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Aufbruch in die Freiheit?

Thema: Arabische Welt

Die arabischen Gesellschaften sind im Aufbruch. Was in Tunesien im Dezember 2010 begann und sich in anderen arabischen Ländern fortsetzte, ist einmalig in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas. Auch wenn der Weg zur ‚Freiheit’ lang sein wird – viele der Errungenschaften sind nicht mehr rückgängig zu machen: Drei Diktatoren wurden gestürzt, eine neue kritische Öffentlichkeit ist entstanden, und die Verwirklichung von Bürgerrechten und demokratischeren Strukturen ist zum ersten Mal in Reichweite gerückt. Trotz vieler Rückschläge scheint der Wille zur Veränderung ungebrochen.
Diese rasanten Entwicklungen im Nahen Osten und Nordafrika werden nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch die arabische Literatur verändern. Grund genug also, genauer nach dem neuen Verhältnis von Literatur und Politik zu fragen: Wie interagieren Literatur, Gesellschaft und Politik in dieser Umbruchsphase? Schreiben arabische Autoren nach den diesjährigen Ereignissen freier als zuvor? Welchen subversiven Beitrag hat Literatur im Vorfeld der Aufstände geleistet? Sollen Prosa, Lyrik und andere literarische Genres sich ganz der ‚Revolution’ verschreiben oder eher eine kritische Distanz wahren?
Diese und weitere Fragen im Spannungsfeld von Literatur und Politik stehen im Mittelpunkt der Arabischen Literaturtage, zu denen Autoren, Künstler und Kritiker aus verschiedenen arabischen Ländern und aus Deutschland eingeladen sind, um nicht nur ihre Werke zu präsentieren, sondern auch ihre Sichtweisen auf den Arabischen Frühling zur Diskussion zu stellen.

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Thema: Arabische Welt

litprom wird auf dieser Seite kontinuierlich Beiträge und weiterführende Links sowie Blogs zum Thema sammeln.

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Beiträge:

  • Ibn Rushd Preis 2011 geht an die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine »»
  • "Die Zeit des alten Menschen endet" - Adonis, der Goethepreis und die Revolution von Kersten Knipp »»
  • Gegen die "hogra" - eine globalisierte Welt hat nicht nur Nachteile von Mahi Binebine »»
  • Poetik des Widerstands - die Aufstände in der arabischen Welt im Spiegel der Literatur von Kersten Knipp »» 


Links:

  • "Von der Bücherkarawane zum Literaturcafé"- Marokko hat nicht auf den arabischen Frühling gewartet, um seine Kulturszene zu revolutionieren. Mitte der 1990er Jahre begann ein Aufbruch, der vor nichts haltmacht: Künstler stellen in Kosmetiksalons aus, Literaturcafés finden statt in Tennisklubs, und ein Hotel stiftet den höchstdotierten Literaturpreis des Landes. Ein Beitrag von Regina Keil-Sagawe auf NZZonline

  • "Sozusagen subkutan" - Frankfurter Goethe-Preis für Adonis. Ungeachtet der Proteste, die die Äußerungen von Adonis zur Lage in Syrien in der arabischen Welt verursacht haben, hat der renommierte syrisch-libanesische Dichter den Goethe-Preis erhalten. Hintergründe von Stefan Weidner auf qantara.de

  • "Ein Rebell dankt ab" - Mona Naggar äußert sich kritisch zum syrischen Schriftsteller Adonis, der den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhalten hat. Seine Haltung zu den Ereignissen in seiner Heimat disqualifiziere ihn dafür, so die Autorin. Artikel lesen auf taz.de

  • "The Arab Spring and Adunis's Autumn" - Ein Essay von Sinan Antoon auf www.jadaliyya.com


Blogs:


Ibn Rushd Preis 2011 geht an die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine

