Diese Seite empfehlen Diese Seite drucken Impressum

Ab ins Regal: Lesestoff-Archiv zum Schmökern

Kein Problem, wenn Sie den Hinweis auf unsere aktuellen Buchtipps verpasst haben. An dieser Stelle bewahren wir ab sofort unsere Lesevorschläge für Sie auf, so dass Sie ständig nicht nur unsere neuen Tipps lesen können, sondern auch Zugang zu unserer Buchtipp-Sammlung haben.


Eine große Erzählerin der chinesischen Moderne

Eileen Chang (China): Das goldene Joch

(aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck, Wang Jue, Wolf Baus, Marc Hermann, Xiaoli Grosse-Ruyken, Wulf Begrich, Ullstein 2011)

„Als die Tradition hoch im Kurs stand, habe ich ihr die Füße gebunden. Dann wollte ich sie modern erziehen und habe sie in die Schule geschickt – was hätte ich noch tun sollen?“ – fragt sarkastisch die Mutter Qiqiao. Sie selbst, die Schönheit aus dem Sesamölladen, musste eine arrangierte Ehe mit dem schwerkranken Sohn einer reichen, konservativen Familie eingehen. Unter dem „goldenen Joch“ wurde sie zu einer Haustyrannin und macht ihren Kindern das Leben zur Hölle... Eileen Changs Erzählungen handeln von Frauenschicksalen in der zwischen traditionellen Geschlechterrollen und westlichen Einflüssen zerrissenen chinesischen Gesellschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit psychologischer Raffinesse zeichnet die Autorin in der titelgebenden Erzählung die Innenwelt verschiedener weiblicher Figuren – bei jeder hoffte ich vergeblich, dass sie es schaffen möge, aus den dekadenten Familienverhältnissen auszubrechen.

Die Hemingway-Übersetzerin Chang steht der westlichen Ästhetik sehr nahe. Trotzdem hatte ich das Gefühl, manchmal im Dunkeln der literarischen Verweise und der Farbsymbolik zu tappen, was für mich zum Lesegenuss dazugehörte. Ich möchte Ihnen diese Erzählsammlung wärmstens empfehlen. Eine meisterhafte Prosa, die den Leser mit schönen Bildern beschert, wie diesem: Eine nasse Haarsträne auf einer Frauenwange gleiche einem noch nicht getrockneten Strich auf einer Tuschezeichnung.

Vera Kurlenina

Das goldene Joch ist auf Platz 3 der aktuellen litprom-Bestenliste Weltempfänger.


Ein ganz normaler Fall?

Der Tote von der Plaza Once (Übers. Mathias Strobel, Aufbau Verlag 2010) von Ernesto Mallo spielt in Argentinien in den Jahren von 1976 bis 1983. Die brutale Militärjunta verbündet sich mit „normalen“ Kriminellen.

Eigentlich ein ganz „normaler“ Fall. Ein verarmter Großgrundbesitzer lebt über seine Verhältnisse. Er verspielt sein letztes Geld auf der Pferderennbahn. Seine extravagante Frau fordert einen luxuriösen Lebensstil. Ein hartgesottener Geldverleiher finanziert dies Leben auf Pump und droht, die letzten Werte zu kassieren. Ein Mord scheint der einzige Ausweg.

Auf der zweiten Ebene geht es um den Major, der Oppositionelle gnadenlos ermordet, aber darunter leidet, dass seine Frau kein Kind bekommt. Aushilfe scheint hier die „Adoption“ des Säuglings einer politisch Verfolgten.

Kommissar Lascano ist dagegen einer der wenigen Aufrechten. Als ihm eine Dissidentin aus Versehen in die Arme läuft, versteckt er sie, weil sie ihn an seine verstorbene Frau erinnert. Aber dann ist er bei der Aufklärung des Mordes am Geldverleiher zu erfolgreich. Der Major steckt mit dem Spieler unter einer Decke ...

Ein harter Krimi mit viel Lokalkolorit und sicherem Gespür für unauflösbare moralische und politische Widersprüche. Parallelen zum Dritten Reich werden gezielt ins Spiel gebracht.

Der Tote von der Plaza Once wurde 2007 auf dem Krimifestival Semana Negra in Gijón ausgezeichnet und ist der erste Roman des argentinischen Autors, der in deutscher Sprache erscheint.

Von Rüdiger Sareika


Lob der Lüge

Alberto Manguels Roman Alle Menschen lügen (Übers. Susanne Lange, Fischer 2010) ist der Versuch die Geschichte des Alejandro Bevilacque zu erzählen. Als Flüchtling aus dem Argentinien Videlas nach Madrid gekommen, findet er Anschluss in einem Kreis exilierter Künstler, unter denen er allerdings nicht gerade als Genie gilt. Eines Tages jedoch findet sich bei ihm das Manuskript zu dem Roman „Lob der Lüge“, ein Meisterwerk sondergleichen. Bei der mit Spannung erwarteten Veröffentlichungsfeier kommt es jedoch zum Eklat. Bevilacque stürmt davon und wird wenige Tage später tot aufgefunden. Dies sind die spärlichen Fakten, anhand derer der Journalist Terradillos seine Spurensuche bei vier Bekannten Bevilacques beginnt. Doch sind die Bilder, die diese vier von dem tragischen Autor zeichnen, ebenso unterschiedlich wie diese selbst.

Manguel, der Autor einer Geschichte des Lesens (Übers. Chris Hirte, Rowohlt 2000) und ehemaliger Vorleser des greisen Borges, erweist sich als würdiger Nachfolger seines literarischen Ziehvaters. Geschickt spielt er mit den unwägbaren Zufällen, die rückblickend ein Leben ebenso grundlegend bestimmen können, wie die Bilder, die sich die Erzähler von diesem Leben gemacht haben. Wenn nach Platon alle Dichter lügen, so erweisen sich auf dem schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität, zwischen Narration und Dokumentation alle Menschen als Lügner oder eben Erzähler. Der Autor des „Lobs der Lüge“, wird in den Erzählungen der Zeugen seiner Leben so zu einer enigmatischen Figur, die sowohl Fläche für Projektionen bietet, als auch einen eigenartigen Schatten zurückwirft. Letztlich bleibt Terradillos mit dem eigenartigen Gefühl zurück, dass Bevilacques, weder Held noch Schurke, einen menschlichen Zustand verkörpert, der zwischen Irrtum und Wunschdenken liegt, „zwischen dem, was wir irrtümlich sagen, und dem, was wir fälschlicherweise behaupten.“

von Achim Stanislawski


Irrwege

Carlos, der Protagonist aus Martín Caparros Wir haben uns geirrt (Übers. Sabine Giersberg, Berlin Verlag 2010) bemerkt an einer Stelle im Roman: „Die meisten Dinge, die man tut, sind zu Ende, nachdem man sie abgeschlossen hat. Auch wenn sie angenehm, sogar wenn sie genugtuend sind – vor allem, wenn sie angenehm und genugtuend sind?“ Die Ereignisse, die Carlos beschäftigen, liegen oft 30 Jahre zurück, und sind weder angenehm noch genugtuend und daher auch nicht abgeschlossen.

Im Vordergrund steht die Geschichte um seine Frau Estela, die während der Militärdiktatur 1977 spurlos verschwunden ist. Ihr Schicksal, und auch das des gemeinsamen, ungeborenen Kindes ist bis heute ungeklärt. Betrachtet Carlos die derzeitige Situation seines Landes, beginnt er an den Idealen der 1970er Jahre zu zweifeln. Wofür der Kampf für linke Utopien, die politische Militanz, wenn es um Argentinien heute schlechter steht als vorher? Haben sich am Ende alle geirrt, sowohl seine alten Gefährten im politischen Kampf, als auch die Täter von damals, die heute unbehelligt ihrem Alltag nachgehen? Und wie steht die Generation der während der Diktatur Geborenen zu den Ereignissen?

In Form von Gedankenströmen und Dialogen lässt Martín Caparrós seinen Ich-Erzähler mal zweifelnd, mal wütend, mal resigniert, mal melancholisch, aber für den Leser immer spannend, berichten. Und dabei ist die Thematik des Buches nicht nur für Argentinien-Kenner ansprechend: auf einer universellen Ebene spricht der Roman unter anderem die Frage des Scheiterns von Ideologien, die Frage nach der Verantwortung menschlichen Handelns und die Perspektivlosigkeit der heutigen jungen Generation an.

Nach Valfierno (Übers. Hans-Joachim Hartstein, Eichborn 2006) ist Wir haben uns geirrt der zweite Roman von Caparrós, der in Deutschland erscheint. Ein Interview mit dem Autor ist auf den Seiten des Berlin Verlags zu lesen »»

Das Kulturmagazin Perlentaucher findet auch das Caparros Werk überzeugt und wählt Wir haben uns geirrt zum Buch der Saison für den Herbst 2010 »»

Von Imke Borchers


Nicht zu vergessen

Die versandete Zeit (übers. von Richard Gross und Peter Schultze-Kraft, Edition 8 2010) von Tomás González erzählt vordergründig die Liebesgeschichte von Josefina und Alfonso, die ihren Anfang in Kolumbien im frühen 20. Jahrhundert nimmt. Während Alfonso seine Heimat verlässt, um über Bogotá nach Europa zu reisen, wartet Josefina im Bergdorf Envigado auf seine Rückkehr.
Das Buch ist zugleich aber auch die Geschichte des Chronisten León, der in den 1970er Jahren, als Josefina bereits im Sterben liegt, aus ihren Erinnerungen, aus Briefen und Tagebüchern die Geschichte zu rekonstruieren versucht und an seinem Projekt scheitert.
So ergibt sich ein Gefüge aus vielen kurzen Geschichten in unterschiedlichen Zeitebenen und Erzählhaltungen. Nach wenigen Kapiteln findet man sich in der Handlung zurecht und erfreut sich an der dichten und eindringlichen Sprache González‘. Detailgenau und lebendig schildert er Landschaft und Menschen auf Alfonsos Reisen, anschaulich wird die Stimmung in Europa kurz vor und während des Ersten Weltkrieges nachgezeichnet. Intensiv und fast poetisch lesen sich im Gegensatz dazu die Erinnerungen an Josefinas weitgehend ereignisloses Leben im kolumbianischen Bergland.
Der Originaltitel des Romans lautet Para antes del olvido, etwa ‚Damit es nicht in Vergessenheit gerät‘. Dies kann man sich für diesen schönen, zarten, stillen Roman nur wünschen!

