurückdrehen, denn innerlich entfremdet von ihrem Mann zieht Goma sich zurück. Bis Ramchandra ihr eines Tages die Frage stellt, die unablässig an ihm zerrt: Warum hat sie ausgerechnet ihn armen Lehrer geheiratet, sollte die Vermählung womöglich eine heimliche Affäre kaschieren? Erst jetzt macht Goma ihm ein Liebesgeständnis, das sie all die Jahre für sich behalten hatte. Letztendlich hat der Liebesguru Ramchandra die Einweisung in die Kunst der Liebe, auch der kleinen im Alltag, seiner Frau zu verdanken.

Platz 1 im Weltempfänger 6 / 2010.


Feingliedrige Psychogramme aus Argentinien

Andrea Kaden empfiehlt Samanta Schweblin Die Wahrheit über die Zukunft (Übers. Angelica Ammar, Suhrkamp 2010)

Die argentinischen Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt anlässlich des Ehrengastauftrittes Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse sind überwältigend zahlreich, was die Gefahr birgt, dass kleine Kostbarkeiten wie Schweblins Erzählband im Bücherdschungel übersehen werden. Doch das Büchlein der 1978 geborenen Filmwissenschaftlerin verdient jede Menge Aufmerksamkeit und wurde in ihrem Heimatland schon mehrfach preisgekrönt.
Schweblin zeichnet in ihren Erzählungen in prägnantem Stil beklemmende Ausschnitte zwischenmenschlicher Unwägbarkeiten, die den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen. Eingebettet in ganz alltägliche Szenarien – ein Abendessen mit neuen Nachbarn, Familienfeste oder Autofahrten im Nirgendwo – entfalten sich abgründige Geschichten, die teils individuelle Schicksale, teils aber auch konkrete Missstände der argentinischen Gesellschaft verhandeln. Diese Alltagssituationen verankert die Autorin jedoch in einer – man möchte diese abgegriffene Schublade eigentlich gar nicht mehr aufmachen – phantastischen Sphäre. Auf diese Weise sorgt jede einzelne Erzählung für Gänsehaut. Der Mund voller Vögel beispielsweise erzählt von der zerbrechlichen Tochter geschiedener Eltern, die von keiner andere Nahrung als Geflügel gedeiht, allerdings nur, wenn sie es lebendig verspeist.
Samanta Schweblins feingliedrige Psychogramme sind dem Leser vertraut, weil sie universal gültig sind. Doch Schweblin gelingt es, Themen wie Kinderwunsch, Schwangerschaft zum falschen Zeitpunkt, Ehebruch, Depression oder Alter auf kunstvolle Weise in einen Bereich des Irrealen zu transzendieren. So besitzen selbst die gerade zwei Seiten kurzen Erzählungen eine Eindringlichkeit, die den Leser sofort mitnimmt und in den Schweblinschen Kosmos eintauchen lässt.


Jive aus Malawi

Malawi – wo liegt das doch gleich? Bernadette Böcker hat den Jive Talker von Samson Kambalu gelesen und weiß jetzt einiges mehr über dieses Land (Aus dem Englischen von Marlies Ruß, Unionsverlag, Zürich, Erscheinungsdatum: März 2010)

Der namensgebende Jive Talker ist Samson Kambalus Vater, der, häufig von zu viel Alkohol beseelt, seine Belesenheit und philosophischen Gedanken zur Unzulänglichkeit der Gesellschaft an seine acht Kinder in ausschweifenden Worttiraden weitergibt. Er ist für das wirtschaftliche Auf und Ab der Familie verantwortlich, denn als schwarzer Arzt gehört er zu Zeiten der Diktatur von Hastings Kamuzu Banda zwar zur geistigen Elite Malawis, wird aber auf Grund seiner Hautfarbe nie ganz oben auf der Karriereleiter ankommen. Den größten materiellen Schatz des Vaters stellt der „Diptychon“ dar: eine liebevolle und alles sagende Bezeichnung für das Bücherregal mit seinen Kostbarkeiten, das später in den Besitz des erzählenden Sohnes übergeht. So lernt Samson schon von kleinsten Kinderbeinen an, Nietzsche, den Lieblingsautor seines Vaters, und Bibelstellen zu zitieren. Mit zwölf Jahren folgt die einzig mögliche Konsequenz: er gründet seine eigene Religion.
Mit ansteckendem Witz und beißendem Humor beschreibt Samson Kambalu in seiner Autobiographie ein Stück Afrika, von dem man nicht viel weiß. Zum Schreien komisch und manchmal auch zum Weinen traurig erzählt er von sich und seiner Familie, immer vor dem historischen Hintergrund des damaligen diktatorischen Regimes, aber niemals in Selbstmitleid versinkend und ohne die Umstände anzuklagen oder zu bedauern.
Bereits während seiner Schulzeit auf der renommierten Kamuzu Academy organisiert Kambalu die erste Konzeptausstellung in Malawi. Ein Kunststudium an der University of Malawi und der Nottingham Trent University in Großbritannien folgen. Heute lebt Samson Kambalu als gefeierter Konzeptkünstler in London.

Lust auf Samson Kambalu bekommen? Im Frühjahr 2010 ist er zusammen mit dem Unionsverlag im deutschsprachigen Raum auf Lesereise. Die genauen Termine finden Sie hier

Jive Talker ist ein Titel des Anderen Literaturklubs 2010.

Die Übersetzung des Jive Talkers wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.