Mit dem Ibn Rushd Preis für Freies Denken zeichnet der Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought seit 1998 Menschen oder Organisationen aus, die sich um das Freie Denken in der Arabischen Welt verdient gemacht haben.
Die Revolutionen, die zu Beginn dieses Jahres in mehreren arabischen Ländern begannen, überraschten die meisten Beobachter, nicht nur außerhalb dieser Länder, sondern auch vor Ort. Und doch hatten sie Vorreiter, die jahrelang mutig und unermüdlich den gesellschaftlichen und politischen Wandel voranzutreiben suchten. Eine von ihnen ist die heute 61jährige Sihem Bensedrine, Journalistin und Menschenrechtlerin, die bereits während ihres Studiums der Philosophie in Paris begann, sich für Meinungsfreiheit und Demokratie in ihrem Heimatland Tunesien einzusetzen. In ihrer journalistischen Laufbahn arbeitete sie für zahlreiche Zeitungen, von denen einige wegen zu kritischer Berichterstattung daraufhin eingestellt wurden. Sie war Mitbegründerin der Zeitschrift Kalima (das Wort), für die der tunesische Staat jedoch keine Lizenz erteilte; so erschien sie als  Onlinejournal. Trotz Verbot und Blockierung hatte die Internetseite 'http://www.kalima-tunisie.info' bis zu 40.000 Besucher pro Monat, die die Verbote auf eine so kreative Weise zu umgehen lernten, dass es den Kontrollbehörden unmöglich war, den jeweiligen Benutzer ausfindig zu machen. "Das Internet", so Sihem Bensedrine, " ist der virtuelle Raum, der am ehesten einen geschützten Raum für Widerstand bietet. Die relativ freie Kommunikation im world wide web erweist sich als Schlüssel für die Demokratisierung der Gesellschaft." Auch das gleichnamige 'Radio Kalima' das wenig später den Betrieb aufnahm, erhielt keine Lizenz.
Doch dieses beharrliche Engagement blieb nicht ohne Folgen für die eigene Person – Bensedrine war Diffamierungskampagnen in den staatlichen Printmedien ausgesetzt, wurde mehrfach auf offener Straße von 'Unbekannten' angegriffen und verletzt, verhaftet und gefoltert. Doch die Einschüchterungsversuche gelangen nicht: "Man hat meine Freiheit konfisziert, also habe ich die Verpflichtung zu kämpfen", sagt Bensedrine; gerade als Frau sei es notwendig, sich gegen jede Form der Unterdrückung aufzulehnen. Sie  war Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, Stipendiatin des Writers in Exile- Programms des deutschen P.E.N. und ging 2009 wegen stetig zunehmender Bedrohung ihres Lebens in Tunesien offiziell ins Exil. Anfang 2011 kehrte sie zurück nach Tunesien, um sich vor Ort für die Bildung eines demokratischen Staates einzusetzen.
Der Ibn Rushd Preis 2011 war ausgeschrieben für  "eine Journalistin, die sich aktiv für das freie Denken in der arabischen Welt einsetzt." Die Wahl der Preisträgerin erfolgte durch eine vom Ibn Rushd Fund gewählte Jury. Die Verleihung des Ehrenpreises findet am 25. November im Museum für Islamische Kunst (Berlin) statt.

www.ibn-rushd.org

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„Die Zeit des alten Menschen endet"

Petra Roth und Adonis in der Paulskirche.

Adonis, der Goethepreis und die Revolution

„Er  verlor den Faden der Dinge“ heißt es in  Adonis´ Gedichtband Die Gesänge Mihyars des Damaszeners, „Der Stern seines Empfindens erlosch / Und er stolperte nicht.“