Von Imke Borchers


Elisabeth Subercaseaux: Eine fast perfekte Affäre

(aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, Pendo 2010)

Bei uns bekannt wurde die chilenische Autorin mit dem Nachnamen, der so gar nicht chilenisch klingt, nachdem sie im Oktober 2009 den LiBeraturpreis für ihren Roman Eine Woche im Oktober (Pendo 2008) erhielt. Aber auch Eine fast perfekte Affäre, ein gefühlvoller Krimi, kann sich sehen lassen. Amalia hat einen Mann, der nur am Wochenende Zeit für sie hat – weshalb sie seit sechs Jahren einen Liebhaber hat, mit dem sie ihre Liebe zu Proust teilt. Gemäß der Tradition des Genres beginnt der Roman mit einem Mord. Subercaseaux erzählt das Vorgefallene aus drei Perspektiven. Abwechselnd kommen ein Journalist, ein Richter und die beste Freundin der Ermordeten, Teresa, zu Wort. Dem Leser fallen besonders die seltsamen Beziehungsmuster auf, die sich im Laufe der Erzählung herauskristallisieren: Teresa, vermeintlich die beste Freundin der Ermordeten, muss feststellen, wie wenig Amalia sie an ihren Lebensvorstellungen teilhaben ließ. Die Umrisse, die wir Leser von Amalias Affäre vermittelt bekommen, zeigen eine sehr distanzierte Beziehung, in der sich das Liebespaar siezt. Zudem wird ein homosexueller Journalist porträtiert, der ein kompliziertes Doppelleben führt, anstatt zu seiner Homosexualität und zu seinem langjährigen Partner zu stehen. Ein wenig schade finde ich, dass bereits die ersten Seiten dem Leser verraten, worum es geht: Ein Liebhaber, der seine Geliebte ermordet. Fabelhaft hingegen fand ich, wie die Charaktere peu à peu Gestalt angenommen haben. Besonders Amalias exzentrische Persönlichkeit hat mich fasziniert. Und so heißt es zu Beginn und am Ende des Romans ganz passend: „Es ist nicht kalt, es ist nicht warm, es ist Amalia.“

Marianne Fehn


Ein dreckiger Haufen

Dass sich durch die Beobachtung eines Vorgangs der Vorgang selbst verändert, gilt nicht nur für naturwissenschaftliche Versuchsanordnungen, sondern auch im wirklichen Leben, etwa wenn ein Verbrechen geschieht und Zeugen Auskunft geben sollen, wie es eigentlich zugegangen ist. Dann zeigt sich, dass die Wahrheit umso undeutlicher wird, je mehr Menschen zugesehen haben. So auch bei dem Kriminalfall, von dem der argentinische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Ricardo Piglia (Jg. 1941) in seinem Roman Brennender Zaster (Übers. Leopold Federmair, Wagenbach 2010) erzählt. Sicher ist, dass eine Gruppe zu allem entschlossener Männer am 27. September 1965 in Buenos Aires einen Geldtransport ausraubte, über den Rio de la Plata nach Uruguay floh, dass einige von ihnen Wochen später in Montevideo von der Polizei in einer Wohnung gestellt wurden und, beobachtet von zahlreichen Journalisten, Fernsehreporten und Schaulustigen, in einem stundenlangen Feuergefecht ums Leben kamen, wohingegen der Anführer der Bande spurlos verschwand. Aus diesem Stoff macht Piglia eine Gangsterballade mit der Wucht eines antiken Dramas und der gewalttätigen Unbedingtheit eines Films von Sam Peckinpah. Wie dessen Figuren kennen die Männer in Piglias Roman kein Gesetz, es sind Desperados, die vor den Augen der Öffentlichkeit ihre Beute verbrennen und einen furiosen, tödlichen Showdown suchen. Piglia schildert die Drogen, die Halluzinationen, die Paranoia und die Gewalt, auch die Erlebnisse der Beteiligten, aber er enthält sich psychologischer und moralischer Wertungen, er protokolliert und stilisiert. „Eine Christusfigur, notierte der Junge von El Mundo, ein Sündenbock, der reine Tor, der den Schmerz aller erleidet“, heißt es etwa über den einzigen überlebenden Bankräuber. Zeugenaussagen und Zeitungsberichte, auch unbestätigte und widersprüchliche Versionen, verwebt Piglia kunstvoll zu einer dichten, spannungsgeladenen Erzählung, die bis zum letzten Satz einen ungeheuren Sog entfaltet und den Leser zurücklässt wie den Zuschauer einer griechischen Tragödie, erschüttert und innerlich erlöst.

Die Übersetzung von Brennender Zaster wurde durch litprom gefördert und erschien in der deutschen Erstausgabe 2001 bei Wagenbach.

Von Andreas Martin Widmann


Sehen und Staunen

Ich sehe was, was du nicht weißt von Jorge Doneiger mit Fotografien von Guido Chouela, Marcelo Setton und David Sisso erschien 2009 beim äußerst kreativen Verlag Pequeño Editor in Buenos Aires und ist nun dank Gerstenberg-Verlag auch in einer deutschen Version (Übers. von Konstanze Frei) zu haben. Ich sehe was, was du nicht weißt ist ein experimentelles Sachbuch, das nicht hauptsächlich Wissen vermitteln will, sondern sichtbar macht, was hinter den offensichtlichen Dingen steht. Die Fotografien in Lebensgröße eröffnen einen eigenen Blick, der zum Experimentieren einlädt und den Lesern durch realistische Bilder direkte Erfahrungen ermöglicht. Eine Doppelseite zeigt etwa links eine Kakaofrucht und rechts die Menge an Schokolade, die aus einer Frucht gewonnen wird. Eine weitere Seite zeigt zwei Kinder mit Tausenden von knallroten Luftballons, dazu den Text: „Mit der Luft, die wir an einem Tag ein- und ausatmen, könnten wir mehr als 800 Luftballons aufblasen. Wie viele Luftballons sich wohl im Laufe eines Menschenlebens füllen ließen?“ Wichtig war dem Autor – und das war in Argentinien nicht ganz einfach umzusetzen –, dass das Buch auf Ressourcen schonendem Papier gedruckt wird. So zeigt die letzte Fotoseite eine 950 Gramm schwere Baumscheibe: „So viel Holz braucht man für ein Buch wie dieses. Zum Glück wurde es auf umweltfreundlichem Papier gedruckt.“ Ein tolles Buch für „kleine Leser und große Neugierige“ wie das Motto von Pequeños Editores lautet.

Antonia Stock


Fußball ist Leben

Eduardo Sacheri hat sich in der argentinischen Fußball- und Bücherwelt einen Namen gemacht. Nachdem einige seiner Erzählungen in einer beliebten Radiosendung vorgelesen wurden, gingen die Verkaufszahlen nach oben: Bis heute hat er von seinem Erzählband Esperándolo a Tito mehr als 30 000 Exemplare verkauft. Aus diesem Band sind auch einige der Geschichten entnommen, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen: Die Hand Gottes und andere Tangos. Fußballgeschichten (Übers. von Matthias Strobel, Berlin Verlag 2010)
Esperándolo a Tito - Warten auf Tito kann ganz schön nervenaufreibend sein. Denn Tito ist nicht irgendwer. Er ist der Fußballstar, der es aus einfachen Verhältnissen in die europäischen Profiligen geschafft hat, er verkörpert also den argentinischen Traum, den gerade die Nationalmannschaft in Südafrika in der Person von Lionel Messi und ad extremum geführt natürlich von Diego Armando Maradona vorführt. Kommen soll Tito direkt aus Europa zu einem entscheidenden Fußballspiel zwischen zwei Amateurteams: Die Jungs treffen sich seit der Kindheit einmal im Jahr zum Kräftemessen. Und seit Tito weg ist, verliert sein Team. Nun steht die Statisitk auf den Spiel: Noch eine Niederlage und die Gegner haben mehr Siege auf ihrer Habenseite. Es geht also um alles und die Jungs brauchen "ihren" Tito. Doch kommt er wirklich?

Im August erscheint im Berlin Verlag von Sacheri außerdem der Roman Warten auf Perlassi (Übers. Matthias Strobel), in dem ebenfalls ein einst gefeierter Fußballer im Mittelpunkt steht. Hier geht es jedoch sehr viel philosophischer zu, ein Durchschnittsargentinier sucht nach dem Sinn des Lebens.
Eduardo Sacheri ist auch am großen argentinischen Kinoerfolg El secreto de tus ojos beteiligt. Der oskargekrönte Film basiert auf seinem Roman. Mehr »»

Die Übersetzung von Die Hand Gottes und andere Tangos wurde durch litprom gefördert.

Von Antonia Stock


Vom Jubeln und Fluchen im Stadion

Ariel Magnus Roman Ein Chinese auf dem Fahrrad (Übers. Silke Kleemann, Kiepenheuer & Witsch 2010) als Fußballbuch zu einzuordnen greift natürlich zu kurz. Wie der Titel schon sagt geht es um Chinesen, im Besonderen um Chinesen in Buenos Aires, und darüber hinaus mindestens noch um eine Entführungs- und eine Liebes- und eine Entwicklungsgeschichte.
Und trotzdem: Mein persönliches Lieblingskapitel handelt von Fußball und trägt die aussagekräftige Überschrift Geschichte vom Vater, der keine Tore bejubeln wollte, und vom Sohn, der nicht schimpfen wollte.
Der genannte Vater ist ein begnadeter Kicker, doch ihm fehlt das Jubel-Gen. So wird er trainiert: "Um die Behandlung zu beschleunigen, zog man ein Team aus vier Profis heran, bestehend aus einem Psychiater, einer Lehrerin für Ausdruckstheater, dem Sänger von Los Tintoreros und einem Tänzer vom Teatro Colón." Das Resultat: Das Jubeln gelingt, das Toreschießen funktioniert nicht mehr.
Jahre später nimmt der Vater seinen fußballerisch uninteressierten Sohn Sonntag um Sonntag mit ins Stadion. Doch der Sohn kann nicht fluchen. Die halbe Tribüne versucht sich in Nachhilfe und bietet die unterschiedlichsten Fluchmodalitäten an. Auch der Sohn entpuppt sich nach geraumer Zeit als guter Lerner und bringt schließlich ein "Du bist ja so hässlich!" heraus.

Ariel Magnus hat einen Erzählband mit Fußballgeschichten veröffentlicht. Ganar es de perdedores (Gewinnen ist was für Verlierer) liegt noch nicht auf Deutsch vor. In Argentinien ist es im Editorial Norma in der Reihe La otra orilla erschienen.
Auch journalistisch beschäftigt er sich mit dem Thema Fußball. In der Berliner Zeitung erschien vor kurzem sein Artikel Beim Barte des Göttlichen. Auferstanden aus seiner eigenen Legende: Unser Diego Maradona, Trainer und Dichter, den Sie hier als pdf lesen können »»

Von Antonia Stock


Diego Maradonas Ball

Die Traummannschaft (Übers. von Matthias Strobel, Suhrkamp 2006) erzählt die Geschichte von Ariel. Er lebt in Buenos Aires, ist 15 Jahre alt, liebt Fußball – wie sollte es auch anders sein – und jobbt über die Ferien bei seinem Onkel im Gemüseladen. Es ist mörderisch heiß, bald Weihnachten – und auch sonst ist in dieser Fußballgeschichte von der anderen Seite der Erdhalbkugel manches anders als gewohnt. Da muss die siegreiche Mannschaft schon vor dem Abpfiff schauen, dass sie Land gewinnt. Sonst setzt es Prügel von den Verlierern oder dem parteiischen Schiedsrichter! Und die gefürchteten Gardelitos, eine Gang von Dieben und Schlägern, setzt sich zusammen aus korrupten Polizisten!
Doch Ariel kommt klar, er hat einige Fähigkeiten, gute Freunde und die Kraft der ersten Liebe auf seiner Seite. Als Patricia, genannt Pato, in den Laden kommt, fällt ihm zuerst gar nichts mehr ein. Ariel ist plötzlich schwer verliebt. Dass seine Angebetete im Elendsviertel Fiorito lebt, stört ihn erstmal nicht. Wie alle anderen auch, die nicht in Fioroto leben, geht er nicht da hin. Man mag dort keine Fremden. Aber Ariel hat bald keine Wahl, als ihm Pato vom einzigen Schatz ihrer Familie erzählt, der gestohlen wurde und das ausgerechnet von den Gardelitos. Denn trotz aller Not hat Patos Familie nie daran gedacht, diesen Schatz zu verkaufen: Maradonas ersten Ball! Denn auch Maradona stammt aus Fiorito und Patos Vater kann sich noch gut an ihn erinnern. Jetzt haben die Gardelitos den Ball und sicher werden sie ihn zu Geld machen! Ariel verspricht Hilfe und organisiert seine Freunde, doch Fiorito zu durchqueren und den kriminellen Polizisten zu trotzen ist ganz und gar keine Kleinigkeit!

