News

zurück zur Übersicht

Chinua Achebe – Der große Lehrer

Am 22. März 2013 ist Chinua Achebe von uns gegangen

Weltweit galt Chinua Achebe als „Vater der modernen afrikanischen Literatur“. Zugleich war er nicht nur der „große Lehrer“, der Afrikanern erklärt, welche Probleme ihren Kontinent heimsuchen, sondern auch der wohl bedeutendste afrikanische Autor, der der Welt erklärt und erzählt, was Afrika bewegt.
Bereits mit seinem ersten Roman schrieb er Literaturgeschichte: Things fall apart (London 1958; dt. Okonkwo oder das Alte stürzt, in neuer Übersetzung von Uda Strätling Alles zerfällt, S. Fischer 2012) erzählt vom Zusammenprall epochaler Kräfte, vom Eindringen von christlicher Mission und Kolonialismus in die traditionellen Strukturen Afrikas. Der Roman war ein Welterfolg: Mehr als 10 Millionen Exemplare wurden (übersetzt in rd. 50 Sprachen) verkauft. Nicht nur in Afrika gehört er zur Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten. Wohl kaum ein Werk der postkolonialen Literatur, als deren Auftakt Things fall apart gesehen wird, ist so oft Gegenstand akademischer Analysen weltweit gewesen wie dieser moderne Klassiker.
Ausgangspunkt seines Schreibens war in den 50er Jahren für den jungen Achebe, den Bildern von Afrika, wie sie z.B. Joseph Conrad in Herz der Finsternis oder Joyce Cary in seinem vergessenen Roman Mister Johnson zeichneten, etwas entgegenzusetzen. Diese Art von Gegen-Diskurs charakterisiert seine Romane, mit denen er einen Beitrag leistet für Afrikas Erneuerung und gegen falsche Zuschreibungen für das, was Afrikas Krise auszumachen scheint. Von der ersten Begegnung zwischen Europäern und Afrikanern, von der kolonialen Eroberung und der tiefen Verletzung afrikanischer Identität, bis hin zur Unabhängigkeit mit ihren enttäuschten Hoffnungen und faulen Früchten sowie dem Zerfall von Zivilgesellschaft nach der Unabhängigkeit reicht der Spannungsbogen des Werkes des Autors, der oft als Kandidat für den Literaturnobelpreis galt. Viele andere Ehrungen hat er erhalten, u.a. den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2002.
Achebes Protagonisten sind keineswegs tapfere Kämpfer, die dem Kolonialismus mannhaft widerstünden. Sie sind tragische Helden, weil die Veränderungen ihrer Lebensumstände in die Katastrophe führen. So begeht der Krieger und Dorfälteste Okonkwo in Things fall apart am Schluss des Romans, nachdem Missionare und Kolonialbeamte seine Welt verändert haben und die Dorfbewohner sich von ihm abwenden, gar Selbstmord, eine für afrikanische Gesellschaften ungewöhnliche Konsequenz. In No longer at ease (1960) ist es Obi, der Enkel Okonkwos, der nach seinem Studium in England voller Hoffnungen und Ambitionen ins Nigeria der 1950er Jahre zurückkehrt – und im Sumpf der Korruption versinkt und scheitert. Arrow of God (1964; dt. Der Pfeil Gottes, 1994) geht in der Geschichte zurück in die vermeintliche Blütezeit des britischen Kolonialismus kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Der Held, der Priester Ezeule, widersetzt sich zunächst erfolgreich dem britischen Administrator, endet aber – wiederum tragisch – im Wahnsinn, als ihn nicht nur britische List besiegt, sondern auch die eigenen Leute im Stich lassen. In A Man of the People (1966) greift Achebe schon früh die Machtausübung nach der Unabhängigkeit auf, erzählt in satirischer Form von Korruption und persönlicher Selbstüberschätzung der politischen Klasse. Der Roman endet mit einem Militärputsch. Da er vor dem tatsächlichen Militärputsch 1966 in Nigeria geschrieben wurde, glauben noch heute viele Nigerianer, dass Achebe im Grunde das Szenario für den Putsch geliefert habe. Der Roman Termitenhügel in der Savanne, veröffentlicht 1987 nach einer Schaffenspause von fast 21 Jahren, ragt als schonungslose Kritik der herrschenden Klassen und politischen Verhältnisse im heutigen Afrika weit über das hinaus, was anderen afrikanischen Autorinnen und Autoren zu diesem Thema eingefallen ist. Auch hier kreist wie in A Man of the People die Handlung um das Thema des Machtmissbrauchs, verändert ein Putsch die Verhältnisse, ohne dass das eine Lösung der Probleme bedeutet. In Anthills of the Savannah geht es zuvörderst um die Machtkämpfe in einer westafrikanischen Militärdiktatur, die unschwer als die Nigerias erkennbar ist. Hier repräsentieren Frauen zum ersten Mal im Werk Achebes eine Art vorsichtiger Hoffnung. Am Ende des Romans, als Männer wieder einmal um Staatsmacht in zerstörerischer Weise gekämpft haben, wird ein Mädchen geboren – und erhält entgegen den alten, männlich dominierten Bräuchen den Namen Amaechina „Möge-der-Pfad-niemals-enden“, der eigentlich Jungen vorbehalten ist.