Vor kurzem nahm Adonis in Frankfurt den diesjährigen Goethepreis entgegen, eine Auszeichnung, die eher Unbehagen als Freude auslöste, das Gefühl, einen Dichter zu ehren, dessen Zeit zumindest in politischer Hinsicht überraschend schnell abgelaufen schien, der offenbar nicht mehr mithielt mit den Ereignissen in seinem Geburtsland Syrien. Ein paar Monate früher nur, und man hätte dem großen Wegbereiter der arabischen Moderne, jedenfalls deren lyrischen Version, den Preis ohne jeden Vorbehalt gegönnt. Aber dann kam der arabische Frühling, der sich in Syrien womöglich in einen politischen Winter zu verwandeln droht. Und Adonis, der Sänger des freien, unbefangenen Wortes, fand keine Sprache für das, was er sah. Oder, er fand eine Sprache, nur passte diese nicht mehr in die Gegenwart. Der Präsident sei fähig zu Reformen, äußerte er in einem Interview, als der schon hunderte, wenn nicht tausende Menschen hatte töten lassen. Das Mindeste, was Asad tun könne, sei, zurückzutreten, äußerte er im gleichen Interview. Schlau wurde niemand daraus. Hatte Adonis, wie sein Geschöpf Miyhar, den Faden der Dinge verloren? War der Stern seines Empfindens erloschen?
Die gerade im Fischer Verlag neu aufgelegte Sammlung von Adonis´ Gedichten 1958 – 1971 mit dem Titel Verwandlungen eines Liebenden geben auf die Diskussion um die Preisverleihung keine unmittelbare Antwort. Zusammen mit der bereits vor Jahren in der Edition Orient erschienenen Gedichtsammlung Der Baum des Orients lassen sie dafür aber sehr deutlich verstehen, warum die Jury des Preises sich vor einiger Zeit für Adonis als Preisträger entschieden hatte. Schon der (Künstler-)Name ist Programm: Adonis, 1930 als Ali Ahmad Sid Esber 1930 im nördlichen Syrien geboren, dieser Adonis verweist mit seinem Pseudonym auf die mediterranen Wurzeln, die maritime Offenheit der syrischen und arabischen Kultur.
„Ich entdecke für unser Zeitalter eine Tonfarbe und eine Klangfarbe“ heißt es in einem der Gedichte aus dem Mihyar-Sammlung, und diesen neuen Ton braucht es für das gegenwärtige Zeitalter, das eines „der Unterwürfigkeit und des Trugbildes“ ist, „der Puppen und Vogelscheuchen“, wie auch das „eines bodenlosen Niedergangs“. Adonis, erklärt dessen Übersetzer Stefan Weidner in seinem bestechend kenntnisreichen und durchdachten Nachwort, hat zumindest die arabische Gegenwart überwiegend als eine erstarrte empfunden, als eine Zeit, die sich von den Vorgaben der (religiösen) Tradition kaum zu lösen vermochte, in der die ewige Querelle des Anciens et des Modernes regelmäßig – zumindest bis zu diesem Frühjahr – zugunsten ersterer ausging, der Gralshüter der Überlieferung, die in Neuerungen vor allem eines sehen: eine akute Gefahr für die arabische, sprich, muslimische Tradition. Es liegt auf der Hand, dass einer, der das Glück hatte, in jungen Jahren auch andere als die kanonischen Lektüren der islamischen Welt in die Hände zu bekommen, dass so einer sich mit den Vorgaben der Tradition nicht abfinden mochte. „Meine Landkarte ist ein Land ohne Schöpfer / und die Verweigerung mein Evangelium“ heißt es in dem Gedicht „Der Reisende“ (Edition Orient).
Wie aber bringt man diese Verweigerung zur Sprache, wie in Form? Man könnte Adonis einen postmodernen Dichter avant la lettre nennen, einen, der dem festen Wort-Welt-Bezug nicht mehr trauen mochte, der im Zweifel mehr auf Assoziationen als allzu feste Sinnbezüge setzte. „Die liebenden Bäume treten hinaus ein Zweig schüttelt mich das Wasser bricht hervor die Zeit des alten Menschen endet ich beginne Wendekreise sind mein Antlitz und im Licht: Revolution.“
Revolution, die sprachliche und intellektuelle Umwälzung. Im Werk von Adonis bricht sie sich Bahn, knüpft an das poetische Erbe der arabischen Tradition an, aber nicht, ohne es anzuschließen an die lyrischen Faserländer der Hochmoderne, die Sprachfetzen der Avantgarde, die von ebensolchem Misstrauen gegenüber den Großen Erzählungen künden wie die des Adonis. Die Sprachfetzen wirkten revolutionär, als Adonis sie dem arabischen Publikum anbot, vielleicht auch entgegenschleuderte. Sie bahnten einer kulturellen Umwälzung den Weg, der Jahrzehnte später die politische folgte. Ganz offenbar war es diese Vorgeschichte, die die Jury des Goethepreises zu ihrer Entscheidungen bewog. Und die in den beiden Bänden gesammelte Lyrik zeigt bei aller kunstvoll umgesetzten Ambivalenz zumindest eines in schöner Deutlichkeit: dass es nämlich, aller gut begründeten Vorbehalte zur Preisverleihung zum Trotz, auch sehr gute Gründe gibt, diese zu begrüßen – auch wenn der Zeitpunkt der Ehrung kaum passen will.