Ein US-mexikanisches Nomadenleben

Andrea Kaden empfiehlt González und Tochter, Trucking Company von María Amparo Escandón (aus dem Englischen von Heike Smets, Edition Köln 2009)

Libertad – die Freiheit – sitzt in der mexikanischen Grenzstadt Mexicali im Frauengefängnis. Warum sie dort ist, wagt sie niemandem zu erzählen. Sie vertraut sich nur ihrem Tagebuch an, das sie auf Klopapierrollen im Mondschein in einer Zelle mit sieben anderen Frauen führt. Erst als ein wöchentlicher Leseclub genehmigt wird, „liest“ sie ihre Geschichte laut aus Büchern wie Die drei Musketiere oder Fodors Reiseführer zu den karibischen Häfen vor. In der beengten Gefängnisbibliothek erzählt sie von ihrem Vater González, dem Literaturprofessor, der im Zuge der 68er Studentenproteste und ihrer blutigen Unterdrückung durch die mexikanische Regierung das Land verlässt und aus Angst vor den Behörden ein Leben als Truckfahrer in den USA beginnt: Der Truck ist sein Wohnsitz, seine Pässe und Namen wechselt er häufiger als die Zahnbürste und seine Tochter wird schnell zum alleinigen Fixpunkt in seinem Leben. Libertads eigenen Wünschen, ihrer Individualität und Abgrenzung von der symbiotischen Beziehung zum Vater setzt dieser eine hysterische Autorität entgegen. Als das junge Mädchen dann beginnt sich für Männer zu interessieren, ist der Startschuss für die endgültige Eskalation des Vater-Tochter-Konfliktes gefallen.
Sehr gelungen, amüsant und aufschlussreich sind die Schilderungen des Gefängnisbetriebes, der als ein – selbstverständlich korruptes – blühendes Wirtschaftsunternehmen mit Beziehungen in die obersten Gesellschaftskreise „draußen“ eine perfekt funktionierende Mikrogesellschaft beherbergt: hier finden Massenhochzeiten und Tupperpartys statt, die wohlhabenden Insassinnen haben ihre eigenen Zellenangestellten und einen Strand mit Liegestühlen auf dem Gefängnishof – sogar ein Nagelstudio wird im Frauenknast betrieben. Andererseits ist es Libertads persönliches Erleben der andauernden Gegenwart so vieler Frauen und die Erkenntnis, dass ausgerechnet das Gefängnis ihr erstes richtiges Zuhause geworden ist, was den Roman in meinen Augen so lesenswert macht.
Zugegeben, ein paar Details der Geschichte wirken etwas konstruiert und auch die Sprache ist an manchen Stellen zu plakativ und an der Grenze zum Kitsch. Doch wird hier auf sehr charmante und kurzweilige Art das Thema der US-mexikanischen Identität auf ein außergewöhnliches Einzelschicksal heruntergebrochen.

Die Übersetzung wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.


Hälfte des Lebens

Zu seinem 70. Geburtstag erscheint in Deutschland Sommer des Lebens (Übers. von Reinhild Böhnke, Fischer 2010). Andreas M. Widmann hat J.M. Coetzees neuen Roman unter die Lupe genommen.

J.M. Coetzee, der gebürtige Südafrikaner und Literaturnobelpreisträger, wäre am 9. Februar 70 Jahre alt geworden – wäre er nicht unlängst in Australien verstorben. Leser, die sich nun zu recht erstaunt die Augen reiben, haben glücklicherweise weniger Anlass zu Bestürzung als zur Freude, denn der Tod des Autors fand nur auf dem Papier statt und ist die Idee, mit der Sommer des Lebens spielt. Im dritten Teil seiner Autobiographie lässt Coetzee seine Lebensgeschichte von einem jungen Mann namens Vincent schreiben, und zwar postum. Weil er den berühmten Schriftsteller nie selbst getroffen hat, befragt Vincent eine Reihe von Personen, die ihm in den 1970er Jahren nahestanden. Zu der Zeit lebte Coetzee nach längeren Aufenthalten in Großbritannien und den USA wieder in Südafrika, auf der Farm seines Vaters und fand seine Stimme als Autor. Doch gewährt Coetzee wirklich Einblick in seine entscheidenden Jahre als Schriftsteller, wie der Verlag behauptet? Die Antwort muss wohl lauten: Nein, aber: Gerade darin liegt die Faszination dieses vielstimmigen, zuweilen fast komischen Buchs. Vincent sammelt und sortiert Auskünfte von fiktiven Zeitgenossen. Von Margot etwa, einer Cousine, von Martin, einem Kollegen, von Denoel, einer Literaturwissenschaftlerin und aus den Erinnerungen dieser erfundenen Figuren entsteht das Bild eines kalten, sich absondernden Menschen, den man selbst nicht unbedingt gekannt haben möchte und dessen Werke zu wenig wagen, um bedeutend zu sein, wie einmal erklärt wird. Und obwohl vieles darin mit den Fakten seines Lebens übereinstimmt, ist es doch ein literarisches Spiel mit der Möglichkeit, die Wahrheit über einen Menschen schreiben zu können. Indem Coetzee sich schonungslosen Blicken aussetzt, entzieht er sich ihnen zugleich. Ich – scheint dieser lesenswerte autobiographische Roman zu sagen – ist ein anderer.


