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Buchtipps von litprom-Mitarbeitern

    • Ein schnelles Leben in Chengdu: Chengdu, vergiss mich heut Nacht von Murong Xuecun (Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, Zweitausendeins, 2008) - Ein Buchtipp von Felix Meyer zu Venne »»
    • Chinesische Odyssee: Felix Meyer zu Venne rät zur Lektüre von Ha Jin Ein freies Leben (Ullstein, 2008; Übers. Susanne Hornfeck und Sonja Hauser)»»
    • Wong goes West: Nury Vittachi Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät. Alexandra Schlossarek hat mitgefiebert »»
    • Atemlos und ohne Halt: Im Laufschritt durch Peking von Xu Zechen besprochen von Sebastian Sell »»

    Kinder- und Jugendbuchtipps

    • Das Mädchen aus dem Lotos: Lian von Chen Jianghong (Aus dem Französischen von Erika und Karl A. Klewer, Moritz Verlag, Frankfurt 2007) hat Antje te Brake gefallen. Nicht nur wegen der Illustrationen. »»
    • Was bitte ist ein Entodil? Allen, die neugierig geworden sind, empfiehlt Sarwat Noor Gui-Gui das kleine Entodil ( Aus dem Chinesischen von Barbara Wang, Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main 2008) von Chih-Yuan Chen. »»
    • Eine chinesische Kindheit: Alexandra Schlossarek hat Seidenraupen für Jin Ling von Huang Beijia ( Aus dem Chinesischen von Barbara Wang und Hwang Yi-Chun, NordSüd Verlag, Zürich 2008) gelesen. »»

    Wenn Sie noch mehr wissen möchten, finden Sie hier eine Liste mit weiteren Kinder- und Jugendbuchempfehlungen aus China als pdf zum Download »»

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    Rezensionen

    aus den LiteraturNachrichten

    • Nr. 101 (2/2009). Das Drama des Graslands: Der Zorn der Wölfe von Jiang Rong ( Aus dem Chinesischen von Karin Hasselblatt, Goldmann 2009). Von Martin Zähringer »»
    • Nr. 100 (1/2009). Nebeldichter: Das Buch der Niederlage von Bei Dao. Gedichte. (Aus dem Chinesischen und mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Kubin, Hanser Verlag 2009. Platz vier der 3. litprom-Bestenliste Weltempfänger). Von Martin Zähringer »»
    • Nr. 100 (1/2009). Kinder, Küche, Kirche auf Chinesisch: Die umzingelte Festung von Quian Zhongshu. (aus dem Chinesischen von Monika Motsch und Jerome Shih, Verlag SchirmerGraf 2008). Von Martin Zähringer »»


    Das Drama des Graslands

    von Martin Zähringer

    Vorweg: Karin Hasselblatt ist eine professionelle Übersetzerin aus dem Chinesischen, die auch diesen Roman in eine ausgezeichnete deutsche Fassung gebracht hat. Jiang Rong dagegen ist kein professioneller Schriftsteller, sondern ein pensionierter Soziologe. Aber in seiner Jugend hat er ein wirklich „wildes“ Leben gelebt. 1967 als Student in das Olonbulag-Grasland der Inneren Mongolei abgesandt, blieb er elf Jahre, um später über 20 Jahre lang an einem autobiografischen Roman über diese Erfahrung zu schreiben (Orig. Lang Tuteng: Wolfstotem). In China wurde dieses Buch ein Millionenseller. Der junge Chinese Chen Zhen reist also ins Grasland an der Grenze zur Äußeren Mongolei und lebt mit den Nomaden als Schaf- und Pferdehirte. Er ist beeindruckt von den Menschen und ihrer Lebensweise, vor allem aber fasziniert von den Wölfen. Schon in der ersten Szene des Romans gibt es eine dramatische Begegnung mit Wölfen, und mit Bilge, dem alten Hirten. Bilge ist das Sprachrohr einer schwierigen ökologischen Weisheit: Eigentlich muss er ja die Schafe und Pferde seines Kombinats hüten und dessen Reichtum mehren; gleichzeitig aber ist er ein Kenner und Liebhaber der Wölfe, die im strengen Winter leider zahllose Schafe reißen. Mit Bilge beobachtet Chen Zhen fasziniert, wie die Wölfe eine Gazellenherde erjagen, die im Schneefeld als tiefgefrorener Nahrungsvorrat verbleibt. Von dieser Reserve zehren auch Bilges Leute, aber bescheiden, bis chinesische Wanderarbeiter das Lager vollständig plündern und einen Rachefeldzug der hungrigen Wölfe provozieren. Jetzt herrscht kriegerische Spannung zwischen Wölfen und Hirten, allerdings geht der chinesische Bevollmächtigte mit seiner Ausrottungskampagne zu weit. Denn trotz uralter inniger Feindschaft wissen die Hirten des Graslandes, dass es mit den Wölfen zwar immer etwas weniger Schafe gibt, aber ohne die Wölfe auch viel mehr Murmeltiere und Gazellen, Kaninchen und Mäuse, die das Grasland nachhaltig ruinieren. Jiang Rong beschreibt das Drama des Graslandes in nahegehenden und realistischen Szenerien. Es sind schon sehr blutige Schlachten,etwa als die ausgehungerten Wölfe eine große Pferdeherde vernichten, dann wiederum, als die Dörfler zwei Rudel umzingeln und die Wölfe niedermetzeln. Als Chen Zhen versucht, einen Wolf aufzuziehen, zeigt sich dessen wahre, wilde Natur.
    Spannend ist Jiang Rongs These von den Wölfen als den strategischen Lehrmeistern der alten Mongolen, sehr interessant auch der Begleitdiskurs historischer Texte zum Thema. Die Deutung von Han-Chinese ist gleich Bauernmentalität ist gleich Schaf versus Mongole ist gleich Nomade ist gleich Wolf allerdings verirrt sich leicht in den Sphären von Vitalismus und Sozialdarwinismus. Eigentlich ist dieser Roman einer anderen Symbolik verpflichtet – der Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung Chinas, dargestellt in der literarischen Kritik am Raubbau in der Inneren Mongolei.


