Empfehlungen

Das Litprom-Team ist immer weltliterarisch unterwegs. Das waren die bewegendsten Bücher des Sommers:


Äußerste Randlage der abgelegenen Insel

Natacha Appanah MAURITIUS: »Tropique de la violence« (Roman, Gallimard 2016)

In Judith Schalanskys »Atlas der abgelegenen Inseln« – auch eins meiner  besonderen Lieblingsbücher – ist sie nicht aufgeführt, diese Insel im indischen Ozean, vor der ostafrikanischen Küste, auf der die Autorin aus Mauritius ihren Roman angesiedelt hat: Mayotte. Für diesen Teil der Welt hatte ich kein Nachschlagewerk mit in den Ferien, half nur googeln und schnell Bildungsschwachstellen kitten: Handelt es sich bei Mayotte doch um ein Übersee-Département und Region Frankreichs, um einen Teil der EU seit 2014 – ein »Gebiet in äußerster Randlage«. Und dort, auf der 51. der »fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde« (so Schalanskys Untertitel) landete ich dann doch. Natachah Appanah verschiffte mich, mit ihrem beeindruckenden, bisher aber noch nicht auf Deutsch vorliegenden Werk. Mayotte – offensichtlich ein Inselparadies für Reiseveranstalter, habe ich hautnah erlebt, ein Urlaub im Urlaub oder besser: eine aufwühlende Reise in der Reise, ein Eintauchen in den brutalen Alltag perspektivloser, auf sich gestellter Jugendlicher in einem Slum. »Tropen der Gewalt« statt feinsandiger Traumstrände; Mayotte nicht als Auszeit für gestresste Vielverdiener, sondern als Zuflucht verzweifelter Menschen, die massenhaft mit Booten übers Meer kommen. Ein sehr berührendes, verstörendes, tragisches Porträt einer Gruppe junger Menschen in äußerster Randlage der (Insel)gesellschaft.

Petra Kassler


Das Baby ist tot

Leïla Slimani MAROKKO/FRANKREICH: »Dann schlaf auch du» (aus dem Französischen von Brigitte Große, Luchterhand 2017) 

Dieses Buch ist eine Wucht, in mehrfacher Hinsicht! Der Inhalt, der Stil‎, die Konstruktion. Die fast durchgängig makellose Übersetzung. Eine Tragödie, deren Ausgang bereits im ersten Satz benannt ist: Das Baby ist tot. Die Autorin Leila Slimani ist marokkanischer Herkunft, hat bis zu ihrem 18. Lebensjahr dort gelebt, in Frankreich an einer Elite-Universität studiert und viele Jahre als Journalistin gearbeitet, u. a. für »Jeune Afrique«. Ort der Handlung ist Paris. Ein an Erfolg orientiertes Akademikerpaar stellt für seine zwei kleinen Kinder eine Nanny ein. So weit so normal. Aber was uns hier in vermeintlich grotesker Überzeichnung erzählt wird, ist schlicht die Wahrheit einer Klassengesellschaft. Alle Beteiligten geben die Kontrolle über ihr Leben ab und merken es solange nicht, bis es zu spät ist. Das ist hochspannend, geschrieben in nüchternem Tonfall, und dennoch fühlt man sich  nahezu angeschrien: Das darf doch nicht wahr sein! Oder man hält es kaum aus, weil es sich anfühlt, als bekäme man einen Spiegel vorgehalten. Große Kunst. Die Autorin ist übrigens im Rahmen des Ehrengastauftritts Frankreich auf der Buchmesse zu erleben, auch auf der Bühne des Weltempfangs, und das Buch ist schon auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Anita Djafari


Vom Unvorstellbaren und dem Pflücken saftiger Mangos

Gaël Faye BURUNDI: »Kleines Land« (aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann, Piper 2017)

Diesen Sommer hatte ich wenig Zeit zum Lesen, aber das Buch »Kleines Land« von Gael Faye aus Burundi hat es mir dennoch angetan. Faye beginnt seine Geschichte banal, mit der Trennung seiner Eltern, mit den kleinen Umtriebigkeiten seiner Straßengang: Mangos aus Nachbarsgarten pflücken, heimlich Alkohol trinken, Zigaretten rauchen. Doch es rumort in seiner Familie, zwischen seinen Freunden, in der gesamten von Faye erzählten Geschichte: Undurchsichtig schwelt der Konflikt zwischen Tutsi und Hutu unter der Oberfläche des Romans, etwas Düsteres zieht herauf. Und so ist das Buch keine leichte Sommerlektüre, auch wenn es anfangs so scheint. Einige Bilder hängen mir noch immer nach und der ruandische Genozid von 1994 bleibt wegen seiner Unvorstellbarkeit unwirklich. Dieser Roman von einem jungen Burundier, der eine ruandische Mutter und einen französischen Vater hat und zur zeit des Völkermords etwa 12 Jahre alt war, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Joscha Hekele


Freiheit oder die Liebe zum Lippenstift

Faribā Vafī IRAN: »Kellervogel« (aus dem Persischen von Parwin Abkai, Rotbuch 2012)

Ein Buch, das mir diesen Sommer besonders gut gefallen hat, ist »Kellervogel«, der erste Roman der diesjährigen LiBeraturpreisträgerin Faribā Vafī. Eine namenlose Hausfrau in einer namenlosen Stadt, die ein scheinbar geregeltes Leben führt und doch eine Fremde ist – in ihrer Familie, ihrer Ehe und in ihrem Haus. Die Distanz zu ihrem eigenen Leben schafft dabei den Raum für feine Beobachtungen des Mikrokosmos, in dem sie sich bewegt. Ob sie auch den Grundstein zur Emanzipation legen kann?

Sophie Bauer


Rezeptvorschläge für den Urlaub

Kim Thúy VIETNAM/KANADA: »Die vielen Namen der Liebe« (aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große, Antje Kunstmann 2017)

Das Mädchen Vi flieht mit Mutter und Brüdern aus Vietnam und beginnt in Kanada ein neues Leben. Wie Perlen aneinandergereiht beschreibt Kim Thúy leise und eindringlich Erinnerungen an ihr altes Leben im Korsett der Tradition und den Aufbruch in eine neue Freiheit. Ihre Erinnerungen sind immer auch verknüpft mit sehnsüchtigen Aufzählungen von Kostbarkeiten und Gerichten aus der vietnamesischen Küche, die mir  noch lange auf der Zunge liegen und die Lektüre abrunden.

Friederike Ottnad


Kallimorphien

Atiq Rahimi AFGHANISTAN/FRANKREICH: »Heimatballade« (aus dem Französischen von Waltraud Schwarze, Ullstein 2017) 

Rahimi sitzt in seinem Atelier, vor sich ein weißes Blatt und das Unvermögen seine Geschichte niederzuschreiben. Eine Geschichte des Exils. Doch dann gelingt seiner zitternden Hand der erste Strich, der ihn in seine Kindheit zurückführt, zu seinen ersten Schuljahren in Kabul und den in Angst durchlebten Stunden seines strengen Kalligraphielehrers.
So gelingt Rahimi an Hand seiner eigenen Biographie eine Reflexion über die Sprache, die in seinen als »Kallimorphien« bezeichneten Zeichnungen ihren vollkommenen Ausdruck findet. Rahimis Buch hat mich sowohl durch seinen sehr feinfühligen Stil als auch die immer wieder auftauchende Verflechtung persönlicher Erinnerungen mit seiner Sprache und Kunst beeindruckt.

Sonja Diederich