Die Vergeblichkeit der Liebe

Eva Massingue erinnert an den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2005 - Korea und hat eine Entdeckung gemacht: Die letzten viereinhalb Sekunden meines Lebens von Suk-je Sung (aus dem Koreanischen von Inwon Park und Anja Michaelsen, Edition Peperkorn 2009)

Kaum etwas wird schneller vergessen als das Gastland von gestern oder vorgestern. Korea? Wann war das? Lange her und nicht mehr aktuell.Wer gegen den Trend lesen will, dem empfehle ich die Erzählungen von Suk-je Sung. Sung, der Jura studiert hatte, dann als Lyriker in Erscheinung trat, schreibt nun Kurzprosa. Seine Geschichten, so unterschiedlich sie auch sind, stellen seltsame Helden in den Mittelpunkt: Außenseiter, Schläger, einen Mafiaboss, eine ihr ganzes Leben lang nur ausgebeutete Frau, ein Fasanenmännchen, einen Gigolo. Seltsame Zeitgenossen, die Sung in amüsiertem, locker-leichtem Stil vorstellt. Doch das Lustige geht selten gut aus, wie der Titel des Buches schon ahnen lässt. Die letzten viereinhalb Sekunden sind die eines Kleinstadt-Mafiabosses, der seinen Aufstieg Revue passieren lässt, während sein Auto, nachdem es das Brückengeländer durchbrochen hat, durch die Luft segelt. Etwas wirklich Wichtiges fällt ihm nicht ein und im letzten Sekundenbruchteil ruft er nach seiner Mutter.
Die Vergeblichkeit der Liebe ist auch ein Thema Sungs, von verschiedenen Seiten beleuchtet: ein Schüler buhlt ausdauernd um die Freundschaft eines Mitschülers; ein Waisenmädchen muss ihre erste Liebe mit lebenslanger Ausbeutung bezahlen; ein Fasanenmännchen gibt seine splendid isolation auf und hilft einem Weibchen, was ihn natürlich vor die Flinte der Jäger treibt; eine Frau, die nicht aufhören kann, auf ihren im Krieg verschollenen Mann zu warten; der Mann, der nicht aufhören kann, seine Freundschaft einem Abweisenden nachzutragen.
Vergeblichkeit ist ein Leitmotiv Sungs, oft Vergeblichkeit der Liebe und dass man meist nichts ändern kann. Die Entscheidungsfreiheit ist den Protagonisten genommen, wie dem Gangster im stürzenden Auto – und das alles mit weisem Humor und viel Empathie erzählt. Also – warum nicht mal wieder etwas Koreanisches lesen?


Mit einem Detektiv auf Weltreise

Ein Pablo Neruda-Buch der ganz eigenen Art - Antonia Stock hat Der Fall Neruda von Roberto Ampuero (aus dem Spanischen von Carsten Regling, Bloomsbury, Berlin 2009) gelesen.

Cayetano Brulé, ein arbeitsloser Kubaner, der seiner Frau wegen in Valparaíso in Chile lebt, trifft zufällig mit dem alten Pablo Neruda zusammen und wird von ihm für eine geheime Mission engagiert. Die erste Station heißt Mexiko, hier soll er einen Mediziner ausfindig machen in dem Glauben, nur dieser wisse ein Heilmittel gegen den fortgeschrittenen Krebs des Nobelpreisträgers. Doch die Reise geht weiter: Über Kuba, nach Ostberlin, dann zurück über den Atlantik nach Bolivien spürt Cayetano Brulé der Vergangenheit Nerudas nach.
Der erste Fall des in Chile berühmten self-made Detektivs ist weit mehr als eine spannende Kriminalgeschichte. Da ist zum einen der große Neruda, den man nach der Lektüre besser zu kennen glaubt und da sind zum anderen die sozial-historisch-politischen Schilderungen nicht nur von einem Chile am Ende der Allende-Zeit sondern auch von den anderen Stationen von Cayetanó Brulés Reise. So kommt es, dass sogar Daniel Cohn-Bendit Erwähnung findet.
In Chile ist das Buch ein Bestseller mit eigener Homepage www.elcasoneruda.cl. Hier Zulande sind die früheren Cayetano Brulé-Bände vergriffen - umso mehr Verbreitung wünscht man dem Fall Neruda, das durch den kürzlichen Machtwechsel in Chile an Aktualität gewonnen hat, wenn es etwa heißt: "1990 hatten die Chilenen nach friedlichen Protesten die Demokratie zurückerobert, und jetzt wurde dieses angeblich so eintönige und konservative Land, in dem es bis vor kurzem kein Recht auf Scheidung gab, von einer geschiedenen Frau, alleinerziehenden Mutter, Sozialistin und Atheistin regiert. Das war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass dieses [...] Land, [...] ein einzigartiger, sich fortwährend verändernder, schwankender Ort war [...]."

Die Übersetzung wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.


Dunkle Vergangenheit

Corry von Mayenburg empfiehlt nicht nur für Krimifans Andrew Browns Schlaf ein, mein Kind (aus dem Englischen von Mechthild Barth, btb, München 2009).

Südafrika ist durch die Fußballweltmeisterschaft 2010 in den Blickpunkt gelangt und seit einiger Zeit entdecken deutsche Verlage und Leser Krimis aus Südafrika für sich, allen voran die Krimis von Deon Meyer.
Wenn auch ganz anders geschrieben, so packt einen das Buch von Andrew Brown aber mindestens ebenso und man kann sich kaum davon losreißen. Nicht ohne Grund hat der Autor, der als Anwalt arbeitet, dafür den angesehensten Literaturpreis Südafrikas, den Sunday Times Literary Fiction Award 2006, erhalten.
Detective Eberard Februarie untersucht den Tod einer jungen, schönen Weißen, deren Leiche in einem Fluss in Stellenbosch, einem der bekanntesten Weinbauorte Südafrikas, treibt. Ein Täter ist schnell ausgemacht, doch der Fall lässt dem Polizisten, der eigentlich von seinen persönlichen Problemen gefangen ist, keine Ruhe. Gemeinsam mit einer resoluten Polizeianwärterin ermittelt er weiter und versucht hinter das Geheimnis der Schlaflieder zu kommen, die die junge Frau in ihrem Notizbuch gesammelt hat. Diese Schlaflieder, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, werden zunehmend beklemmender und am Ende fehlen Seiten in dem Notizbuch.
Zu dieser Handlung gesellt sich eine zweite Geschichte, die sich 300 Jahre früher abspielt, zur Zeit der Kolonialisierung durch die Holländer und dem Beginn des Weinbaus am Kap der Guten Hoffnung.
So langsam erkennt der Leser, wie die Schatten der kolonialen Vergangenheit bis heute weiter wirken in einem Land voller Widersprüche und wie sich die beiden Geschichten allmählich annähern.