In seinen Romanen wie auch in Essays und den für sein Werk wichtigen Reden (nachzulesen in dem Band Morning yet on creation day, 1975) hat Chinua Achebe die gewaltigen afrikanischen Transformationsprozesse von Gesellschaften mit mündlicher Überlieferung bis hin zu Nationalstaaten, die zumindest die Insignien von Modernität aufwiesen, beschrieben und analysiert. Es ging ihm dabei immer um mehr als den fast normal zu nennenden Widerspruch, den viele Afrikaner in Bezug auf europäische Zivilisation und ihre verhängnisvolle Rolle in Afrika artikulierten. Wichtig war und ist ihm, dass Literatur die gemeinschaftlich erlebte Geschichte interpretiert und für die Nachwelt festhält – als Erkenntnis und moralischen Auftrag zugleich. In Termitenhügel in der Savanne ist es einer der Alten, die in Afrika auch immer wieder als Weise gelten, der daran erinnert, dass es vor allem darauf ankommt, eine eigene Version der Geschichte für andere zu bewahren: „Die Geschichte (story) bewahrt unsere Nachfahren davor, wie blinde Bettler in die Stacheln des Kaktuszauns zu fallen. Die Geschichte ist unser Begleiter, ohne sie sind wir blind.“
Auch die Sprache seines auf Englisch geschriebenen Werkes war für Chinua Achebe keine Selbstverständlichkeit. Die von den englischen Kolonialherren übernommene Sprache betrachtete er gerne als afrikanisches Eigentum, das kreativ und subversiv gegen ein kolonial geprägtes Verständnis einzusetzen ihm wichtig war. „Wenn die Engländer gewusst hätten, was wir mit dem Englischen anstellen, so hätten sie den Unterricht im Englischen unterbunden“ wird er oft gerne zitiert. Sprichwörter, die „das Palmöl sind, mit dem die Wörter gegessen werden“, durchziehen fast alle seine Romane, in denen das Englische eine besondere nigerianische Form findet und die Art und Weise, wie die Protagonisten sprechen, immer dicht an der vielschichtigen sprachlichen Wirklichkeit Nigerias bleibt.
Ein wichtiges Leitmotiv seines Verständnisses von Literatur hat Achebe schon 1965 in der Rede „Der Schriftsteller als Lehrer“ formuliert: „Hier ist also mein Platz, meiner Gesellschaft zu helfen, den Glauben an sich selbst wiederzugewinnen und die Komplexe zu überwinden, die durch lange Jahre der Beleidigung und Selbsterniedrigung entstanden sind. Dies ist natürlich eine Frage der Erziehung, im besten Sinne des Wortes. Hier glaube ich, treffen sich meine Ziele mit den tiefsten Wünschen meiner Gesellschaft. Denn kein denkender Afrikaner kann der Wunde in unserer Seele entkommen. Ich wäre schon glücklich, wenn meine Romane nichts weiter bewirkten, als meine Leser zu lehren, dass ihre Vergangenheit – mit all ihren Unzulänglichkeiten – nicht aus einer langen Nacht der Barbarei bestand, wie die ersten Europäer in Gottes Namen verkündigt hatten.“
Immer wieder hat Achebe über die Rolle des Autors im heutigen Afrika nachgedacht. Er meldete sich auch als Essayist und Redner zu Wort, so auch zur Situation in seiner Heimat (The trouble with Nigeria, 1983), aber vornehmlich zu grundsätzlichen künstlerischen Fragen (Morning yet on Creation Day, 1975; Hopes and Impediments, Selected Essays, 1988). Auch sein selbstkritisches autobiographisches Buch Education of a British protected Child (2009) enthält sehr viel Grundsätzliches zu Kolonialismus, Bildungswesen und Kunst. Dass ein Autor, der sich als Lehrer versteht und selbst mehrere Kinder hat, auch Kinderbücher geschrieben hat, war fast schon eine Selbstverständlichkeit. Weniger bekannt ist, dass sich seine Erfahrungen mit dem Biafra-Krieg in Gedichten (Beware Soul Brother, 1972) und Kurzgeschichten (Girls at War, 1972) niederschlugen.
Zu Achebes 70. Geburtstag erzählte Nelson Mandela im November 2000, in seinem langjährigen Gefängnis in Robben Island habe er Achebes Romane gelesen und dadurch seien seine Gefängnismauern durchlässig geworden. „Achebe hat der Welt Afrika gebracht“, sagte Mandela über den großen Alten der afrikanischen Literatur. Achebe selbst, der so viel über das Bild Afrikas in der Welt nachgedacht hat, hätte es in aller Bescheidenheit kaum besser ausdrücken können.
Am 22. März ist der Autor nach langer Krankheit in Boston gestorben. Er war nach einem schweren Unfall in seiner Heimat im Jahre 1991 an den Rollstuhl gefesselt und daher mit seiner Frau Christie in die USA gezogen, von wo er sich immer wieder engagiert meldete. Die größte Ehrung, die man ihm erweisen kann, ist die, dass man ihn immer wieder liest und über sein Werk spricht und schreibt.

Peter Ripken

Aus gegebenem Anlass:
“Immer wieder richtet sich der Blick auf Chinua Achebes Roman Things Fall Apart, wenn von afrikanischer Gegenwartsliteratur die Rede ist. Der angemessene Zugang zu diesem grundlegenden Werk ist für deutsche Leser, die den kulturellen Hintergrund in der Regel nicht kennen, erschwert, so dass dem Übersetzer in dieser Situation eine besonders hohe Bedeutung zukommt. WIE wichtig dessen Aufgabe ist, macht die Literaturübersetzerin Silke Pfeiffer in ihrer aufschlussreichen Analyse der inzwischen im Fischer Verlag erschienenen Übersetzung von Chinua Achebes Roman deutlich.”
Beitrag lesen auf faustkultur.de