Dieses Jahr kommen Ariel und seine Jungs zurück in die deutschen Bücherregale. Suhrkamp veröffentlicht im August Springfield (Übers. Silke Kleemann), in dem die inzwischen jugendlichen Freunde während eines Austauschjahres in den USA allerhand Abenteuer erleben. 

Die Übersetzung von Die Traummannschaft wurde durch litprom gefördert.

Von Eva Massingue


Und die Kugel rollt am Kap

In Elf - Fußballgeschichten aus Südafrika versammelt Herausgeber Manfred Loimeier Autoren der jüngsten Generation des Landes am Kap mit dem Ziel, ihre je eigenen Eindrücke im Hinblick auf das kommende Großereignis in die Form einer Kurzgeschichte zu gießen - allesamt Originalbeiträge, die vorher noch nicht publiziert worden sind.
Durch die Vielfalt der Themen, die in den Texten verarbeitet werden, entsteht zwischen den Verfassern ein Diskurs darüber, ob die Weltmeisterschaft Grund zur Hoffnung für die südafrikanische Gesellschaft sei oder eher mit Skepsis betrachtet werden müsse. So etwa in Vuyiswa Nodadas Geschichte Die Witwe, in der die einem Township Sowetos entstammende Helen in einem Streitgespräch mit ihrer jüngeren Schwester Nkuli befürchtet, die unbestreitbaren „Nebeneffekte der WM“ wie der weitere Ausbau des Tourismus, die Verbesserung in den Bereichen  Telekommunikation und Informationstechnologie, könnten nur einem privilegierten Teil der Menschen zu Gute kommen.
Neben Fragestellungen, die unmittelbar die nationalen Vorbereitungen zur WM betreffen, wie der landesweite Streik der Taxifahrer in Xoli Normans Verloren gegen das „Bus – Rapid – Transport – System“ (BRT), finden sich in Elf auch Geschichten, die einfach vom Fußball an sich inspiriert sind. Etwa wenn Maakomele Mak Manakas Antiheld Rasta sein fußballerisches Talent lieber durch Drogen und Damenbekanntschaften ersetzt, erzählt im Stakkato-Stil des Lesego Rampolokeng. Wunderbar im wahrsten Sinne ist Greig Camerons Abrechnung mit dem modernen Fußball in Der Schwalbentrainer: Der Verband einer fiktiven afrikanischen Fußballnationalmannschaft engagiert einen russischen Coach, der den Balltretern die hohe Kunst des Elfmeterschindens beibringen soll. Als dieser sein Werk vollendet hat, öffnet er seinen Schirm und entfleucht wie Mary Poppins in die Lüfte.
Nicht nur für Fußballfreunde empfehlenswert!

Die Übersetzung von Elf wurde durch litprom gefördert.

Von Torsten Tullius


Südafrikanische Performance

„Warum nicht mal Gedichte?“ hat sich Bernadette Böcker gedacht und Töchter von morgen von Lebogang Mashile gelesen und gehört (Übers. Arne Rautenberg, AfrikAWunderhorn 2010)

Mit deutlicher Sprache malt Lebogang Mashile ein buntes Bild des heutigen Südafrikas. Dazu benutzt sie mal derbe, mal zärtliche Worte. Immer aber lässt sie ihren Gefühlten freien Lauf und spricht damit für eine ganze Generation. In den 38 Gedichten des jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen Bandes Töchter von morgen lässt sie das Leben einer jungen schwarzen Frau im post-apartheids Südafrika mit allen inhärenten Hoffnungen, Ängsten und Widersprüchen auferstehen und vermittelt auf diese Weise einen facettenreichen Eindruck des sich permanent in Bewegung befindenden Landes und seiner nicht minder aktiven Bewohner. Ein besonderes Bonbon dieser zweisprachigen Ausgabe (englisches Original plus deutsche Übersetzung) ist die beigefügte CD, auf der alle Gedichte – von der Autorin selbst auf Englisch vorgetragen – nachzuhören sind. Mit ihrem unverwechselbaren Stil, in dem sie Elemente des Hip-Hop weiterentwickelt, verleiht Mashile den gesprochenen Worten fesselnde Musikalität und Eindringlichkeit, die der Hörer so schnell nicht vergisst.
Lebogang Mashile gehört in Südafrika zu den wichtigsten Poetry Performerinnen der so genannten Spoken-Word Poesie. Das 2005 in Südafrika unter dem Titel In a Ribbon of Rhythm veröffentlichte Original wurde mit dem renommierten NOMA-Preis ausgezeichnet. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist Lebogang Mashile auch Schauspielerin und Fernsehmoderatorin.
Töchter von morgen
bildet den Auftakt der neuen Edition AfrikAWunderhorn, die sich ausschließlich afrikanischen Autoren und ihren Werken als Reaktion auf den sich wandelnden Kontinent widmen wird.


Eine Liebesgeschichte, die keine ist

Anna Martin hat sich amüsiert bei der Lektüre von Shahriar Mandanipurs neuem Roman Eine iranische Liebesgeschichte zensieren (aus dem Englischen von Ursula Ballin, Unionsverlag Zürich 2010)

Eine Schere und ein Schreibstift mit abgebrochener Spitze: das sind die Symbole für Zensur im Iran. Mit der Schere zieht der Zensor in Mandanipurs Roman gegen "widerliche Schreiberlinge" und anstößige Passagen zu Felde. Dieser omnipräsente Zensor, ein gewisser Herr Petrowitsch, ist nach dem Untersuchungsrichter in Dostojewskis Schuld und Sühne benannt, wie auch der gesamte Roman von zahlreichen intertextuellen Referenzen wimmelt – sei es aus der persischen oder der westlichen Literaturtradition. Figuren der Weltliteratur erscheinen meist an unerwarteter Stelle, wenn etwa Schirin, die Heldin eines klassischen persischen Kunstepos, nach der Hochzeitsnacht mit dem König Chosrow in die Notaufnahme eines Teheraner Krankenhauses eingeliefert wird, in dem sich die Protagonisten der Kernerzählung zu einem verbotenen Stelldichein eingefunden haben. Wie die beiden, Sara und Dara – benannt nach zwei Figuren in einer Lesefibel aus der Schahzeit – versuchen, trotz strikter islamischer Verhaltensregeln zueinander zu finden, davon handelt die „iranische Liebesgeschichte“, die durch Fettdruck hervorgehoben ist. Deren Erzählfluss wird vom Autor immer wieder unterbrochen, indem er auf amüsante und unterhaltsame Art mit dem Leser kommuniziert und mit dessen Erwartungen spielt. Neben der Geschichte um die beiden jungen Liebenden schafft Mandanipur eine weitere Erzählebene, die sich im Schriftbild durch Normaldruck von der Kernerzählung abhebt. Allerhand Erzählenswertes aus Geschichte und Politik des Landes vermischt sich mit Reflexionen über das Schreiben und so unternimmt der Autor – oft mit scharfer Ironie – einen geistreichen Exkurs in „2500 Jahre der Zensur“. Um der Schere des Herrn Petrowitsch zu entkommen, hat der Autor sich gleich selbst zensiert, was im Text der Kernerzählung durch durchgestrichene Passagen zum Ausdruck kommt. Es versteht sich von selbst, dass man diesen Textstellen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Nebenbei erfährt der Leser unter anderem, was es mit Granatäpfeln wirklich auf sich hat, warum der persische Dichter Nizami vor etwa 900 Jahren gezwungen war, bei der Schilderung von Liebesszenen zu Vergleichen aus dem Gartenbaubereich zu greifen und dass es im Iran lebenswichtig werden kann, zu wissen, welche Farbe der Kühlschrank der Angebeteten hat.

Shahriar Mandanipur zählt zu den wichtigsten Autoren der iranischen Gegenwartsliteratur. Er wurde für sein Werk mehrfach ausgezeichnet. Den Roman Eine iranische Liebesgeschichte zensieren zu lesen ist ein Genuss!

Das Buch wurde im Weltempfänger 1/ 2008 für eine Übersetzung ins Deutsche empfohlen.

Die Übersetzung wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert. 


Wenn Liebe unglücklich macht

Alice Grünfelder war mit Samrat Upadhyay in Kathmandu: Der Liebesguru (aus dem Englischen von Philipp P. Thapa, Edition Kathmandu, 2009)

Ein Mathematiklehrer, verheiratet, zwei Kinder, verliebt sich in seine Nachhilfeschülerin: eine verzwickte Geschichte, egal ob in Berlin, New York oder – Kathmandu. Und in Kathmandu brechen unruhige Zeiten an, Demonstrationen und Straßenschlachten erschüttern die Stadt. Leise und fein verwebt der Autor diese beiden Ebenen ineinander, das Elend eines Volkes bohrt sich wie ein Widerhaken in die private Misere, in scheinbar unausweichliche Schicksale und Lebensläufe.
Das erste heimliche Rendezvous zwischen Ramchandra und Malati könnte skurriler nicht enden: Als die beiden frisch Verliebten in einem Wäldchen ein Liebesversteck suchen, werden sie von einer Affenbande überrascht. Kreischend und mit bleckenden Zähnen entreißen die Affen Malati den Sari, bis diese schließlich verängstigt und mit entblößter Brust in einer Ecke kauert. Ramchandra steht hilflos daneben und schaut zu, wie das Unglück über sie hereinbricht – einmal mehr in seiner Unentschlossenheit gefangen. Ausgerechnet die betrogene Gattin Goma soll ihn aus der Zwickmühle befreien, und das tut sie mit einer an Unwirklichkeit grenzenden Großmut – oder ist es weises Kalkül? Tatsächlich erlaubt sie die Menage à trois, und die rasende Verliebtheit erlischt alsbald im erotischen Strohfeuer. Das Rad aber lässt sich nicht zurückdrehen, denn innerlich entfremdet von ihrem Mann zieht Goma sich zurück. Bis Ramchandra ihr eines Tages die Frage stellt, die unablässig an ihm zerrt: Warum hat sie ausgerechnet ihn armen Lehrer geheiratet, sollte die Vermählung womöglich eine heimliche Affäre kaschieren? Erst jetzt macht Goma ihm ein Liebesgeständnis, das sie all die Jahre für sich behalten hatte. Letztendlich hat der Liebesguru Ramchandra die Einweisung in die Kunst der Liebe, auch der kleinen im Alltag, seiner Frau zu verdanken.