Kersten Knipp
Dieser Beitrag erscheint in der Herbstausgabe der LiteraturNachrichten im Oktober 2011.

Adonis, Verwandlungen eines Liebenden. Gedichte 1958 – 1971, Arabisch und Deutsch. Aus dem Arabischen übersetzt, herausgegeben und mit einem Nachwort von Stefan Weidner. Verlag S. Fischer, 2011, 350 S.

Adonis, Der Baum des Orients. Gedichte, aus dem Arabischen von Suleman Taufiq, Edition Orient, 1989, 106 S.

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Gegen die "hogra" - eine globalisierte Welt hat nicht nur Nachteile

©Lenos Verlag

Das arabische Wort hogra lässt sich nicht in andere Sprachen übersetzen. Es beschreibt ein Gefühl, in dem sich die Verachtung und Arroganz des Herrschers mit der ohnmächtigen Angst des Beherrschten verbindet. Ein uraltes Gefühl, ein Erbe des Feudalismus, das sich in der Kolonialzeit noch verstärkte.

Die Kolonisatoren hatten uns ein Messer in den Rücken gerammt, und es, als sie abzogen, gleich für andere Herrscher stecken lassen: monarchische Präsidentschaften, Oligarchien und blutrünstige Mafias, die Anämikern weiterhin genüsslich das Blut aussaugen. Dies geschah im Einvernehmen mit dem Westen, der zwar die Hymne der Demokratie und der Menschenrechte anstimmte, aus Eigeninteresse aber diese Regimes weiter unterstützt, die elementare Freiheiten negieren. Gestern war der Grund für diese wohlwollende Kurzsichtigkeit der sogenannte Kalte Krieg, heute ist es das Gespenst der Islamistischen Gefahr, das die Selbstgerechten beherrscht und heimsucht.

Hogra ist ein Gefühl, das auch nach Gerechtigkeit dürstet. Die abschirmenden Regimes haben die Blicke nicht verhindern können, die sich auf das Los der Palästinenser in Gaza oder andernorts richteten. Das tunesische Volk, das wir anmaßende Maghrebiner manchmal als feige und ohne Persönlichkeit bezeichnet haben, hat uns den Weg gewiesen. Ägypten folgte auf dem Fuße. Weitere Länder werden zwangsläufig nachziehen. Eine globalisierte Welt hat nicht nur Nachteile. Schon jetzt hat der Aufstand des tunesischen Volks den Lauf der Geschichte verändert. Wer von uns hätte erwartet, so rasch das Ende der Angst zu sehen, die radikale Ablehnung von Unterdrückung und Erniedrigung? Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung: Dies war weniger eine sozioökonomische Revolution, vielmehr ein Aufstand für den Respekt und gegen die Unterdrückung, ein Aufbruch zu Würde und Freiheit, gegen die hogra.