Meine Lieblingslektüre 2009 war der Gedichtband Von Jade und Holz von Leung Ping-kwan (aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin, Drava 2009).


Beklemmender Neuanfang

Und noch mal Südafrika: Antje te Brake las Malindi von Troy Blacklaws (aus dem Englischen von Michael Kleeberg, liebeskind, München 2008).

Malindi ist die Geschichte eines Jungen, der mit seiner Mutter von Kapstadt in die Ödnis der Karoo zieht, nachdem sein Zwillingsbruder bei einem Unfall stirbt. Der Vater ist nicht ganz unschuldig an diesem Unfall und auch er verlässt daraufhin die Familie – ihn plagen Vorwüfe. Der Junge, Douglas, muss sein Leben neu ordnen – nicht nur der Vater und der Bruder sind fort, auch die Freunde, das Meer und die vertraute Umgebung liegen fortan in weiter Ferne. Nur langsam gibt es Annäherungen an das neue Leben, ein Mädchen und ein schwarzer Tankwart ersetzen Familie und Freunde. Aber leider ist da auch noch die Außenwelt, die weder Liebe noch Freundschaft einfach so wachsen lässt – und die Apartheid ist im Hinterland noch wesentlich präsenter als in Kapstadt…
Troy Blacklaws erzählt diese Geschichte nicht gerade rasant, eher gemächlich und unaufgeregt. Und doch hat sie mich gefesselt und berührt – und am Ende auch noch überrascht! Auch die Übersetzung von Michael Kleeberg hat mir hervorragend gefallen.

Das Buch, das mir 2009 am besten gefallen hat, ist Die andere Seite der Stille von André Brink in der Übersetzung von Michael Kleeberg (Osburg Verlag 2008).


Sergio Olguín treffen!

Antonia Stock stimmt mit ihrer Buchauswahl auf den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2010 ein: Zurück nach Lanús von Sergio Olguín aus Argentinien, aus dem Spanischen von Matthias Strobel, Suhrkamp, Frankfurt 2008.

Wenn man zu den üblichen und unüblichen Festtagen ein Buch verschenkt, möchte man, dass es gelesen wird. Man versucht also dem Beschenkten, dessen Zeit natürlich knapp bemessen ist, sein Buch als ganz besonders lesenswert anzupreisen. Da ist es von Vorteil, wenn man das verschenkte Werk selbst gelesen und als gut befunden hat. Noch mehr Eindruck macht natürlich, wenn man den Autor „kennt“, ihn bei einer Lesung erlebt hat und eine kleine Anekdote parat hat. Meine geht so:
Für eine kleine Lesung im Azubistro am Freitag auf der Frankfurter Buchmesse 2009 hatte ich mich mit Sergio Olguín aus Argentinien am Suhrkamp-Stand verabredet. In diesen hektischen Tagen ist dies ein denkbar schlechter Treffpunkt und als Sergio Olguín zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn noch nicht zu sehen war, reichte mir die Suhrkamp-Kollegin ihr Handy. „Holá, ich bin auf dem Weg, wo muss ich hin?“, bekam ich zu hören und dann „Ich warte einfach hier am Eisstand.“ Eisstände waren mir bisher auf dem Messegelände noch nicht als besonders augenfällig aufgefallen, doch als ich die Rolltreppe herunter fuhr, war er tatsächlich auf den ersten Blick zu erkennen – mit Dreitagebart und Turnschuhen!
Neugierig geworden?
Zurück nach Lanús erzählt übrigens die Geschichte von Adrián, dessen Leben in Buenos Aires durch einen Todes- bzw. Mordfall auf den Kopf gestellt wird und der sich am Ende sicher sein kann: Wahre Freundschaft vergeht nicht.
Viel Spaß beim Lesen!

Das beste Buch des Jahres ist für mich Menschen aus Papier von Salvador Plascencia, in der genialen Übersetzung von Conny Lösch beim Nautilus Verlag erschienen. 


Tiefschwarze Flecken in einer elitären Familie

Andrea Kaden ließ sich von Laura Restrepo aus Kolumbien ins Land der Geister entführen (aus dem Spanischen von Elisabeth Müller, Luchterhand München 2009).

Eigentlich muss man viel Zeit haben, es sollte Winter sein, eine Reihe langer dunkler Wintertage, um mit Laura Restrepo ins Land der Geister zu reisen: Aguilars Frau Augustina hat den Verstand verloren. Als er sie eines Sonntags in einem Hotel abholt, findet er sie völlig verwirrt und apathisch vor. Um an ihrem plötzlich eingetretenen Zustand nicht zu verzweifeln, muss Aguilar um jeden Preis herausfinden, was passiert sein könnte.
In rasantem Tempo, wahnwitzigen Monologen und dynamischen Rückblenden erhellt sich Augustinas Familiengeschichte, die trotz oder gerade wegen ihrer elitären Herkunft tiefschwarze Flecken aufweist. Augustinas an García Márquez Erzählungen erinnernder Wahnsinn und ihre Einsamkeit spiegeln ihr in Gefühlskälte erstarrtes Elternhaus.
Ich konnte Land der Geister kaum aus der Hand legen – was zum Teil auch daran lag, dass Absätze zum Innehalten recht dünn gesät sind. Restrepos delirierende Sprache wirkt sogartig, befördert den Leser aus seiner Umgebung in eine Art Rausch. Dies ist auch der wunderbaren Übersetzung von Elisabeth Müller zu verdanken, der es gelungen ist, Restrepos schillernd lebhafte Sprachflut ins Deutsche zu übertragen.

