Weltempfänger

Litprom-Bestenliste "Weltempfänger"


Nicht alle Bestenlisten sind gleich

Seit acht Jahren veröffentlicht Litprom eine Bestenliste namens „Weltempfänger“, die auf die lesenswertesten Neuerscheinungen der Literaturen jenseits von Europa und Nordamerika hinweist, eine weltweit wohl einmalige Reise durch die Vielfalt der weltliterarischen Produktion. 


Wie funktioniert die Abstimmung beim „Weltempfänger"?

Die Liste mit jeweils 7 Titeln wird erstellt von einer ehrenamtlich arbeitenden Jury aus neun renommierten Kulturjournalisten, Literaturredakteuren und –kritikern, unter dem Vorsitz des Schriftstellers Ilija Trojanow.  Dafür werden jeweils die Neuerscheinungen der letzten drei Monate gesichtet, per E-Mail ausgiebig untereinander diskutiert und nach einem Punktesystem bewertet. Jedes Jurymitglied hat 15 Punkte zur Verfügung, pro Titel dürfen nicht mehr als 5 Punkte vergeben werden. Daraus errechnet sich die Platzierung. Kumuliert wird gar nicht. Jede neue Liste empfiehlt neue Titel.
Entscheidend ist die Zusammenarbeit unter den Jurymitgliedern. Andere Juroren sind nicht Konkurrenten, sondern Diskussionspartner. Gerade die Schwierigkeit, fremde Literatur zu beurteilen, erzwingt einen dialogischen Prozeß der Prüfung und Hinterfragung.   

Die Jury der Bestenliste stellt sich vor

Die Bestenliste Weltempfänger wird herausgegeben von Litprom e. V. (ehem. Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika) mit freundlicher Unterstützung der Frankfurter Buchmesse. Sie erscheint vier Mal im Jahr und liegt als Streifenplakat dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels bei und wird nach Erscheinen in der taz veröffentlicht.


Die sieben Besten zum Sommer 2017

Die 35. Litprom-Bestenliste »Weltempfänger« empfiehlt einfühlsame Erzählungen aus Nordkorea, einen chinesischen Science Fiction, gleich drei Romane aus Lateinamerika, einen »alkoholhaltigen« Krimi aus Haiti sowie kunstvolle Miniaturen aus Vietnam und Kanada.

Platz 1 gehört dem Erzählband »Denunziation«, dessen nordkoreanischer Autor unter dem Pseudonym Bandi schreibt. Die Erzählungen wurden bereits in den 90er Jahren verfasst, erst jetzt konnten sie aus dem Land geschleust werden. Auf Platz 2 verhandelt der Science Fiction »Die drei Sonnen« von Cixin Liu die Grenzen zwischen Vision, Utopie und Dystopie.
In »Madrid, Mexiko«, Platz 3 der Liste, erzählt Antonio Ortuño generationsübergreifend Geschichten von Flucht und Migration.
Platz 4 belegt Kim Thúy mit »Die vielen Namen der Liebe«, einem leise erzählten Roman, der sich an die eigene Geschichte der Autorin anlehnt.
»Teilansicht der Nacht« heißt der dritte Band eines fünfteiligen Romanprojekts von Luiz Ruffato, das ein historisches Portrait Brasiliens zeichnet und es auf Platz 5 geschafft hat.
Auf Platz 6 erzählt Nona Fernández in »Die Straße vom 10. Juli« von einem Unfall, einer Jugendliebe und der chilenischen Militärdiktatur.
Und in »Suff und Sühne« nimmt Gary Victor uns wieder mit in die Welt des alkoholabhängigen Kriminalkommissars Azémar auf Haiti.

Der Weltempfänger Nr. 35 zum Download. 


1. »Denunziation« Bandi NORDKOREA

Erzählungen aus Nordkorea. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Piper, 224 Seiten

Ein heldenhafter Kutscher fällt seinen Lebensbaum. Ein Kind weint beim Anblick eines Karl-Marx-Banners, Angst, Hunger, Willkür der Partei bestimmen den Alltag. Bandi, ein anonymer Autor, zeigt Menschen in Nordkorea wie unsere Nachbarn nebenan. Einfühlsam, illusionslos und doch komisch. Einzigartig! (Cornelia Zetzsche)

Die Botschaft ist klar: Das ganze Land ist die Bühne, um die es im Titel der Erzählung geht. Eine Bühne, auf der alle Bewohner lebenslang dazu verdammt sind, eine Rolle zu spielen. Was sie über die Jahre so verinnerlicht haben, dass das Gespielte echt wird. Selbst eine Frau, deren einziges Kind einem absurden Trauerritual zum Opfer fiel, schluchzt während dieses Rituals so aufrichtig wie hemmungslos. Wenn aber alle nur vorgegebenen Text sprechen und vorgeschriebene Gefühle spüren, wer kann dann darüber wahrhaftig berichten? Wer also hat "Die Bühne" geschrieben? (Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung)


2. »Die drei Sonnen« Cixin Liu CHINA

Roman. Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. Heyne, 592 Seiten

Ein Ungetüm überbordender Erzählkunst und aufregender Gedankenakrobatik. Ein Science-Fiction-Roman, der zur Zeit der Kulturrevolution beginnt. Die Handlung befreit von der historischen Realität, Gewissheiten zerfallen, das Mysteriöse gewinnt die Oberhand. Wie ein komplexes Computerspiel, das süchtig macht. (Ilija Trojanow)