Mahi Binebine

Übersetzung aus dem Französischen von Margrit Klingler-Clavijo.

Der Roman Die Engel von Sidi Moumen von Mahi Binebine ist einer der Titel im Programm des Anderen Literaturklubs 2011 »»

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Poetik des Widerstands

Die Aufstände in der arabischen Welt im Spiegel der Literatur
Die Tunesier sind bereits erfolgreich auf die Straße gegangen, die Ägypter laufen dort immer noch gegen ihren Präsidenten an. Der Rest der Welt schaut derweil staunend in den Nahen Osten. Kaum jemand hätte solche Unruhen vor wenigen Wochen erwartet. Dabei hätte man sehr wohl gewarnt sein können. Etwa durch die Romane tunesischer und ägyptischer Schriftsteller, die seit jeher ein bedrückendes Bild der Missstände ihres Landes zeichnen. Aber auch in anderen arabischen Ländern beschreiben Autoren kaum haltbare Zustände.  Sie geben allen Grund zur Vermutung, dass der Geist der Revolution von Tunesien und Ägypten auch auf andere Länder überspringt. Die arabischen Unruhen im Spiegel der Literatur – ein Überblick von Kersten Knipp.

Das System ist in die Jahre gekommen – genauso wie das Gebäude, das der ägyptische Erfolgsschriftsteller Alaa al-Aswani (*1957) zum mittlerweile weltbekannten literarischen Symbol seines Landes geadelt hat. In seinem Bestseller Der Jakubijân-Bau zeichnet al-Aswani die ägyptische Gesellschaft im Spiegel des gleichnamigen Baus aus dem frühen 20. Jahrhundert, eines alten Wohnhauses im Zentrum von Kairo. Dieses Haus vereint nahezu alle Schichten der ägyptischen Gesellschaft: reiche Nichtstuer, gerissene Geschäftsleute, arme Habenichtse, junge Menschen, die so hart wie vergeblich an ihrem Aufstieg arbeiten. Fleiß, Begabung und eine Ausbildung haben sie, nur leider fehlen ihnen Geld und Beziehungen, um eine angemessene Arbeit zu finden. Diese bleibt ihnen aber verwehrt, und so wachsen Frust und Zorn. Kein Wunder, dass auch religiöse Extremisten bereitstehen, die diesem Zorn für ihre Zwecke auszubeuten versuchen. Umso bewundernswerter, dass die jungen Ägypter sich nun für einen säkularen Weg entschieden haben – ein wenig vielleicht auch dank al-Aswanis Engagement, den man dieser Tage fast durchgehend auf dem Tahrir-Platz antrifft.

Wie al-Aswani sieht es auch seine Schriftstellerkollegin Miral al-Tahawi. In ihrem Roman Die blaue Aubergine beschreibt sie das Schicksal einer jungen Frau, die eigentlich ganz zufrieden mit sich sein könnte, hätte sie nur ein Problem nicht: Sie kam mit blau angelaufener Haut zur Welt und wurde diese Bläue nie mehr los, was ihr prompt jenen Spitznamen eintrug, der dem Roman den Titel gibt. So aber versteckt und verhüllt sie sich, beteiligt sich nicht am wirklichen Leben und sucht stattdessen Trost bei den Ideologien: ein Sinnbild unendlich vieler Ägypter, die – zumindest bis vor einigen Wochen – an ihre Zukunft kaum glaubten und daher Ersatz in allen möglichen Heilslehren suchten. Welche Rolle die Frauen bei dieser Revolution spielen, zeigt die Autorin und Journalistin Mai Khaled in ihrem zarten Roman Zauber des Türkis. Ihre Protagonistinnen leiden an Bevormundung und autoritären Strukturen, die auch darum so rigoros sind, weil sie sich nicht auf andere Weise artikulieren lassen. Die Allmacht des Systems lässt Kritik nicht zu – darum wendet sich der Unmut nach innen. Eindrucksvoll zeigt der Roman die psychologischen Energien einer blockierten Gesellschaft auf.

