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Kebir M. Ammi: »Un génial imposteur«​​

Claudia Gronemann, Professorin für romanische Literaturen an der Universität Mannheim, empfiehlt den Roman für eine Übersetzung ins Deutsche:

Das Besondere an diesem Buch ist die sprachgewaltige Dar­ste­llung des Krieges, verbunden mit einer atemberaubenden Odyssee über mehrere Kontinente, aus der Sicht der Hauptfigur Shar und vermittelt über einen erzählerischen Rahmen. Shar ist An­al­phabet, aber ein begnadeter Red­­­­ner und jemand, der alle einwickeln kann. Dies ist Teil seines infamen Cha­rakters, der uns in Form eines mündlichen, unzuverlässigen Be­rich­ts Seite für Sei­te vorgeführt wird. Erst darin finden die Gräuel ihren Ausdruck: nicht durch nackte Benennung, son­dern die Barbarei der ironisch-lässigen pikaresken Aus­drucks­weise eines Be­trü­gers, der allen seine Sichtweise aufdrängt. Doch Shars falsche Version wird durch die Rahmenerzählung ent­larvt. Darin spricht ein junger Schriftsteller, der Sohn eines von Shar verratenen Kampf­ge­fäh­r­ten, und er bringt den Brief seines Vaters ins Spiel. Shar aber täuscht sogar seinen Tod vor und verfolgt heimlich den jungen Autor, der seine Version der Dinge veröffentlichen will – ein wahrer Krimi beginnt.

Kebir Ammi wurde in Marokko geboren, seine Mutter ist Marokkanerin, sein Vater Algerier. Seit über 30 Jahren lebt Ammi in Frankreich.

Gutachten und Probeübersetzung liegen vor und können angefordert werden: litprom@book-fair.com

Kebir M. Ammi: »Un génial imposteur«. Roman, Mercure de France 2014, 256 Seiten, ISBN: 782715234895

 

Schreiben als Gegendiskurs

Ein Interview mit dem Autor von Claudia Gronemann

Herr Ammi, Ihr neuester Roman „Ein genialer Betrüger“ erzählt vom Aufstieg und Fall eines Algeriers, einem Verwandlungskünstler, der an vielen Fronten kämpft und sein Fähnlein stets nach dem Wind zu hängen weiß. Das einzig Beständige an Shar ist seine Nie­der­­tracht. Seine Flucht führt ihn um die Welt, er kämpft in Indochina gegen die Franzosen, geht in den algerischen Ma­quis, wechselt dann zur OAS, bevor er schließlich im unab­hän­gigen Algerien Ka­r­rie­re im Staatsapparat macht. Was reizt Sie an einem solchen Anti­helden?

Für mich wurde durch ihn darstellbar, was an Unbegreiflichem während des Al­gerienkriegs passiert ist. Ich wollte den Kampf für die Unabhängigkeit nicht glorifizieren, das ist nicht Aufgabe des Schriftstellers. Ich habe versucht, einen schwierigen und komplexen Moment der algerischen Ge­schichte zu ver­stehen. Es gibt nicht nur Helden auf der einen und Verbrecher auf der anderen Seite. Mir diente eine reale Person als Vorlage: ein intelligenter Typ mit Gespür, aus ärmlichen Verhältnissen, der in jungen Jahren viel erlitten hat – die Fran­zo­sen waren nicht zimperlich während der Kolonialzeit! Er ist viel gereist, konnte gut reden und hatte Charisma. Ich glaube, er wollte wirklich für die Befreiung seines Landes eintreten, aber eines Tages dachte er, die Franzosen werden den Krieg ge­win­nen und ist auf ihre Seite übergelaufen, am Vorabend der Unabhängigkeit dann wieder zurück ins algerische Lager. Er hat alle manipuliert. Alle hielten ihn für einen Helden, aber er war ein Trickser, ein ge­nia­ler Betrüger! Er ist nie aufgeflogen und hatte ein erfülltes Leben; mehrere Regime­wechsel hat er unbeschadet überstanden.

Glauben Sie, die Zeit ist reif, um sich der Vielschichtigkeit dieser Ereignisse zu stellen?

Auf jeden Fall! Dringend. Man kann sich doch nicht mit offiziellen Reden und Arrangements der Mächtigen begnügen. Es gibt ganz gefährliche Ver­kür­zungen in der Darstellung der Geschichte. Es gibt tiefe Verletzungen, Lücken, Un­aus­ge­sproch­enes. Ein Schrift­steller muss die Dinge ohne Umschweife benennen. 

Durch Ihre zahlreichen Lesungen haben Sie auch in Deutschland bereits eine Leserschaft gefunden. Ihre Romane sind allerdings nicht in deutscher Übersetzung erhältlich, und das obwohl Sie als Ro­mancier in Frankreich seit Jahren einen Namen haben. Was könnte einen deutschen Verleger an Ihren Roman reizen?

In meinen Büchern habe ich Elemente der Geschichte aufgespürt, von der Antike bis heute, denen nicht viel Auf­merk­samkeit zuteil wurde – denken Sie an Augustinus und Apuleius in meinen Romanen. Das ist auch für deutsche Leser interessant. Themen wie Krieg, Gut und Böse. Den Deutschen ist all das bekannt und sie haben sich, scheint mir, ihrer jüngeren Ge­schichte gestellt. In Algerien und in Frankreich hingegen hat man es nicht geschafft, die tragi­schen Ereignisse des Algerienkrieges in ihrer Komplexität zu beleuchten. Wenn über diese Zeit ge­sprochen wird, dann meist sehr vereinfachend, schematisch. Man wagt nicht, das Unpassende auszusprechen. Erst die Figur des Shar hat mir erlaubt, das Be­wusst­sein eines Mannes auszuloten, der bis zum Äußersten geht. Ohne dabei einen moralischen Ton anzuschlagen. Eine wei­tere Figur ist Jok, der für die Nazis gekämpft hat, bevor er zur Befreiungsarmee kam. Und der war beileibe nicht zart besaitet! Das Schrei­ben erlaubt mir, Dinge neu abzustecken und einen Gegendiskurs zu schaffen. Auf diese Suche nach dem verborgenen Sinn würde ich gern auch die Leser in Deutschland mitnehmen, wo ich mich nach den verschiedenen Lesungen fast schon ein wenig zu Hause fühle.