Weltempfänger

Litprom-Bestenliste "Weltempfänger"


37. Litprom-Bestenliste / Winter 2017

Die 37. Litprom-Bestenliste »Weltempfänger« richtet die Antennen diesmal ganz stark nach Asien aus und empfiehlt gleich zwei Werke aus Vietnam geschrieben aus höchst unterschiedlicher Perspektive; ein hochaktuelles Porträt unserer medialisierten Gesellschaft aus Israel; eine Verarbeitung des Schicksals der Bewohner des Chagos-Archipels, Reflexionen über den Krieg eines Geflüchteten aus Syrien und einen Roman aus Indien mit Innenansichten über den Terror.

Auf Platz 1 behandelt »Endlose Felder« von Ngyen Ngoc Tu kleine und große Ereignisse aus dem Leben der Bewohner des Mekong-Deltas. »Menschenwerk« von Hang Kang aus Südkorea stellt die Frage, wie der allgegenwärtigen Gewalt der Menschen gegeneinander beizukommen ist. Auf Platz 3 findet sich Viet Thanh Nguyens Thriller »Der Sympathisant«, der den Vietnam-Krieg durch die Augen eines kommunistischen Doppelagenten in Kalifornien schildert. »In Gesellschaft kleiner Bomben« von Karan Mahajan auf dem vierten Platz füllt jene Leerstellen gekonnt, die über Anschläge in den Medien häufig offen bleiben. In »Der Tod backt einen Geburtstagskuchen« des Syrers Hamid Abboud auf Platz 5 treffen grotesk anmutende Gedichte auf Ironie und Reflexion über den Krieg. Auf Platz 6 erzählt Shenaz Patel aus Mauritius in »Die Stille von Chagos« von Trauer und vergeudetem Lebensglück der Insulaner. Und auf Platz 7 schafft es schließlich Ayelet Gundar-Goshen mit der »Lügnerin« der Gesellschaft in Sachen Oberflächlichkeit und sexueller Verklemmtheit einen Spiegel vorzuhalten.      

Der »Weltempfänger« Nr. 37 / Winter 2017 steht als PDF zum Download zur Verfügung und kann auch als Plakat bei Litprom angefordert werden: litprom@book-fair.com


1. »Endlose Felder« von Nguyen Ngoc Tu VIETNAM *

Erzählungen. Aus dem Vietnamesischen von Günter Giesenfeld und Marianne Ngo. Mitteldeutscher Verlag, 264 Seiten

Das Mekong-Delta südlich von Ho-Chi-Minh-Stadt: Hier schippern Nguyen Ngoc Tus Figuren über den Fluss und gehen ihren Geschäften nach. Sie schließen Ehen und lassen sich wieder scheiden, verlassen einander und suchen sich später oft lebenslang. Sehnsuchtsvolle Geschichten – knapp und dicht erzählt. Katharina Borchardt

"Herzzereißend, kurz und dicht« schreibt die junge, in Vietnam sehr erfolgreiche Autorin Nguyen Ngoc Tu. Auch sie kommt aus einem einfachen und entbehrungsreichen Milieu. In ihren 14 Erzählungen verhandelt sie aber keine provinziellen Probleme, im Gegenteil: Ihre Geschichten stehen antiken Tragödien in nichts nach. Katharina Borchardt stellt die Autorin und ihr Werk für den Deutschlandfunk vor: Nguyen Ngoc Tu: »Endlose Felder«.


2. »Menschenwerk« von Han Kang SÜDKOREA*

Roman. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau, 224 Seiten

Gwanju, Südkorea 1980. Eine Studentenrevolte wird blutig niedergeschlagen.Die Gewalt, die Menschen einander immer wieder antun, ist in der Welt. Wie kann man je damit fertig werden? Han Kang findet Worte und eine zärtlich-poetische Form für das vermeintlich Unbeschreibliche. Extrem berührend und sehr mutig. Anita Djafari

"In mehreren Kapiteln kommen Han Kangs Protagonisten, jene, die das Massaker miterlebten, zu Wort. Jeder erzählt seine Geschichte, und von Kapitel zu Kapitel greifen diese Geschichten immer mehr ineinander. Sie verdichten sich zu einer großen Erzählung über Grausamkeit und Würde, die Zerstörung des Fleisches und die Feinheit der Seelen. In jeder Erzählung scheint die Frage auf: was ist Menschlichkeit und (wie) kann man sie bewahren?" Carsten Hueck für Deutschlandfunk Kultur.