Es ist selbst ein ganzes Universum, das Cixin in seinem Roman aufspannt. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft Chinas und der ganzen Welt treffen aufeinander, vermischen sich oder lassen einander in neuem Licht erscheinen. Vielleicht ist das Geheimnis des Erfolgs von "Die drei Sonnen" die Selbstverständlichkeit, mit der Cixin alles in den Blick nimmt, während derzeit die Vorstellungskraft vieler Menschen noch vor der eigenen Landesgrenze zu enden scheint. (Nicolas Freund, Süddeutsche Zeitung)


3. »Madrid, Mexiko« Antonio Ortuño MEXIKO

Roman. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Antje Kunstmann, 224 Seiten

Der Roman erzählt eine Migrationsgeschichte aus dem „Alten Europa“ und verknüpft sie mit aktuellen Ereignissen in der „Neuen Welt“. Rivalitäten aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs und ein „Mord aus Leidenschaft“ in Mexikos Gegenwart werden gekonnt und vielschichtig miteinander verbunden. (Andreas Fanizadeh)

Glasklar, auf den Punkt, konzentriert, auf die Realien reduziert. Eine Art neue „Neue Sachlichkeit“ (unterstrichen von dem wunderbaren Cover) und ganz klar ein großer Roman. (Thomas Wörtche, Culturmag)

Ein Roman, der spannend ist, hintergründig, brutal und dennoch das sensible Thema Migration gewinnbringend aufgreift. (Christoph Ohrem, WDR 5)


4. »Die vielen Namen der Liebe« Kim Thúy KANADA/VIETNAM

Roman. Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große. Antje Kunstmann, 144 Seiten    

Als Kind flieht Vi aus Vietnam nach Kanada. Dem autobiographischen Stoff gewinnt Kim Thúy in eindringlichen und kunstvoll gesetzten Miniaturen berührende Facetten ab: Wie sich aus gesellschaftlichen und familiären Traditionen befreien, die Halt und Grenzen bedeuten? Wie Fremde in Heimat verwandeln? (Claudia Kramatschek)

Das Phänomen der Liebe als übergeordnetes, gemeinsames Prinzip, das die einzelnen Geschichten zusätzlich zu den Kernfragen nach Heimat und Identität zu einem großen Ganzen zusammenfügt, bleibt dabei nicht auf seine romantische Form beschränkt. Vi entdeckt die verschiedensten Ausprägungsformen von Liebe: von jenen freundschaftlicher Natur, über jene, die der Gottesverehrung gleich kommen bis hin zu jenen, die nicht immer gleich als Liebe offensichtlich sind. (Catarina Gomes de Almeida, booknerds.de


5. »Teilansicht der Nacht« Luiz Ruffato BRASILIEN

Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. Assoziation A, 144 Seiten

Ruffato kommt in seiner Geschichte der brasilianischen Arbeiterklasse in den 70er Jahren an, mit diesem dritten von fünf Bänden seiner Romanreihe »Vorläufige Hölle«. Seine kantigen Personen bäumen sich gegen die Macht des Elends auf oder gehen darin unter. Atemlos, stakkatohaft, hämmert er einem seine Satzfetzen ein und stanzt sie in kompakte Spannungsbögen. (Ruthard Stäblein)

Einen Beitrag auf Bayern2 Kultur von Cornelia Zetzsche gibt es als Podcast zu hören und auf Bayern 2 Kultur radioTexte ist eine ganze Seite Luiz Ruffato gewidmet.

Selten hat jemand über eine brasilianische Favela so eindringlich und einprägsam geschrieben wie Luiz Ruffato in "Teilansicht der Nacht". (Eva Karnofsky, Blickpunkt Lateinamerika)


6. »Die Straße zum 10. Juli« Nona Fernández CHILE

Roman. Aus dem Spanischen von Anna Gentz. Septime, 336 Seiten

Auch in Chile hat der Turbokapitalismus die Menschen gedrillt. Aber einer steigt aus und verschwindet. Phantastisch abgründig erzählt Nona Fernández die chilenische Leistungsgesellschaft als Folge der Militärdiktatur und verbindet persönliche mit kollektiven Traumata. Ein beachtlicher literarischer Versuch. (Insa Wilke)



7. »Suff und Sühne« Gary Victor HAITI

Kriminalroman. Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, 160 Seiten

Suff, Gewalt und Tod, angriffslustig, satirisch, sarkastisch und ungeheuer komisch. Auf bizarre Zustände in Haiti reagiert Victor mit einem bizarren Szenario, das deswegen die Realitäten umso genauer trifft. Sein Held säuft, weil er um der Gerechtigkeit willen töten muss. Große (Kriminal-)Literatur. (Thomas Wörtche)

Gott sei gelobt, Dieuswalwe Azémar ermittelt wieder! Der Mann hat wirklich einen Lauf. Zuerst der Suff, jetzt der Entzug. Niemand sagt, dass Kommissare es einfach haben. (Katja Bohnet, Culturmag)


Kontakt

Anita Djafari

Tel.: 069/2102-113 
E-Mail: djafari@book-fair.com