Auch ich bekenne mich als Menschen aus Papier-Fan und setze diesen experimentellen Roman von Salvador Plascencia auf den ersten Platz meiner persönlichen Jahresbestenliste 2009.


Kleinod mit Musik

Anita Djafari meint: Wenn es ein Buch gibt, das sich als Geschenk eignet, dann dieses schön aufgemachte Kleinod: Don Ottos Musikkabinett (Aus dem Spanischen von Peter Kultzen; Unionsverlag, Zürich 2009).

Dieses Buch von Mauricio Botero – übrigens verwandt mit Fernando Botero, der die dicken Frauen malt -  muss man nicht nur lesen, sondern unbedingt besitzen und möglichst auch noch verschenken. Nicht nur, aber besonders für Musikliebhaber ist es ein Vergnügen, beim Lesen gewissermaßen geradewegs in den Laden hineinzuspazieren und bei Kaffeeduft teilzuhaben an den „Verkaufsgesprächen“, die Don Otto mit den unterschiedlichsten Menschen führt. Ob schwules Paar oder einsame Dame, ob Punker oder Politiker, für alle findet oder sucht er das passende Stück, legt es auf und lässt uns teilhaben an seinem Wissen, seinen Gedanken, Erkenntnissen und Abschweifungen über die Komponisten von Bach bis Beethoven, Prokofjew, Strauss oder Telemann. Aber auch über das Leben an sich, die Persönlichkeit seiner Kunden, die Stadt und das Land, in denen er lebt, wird in 31 Kurzkapiteln so intelligent räsoniert, assoziiert und philosophiert, dass es eine Freude ist. Man möchte sich in einen Sessel setzen, das Buch an irgendeiner Stelle aufschlagen, die entsprechende Musik auflegen und – immer wieder schmunzelnd – genießen.

Mein Lieblingsbuch des Jahres 2009: Brüder von Yu Hua (aus dem Chinesischen wunderbar übersetzt von Ulrich Kautz); S. Fischer Verlag 2009. Platz 1 des Weltempfängers 4/2009.


Harte Realitäten

Nichts für Romantiker: Petra Kassler empfiehlt den Band Im Boot des gebürtigen Vietnamesen Nam Le (aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff, Claassen, Berlin 2008).

Ein junger, vielversprechender in Vietnam geborener Autor liefert uns in seinem Band Im Boot sieben brillante, unter die Haut gehende und mit kunstvoll geschliffenen Charakteren ausgestattete Erzählungen, die uns rund um den Erdball befördern und dabei mit den unterschiedlichsten Dramen der Weltgeschichte konfrontieren. Über 300 Seiten vorwiegend Krieg und Konflikt also – von der Atombombenexplosion in Hiroshima über vietnamesische Boatpeople und kolumbianische Drogenkartelle hin zu religiösem Fundamentalismus und dem Kampf der Geschlechter und Generationen. Im Mittelpunkt stehen ganz normale Menschen, deren Alltagssorgen, Ausweglosigkeit und zwischenmenschliche Debakel in mehr oder weniger alltäglichen Situationen Nam Le so fein zeichnet, dass man betroffen und nachdenklich, aber beeindruckt staunend vor diesen Kunststücken verweilt, die alles andere als Postkartenidyll oder stimmungsvolle Kalenderblätter sind. Dass ein Mädchen in der Geschichte „Halflead Bay“, die an der australischen Küste, in einem Einwanderer- und Touristenzentrum angesiedelt ist, so eindringlich die Frage stellt „wieso sollte hier jemand herkommen?“ verwundert nicht. Sie drückt es noch drastischer aus, als sie auf eine Anhöhe in der Nähe steigt: „ [...] da glaubt man, dass man von hier oben eine echt atemberaubende Aussicht hat, oder? [...] Und dann guckt man sich um und um und um, und alles ist bloß voll Scheiße.“ Harte Realität(en), an die man vom Autor ganz nah herangeführt wird.

Platz 1 meiner persönlichen Bestenliste des fletzten Jahres: Eine Kiste explodierender Mangos von Mohamed Hanif (A1 Verlag - toll übersetzt von Ursula Gräfe!). Siehe Der Andere Literaturklub 2009.

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Ohne Löwe, Elefant und Co. ...

Spannendes Südafrika ganz ohne Löwe, Elefant und Co. Bernadette Böcker hat Ein schöner Ort zu sterben von Malla Nunn gelesen (aus dem Englischen von Armin Gontermann. Rütten&Loening, Berlin 2009).