Al-Aswani, al-Tahawi und Khaled stehen für säkulare Traditionen in Ägypten, die man hierzulande kaum kennt. Es gibt sie aber – und zwar seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als sich ägyptische Intellektuelle erstmals Gedanken darüber machten, warum ihr Land, warum die gesamte Region im Vergleich mit den westlichen Kolonialmächten, allen voran Großbritannien und Frankreich, so schwach sei. Ihre Antwort: Die Region habe bislang zu wenig auf Wissenschaft, intellektuellen Eigensinn und Selbstkritik gesetzt. Ein Nachfahre dieser kritischen Intellektuellen ist der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus (1911 – 2006).  Er hat in seinen Werken immer wieder die Missstände in der ägyptischen Gesellschaft – auch weit vor der Regierungszeit Mubaraks – kritisiert. In seinem Roman Die Kinder unseres Viertels aus dem Jahr 1959 zeichnete er ein bedrückendes Bild der Zustände während der Regierungszeit des damaligen Präsidenten Gamal Abd El-Nasser. „Die Männer sind Gefangene in ihren Häusern, und die Frauen sind im Viertel Spott und Hohn ausgesetzt“, klagt einer der Protagonisten des Romans. „Ich aber schlucke schweigend diese Erniedrigung. Verwunderlich ist, dass die Menschen in unserem Viertel noch lachen. Worüber nur?
Mit jedem Bissen wird hier Schande hinuntergeschluckt. Niemand weiß, wann der Knüppel auf seinen Kopf niedersausen wird.“ Man sieht: Das Leiden an der Politik hat in Ägypten Tradition.

Die arabischen Unruhen hatten ihren Ursprung in Tunesien. Auch dort war der Ausbruch absehbar. Der 1950 geborene Hassouna Mosbahi hat die lange Vorgeschichte dieser Revolution gezeichnet. Seine Romane Rückkehr nach Tarschisch und Adieu Rosalie spielen in den späten 60er, frühen 70er Jahren. Damals probten junge Tunesier – inspiriert von den Jugend- und Studentenrevolten in Europa und den USA – erstmals den Aufstand. Es sind sehr bunte Gruppierungen, die sich da zu Wort melden: „In diesem Land gibt es zahllose Lehren und Gruppierungen. Wir kennen Trotzkisten, Maoisten, Stalinisten, Guevaristen, revisionistische Marxisten, Albaner und Anhänger der Studentenbewegung von Achtundsechzig.“

Aber nicht nur in Tunesien gärt es. Auch in den restlichen Maghreb-Staaten sind die Menschen alles andere als glücklich. Der 1950 geborene marokkanische Autor Abdelhak Serhane zeichnet in seinem jüngsten Roman Der Mann aus den Bergen das autobiographisch angelegte Porträt eines Schriftstellers, der in seiner Heimat nicht glücklich wird und darum seit Jahren im Ausland lebt. Gelegentlich kehrt er zurück – und was er sieht, bringt ihn zur Weißglut. Das wiederum behagt nicht allen seinen Lesern. "Du warst zu wütend", sagte mir jemand eines Tages. Zu wütend gegen alles und alle. Deine Brutalität war so kolossal, dass sie unseren Stolz verletzt und unsere eigene Intimität beschmutzt hat. Es ist gut, dass du das alles geschrieben hast, dass du uns unsere eigene Scheiße gezeigt hast, dass du die Gesellschaft gezwungen hast, ihre Augen zu öffnen und ihre eigenen Widersprüche, Fehlschläge und Lügen zu sehen. Jetzt musst du sehen, was es Besseres im Leben gibt, was es Gutes im Land gibt. Suche, und du wirst finden.“