Platz 1 im Weltempfänger 6 / 2010.


Feingliedrige Psychogramme aus Argentinien

Andrea Kaden empfiehlt Samanta Schweblin Die Wahrheit über die Zukunft (Übers. Angelica Ammar, Suhrkamp 2010)

Die argentinischen Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt anlässlich des Ehrengastauftrittes Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse sind überwältigend zahlreich, was die Gefahr birgt, dass kleine Kostbarkeiten wie Schweblins Erzählband im Bücherdschungel übersehen werden. Doch das Büchlein der 1978 geborenen Filmwissenschaftlerin verdient jede Menge Aufmerksamkeit und wurde in ihrem Heimatland schon mehrfach preisgekrönt.
Schweblin zeichnet in ihren Erzählungen in prägnantem Stil beklemmende Ausschnitte zwischenmenschlicher Unwägbarkeiten, die den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen. Eingebettet in ganz alltägliche Szenarien – ein Abendessen mit neuen Nachbarn, Familienfeste oder Autofahrten im Nirgendwo – entfalten sich abgründige Geschichten, die teils individuelle Schicksale, teils aber auch konkrete Missstände der argentinischen Gesellschaft verhandeln. Diese Alltagssituationen verankert die Autorin jedoch in einer – man möchte diese abgegriffene Schublade eigentlich gar nicht mehr aufmachen – phantastischen Sphäre. Auf diese Weise sorgt jede einzelne Erzählung für Gänsehaut. Der Mund voller Vögel beispielsweise erzählt von der zerbrechlichen Tochter geschiedener Eltern, die von keiner andere Nahrung als Geflügel gedeiht, allerdings nur, wenn sie es lebendig verspeist.
Samanta Schweblins feingliedrige Psychogramme sind dem Leser vertraut, weil sie universal gültig sind. Doch Schweblin gelingt es, Themen wie Kinderwunsch, Schwangerschaft zum falschen Zeitpunkt, Ehebruch, Depression oder Alter auf kunstvolle Weise in einen Bereich des Irrealen zu transzendieren. So besitzen selbst die gerade zwei Seiten kurzen Erzählungen eine Eindringlichkeit, die den Leser sofort mitnimmt und in den Schweblinschen Kosmos eintauchen lässt.


Jive aus Malawi

Malawi – wo liegt das doch gleich? Bernadette Böcker hat den Jive Talker von Samson Kambalu gelesen und weiß jetzt einiges mehr über dieses Land (Aus dem Englischen von Marlies Ruß, Unionsverlag, Zürich, Erscheinungsdatum: März 2010)

Der namensgebende Jive Talker ist Samson Kambalus Vater, der, häufig von zu viel Alkohol beseelt, seine Belesenheit und philosophischen Gedanken zur Unzulänglichkeit der Gesellschaft an seine acht Kinder in ausschweifenden Worttiraden weitergibt. Er ist für das wirtschaftliche Auf und Ab der Familie verantwortlich, denn als schwarzer Arzt gehört er zu Zeiten der Diktatur von Hastings Kamuzu Banda zwar zur geistigen Elite Malawis, wird aber auf Grund seiner Hautfarbe nie ganz oben auf der Karriereleiter ankommen. Den größten materiellen Schatz des Vaters stellt der „Diptychon“ dar: eine liebevolle und alles sagende Bezeichnung für das Bücherregal mit seinen Kostbarkeiten, das später in den Besitz des erzählenden Sohnes übergeht. So lernt Samson schon von kleinsten Kinderbeinen an, Nietzsche, den Lieblingsautor seines Vaters, und Bibelstellen zu zitieren. Mit zwölf Jahren folgt die einzig mögliche Konsequenz: er gründet seine eigene Religion.
Mit ansteckendem Witz und beißendem Humor beschreibt Samson Kambalu in seiner Autobiographie ein Stück Afrika, von dem man nicht viel weiß. Zum Schreien komisch und manchmal auch zum Weinen traurig erzählt er von sich und seiner Familie, immer vor dem historischen Hintergrund des damaligen diktatorischen Regimes, aber niemals in Selbstmitleid versinkend und ohne die Umstände anzuklagen oder zu bedauern.
Bereits während seiner Schulzeit auf der renommierten Kamuzu Academy organisiert Kambalu die erste Konzeptausstellung in Malawi. Ein Kunststudium an der University of Malawi und der Nottingham Trent University in Großbritannien folgen. Heute lebt Samson Kambalu als gefeierter Konzeptkünstler in London.

Lust auf Samson Kambalu bekommen? Im Frühjahr 2010 ist er zusammen mit dem Unionsverlag im deutschsprachigen Raum auf Lesereise. Die genauen Termine finden Sie hier

Jive Talker ist ein Titel des Anderen Literaturklubs 2010.

Die Übersetzung des Jive Talkers wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.


Ein US-mexikanisches Nomadenleben

Andrea Kaden empfiehlt González und Tochter, Trucking Company von María Amparo Escandón (aus dem Englischen von Heike Smets, Edition Köln 2009)

Libertad – die Freiheit – sitzt in der mexikanischen Grenzstadt Mexicali im Frauengefängnis. Warum sie dort ist, wagt sie niemandem zu erzählen. Sie vertraut sich nur ihrem Tagebuch an, das sie auf Klopapierrollen im Mondschein in einer Zelle mit sieben anderen Frauen führt. Erst als ein wöchentlicher Leseclub genehmigt wird, „liest“ sie ihre Geschichte laut aus Büchern wie Die drei Musketiere oder Fodors Reiseführer zu den karibischen Häfen vor. In der beengten Gefängnisbibliothek erzählt sie von ihrem Vater González, dem Literaturprofessor, der im Zuge der 68er Studentenproteste und ihrer blutigen Unterdrückung durch die mexikanische Regierung das Land verlässt und aus Angst vor den Behörden ein Leben als Truckfahrer in den USA beginnt: Der Truck ist sein Wohnsitz, seine Pässe und Namen wechselt er häufiger als die Zahnbürste und seine Tochter wird schnell zum alleinigen Fixpunkt in seinem Leben. Libertads eigenen Wünschen, ihrer Individualität und Abgrenzung von der symbiotischen Beziehung zum Vater setzt dieser eine hysterische Autorität entgegen. Als das junge Mädchen dann beginnt sich für Männer zu interessieren, ist der Startschuss für die endgültige Eskalation des Vater-Tochter-Konfliktes gefallen.
Sehr gelungen, amüsant und aufschlussreich sind die Schilderungen des Gefängnisbetriebes, der als ein – selbstverständlich korruptes – blühendes Wirtschaftsunternehmen mit Beziehungen in die obersten Gesellschaftskreise „draußen“ eine perfekt funktionierende Mikrogesellschaft beherbergt: hier finden Massenhochzeiten und Tupperpartys statt, die wohlhabenden Insassinnen haben ihre eigenen Zellenangestellten und einen Strand mit Liegestühlen auf dem Gefängnishof – sogar ein Nagelstudio wird im Frauenknast betrieben. Andererseits ist es Libertads persönliches Erleben der andauernden Gegenwart so vieler Frauen und die Erkenntnis, dass ausgerechnet das Gefängnis ihr erstes richtiges Zuhause geworden ist, was den Roman in meinen Augen so lesenswert macht.
Zugegeben, ein paar Details der Geschichte wirken etwas konstruiert und auch die Sprache ist an manchen Stellen zu plakativ und an der Grenze zum Kitsch. Doch wird hier auf sehr charmante und kurzweilige Art das Thema der US-mexikanischen Identität auf ein außergewöhnliches Einzelschicksal heruntergebrochen.

Die Übersetzung wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.


Hälfte des Lebens

Zu seinem 70. Geburtstag erscheint in Deutschland Sommer des Lebens (Übers. von Reinhild Böhnke, Fischer 2010). Andreas M. Widmann hat J.M. Coetzees neuen Roman unter die Lupe genommen.

J.M. Coetzee, der gebürtige Südafrikaner und Literaturnobelpreisträger, wäre am 9. Februar 70 Jahre alt geworden – wäre er nicht unlängst in Australien verstorben. Leser, die sich nun zu recht erstaunt die Augen reiben, haben glücklicherweise weniger Anlass zu Bestürzung als zur Freude, denn der Tod des Autors fand nur auf dem Papier statt und ist die Idee, mit der Sommer des Lebens spielt. Im dritten Teil seiner Autobiographie lässt Coetzee seine Lebensgeschichte von einem jungen Mann namens Vincent schreiben, und zwar postum. Weil er den berühmten Schriftsteller nie selbst getroffen hat, befragt Vincent eine Reihe von Personen, die ihm in den 1970er Jahren nahestanden. Zu der Zeit lebte Coetzee nach längeren Aufenthalten in Großbritannien und den USA wieder in Südafrika, auf der Farm seines Vaters und fand seine Stimme als Autor. Doch gewährt Coetzee wirklich Einblick in seine entscheidenden Jahre als Schriftsteller, wie der Verlag behauptet? Die Antwort muss wohl lauten: Nein, aber: Gerade darin liegt die Faszination dieses vielstimmigen, zuweilen fast komischen Buchs. Vincent sammelt und sortiert Auskünfte von fiktiven Zeitgenossen. Von Margot etwa, einer Cousine, von Martin, einem Kollegen, von Denoel, einer Literaturwissenschaftlerin und aus den Erinnerungen dieser erfundenen Figuren entsteht das Bild eines kalten, sich absondernden Menschen, den man selbst nicht unbedingt gekannt haben möchte und dessen Werke zu wenig wagen, um bedeutend zu sein, wie einmal erklärt wird. Und obwohl vieles darin mit den Fakten seines Lebens übereinstimmt, ist es doch ein literarisches Spiel mit der Möglichkeit, die Wahrheit über einen Menschen schreiben zu können. Indem Coetzee sich schonungslosen Blicken aussetzt, entzieht er sich ihnen zugleich. Ich – scheint dieser lesenswerte autobiographische Roman zu sagen – ist ein anderer.