Ein schöner Ort, um zu sterben, denkt sich Emmanuel Cooper, britischer Detective aus Johannesburg, als er in einem Buschdorf am Rande Südafrikas einen Mordfall aufklären soll. Zu diesem Zeitpunkt weiß er allerdings noch nicht, wer da mit dem Gesicht nach unten und von Schusswunden entstellt im Grenzfluss zu Mosambik treibt: Es ist der lokale weiße Police Captain, der Dank seiner burischen Abstammung das Dorf Jakob’s Rest beherrschte, bis er dieses unrühmliche Ende fand.
Wir befinden uns im Südafrika der 1950er Jahre, die Apartheidsgesetze sind in voller Kraft – Mischehen verboten, Trennung der Wohngebiete vorgeschrieben. Die Teilung in Schwarz und Weiß bringt Buren und Briten zwangsläufig einander näher, trotz gegenseitiger Abneigung. Diese spürt auch Cooper, als ihm im Zuge seiner Ermittlungen nur Ablehnung und Misstrauen widerfahren und er zum Spielball zwischen den Mächtigen wird, die vor brutaler Gewalt als Einschüchterungsmittel nicht zurückschrecken. Von allen Seiten werden dem Polizisten Mordverdächtige präsentiert, doch Cooper weiß intuitiv, dass er hier viel tiefer graben muss. Je mehr Geheimnisse er allerdings lüftet – und das sind nicht wenige –, desto mehr bringt er sich selbst in Gefahr, nicht zuletzt, weil auch er selbst einiges auf dem Kerbholz hat.
Malla Nunn, in Swasiland geboren und selbst durch die Geschichte ihrer Eltern vom Verbot der Mischehe betroffen, gestaltet ein dichtes, beklemmendes und erschreckendes Bild Südafrikas jener Zeit. Die preisgekrönte Drehbuchautorin und Regisseurin von Kurzfilmen verzichtet auf typische Afrika-Klischees und konzentriert sich ganz auf ihre Akteure, wilde Tiere tauchen hier zum Glück nicht auf. Völlig zu Recht bezeichnet ein anderer großer Krimiautor, Deon Meyer, dieses Buch als so spannend wie faszinierend.


China Hören – eine Reise durch Chinas Kulturgeschichte in 79 Minuten

Felix Meyer zu Venne hat für uns Probe gehört und ist sehr angetan von China hören (Silberfuchs Verlag; Kayhude 2008).

China ist eines der größten und bevölkerungsreichsten Länder dieser Erde. Die mehr als 3000 Jahre lange Geschichte des Landes ist spannend und facettenreich. Wie kann man sich mit einer derartig langen Geschichte, Kultur und Tradition auseinandersetzen, ohne teure Bücher mit Hunderten von Seiten zu wälzen?
China hören ist die Antwort. In rund 80 Minuten oder 20 Kapiteln wird ein umfassender Abriss der chinesischen Kulturgeschichte geliefert. Dies ist sicherlich in dem begrenzten Rahmen eines Hörbuches nicht sehr einfach. China hören wird dieser Aufgabe aber mehr als gerecht.
Die Autorin Anja Hinz bespricht sämtliche Bereiche der chinesischen Kultur und gibt u.a. Informationen zur chinesischen Geschichte, Mythologie, Philosophie, Religion, Politik, Kunst und Literatur. Der Schauspieler Rolf Becker gibt die ausgewählten Inhalte hervorragend wieder. Er berichtet von Kaisern und Philosophen, von der Entstehung der großen Mauer, vom Ursprung der chinesischen Medizin und vom Schönheitskult der Lotusfüße. Und dies ist nur eine kleine Auswahl der Inhalte. Alle angesprochenen Themen werden in diesem begrenzten Format ausreichend behandelt, und ich war in jedem Kapitel erneut über die inhaltliche Tiefe überrascht.
China hören begeistert aber nicht nur inhaltlich. Auch die aufwändige Gestaltung der CD ist sehr gelungen. In einem 16-seitigem Beiheft sind neben einer Zeitleiste, die einen Überblick über die chinesischen Dynastien gibt, zahlreiche Abbildungen von klassischen chinesischen Zeichnungen und Fotos aus China zu finden. Die musikalische Untermalung der Inhalte rundet das Hörbuch ab. Klassische chinesische Musik, gespielt von hochkarätigen Musikern, lässt den Hörer voll und ganz in Chinas Welt eintauchen.
Ideal für "Einsteiger“ in Chinas Kulturgeschichte und ein Muss für alle, die Interesse an diesem Land haben und sich bisher nicht mit schweren Büchern befassen wollten.

Zu beziehen über den Verlag: www.silberfuchs-verlag.de


Träume in Peking

Xu Zechen zeigt in Im Laufschritt durch Peking (aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Berliner Taschenbuchverlag, Berlin 2009) die rauen Seiten der Stadt. Sebastian Sell hat sich hineingewagt. 

Dunhuang ist raus aus dem Gefängnis und gleichzeitig wieder mittendrin im Pekinger Kleinkriminellenmilieu. Keine Familie, alle Freunde und Kollegen im Knast oder im Untergrund. So sitzt er da im Straßendreck, ohne Geld und Bleibe. Doch Dunhuang ist schlau und ergreift die Gelegenheit beim Schopf. Diese heißt Xiaorong und verkauft als Straßenhändlerin raubkopierte DVDs. Genau wie er träumt sie von einem besseren Leben: einem Kind und einem Haus am Stadtrand oder nur einer Kaution zur Befreiung des noch inhaftierten Zellenkollegen. Solche Träume binden diese Menschen aneinander, geben Kraft und Sicherheit im anstrengenden und gefährlichen Alltag.
Xu Zechen beschreibt in seinem Roman Im Laufschritt durch Peking einige dieser Träumer. Dunhuang, Xiaorong oder Baoding, alle sind sie im Grunde gute Menschen, welche aus falschen Hoffnungen oder aus Not auf die schiefe Bahn geraten und allein durch ihren Anstand nicht wieder herauskommen. Doch im Umfeld der Großstadt Peking, die wirkt wie eine lebensfeindliche und menschenleere Wüste aus gelbem Staub, sind es gerade Einfallsreichtum und gute Taten, die die kleinen Gauner zu kleinen Helden werden lassen.