Ein Roman, der das Pathos scheue und es eben dadurch vermag, aufzuwühlen, so schreibt Karl-Markus Gauss für die NZZ über »Menschenwerk«. Die ganze Rezension ist hier zu lesen.


3. »Der Sympathisant« von Viet Thanh Nguyen VIETNAM/USA

Roman. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. Blessing, 528 Seiten

Die Gesellschaft der USA und der Vietnam-Krieg – gesehen durch die
Augen eines kommunistischen Doppelagenten, der in Kalifornien lebt.
Ein Polit-Thriller, der die gängigen Erzählungen umdreht, die Medienmacht der USA satirisch angreift und damit die herrschende Perspektive auf die Geschichte der amerikanischen Kriege gleich mit. Polemisch, vielschichtig, witzig, analytisch und wortgewaltig. Thomas Wörtche

»Der Vietnam-Krieg ist ein immer noch virulentes Trauma. Obwohl seine Geschichte, entgegen der üblichen Usancen, von den Verlierern, den USA, geschrieben wird. So sieht es der namenlose Held von Viet Thanh Nguyens pulitzerpreisgekröntem Roman "Der Sympathisant". Weil die USA über die Macht verfügen, ihre Vietnam-Narrative via Hollywood und vermittels der globalen Lingua franca Englisch massenmedial durchzusetzen, bleibt das Kräfteverhältnis der Perspektiven asymmetrisch. Darin liegt auch die Schizophrenie des auf Englisch schreibenden Viet Thanh Nguyen, der folgerichtig am Ende seine Hauptfigur in zwei Personae aufspaltet und dann wieder als ästhetisches Konstrukt zusammenfügt. Authentizität ist dabei keine Option.« Thomas Wörtche für Deutschlandfunk Kultur.

Thomas Wörtche hat »Der Sympathisant« auch für die LiteraturNachrichten besprochen. Nachzulesen im PDF der Ausgabe 2 der neuen Reihe auf Seite IV.


4. »In Gesellschaft kleiner Bomben« von Karan Mahajan INDIEN/USA **

Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Culturbooks, 376 Seiten

Eine Sekunde, die die Welt zerreißt und Welten erschüttert: In seinem schlau inszenierten Roman beschreibt Mahajan die gesellschaftliche »Gemeinschaft«, die durch einen Bombenanschlag entsteht, mit Blick auf Opfer und Täter.
Ein Dogma-Roman mit fast soziologischem Blick, der Leerstellen gekonnt füllt, die Nachrichten über kleine und große Anschläge offen lassen. Ulrich Noller

»Der Terror verliert Glanz und Gloria seines demonstrativen Nihilismus, er steht nackt da und stumm in seiner ganzen Erbärmlichkeit – sein Schrecken verpufft.« Ulrich Noller, NOLLER LIEST-Literatur grenzenlos

»Mahajan verflicht einerseits die Lebenswege seiner Charaktere auf eindringliche und doch unaufdringliche Weise mit den sozialen wie politischen Verwerfungen nicht nur in Indien. Anderseits verdrahtet er auch ihre Schicksale untereinander – bis man begreift, dass alle Figuren wandelnde, kleine Bomben sind.« Claudia Kramatschek schreibt über »In Gesellschaft kleiner Bomben«.

»Ich sehe Terrorismus als menschliche Ausdrucksform« — Karan Mahajan im Interview mit Felix Mayer im Spiegel.