Viele aber suchen vergeblich nach diesem Besseren. Darum versuchen sie ihr Heimatland zu verlassen. Der marokkanische Autor Youssouf Amine Elalamy, geboren 1961, hat in seinem Roman Gestrandet jenen Flüchtlingen ein literarisches Denkmal gesetzt, die ihre Hoffnung auf Zukunft mit dem Leben bezahlten. Das Buch beschreibt zwölf verschiedene Figuren – und zwölf verschiedene Schicksale. Die Gründe zur Flucht sind vielfältig: die Furcht vor einer starren Tradition. Eine ungewollte Schwangerschaft und die Entehrung, die sie bedeutet. Die Angst vor dem autoritären Staat. Und natürlich die Armut. In einer weichen, sehr poetischen Sprache macht Elalamy empfänglich für das Schicksal des Einzelnen, gibt den anonymen Toten ein Gesicht, zeigt gerade dem europäischen Leser, welche persönlichen Geschichten sich hinter den Statistiken angeschwemmter Leichen verstecken.

Im Grunde hätte der Roman aber auch von einem Algerier geschrieben werden können. Denn auch dort sind die Zustände verheerend. Einer der mutigsten Kritiker der Zustände dort ist Boualem Sansal. Erzähl mir vom Paradies heißt einer seiner sehr spannend und anschaulich geschriebenen Romane – und es ist kein Zufall, dass dieses Paradies nirgendwo anders als in einer Bar zu finden ist, wo die Figuren vom besseren Leben träumen – und es, dank des Alkohols, zumindest für ein paar Stunden auch finden. Und wer sich für Sansals Kritik in nicht-fiktionaler Form interessiert, der sei verwiesen auf seinen Essay Postlagernd: Algier – eine flammende Abrechnung mit den Missständen der Heimat. Zustimmen würde dieser Analyse auch der in Deutschland bekanntere Yasmina Khadra, der in packenden Kriminalromanen (Nacht über Algier, Wovon die Wölfe träumen) den westlichen Lesern sehr deutlich macht, an welchen Problemen seine Landsleute leiden.

Zum Schluss ein Ausblick, denn auch in anderen arabischen Ländern könnten die Menschen bald auf die Straße gehen. In Ali Hassans Intrige erzählt der syrische Autor Nihad Siris vom Leben in einer arabischen Diktatur – also von all den großen und kleinen Verrücktheiten und Zumutungen, die das Regime den Menschen zumutet. Siris schildert das eigentlich sehr ernste Thema in einer ironischen, amüsanten Sprache – mit Einfällen, die durch sarkastischen Witz bestechen. „Lachen und Sex wurden unsere Waffen, sie hielten uns am Leben. Früher war schreiben für mich der wichtigste Beweggrund gewesen, weiterzumachen. Doch nachdem das Schweigen über mich verhängt wurde, fanden wir heraus, dass auch Sex eine Art Reden, ja ein Aufschrei gegen das Verstummen sein kann.“

Andere hingegen ziehen andere Mittel vor. Die aus Saudi-Arabien stammende Autorin Badreya El-Beshr etwa. In ihrem Roman Der Duft von Kaffee und Kardamom beschreibt sie die Lage saudischer Frauen unter der Herrschaft des Wahhabismus, einer besonders strengen Auslegung des Islams. Bei ihrem Widerstand gegen die ständige Bevormundung ist ihnen der Kaffee ein unverzichtbarer Begleiter. Denn der Kaffee regt sie an, weckt Einfälle, die ihnen helfen, ihr eigenes Leben zu führen. So ist dieser zarte Roman ein Hohelied auf den Kaffee – und zugleich auf die vorsichtigen Regungen des saudi-arabischen Feminismus. El-Beshr zeigt die Risse im System der saudischen Gesellschaft. Noch sind die Risse dünn. Aber sie wachsen sich aus.

Die arabische Welt, zeigen all diese Schriftsteller, steht vor gewaltigen Umbrüchen. Von deren Hintergründen und Motiven geben ihre Romane einen anschaulichen Eindruck.

Kersten Knipp

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Außerdem:

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