Die Vergeblichkeit der Liebe

Eva Massingue erinnert an den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2005 - Korea und hat eine Entdeckung gemacht: Die letzten viereinhalb Sekunden meines Lebens von Suk-je Sung (aus dem Koreanischen von Inwon Park und Anja Michaelsen, Edition Peperkorn 2009)

Kaum etwas wird schneller vergessen als das Gastland von gestern oder vorgestern. Korea? Wann war das? Lange her und nicht mehr aktuell.Wer gegen den Trend lesen will, dem empfehle ich die Erzählungen von Suk-je Sung. Sung, der Jura studiert hatte, dann als Lyriker in Erscheinung trat, schreibt nun Kurzprosa. Seine Geschichten, so unterschiedlich sie auch sind, stellen seltsame Helden in den Mittelpunkt: Außenseiter, Schläger, einen Mafiaboss, eine ihr ganzes Leben lang nur ausgebeutete Frau, ein Fasanenmännchen, einen Gigolo. Seltsame Zeitgenossen, die Sung in amüsiertem, locker-leichtem Stil vorstellt. Doch das Lustige geht selten gut aus, wie der Titel des Buches schon ahnen lässt. Die letzten viereinhalb Sekunden sind die eines Kleinstadt-Mafiabosses, der seinen Aufstieg Revue passieren lässt, während sein Auto, nachdem es das Brückengeländer durchbrochen hat, durch die Luft segelt. Etwas wirklich Wichtiges fällt ihm nicht ein und im letzten Sekundenbruchteil ruft er nach seiner Mutter.
Die Vergeblichkeit der Liebe ist auch ein Thema Sungs, von verschiedenen Seiten beleuchtet: ein Schüler buhlt ausdauernd um die Freundschaft eines Mitschülers; ein Waisenmädchen muss ihre erste Liebe mit lebenslanger Ausbeutung bezahlen; ein Fasanenmännchen gibt seine splendid isolation auf und hilft einem Weibchen, was ihn natürlich vor die Flinte der Jäger treibt; eine Frau, die nicht aufhören kann, auf ihren im Krieg verschollenen Mann zu warten; der Mann, der nicht aufhören kann, seine Freundschaft einem Abweisenden nachzutragen.
Vergeblichkeit ist ein Leitmotiv Sungs, oft Vergeblichkeit der Liebe und dass man meist nichts ändern kann. Die Entscheidungsfreiheit ist den Protagonisten genommen, wie dem Gangster im stürzenden Auto – und das alles mit weisem Humor und viel Empathie erzählt. Also – warum nicht mal wieder etwas Koreanisches lesen?


Mit einem Detektiv auf Weltreise

Ein Pablo Neruda-Buch der ganz eigenen Art - Antonia Stock hat Der Fall Neruda von Roberto Ampuero (aus dem Spanischen von Carsten Regling, Bloomsbury, Berlin 2009) gelesen.

Cayetano Brulé, ein arbeitsloser Kubaner, der seiner Frau wegen in Valparaíso in Chile lebt, trifft zufällig mit dem alten Pablo Neruda zusammen und wird von ihm für eine geheime Mission engagiert. Die erste Station heißt Mexiko, hier soll er einen Mediziner ausfindig machen in dem Glauben, nur dieser wisse ein Heilmittel gegen den fortgeschrittenen Krebs des Nobelpreisträgers. Doch die Reise geht weiter: Über Kuba, nach Ostberlin, dann zurück über den Atlantik nach Bolivien spürt Cayetano Brulé der Vergangenheit Nerudas nach.
Der erste Fall des in Chile berühmten self-made Detektivs ist weit mehr als eine spannende Kriminalgeschichte. Da ist zum einen der große Neruda, den man nach der Lektüre besser zu kennen glaubt und da sind zum anderen die sozial-historisch-politischen Schilderungen nicht nur von einem Chile am Ende der Allende-Zeit sondern auch von den anderen Stationen von Cayetanó Brulés Reise. So kommt es, dass sogar Daniel Cohn-Bendit Erwähnung findet.
In Chile ist das Buch ein Bestseller mit eigener Homepage www.elcasoneruda.cl. Hier Zulande sind die früheren Cayetano Brulé-Bände vergriffen - umso mehr Verbreitung wünscht man dem Fall Neruda, das durch den kürzlichen Machtwechsel in Chile an Aktualität gewonnen hat, wenn es etwa heißt: "1990 hatten die Chilenen nach friedlichen Protesten die Demokratie zurückerobert, und jetzt wurde dieses angeblich so eintönige und konservative Land, in dem es bis vor kurzem kein Recht auf Scheidung gab, von einer geschiedenen Frau, alleinerziehenden Mutter, Sozialistin und Atheistin regiert. Das war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass dieses [...] Land, [...] ein einzigartiger, sich fortwährend verändernder, schwankender Ort war [...]."

Die Übersetzung wurde von litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.


Dunkle Vergangenheit

Corry von Mayenburg empfiehlt nicht nur für Krimifans Andrew Browns Schlaf ein, mein Kind (aus dem Englischen von Mechthild Barth, btb, München 2009).

Südafrika ist durch die Fußballweltmeisterschaft 2010 in den Blickpunkt gelangt und seit einiger Zeit entdecken deutsche Verlage und Leser Krimis aus Südafrika für sich, allen voran die Krimis von Deon Meyer.
Wenn auch ganz anders geschrieben, so packt einen das Buch von Andrew Brown aber mindestens ebenso und man kann sich kaum davon losreißen. Nicht ohne Grund hat der Autor, der als Anwalt arbeitet, dafür den angesehensten Literaturpreis Südafrikas, den Sunday Times Literary Fiction Award 2006, erhalten.
Detective Eberard Februarie untersucht den Tod einer jungen, schönen Weißen, deren Leiche in einem Fluss in Stellenbosch, einem der bekanntesten Weinbauorte Südafrikas, treibt. Ein Täter ist schnell ausgemacht, doch der Fall lässt dem Polizisten, der eigentlich von seinen persönlichen Problemen gefangen ist, keine Ruhe. Gemeinsam mit einer resoluten Polizeianwärterin ermittelt er weiter und versucht hinter das Geheimnis der Schlaflieder zu kommen, die die junge Frau in ihrem Notizbuch gesammelt hat. Diese Schlaflieder, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, werden zunehmend beklemmender und am Ende fehlen Seiten in dem Notizbuch.
Zu dieser Handlung gesellt sich eine zweite Geschichte, die sich 300 Jahre früher abspielt, zur Zeit der Kolonialisierung durch die Holländer und dem Beginn des Weinbaus am Kap der Guten Hoffnung.
So langsam erkennt der Leser, wie die Schatten der kolonialen Vergangenheit bis heute weiter wirken in einem Land voller Widersprüche und wie sich die beiden Geschichten allmählich annähern.

Meine Lieblingslektüre 2009 war der Gedichtband Von Jade und Holz von Leung Ping-kwan (aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin, Drava 2009).


Beklemmender Neuanfang

Und noch mal Südafrika: Antje te Brake las Malindi von Troy Blacklaws (aus dem Englischen von Michael Kleeberg, liebeskind, München 2008).

Malindi ist die Geschichte eines Jungen, der mit seiner Mutter von Kapstadt in die Ödnis der Karoo zieht, nachdem sein Zwillingsbruder bei einem Unfall stirbt. Der Vater ist nicht ganz unschuldig an diesem Unfall und auch er verlässt daraufhin die Familie – ihn plagen Vorwüfe. Der Junge, Douglas, muss sein Leben neu ordnen – nicht nur der Vater und der Bruder sind fort, auch die Freunde, das Meer und die vertraute Umgebung liegen fortan in weiter Ferne. Nur langsam gibt es Annäherungen an das neue Leben, ein Mädchen und ein schwarzer Tankwart ersetzen Familie und Freunde. Aber leider ist da auch noch die Außenwelt, die weder Liebe noch Freundschaft einfach so wachsen lässt – und die Apartheid ist im Hinterland noch wesentlich präsenter als in Kapstadt…
Troy Blacklaws erzählt diese Geschichte nicht gerade rasant, eher gemächlich und unaufgeregt. Und doch hat sie mich gefesselt und berührt – und am Ende auch noch überrascht! Auch die Übersetzung von Michael Kleeberg hat mir hervorragend gefallen.

Das Buch, das mir 2009 am besten gefallen hat, ist Die andere Seite der Stille von André Brink in der Übersetzung von Michael Kleeberg (Osburg Verlag 2008).


Sergio Olguín treffen!

Antonia Stock stimmt mit ihrer Buchauswahl auf den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2010 ein: Zurück nach Lanús von Sergio Olguín aus Argentinien, aus dem Spanischen von Matthias Strobel, Suhrkamp, Frankfurt 2008.

Wenn man zu den üblichen und unüblichen Festtagen ein Buch verschenkt, möchte man, dass es gelesen wird. Man versucht also dem Beschenkten, dessen Zeit natürlich knapp bemessen ist, sein Buch als ganz besonders lesenswert anzupreisen. Da ist es von Vorteil, wenn man das verschenkte Werk selbst gelesen und als gut befunden hat. Noch mehr Eindruck macht natürlich, wenn man den Autor „kennt“, ihn bei einer Lesung erlebt hat und eine kleine Anekdote parat hat. Meine geht so:
Für eine kleine Lesung im Azubistro am Freitag auf der Frankfurter Buchmesse 2009 hatte ich mich mit Sergio Olguín aus Argentinien am Suhrkamp-Stand verabredet. In diesen hektischen Tagen ist dies ein denkbar schlechter Treffpunkt und als Sergio Olguín zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn noch nicht zu sehen war, reichte mir die Suhrkamp-Kollegin ihr Handy. „Holá, ich bin auf dem Weg, wo muss ich hin?“, bekam ich zu hören und dann „Ich warte einfach hier am Eisstand.“ Eisstände waren mir bisher auf dem Messegelände noch nicht als besonders augenfällig aufgefallen, doch als ich die Rolltreppe herunter fuhr, war er tatsächlich auf den ersten Blick zu erkennen – mit Dreitagebart und Turnschuhen!
Neugierig geworden?
Zurück nach Lanús erzählt übrigens die Geschichte von Adrián, dessen Leben in Buenos Aires durch einen Todes- bzw. Mordfall auf den Kopf gestellt wird und der sich am Ende sicher sein kann: Wahre Freundschaft vergeht nicht.
Viel Spaß beim Lesen!

Das beste Buch des Jahres ist für mich Menschen aus Papier von Salvador Plascencia, in der genialen Übersetzung von Conny Lösch beim Nautilus Verlag erschienen. 


Tiefschwarze Flecken in einer elitären Familie

Andrea Kaden ließ sich von Laura Restrepo aus Kolumbien ins Land der Geister entführen (aus dem Spanischen von Elisabeth Müller, Luchterhand München 2009).

Eigentlich muss man viel Zeit haben, es sollte Winter sein, eine Reihe langer dunkler Wintertage, um mit Laura Restrepo ins Land der Geister zu reisen: Aguilars Frau Augustina hat den Verstand verloren. Als er sie eines Sonntags in einem Hotel abholt, findet er sie völlig verwirrt und apathisch vor. Um an ihrem plötzlich eingetretenen Zustand nicht zu verzweifeln, muss Aguilar um jeden Preis herausfinden, was passiert sein könnte.
In rasantem Tempo, wahnwitzigen Monologen und dynamischen Rückblenden erhellt sich Augustinas Familiengeschichte, die trotz oder gerade wegen ihrer elitären Herkunft tiefschwarze Flecken aufweist. Augustinas an García Márquez Erzählungen erinnernder Wahnsinn und ihre Einsamkeit spiegeln ihr in Gefühlskälte erstarrtes Elternhaus.
Ich konnte Land der Geister kaum aus der Hand legen – was zum Teil auch daran lag, dass Absätze zum Innehalten recht dünn gesät sind. Restrepos delirierende Sprache wirkt sogartig, befördert den Leser aus seiner Umgebung in eine Art Rausch. Dies ist auch der wunderbaren Übersetzung von Elisabeth Müller zu verdanken, der es gelungen ist, Restrepos schillernd lebhafte Sprachflut ins Deutsche zu übertragen.