5. »Der Tod backt einen Geburtstagskuchen« von Hamed Abboud SYRIEN **

Roman. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. pudelundpinscher, 152 Seiten

Grotesk anmutende Prosagedichte und Kurzgeschichten, ironisch-verspiegelte Impressionen und Reflexionen des Lyrikers aus Aleppo über den Krieg in Syrien, Flucht und Exil. Und über uns als Zuschauer. Mit verzweifeltem Witz geschrieben. Übersetzt von einer Kennerin der syrischen Literatur. Ruthard Stäblein

"Sechzehn Texte enthält der schmale Band. Sie handeln – wäre es anders zu erwarten – von Krieg und Gewalt, von den Strapazen der Flucht und den Mühen des Ankommens. Und doch unterlaufen sie unsere Erwartung: Denn das darin waltende sardonische Gelächter – siehe der galligbittere Titel des Bandes – bleibt einem im Halse stecken. Dieses sardonische Gelächter ist Überlebens- und Schreibstrategie zugleich: Der Absurdität eines Krieges, der laut Abboud auf "planlose systematische Zerstörung" hinausläuft und jeglichen Alltag zum absoluten Ausnahmezustand erklärt, hält er seinen rabenschwarzen Humor entgegen." Claudia Kramatscheck, Deutschlandfunk Kultur


6. »Die Stille von Chagos« von Shenaz Patel MAURITIUS *

Roman. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. Weidle, 160 Seiten

Wer hat schon vom Chagos-Archipel gehört? Wer Shenaz Patels intensive Annäherung über das Unrecht liest, das den Menschen von dort bis heute angetan wird, vergisst diesen Namen nicht mehr. Er kriecht einem unter die Haut, der Name Chagos, gesättigt von der Trauer um das vergeudete Lebensglück der Insulanerinnen und Insulaner. Insa Wilke

"Der Weidle Verlag in Bonn ist gar nicht hoch genug zu loben, dass er nun in fluider deutscher Übersetzung einen Roman veröffentlicht, der Geschehnisse thematisiert, die nicht etwa "vergessen" sind, sondern in unserer limitierten Optik bislang noch nicht einmal existierten." Claudia Kramatschek über »Die Stille von Chagos«. Hier nachhören. 

»Genau, geradlinig und achtsam« — Ulrich Noller auf wdr.de COSMO zu "Die Stille von Chagos". Hier nachlesen.


7. »Lügnerin« von Ayelet Gundar-Goshen ISRAEL *

Roman. Aus dem Hebräischen von Helene Seidler. Kein & Aber, 336 Seiten

Ein Fernsehstar beleidigt eine junge Eisverkäuferin sexuell – Worte werden als Taten missinterpretiert. Die unscheinbare Teenagerin steht auf einmal im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Ein psychologisch fein erzählter Roman über jugendliche Selbstzweifel, Liebessehnsucht sowie die Oberflächlichkeit und Verklemmtheiten unserer medialisierten Gesellschaft. Andreas Fanizadeh

»Es geht in diesem Roman um die Macht der Worte, um Anklagen und Geständnisse, um die Versuchung, zu lügen und die Schwierigkeit, zur Wahrheit zurück zu finden. Ayelet Gundar-Goshen besitzt eine geschulte, scharfe Beobachtungsgabe. Sie schildert, wie der neue Status als "Medienprinzessin" die sozialen Beziehungen des Teenagers neu definiert, und sie erspürt, wie ihre Protagonistin Geschmack an der Manipulation der Wirklichkeit findet.« Sigrid Brinkmann, Deutschlandfunk Kultur.

Auch im Literaturclub des Schweizer Rundfunks wird über die »Lügnerin« gesprochen: »Von Lügen und großen Gefühlen«. Den ganzen Videobeitrag gibt es hier.





* nominiert für den LiBeraturpreis 2018

** Die Übersetzung der Titel wurde unterstützt durch Litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amts



Litprom empfiehlt für eine Übersetzung ins Deutsche:

»Wild Girls, Wicked Words« Edited by Lakshmi Holmström. INDIEN

Gedichte. Kalachuvadu/Sandam House, 2012

Die zweisprachige Lyrik-Anthologie (Tamil/Englisch) versammelt die Gedichte dreier prominenter und rebellischer Lyrikerinnen aus Tamil Nadu, die kühn weibliche Lebenswelten erkunden und tradierte Rollenbilder hinterfragen.

litprom@book-fair.com


Alle Interessenten und Multiplikatoren können die Bestenliste Weltempfänger als Plakat bei uns anfordern: litprom@book-fair.com 


Kontakt

Anita Djafari

Tel.: 069/2102-113 

Fax: 069/2102-46113 

E-Mail: djafari@book-fair.com