    Jiang Rong [China]
    Der Zorn der Wölfe. Roman.

    Aus dem Chinesischen von Karin Hasselblatt.
    Goldmann Verlag, München 2009
    704 Seiten; EUR 24.95; sFr 43.90
    ISBN 978-3-442-31108-8

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    Kinder, Küche, Kirche auf Chinesisch

    von Martin Zähringer

    „Sweets to the sweet“ ist ein Shakespeare-Zitat, das in diesem chinesischen Gesellschaftsroman von einer der weiblichen Figuren zur bildungsbürgerlichen Provokation einer Rivalin eingesetzt wird. Mit dem deutschen Zitat „Kinder, Küche, Kirche“ versucht der Hauptprotagonist Fang Hongjian sein angeknackstes männliches Selbstwertgefühl aufzupolieren. In einer weiteren Zitatszene zeigt er ähnlich kulturhybride Verhaltensformen: „Sobald ein Gast den Rücken drehte, stieß Hongjian zwischen den Zähnen einen Fluch aus, in dem sich chinesisches und ausländisches Kulturgut auf glückliche Weise mischten: Go to hell, du Schildkrötenei!“
    Die Quelle für den feinen, bissigen und hellsichtigen Humor wie auch den unerschöpflichen Zugriff der Figuren auf westliche Bildungszitate ist Qian Zhongshu (1910-1998), der Urheber dieses großen satirischen Romans. 1946 als Fortsetzungsroman publiziert, wurde mit diesem Werk eine kulturelle Öffnung vollzogen und der modernen chinesischen Literatur ein Denkmal gesetzt. Der Gelehrte und Forscher Zhongshu zitiert in seinem einzigen, aber umso wirkungsmächtigeren Roman aus zahlreichen Quellen - aus chinesischen und europäischen Literaturen und aus eigener Lebenserfahrung im Westen. Auch Fang Hongjian beginnt seine große Reise in die Ehe im Ausland, wo das Unheil bereits seinen Lauf nimmt und damit beginnt, dass er sich einen falschen Doktortitel zulegt. Aber so etwas zieht eben in Shanghai, wie all das Blendwerk des ausländischen Habitus, dem die Akademiker vor der Kulturrevolution noch ungehemmt huldigen. Es zieht auch im Inneren des Landes, wohin sich Hongjian mit Kollegen begibt, um durch Protektion seines Freundes Xinmei eine Professorenstelle anzutreten. Daraus wird nichts, wie es überhaupt gar nichts wird mit ihm, dessen Charakterprüfung schon nach der langen Reise und der ersten Hälfte des Buches zu folgendem Ergebnis führt: „Nett, aber absolut unfähig.“ Fang Hongjian ist also ein Antiheld der Moderne, der in ihr nicht recht angekommen ist.
    Ankommen dürfte er aber bei den Lesern, die mit Sicherheit viele Resonanzen aus der weiten Welt des modernen Gesellschaftsromans verspüren werden. Eigen ist Die umzingelte Festung aber doch, weil eben Chinesisch. Die Übersetzerin Monika Motsch ist Sinologin und hat über Qian Zhongshu habilitiert. Ein Glücksfall für diese Edition, denn Motsch hat ihr einen effizient sachlichen Anhang mit biografischen, kultur- und literaturwissenschaftlichen
    Erklärungen mitgegeben. Das literarische Publikum dankt und partizipiert einmal vorteilhaft am hilfreichen Fundus der Sinologie. Perfekt wäre noch etwas mehr Mut zur selbstreferentiellen Informationspreisgabe oder anders ausgedrückt: zum Problem der chinesisch-deutschen Literaturübersetzung. Das ist ja auch eine spannende Angelegenheit, denn da streiten sich die Gelehrten noch.