Reise ans Ende der Nacht

Andreas Martin Widmann empfiehlt Für diese Nacht von Juan Carlos Onetti (Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Frankfurt, Suhrkamp 2009)

Zeit seines Lebens hegte Juan Carlos Onetti eine Vorliebe für Kriminalromane, und zwar für solche der düsteren, härteren Sorte, in denen Gut und Böse nicht so einfach zu unterscheiden sind. Welchen Einfluss dieses Genre auf sein Schreiben hatte, zeigt sich in Für diese Nacht. Zum 100. Geburtstag des uruguayischen Autors erscheint sein dritter Roman nun in deutscher Übersetzung, als Geschenk an seine Leser gewissermaßen. Schauplatz ist eine namenlose Stadt in den Wirren eines Bürgerkriegs. Während einer Nacht treffen hier der desillusionierte Kämpfer Ossorio, der Folterkommissar Morasán und der Abtrünnige Barcala, der sich in einem Haus verschanzt hat, aufeinander. Wer eigentlich wen bekämpft, ist selbst für die Beteiligten nicht eindeutig. Die Fronten überlagern sich wie die »Kritzeleien an den Wänden gegen die ›Hunde‹, für die ›Hunde‹, gegen die Regierung, gegen Mario, gegen Pacas Geschlecht, über die Vorlieben des Papstes.« Aus dieser Konstellation lässt Onetti eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit entstehen, deren Intensität gerade durch die Aussicht auf Rettung durch ein Schiff, das im Morgengrauen ablegen soll, noch gesteigert wird. Ossorio selbst wirkt »unbeteiligt dem gegenüber, was in der Nacht aus ihm werden würde«, aber er will Barcalas Tochter beschützen und so irrt er mit ihr durch Gassen, Bars und Nachtclubs. Schon im letzten Jahr hat der Regisseur Werner Schroeter Onettis dunkle Geschichte in seinem großartigen Film in Bilder von opernhafter Opulenz gebracht. Im Vergleich dazu nimmt sich Onettis Text nüchterner aus, aber nicht weniger dicht. Von der nächtlichen Jagd, in der Jäger immer auch Gejagte sind, erzählt er aus wechselnden Perspektiven in einer Sprache, die so hart, scharf und kühl ist wie ein Stück Quarz und auch so klar. Wer noch ein heiteres, romantisches Buch für den Sommer sucht, sei gewarnt, aber in diesem Fall ist eine Warnung die beste Empfehlung.


Eva Karnofsky hat Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien von Héctor Abad (Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Berenberg Verlag Berlin, 2009) gelesen

Der Verlust des Vaters zwingt dazu, erwachsen zu werden, erst recht, wenn die Beziehung an Symbiose grenzte. Wurde der Vater noch dazu ermordet, wegen seiner sozialen Überzeugungen von skrupellosen Auftragskillern eiskalt erschossen, gerät dessen Tod zum Trauma. Der bekannte kolumbianische Journalist und Schriftsteller Héctor Abad, bei uns durch seinen heiteren Band Kulinarisches Traktat für traurige Frauen (Wagenbach 2001, 2006) bekannt, bewältigt dies, in dem er seinem Vater, der bis zu seinem Tod 1987 als Arzt für bessere medizinische und hygienische Bedingungen in den Armenvierteln seiner Heimatstadt Medellín kämpfte, ein literarisches Denkmal setzt. Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien ist der Nachruf auf einen zärtlichen und verständnisvollen Vater und die Huldigung an eine muntere Großfamilie, aber vor allem auch das Sitten- und Sozialgemälde einer Stadt, in der Toleranz und Gemeinsinn seit je her abgestraft wurden. Abad schildert, wie Engstirnigkeit und ideologische Scheuklappen dazu beitrugen,  dass  Medellín in den Siebziger-und Achtzigerjahren immer tiefer in den Sog der Gewalt gerieten. Drogenbarone und ultrarechte Paramilitärs machten sich nicht zuletzt dort breit, weil eine geld- und machtgierige herrschende Klasse mit ihnen paktierte, wenn es sich für sie als nützlich erwies.  Brief an einen Schatten ist für Kolumbien-Interessierte (fast) eine Pflicht, doch auch, wer bewegende Familiengeschichten aus anderen Breiten  goutiert, wird das Buch mögen, verliert Abad doch selten seine tiefgründige Ironie und rutscht niemals ins Melodramatische ab.                      


Wong goes West

Alexandra Schlossarek hat mitgefiebert: Nury Vittachi Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät (Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Unionsverlag 2009).

Im neusten Kriminalfall des Fengshui-Detektivs C.F. Wong geht es diesmal um eine hochkarätige Angelegenheit: Die Königin von England ersucht um seine Dienste. Gerade zum richtigen Zeitpunkt nach einem geplatzten Geschäft, erhält Wong den Auftrag umgehend nach Hongkong zu reisen, um dem neuen Luxus-Businessflieger der königlichen Familie und anschließend sogar dem Buckingham Palace in England das richtige Fengshui einzurichten. Obwohl dies eigentlich in beweglichen Objekten –  wie Flugzeugen – nicht möglich ist, kann Wong dem vermeintlichen Geldsegen nicht widerstehen, drückt ausnahmsweise mal ein Auge zu und macht sich zusammen mit seiner Assistentin Joyce auf den Weg. Als er dann auch noch einen mysteriösen Mord aufklären soll, der sich an Bord des Flugzeugs ereignet hat, droht das Ganze plötzlich zu einer Sache um Leben und Tod zu werden.

Der neue Fengshui-Krimi von Nury Vittachi ist, wie erwartet, mit viel Humor und überraschenden Wendungen gespickt – eine sehr unterhaltsame Lektüre, die ich nur empfehlen kann.