Auch ich bekenne mich als Menschen aus Papier-Fan und setze diesen experimentellen Roman von Salvador Plascencia auf den ersten Platz meiner persönlichen Jahresbestenliste 2009.


Kleinod mit Musik

Anita Djafari meint: Wenn es ein Buch gibt, das sich als Geschenk eignet, dann dieses schön aufgemachte Kleinod: Don Ottos Musikkabinett (Aus dem Spanischen von Peter Kultzen; Unionsverlag, Zürich 2009).

Dieses Buch von Mauricio Botero – übrigens verwandt mit Fernando Botero, der die dicken Frauen malt -  muss man nicht nur lesen, sondern unbedingt besitzen und möglichst auch noch verschenken. Nicht nur, aber besonders für Musikliebhaber ist es ein Vergnügen, beim Lesen gewissermaßen geradewegs in den Laden hineinzuspazieren und bei Kaffeeduft teilzuhaben an den „Verkaufsgesprächen“, die Don Otto mit den unterschiedlichsten Menschen führt. Ob schwules Paar oder einsame Dame, ob Punker oder Politiker, für alle findet oder sucht er das passende Stück, legt es auf und lässt uns teilhaben an seinem Wissen, seinen Gedanken, Erkenntnissen und Abschweifungen über die Komponisten von Bach bis Beethoven, Prokofjew, Strauss oder Telemann. Aber auch über das Leben an sich, die Persönlichkeit seiner Kunden, die Stadt und das Land, in denen er lebt, wird in 31 Kurzkapiteln so intelligent räsoniert, assoziiert und philosophiert, dass es eine Freude ist. Man möchte sich in einen Sessel setzen, das Buch an irgendeiner Stelle aufschlagen, die entsprechende Musik auflegen und – immer wieder schmunzelnd – genießen.

Mein Lieblingsbuch des Jahres 2009: Brüder von Yu Hua (aus dem Chinesischen wunderbar übersetzt von Ulrich Kautz); S. Fischer Verlag 2009. Platz 1 des Weltempfängers 4/2009.


Harte Realitäten

Nichts für Romantiker: Petra Kassler empfiehlt den Band Im Boot des gebürtigen Vietnamesen Nam Le (aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff, Claassen, Berlin 2008).

Ein junger, vielversprechender in Vietnam geborener Autor liefert uns in seinem Band Im Boot sieben brillante, unter die Haut gehende und mit kunstvoll geschliffenen Charakteren ausgestattete Erzählungen, die uns rund um den Erdball befördern und dabei mit den unterschiedlichsten Dramen der Weltgeschichte konfrontieren. Über 300 Seiten vorwiegend Krieg und Konflikt also – von der Atombombenexplosion in Hiroshima über vietnamesische Boatpeople und kolumbianische Drogenkartelle hin zu religiösem Fundamentalismus und dem Kampf der Geschlechter und Generationen. Im Mittelpunkt stehen ganz normale Menschen, deren Alltagssorgen, Ausweglosigkeit und zwischenmenschliche Debakel in mehr oder weniger alltäglichen Situationen Nam Le so fein zeichnet, dass man betroffen und nachdenklich, aber beeindruckt staunend vor diesen Kunststücken verweilt, die alles andere als Postkartenidyll oder stimmungsvolle Kalenderblätter sind. Dass ein Mädchen in der Geschichte „Halflead Bay“, die an der australischen Küste, in einem Einwanderer- und Touristenzentrum angesiedelt ist, so eindringlich die Frage stellt „wieso sollte hier jemand herkommen?“ verwundert nicht. Sie drückt es noch drastischer aus, als sie auf eine Anhöhe in der Nähe steigt: „ [...] da glaubt man, dass man von hier oben eine echt atemberaubende Aussicht hat, oder? [...] Und dann guckt man sich um und um und um, und alles ist bloß voll Scheiße.“ Harte Realität(en), an die man vom Autor ganz nah herangeführt wird.

Platz 1 meiner persönlichen Bestenliste des fletzten Jahres: Eine Kiste explodierender Mangos von Mohamed Hanif (A1 Verlag - toll übersetzt von Ursula Gräfe!). Siehe Der Andere Literaturklub 2009.

Seitenanfang


Ohne Löwe, Elefant und Co. ...

Spannendes Südafrika ganz ohne Löwe, Elefant und Co. Bernadette Böcker hat Ein schöner Ort zu sterben von Malla Nunn gelesen (aus dem Englischen von Armin Gontermann. Rütten&Loening, Berlin 2009).

Ein schöner Ort, um zu sterben, denkt sich Emmanuel Cooper, britischer Detective aus Johannesburg, als er in einem Buschdorf am Rande Südafrikas einen Mordfall aufklären soll. Zu diesem Zeitpunkt weiß er allerdings noch nicht, wer da mit dem Gesicht nach unten und von Schusswunden entstellt im Grenzfluss zu Mosambik treibt: Es ist der lokale weiße Police Captain, der Dank seiner burischen Abstammung das Dorf Jakob’s Rest beherrschte, bis er dieses unrühmliche Ende fand.
Wir befinden uns im Südafrika der 1950er Jahre, die Apartheidsgesetze sind in voller Kraft – Mischehen verboten, Trennung der Wohngebiete vorgeschrieben. Die Teilung in Schwarz und Weiß bringt Buren und Briten zwangsläufig einander näher, trotz gegenseitiger Abneigung. Diese spürt auch Cooper, als ihm im Zuge seiner Ermittlungen nur Ablehnung und Misstrauen widerfahren und er zum Spielball zwischen den Mächtigen wird, die vor brutaler Gewalt als Einschüchterungsmittel nicht zurückschrecken. Von allen Seiten werden dem Polizisten Mordverdächtige präsentiert, doch Cooper weiß intuitiv, dass er hier viel tiefer graben muss. Je mehr Geheimnisse er allerdings lüftet – und das sind nicht wenige –, desto mehr bringt er sich selbst in Gefahr, nicht zuletzt, weil auch er selbst einiges auf dem Kerbholz hat.
Malla Nunn, in Swasiland geboren und selbst durch die Geschichte ihrer Eltern vom Verbot der Mischehe betroffen, gestaltet ein dichtes, beklemmendes und erschreckendes Bild Südafrikas jener Zeit. Die preisgekrönte Drehbuchautorin und Regisseurin von Kurzfilmen verzichtet auf typische Afrika-Klischees und konzentriert sich ganz auf ihre Akteure, wilde Tiere tauchen hier zum Glück nicht auf. Völlig zu Recht bezeichnet ein anderer großer Krimiautor, Deon Meyer, dieses Buch als so spannend wie faszinierend.


China Hören – eine Reise durch Chinas Kulturgeschichte in 79 Minuten

Felix Meyer zu Venne hat für uns Probe gehört und ist sehr angetan von China hören (Silberfuchs Verlag; Kayhude 2008).

China ist eines der größten und bevölkerungsreichsten Länder dieser Erde. Die mehr als 3000 Jahre lange Geschichte des Landes ist spannend und facettenreich. Wie kann man sich mit einer derartig langen Geschichte, Kultur und Tradition auseinandersetzen, ohne teure Bücher mit Hunderten von Seiten zu wälzen?
China hören ist die Antwort. In rund 80 Minuten oder 20 Kapiteln wird ein umfassender Abriss der chinesischen Kulturgeschichte geliefert. Dies ist sicherlich in dem begrenzten Rahmen eines Hörbuches nicht sehr einfach. China hören wird dieser Aufgabe aber mehr als gerecht.
Die Autorin Anja Hinz bespricht sämtliche Bereiche der chinesischen Kultur und gibt u.a. Informationen zur chinesischen Geschichte, Mythologie, Philosophie, Religion, Politik, Kunst und Literatur. Der Schauspieler Rolf Becker gibt die ausgewählten Inhalte hervorragend wieder. Er berichtet von Kaisern und Philosophen, von der Entstehung der großen Mauer, vom Ursprung der chinesischen Medizin und vom Schönheitskult der Lotusfüße. Und dies ist nur eine kleine Auswahl der Inhalte. Alle angesprochenen Themen werden in diesem begrenzten Format ausreichend behandelt, und ich war in jedem Kapitel erneut über die inhaltliche Tiefe überrascht.
China hören begeistert aber nicht nur inhaltlich. Auch die aufwändige Gestaltung der CD ist sehr gelungen. In einem 16-seitigem Beiheft sind neben einer Zeitleiste, die einen Überblick über die chinesischen Dynastien gibt, zahlreiche Abbildungen von klassischen chinesischen Zeichnungen und Fotos aus China zu finden. Die musikalische Untermalung der Inhalte rundet das Hörbuch ab. Klassische chinesische Musik, gespielt von hochkarätigen Musikern, lässt den Hörer voll und ganz in Chinas Welt eintauchen.
Ideal für "Einsteiger“ in Chinas Kulturgeschichte und ein Muss für alle, die Interesse an diesem Land haben und sich bisher nicht mit schweren Büchern befassen wollten.

Zu beziehen über den Verlag: www.silberfuchs-verlag.de


Lektüre für jene, die ein Buch aufschlagen, um das Fürchten zu lernen

Petra Kassler hat es gewagt und Kap der Finsternis von Roger Smith gelesen (Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg. Klett-Cotta/Tropen, Stuttgart 2009).