    Qian Zhongshu [China]
    Die umzingelte Festung. Roman

    Aus dem Chinesischen von Monika Motsch
    und Jerome Shih
    Verlag SchirmerGraf, München 2008
    542 Seiten; EUR 25.80
    ISBN 978-3-86555-059-0

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    Nebeldichter

    Zur „Meng Long Shi Pai“ gehört er also, dieser Dichter, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, zur Schule der unverständlichen Nebeldichter. Zhao Zenkai hat diesen Stempel zum Ehrentitel gemacht und in den 1980er Jahren eine Anthologie so benannt. Inzwischen kennt man ihn als Bei Dao mit drei Gedichtbänden auch bei uns, in weiteren etwa 30 Sprachen ist seine „obskure Lyrik“ ebenso präsent. Bei Dao ist ein politischer Dichter, der seit 1989 China nicht mehr betreten darf und dennoch gelesen wird. Allzu nebelhaft findet man ihn wohl nicht.

    Im Kontext einer anderen Sprache sieht das schwieriger aus. Die Gedichte enthalten eine stark politisch und weltanschaulich gefärbte Metaphorik und zahlreiche Anspielungen auf aktuelle oder historische Ereignisse in China oder im Exil. Zudem gibt es da noch den inneren Resonanzraum der chinesischen Lyrikgeschichte – da stehen sozusagen alle paar hundert Jahre ein oder zwei Dichter, auf die sich ein Vers oder ein Motiv, ein Titel oder Zitat beziehen kann, und diese beziehen sich wiederum auf andere hinter oder neben ihnen. Wolfgang Kubin verweist darauf, dass sich Bei Dao gewissen Dichtern der Tang-Zeit nahe fühlt. Er hat als Sinologe souveränen Zugang zu dieser Epoche und könnte sie mittels Kommentar eröffnen, aber man scheint ein breiteres Leserinteresse nicht anzunehmen.

    Der von Kubin verehrte Philologe Günther Debon hat das in seinen Anthologien anders gesehen. Hier spürt der interessierte Laie durchaus, wie es von von diesen informativen Aussichtspunkten weiter in die Tiefe gehen könnte oder komparativ in die Breite, indem andere Übersetzungen herangezogen werden. Die der herausragenden Dichter Li T’ai-Po oder Tu Fu etwa aus ebenjener Tang-Zeit, von Hans Bethge oder Klabund vielleicht – und würde bei allen inklusive Debon eines finden: die eigene Literaturtradition. Sie übertragen alles sauber in abendländische Gedichtformen, übersetzen lieber auf den Reim als aus dem Fremden und bedienen mit ihren „Nachdichtungen“ den eigenkulturellen Horizont der Hermeneutik.

    Das tut nun Wolfgang Kubin mit Bei Dao nicht. Bei Dao hat zwar seine Beziehung zur Tradition, aber bei ihm gibt es auch den Montageschnitt der Moderne oder die surrealistische Traumsequenz, er setzt sublime poetische Bilder des Alltags bruchlos an Verse mit symbolischen Rätseln:

    „Das Pferd der Nacht galoppiert über Straßenlaternen dahin / In allen Landen herrscht Klage / Ich sitze in der Kehre des Jahrhunderts / Eine Tasse Kaffee: auf dem Sportplatz / findet ein Fussballspiel statt / Die Zuschauer springen auf und werden zu Raben.“ 

    Was mag es bedeuten? Aussichtslos! Doch es gibt eine Spur, die sich durch das Buch der Niederlage und alle Bände mit den von Kubin ausgewählten Gedichten zieht – das ist die vielschichtige Metaphorik von Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, von Erde und Sonne und vor allem das Motiv des Himmels. Es ist nicht unmöglich, deren Hintergründe zu erkennen, und es lohnt sich.        

    Martin Zähringer

     

    Bei Dao (China)

    Das Buch der Niederlage. Gedichte.
    Aus dem Chinesischen und mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Kubin.
    Hanser Verlag, München 2009
    112 Seiten; EUR 14.90
    ISBN 978-3-446-23283-9  

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