Lektüre für jene, die ein Buch aufschlagen, um das Fürchten zu lernen

Petra Kassler hat es gewagt und Kap der Finsternis von Roger Smith gelesen (Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg. Klett-Cotta/Tropen, Stuttgart 2009).

„Mixed Blood“ – so der Originaltitel von Kap der Finsternis, der ebenso Programm ist, wie die deutsche Version. Man ahnt sofort, in was für einen tiefdunklen, blutigen Albtraum der Gewalt man versinken wird, wenn man Roger Smiths schweißtreibenden Thriller in die Hand nimmt. Zartbesaiteten Lesern sei dringend abgeraten, und auch die hartgesotteneren Krimifans sollten sich über Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre im Klaren sein. Im Abseits der Stadt, die viele touristische Hochglanzprospekte ziert, mischt sich am äußersten Rand der Gesellschaft, in den „Cape Flats“ allerhand Blut – Verlierer, Verbrecher, Killergangs, Korrupte und Drogenabhängige jeglicher Herkunft treffen am Abgrund aufeinander, viel Blut fließt buchstäblich zusammen, bevor es eintrocknet. In dieses Universum des totalen Grauens, in dem es keinerlei Regeln mehr gibt und jegliche moralischen Ansätze auf ewig beerdigt scheinen, gerät der Amerikaner Jack Burn mit seiner Familie, nachdem diese beinahe Opfer eines völlig willkürlichen Gewaltverbrechens geworden ist. Burn musste seine Heimat verlassen, weil er dem Glücksspiel anheim gefallen und kriminell geworden war – doch er findet keine Ruhe, der Horror geht jetzt in Kapstadt erst richtig los: Burn sticht die beiden Gangmitglieder, die in sein Haus eingedrungen sind, kurzerhand ab. Eine brutale Hetzjagd beginnt ... Mehr sei nicht verraten, die Mutigen sollten sich an diese Spannungslektüre wagen, ist sie doch auch ein bemerkenswertes Stück klarsichtiger Gesellschaftskritik eines Autors, der weiß wovon er redet. „Was die Apartheid als größten sozialen Missstand abgelöst hat, ist das Verbrechen. Die Kriminalität ist beinahe die neue Apartheid. Es ist doch kaum möglich, über das Land zu schreiben und nicht über Kriminalität zu sprechen“ so Roger Smith in einem Interview. Eigentlich ist er Drehbuchautor und Filmregisseur, und das merkt man! Schauplätze und Szenen jagen einander gnadenlos, literarische Schnörkel fehlen komplett. Das macht nichts! Kap der Finsternis ist ein niederschmetterndes, dennoch tolles Buch – wäre es ein Film, hätte ich mir vermutlich den Großteil der Laufzeit die Augen zuhalten und fragen müssen ob’s vorbei ist. Der Trost, „ist doch nur ein Film bzw. ein Buch“ greift ja leider auch nicht – was Smith schreibt, ist wahr.


Geschichten aus Kittur

Kristina Förster hat Zwischen den Attentaten (Aus dem Englischen von Klaus Modick. C.H. Beck, München 2009) von Aravind Adiga gelesen.

Ich muss gestehen, dass ich Aravind Adigas zweiten Roman Zwischen den Attentaten nicht ohne Skepsis aufgeschlagen habe – zumindest aber mit der Frage im Hinterkopf, ob dieses Buch wohl dem Erwartungsdruck, den der Riesenerfolg von Der weiße Tiger (C.H. Beck, 2008) aufgebaut hat, standhalten kann.
Es kann.
Adiga führt in seinem neuen Roman durch die fiktive südindische Stadt Kittur und episodenhaft durch die Lebenswelten seiner Bewohner in den Jahren „zwischen den Attentaten“, also dem Anschlag auf Indira Gandhi im Oktober 1984 und der Ermordung ihres Sohnes und Nachfolgers Rajiv Gandhi im Jahre 1991. Das Motiv der Unruhe wird gleichsam von der politischen Bühne auf die individuellen Biografien der Protagonisten übertragen. Sie spiegelt sich in dem Unternehmer Abbasi, der nicht hinnehmen will, dass seine Arbeiterinnen langsam erblinden und sich in ein Netz von Korruption und Gewalt begibt oder in dem reichen, aber mischkastigen Schuljungen Shankara, der aus Rache schließlich einen Sprengsatz im Klassenzimmer zündet. Einige Geschichten erzählen von zerstörten Weltbildern, wie dem des Journalisten Gururaj, der die Suche nach der Wahrheit zu seinem Lebensgrundsatz gemacht hat und zerbricht, als er erkennt, dass die „Pressefreiheit“ bei den Eigeninteressen der Mächtigen und Einflussreichen endet. Die einzelnen Porträts sind locker und niemals aufdringlich untereinander und mit der Stadt verknüpft. Die Untiefen in der Persönlichkeit von Mr. Engineer, dem reichsten Mann der Stadt, stehen der Wut des Fahrradkulis Chenayya gegenüber. Aber es geht um viel mehr als eine moralisierende Kontrastierung zwischen Arm und Reich, nämlich um die Unerbittlichkeit einer Gesellschaft, in der die Obrigkeit korrupt, die Reichen gierig sind und nahezu jeder bereit ist, im eigenen Interesse die Ellenbogen einzusetzen. 
Wehende Saris, exotische Düfte oder ein Happy End sucht man hier vergebens. Adiga wagt stattdessen einen Querschnitt durch die indische Gesellschaft, der gelingt, weil er ohne Stereotypisierungen auskommt und seinen Figuren neben desillusionierenden Abgründen vor allem auch Würde und Menschlichkeit zugesteht.


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