„Mixed Blood“ – so der Originaltitel von Kap der Finsternis, der ebenso Programm ist, wie die deutsche Version. Man ahnt sofort, in was für einen tiefdunklen, blutigen Albtraum der Gewalt man versinken wird, wenn man Roger Smiths schweißtreibenden Thriller in die Hand nimmt. Zartbesaiteten Lesern sei dringend abgeraten, und auch die hartgesotteneren Krimifans sollten sich über Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre im Klaren sein. Im Abseits der Stadt, die viele touristische Hochglanzprospekte ziert, mischt sich am äußersten Rand der Gesellschaft, in den „Cape Flats“ allerhand Blut – Verlierer, Verbrecher, Killergangs, Korrupte und Drogenabhängige jeglicher Herkunft treffen am Abgrund aufeinander, viel Blut fließt buchstäblich zusammen, bevor es eintrocknet. In dieses Universum des totalen Grauens, in dem es keinerlei Regeln mehr gibt und jegliche moralischen Ansätze auf ewig beerdigt scheinen, gerät der Amerikaner Jack Burn mit seiner Familie, nachdem diese beinahe Opfer eines völlig willkürlichen Gewaltverbrechens geworden ist. Burn musste seine Heimat verlassen, weil er dem Glücksspiel anheim gefallen und kriminell geworden war – doch er findet keine Ruhe, der Horror geht jetzt in Kapstadt erst richtig los: Burn sticht die beiden Gangmitglieder, die in sein Haus eingedrungen sind, kurzerhand ab. Eine brutale Hetzjagd beginnt ... Mehr sei nicht verraten, die Mutigen sollten sich an diese Spannungslektüre wagen, ist sie doch auch ein bemerkenswertes Stück klarsichtiger Gesellschaftskritik eines Autors, der weiß wovon er redet. „Was die Apartheid als größten sozialen Missstand abgelöst hat, ist das Verbrechen. Die Kriminalität ist beinahe die neue Apartheid. Es ist doch kaum möglich, über das Land zu schreiben und nicht über Kriminalität zu sprechen“ so Roger Smith in einem Interview. Eigentlich ist er Drehbuchautor und Filmregisseur, und das merkt man! Schauplätze und Szenen jagen einander gnadenlos, literarische Schnörkel fehlen komplett. Das macht nichts! Kap der Finsternis ist ein niederschmetterndes, dennoch tolles Buch – wäre es ein Film, hätte ich mir vermutlich den Großteil der Laufzeit die Augen zuhalten und fragen müssen ob’s vorbei ist. Der Trost, „ist doch nur ein Film bzw. ein Buch“ greift ja leider auch nicht – was Smith schreibt, ist wahr.


Träume in Peking

Xu Zechen zeigt in Im Laufschritt durch Peking (aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Berliner Taschenbuchverlag, Berlin 2009) die rauen Seiten der Stadt. Sebastian Sell hat sich hineingewagt. 

Dunhuang ist raus aus dem Gefängnis und gleichzeitig wieder mittendrin im Pekinger Kleinkriminellenmilieu. Keine Familie, alle Freunde und Kollegen im Knast oder im Untergrund. So sitzt er da im Straßendreck, ohne Geld und Bleibe. Doch Dunhuang ist schlau und ergreift die Gelegenheit beim Schopf. Diese heißt Xiaorong und verkauft als Straßenhändlerin raubkopierte DVDs. Genau wie er träumt sie von einem besseren Leben: einem Kind und einem Haus am Stadtrand oder nur einer Kaution zur Befreiung des noch inhaftierten Zellenkollegen. Solche Träume binden diese Menschen aneinander, geben Kraft und Sicherheit im anstrengenden und gefährlichen Alltag.
Xu Zechen beschreibt in seinem Roman Im Laufschritt durch Peking einige dieser Träumer. Dunhuang, Xiaorong oder Baoding, alle sind sie im Grunde gute Menschen, welche aus falschen Hoffnungen oder aus Not auf die schiefe Bahn geraten und allein durch ihren Anstand nicht wieder herauskommen. Doch im Umfeld der Großstadt Peking, die wirkt wie eine lebensfeindliche und menschenleere Wüste aus gelbem Staub, sind es gerade Einfallsreichtum und gute Taten, die die kleinen Gauner zu kleinen Helden werden lassen.


Reise ans Ende der Nacht

Andreas Martin Widmann empfiehlt Für diese Nacht von Juan Carlos Onetti (Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Frankfurt, Suhrkamp 2009)

Zeit seines Lebens hegte Juan Carlos Onetti eine Vorliebe für Kriminalromane, und zwar für solche der düsteren, härteren Sorte, in denen Gut und Böse nicht so einfach zu unterscheiden sind. Welchen Einfluss dieses Genre auf sein Schreiben hatte, zeigt sich in Für diese Nacht. Zum 100. Geburtstag des uruguayischen Autors erscheint sein dritter Roman nun in deutscher Übersetzung, als Geschenk an seine Leser gewissermaßen. Schauplatz ist eine namenlose Stadt in den Wirren eines Bürgerkriegs. Während einer Nacht treffen hier der desillusionierte Kämpfer Ossorio, der Folterkommissar Morasán und der Abtrünnige Barcala, der sich in einem Haus verschanzt hat, aufeinander. Wer eigentlich wen bekämpft, ist selbst für die Beteiligten nicht eindeutig. Die Fronten überlagern sich wie die »Kritzeleien an den Wänden gegen die ›Hunde‹, für die ›Hunde‹, gegen die Regierung, gegen Mario, gegen Pacas Geschlecht, über die Vorlieben des Papstes.« Aus dieser Konstellation lässt Onetti eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit entstehen, deren Intensität gerade durch die Aussicht auf Rettung durch ein Schiff, das im Morgengrauen ablegen soll, noch gesteigert wird. Ossorio selbst wirkt »unbeteiligt dem gegenüber, was in der Nacht aus ihm werden würde«, aber er will Barcalas Tochter beschützen und so irrt er mit ihr durch Gassen, Bars und Nachtclubs. Schon im letzten Jahr hat der Regisseur Werner Schroeter Onettis dunkle Geschichte in seinem großartigen Film in Bilder von opernhafter Opulenz gebracht. Im Vergleich dazu nimmt sich Onettis Text nüchterner aus, aber nicht weniger dicht. Von der nächtlichen Jagd, in der Jäger immer auch Gejagte sind, erzählt er aus wechselnden Perspektiven in einer Sprache, die so hart, scharf und kühl ist wie ein Stück Quarz und auch so klar. Wer noch ein heiteres, romantisches Buch für den Sommer sucht, sei gewarnt, aber in diesem Fall ist eine Warnung die beste Empfehlung.


Eva Karnofsky hat Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien von Héctor Abad (Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Berenberg Verlag Berlin, 2009) gelesen

Der Verlust des Vaters zwingt dazu, erwachsen zu werden, erst recht, wenn die Beziehung an Symbiose grenzte. Wurde der Vater noch dazu ermordet, wegen seiner sozialen Überzeugungen von skrupellosen Auftragskillern eiskalt erschossen, gerät dessen Tod zum Trauma. Der bekannte kolumbianische Journalist und Schriftsteller Héctor Abad, bei uns durch seinen heiteren Band Kulinarisches Traktat für traurige Frauen (Wagenbach 2001, 2006) bekannt, bewältigt dies, in dem er seinem Vater, der bis zu seinem Tod 1987 als Arzt für bessere medizinische und hygienische Bedingungen in den Armenvierteln seiner Heimatstadt Medellín kämpfte, ein literarisches Denkmal setzt. Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien ist der Nachruf auf einen zärtlichen und verständnisvollen Vater und die Huldigung an eine muntere Großfamilie, aber vor allem auch das Sitten- und Sozialgemälde einer Stadt, in der Toleranz und Gemeinsinn seit je her abgestraft wurden. Abad schildert, wie Engstirnigkeit und ideologische Scheuklappen dazu beitrugen,  dass  Medellín in den Siebziger-und Achtzigerjahren immer tiefer in den Sog der Gewalt gerieten. Drogenbarone und ultrarechte Paramilitärs machten sich nicht zuletzt dort breit, weil eine geld- und machtgierige herrschende Klasse mit ihnen paktierte, wenn es sich für sie als nützlich erwies.  Brief an einen Schatten ist für Kolumbien-Interessierte (fast) eine Pflicht, doch auch, wer bewegende Familiengeschichten aus anderen Breiten  goutiert, wird das Buch mögen, verliert Abad doch selten seine tiefgründige Ironie und rutscht niemals ins Melodramatische ab.                      


Wong goes West

Alexandra Schlossarek hat mitgefiebert: Nury Vittachi Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät (Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Unionsverlag 2009).

Im neusten Kriminalfall des Fengshui-Detektivs C.F. Wong geht es diesmal um eine hochkarätige Angelegenheit: Die Königin von England ersucht um seine Dienste. Gerade zum richtigen Zeitpunkt nach einem geplatzten Geschäft, erhält Wong den Auftrag umgehend nach Hongkong zu reisen, um dem neuen Luxus-Businessflieger der königlichen Familie und anschließend sogar dem Buckingham Palace in England das richtige Fengshui einzurichten. Obwohl dies eigentlich in beweglichen Objekten –  wie Flugzeugen – nicht möglich ist, kann Wong dem vermeintlichen Geldsegen nicht widerstehen, drückt ausnahmsweise mal ein Auge zu und macht sich zusammen mit seiner Assistentin Joyce auf den Weg. Als er dann auch noch einen mysteriösen Mord aufklären soll, der sich an Bord des Flugzeugs ereignet hat, droht das Ganze plötzlich zu einer Sache um Leben und Tod zu werden.

Der neue Fengshui-Krimi von Nury Vittachi ist, wie erwartet, mit viel Humor und überraschenden Wendungen gespickt – eine sehr unterhaltsame Lektüre, die ich nur empfehlen kann.


Geschichten aus Kittur

Kristina Förster hat Zwischen den Attentaten (Aus dem Englischen von Klaus Modick. C.H. Beck, München 2009) von Aravind Adiga gelesen.

Ich muss gestehen, dass ich Aravind Adigas zweiten Roman Zwischen den Attentaten nicht ohne Skepsis aufgeschlagen habe – zumindest aber mit der Frage im Hinterkopf, ob dieses Buch wohl dem Erwartungsdruck, den der Riesenerfolg von Der weiße Tiger (C.H. Beck, 2008) aufgebaut hat, standhalten kann.
Es kann.
Adiga führt in seinem neuen Roman durch die fiktive südindische Stadt Kittur und episodenhaft durch die Lebenswelten seiner Bewohner in den Jahren „zwischen den Attentaten“, also dem Anschlag auf Indira Gandhi im Oktober 1984 und der Ermordung ihres Sohnes und Nachfolgers Rajiv Gandhi im Jahre 1991. Das Motiv der Unruhe wird gleichsam von der politischen Bühne auf die individuellen Biografien der Protagonisten übertragen. Sie spiegelt sich in dem Unternehmer Abbasi, der nicht hinnehmen will, dass seine Arbeiterinnen langsam erblinden und sich in ein Netz von Korruption und Gewalt begibt oder in dem reichen, aber mischkastigen Schuljungen Shankara, der aus Rache schließlich einen Sprengsatz im Klassenzimmer zündet. Einige Geschichten erzählen von zerstörten Weltbildern, wie dem des Journalisten Gururaj, der die Suche nach der Wahrheit zu seinem Lebensgrundsatz gemacht hat und zerbricht, als er erkennt, dass die „Pressefreiheit“ bei den Eigeninteressen der Mächtigen und Einflussreichen endet. Die einzelnen Porträts sind locker und niemals aufdringlich untereinander und mit der Stadt verknüpft. Die Untiefen in der Persönlichkeit von Mr. Engineer, dem reichsten Mann der Stadt, stehen der Wut des Fahrradkulis Chenayya gegenüber. Aber es geht um viel mehr als eine moralisierende Kontrastierung zwischen Arm und Reich, nämlich um die Unerbittlichkeit einer Gesellschaft, in der die Obrigkeit korrupt, die Reichen gierig sind und nahezu jeder bereit ist, im eigenen Interesse die Ellenbogen einzusetzen. 
Wehende Saris, exotische Düfte oder ein Happy End sucht man hier vergebens. Adiga wagt stattdessen einen Querschnitt durch die indische Gesellschaft, der gelingt, weil er ohne Stereotypisierungen auskommt und seinen Figuren neben desillusionierenden Abgründen vor allem auch Würde und Menschlichkeit zugesteht.


Ein fantastisches Debut

Eva Karnofsky empfiehlt Menschen aus Papier von Salvador Plascencia (Aus dem Englischen von Conny Lösch. Edition Nautilus Hamburg, 2009.)

Schreiben ist mehr als ein Handwerk, es ist eine Kunst - zumindest wenn man es wie Salvador Plascencia beherrscht. 1976 in Mexiko geboren, zog der Autor als Kind ins kalifornische El Monte. Und so zieht auch das Mädchen Little Merced mit ihrem Vater dorthin. Doch Menschen aus Papier ist längst nicht nur ein Roman über eine Migrantenfamilie, über das Abschied nehmen, über die Hoffnungen, die mit dem Auswandern verbunden sind und über das Aufeinanderprallen von mexikanischen Gebräuchen und Mythen mit einer technisierten Cornflakes-Welt. Plascencia nutzt die Realität als eine Art Flugfeld, um in eine phantastische Welt abzuheben, in der dem Leser mechanische Schildkröten oder ein weißsagender Säugling namens Nostradamos ebenso begegnen wie ein Mädchen aus Papier, an dessen Körper sich die Liebhaber Schnittwunden zuziehen. Und da ist Saturn, dem seine Romanfiguren den Krieg erklärt haben, damit er davon ablässt, in ihr Innerstes vorzudringen. Plascencia geht wie ein Kameramann vor. Mit kurzen Schwenks leuchtet er die Gedanken sämtlicher Protagonisten aus, lässt jeden von ihnen seine Sicht auf die Dinge darlegen und macht obendrein das Making of zu einem Teil des Romans. Er versteht es meisterhaft, Umgangssprache mit Poesie zu verbinden, flicht nonverbale Elemente wie Zeichnungen in den Roman und verwebt Ernsthaftigkeit mit Humor. Salvador Plascencia wurde mit Borges verglichen, und zweifellos knüpft er an die Tradition der phantastischen Literatur des Südens an. Doch Menschen aus Papier ist vor allem ein Beleg dafür, dass aus dem Aufeinandertreffen von Süd- und Nordamerika eine eigene Literatur entsteht, die sich der Erfahrungen aus zwei Welten bedient, um etwas Neues zu schaffen. 


Ein unbequemer Held

Kristina Förster begeistert sich für Dr. Wakankar. Aus dem Leben eines aufrechten Hindus (Aus dem Hindi von André Penz, Draupadi Verlag, Heidelberg, Juli 2009) von Uday Prakash.

Dr. Dinesh Manohar Wakankar ist tief religiös und in seinem Beruf als Arzt von Pflichtbewusstsein und Gerechtigkeitsempfinden angetrieben, einer profunden Ethik, die ihn in Schwierigkeiten bringt. In einem Umfeld, das von Korruption, Umweltzerstörung und grausamer Gleichgültigkeit indigenen Adivasistämmen gegenüber geprägt ist, wird er für Kollegen und Autoritäten unhaltbar. Strafversetzt praktiziert er jahrelang in rückständigen, mehrheitlich von Ureinwohnern bewohnten Gebieten. Auf wunderbar ironische Art und Weise spiegelt Uday Prakash mit der Geschichte seines aufrechten Doktors die bösen Spielarten der Ungerechtigkeit in indischen Lebensrealitäten. Dr. Wakankar bleibt dabei jedoch kein eindimensionaler Gutmensch, keine Allegorie auf das Tugendhafte schlechthin, denn er zweifelt und hinterfragt seine Haltung immer wieder. Er „wüsste zu gerne, ob man als aufrichtiger Mensch nicht auch Realist sein kann” und wird sich an einem bestimmten Punkt der Aussichtslosigkeit seines Kampfes bewusst. Dass er aber dennoch seinen Prinzipien treu bleibt, bewundere ich an dieser Figur, die Prakash durch Tagebucheinträge und innere Monologe so nahe an den Leser heranbringt. Man kommt gar nicht umhin, selbst über Gerechtigkeit und Verantwortung nachzudenken – die des Staates und jedes Einzelnen.

Mit Dr. Wakankar. Aus dem Leben eines aufrechten Hindus erscheint nach zwei Bänden mit Erzählungen nun der erste Roman von Uday Prakash im Draupadi Verlag. Nicht zuletzt wegen der sehr guten Übersetzung möchte ich Ihnen das Buch uneingeschränkt ans Herz legen!


Die Kinder der Revolution

Karnak-Café von Nagib Machfus (aus dem Arabischen von Doris Kilias
Zürich, Unionsverlag 2009) hat Andreas Martin Widmann beeindruckt

Der Schauplatz dieses kleinen Romans des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus ist so etwas wie ein Anti-Starbucks: Das Karnak-Café liegt versteckt in einer Seitenstraße Kairos. Hier treffen verschiedene Generationen zusammen, um zu faulenzen und über Politik in der arabischen Welt zu diskutieren. Anfangs hat es den Anschein, als läge das Café außerhalb der Zeit und bezeichnenderweise entdeckt es der Erzähler, während er seine Uhr reparieren lässt. In der Inhaberin erkennt er die Tänzerin Kurunfula wieder, die er einmal verehrt hat, und bald gehört er zu ihren Stammgästen. Dass die Zeitläufte jedoch keineswegs vor der Tür dieses Treffpunkts haltmachen, wird klar, als eine Gruppe von Studenten plötzlich verschwindet. Die jungen Leute kommen wieder, verschwinden abermals, kehren zurück, und verlieren kein Wort über das, was passiert ist. Aber diese Geschehnisse verändern die Stimmung im Karnak-Café, genauso wie sie erst langsam und dann mit immer stärkerer Kraft den Roman bestimmen. Ist die erste Episode noch Kurunfula und ihren Liebhabern gewidmet, bringt der Sechstagekrieg gegen Israel die Gäste in Aufruhr und nun erscheint auch die Ägyptische Revolution von 1952 in neuem Licht. „Das Hoffen darauf, dass die Zeit es richten würde und alles immer besser werden würde, stellte sich als Illusion heraus“, so das bittere Fazit. Die Kinder der Revolution werden zu Opfern der Willkür ihrer Verwalter, von Verhören, Folter, Misstrauen und Verrat. Mit den Liebenden Zainab und Ismail, deren Leben zerstört wird, verschwindet die junge Generation schließlich aus dem Café und ihr Peiniger Chalid Safwan nimmt an einem Tisch Platz, um fortan mitzudiskutieren. Doch diese Pointe ist es nicht, die das Buch ausmacht. Machfus gelingt das Kunststück, sich als Zuhörer zu geben, der Ansichten, Geschichten und Erinnerungen einfängt, und aus Gesprächen über Religion, Gesellschaft und Politik einen lebendigen, vielstimmigen Roman zu machen, der auch vierzig Jahre nach seiner Entstehung lesenswert ist.


Eine Kindheit in Medellín

Andreas Martin Widmann empfiehlt Blaue Tage von Fernando Vallejo (Aus dem Spanischen von Elke Wehr, Suhrkamp, 2008)

Wenn ein Autor vom Verlag als „Großtyrann der literarisch geschliffenen Polemik“ ausgewiesen wird, liegt es nahe, sich auf die Lektüre einer Tirade gefasst zu machen. Dass Fernando Vallejos (Jg. 1942) Blaue Tage jedoch ebenso melancholisch wie wütend ist, macht diese Kindheitserzählung lesenswert. Vallejo erinnert sich an das Medellin der 1940er Jahre, als dort noch keine Drogenkartelle herrschten, sondern die Macht der kindlichen Vorstellungskraft. Von ihr beflügelt sieht er Hexen durch die Luft fliegen und auch sein eigener Blick erhebt sich mitunter über die Dächer der Stadt. „Und Medellín riesengroß, riesengroß mit seinen zwanzig Stadtvierteln und seinen roten Ziegeldächern. Mein Blick war gefangen in einem Glockenflug von Glockenturm zu Glockenturm. ... Seht weiter als bis zu den Abhängen von Manrique, was seht ihr? Ein paar kleine Lichter, die in der Dunkelheit flimmern? Ja, da in der Dunkelheit. Da erscheint der Blutsauger, der Kinderschlächter.“
Der Eintritt in ein kirchliches Internat und der Mord an dem Politiker Gaitán setzen dem Erschauern in der Phantasie ein Ende und bald sind die Flüsse rot von wirklichem Blut. So entdeckt der Erzähler auch den „schlechten Charakter meiner Landsleute, Nichtstuer, die von fremden Eigentum profitieren, aber niemals arbeiten wollen.“ Im Kino wird ihm die Uhr gestohlen. „Seitdem habe ich keine Uhr. Wozu? Wenn ich wissen will, wie spät es ist, frage ich jeden Beliebigen auf der Straße: jeden beliebigen Dieb“ behauptet er. Es ist die Übertreibung, die mal beschwörend, mal augenzwinkernd – wenn es etwa um die Autofahrkünste von Onkel Oviedo geht – mal grimmig, wie in den Ausfällen gegen Kolumbien, die Sicht bestimmt. In der Durchbrechung der Erfahrungswirklichkeit erinnert dabei manches an den magischen Realismus aus Bruno Schulz’ Die Zimtläden, anderes an  Marcel Pagnol. So verdichtet sich bei Vallejo die Kindheit in der Erinnerung zu einer sprachmächtigen Phantasmagorie aus Aromen, Erzählungen und Imagination, die von Elke Wehr kongenial ins Deutsche übertragen worden ist.


Ein schnelles Leben in Chengdu

Chengdu, vergiss mich heut Nacht von Murong Xuecun (Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, Zweitausendeins, 2008) - Ein Buchtipp von Felix Meyer zu Venne

Chengdu, eine Millionenstadt im Südwesten Chinas, ist die Hauptstadt der Provinz Sichuan. In den vergangenen Monaten wurde häufig über das tragische Erdbeben in Chengdu berichtet, durch das viele Bewohner ihr Hab und Gut verloren haben und jetzt vor dem Nichts stehen. Murong Xuecun, der Autor von Chengdu, vergiss mich heut Nacht, stellt eine andere Seite der Stadt dar. In seinem Roman beschreibt Murong das schnelle und hektische Leben einer nicht mehr ganz jungen, aber erfolgreichen Generation von Chinesen, die in einem Sumpf von Korruption, Drogen und Prostitution versucht zu existieren.
Der Protagonist Chen Zhong ist als Manager in einer Firma für Autoersatzteile und Schmierstoffe tätig. Er liebt das „süße“ Leben seiner Stadt und vertreibt sich die Zeit am liebsten auf Kosten der Firma mit leichten Mädchen. Nachdem er von seiner Frau auf frischer Tat mit einer fetten Wirtin erwischt wird, steht seine Ehe vor dem Aus. Seine berufliche Karriere sieht, genau wie sein Privatleben, nicht sehr rosig aus. Beruflicher Aufstieg scheint unmöglich zu sein. Um seine Situation ein bisschen zu verbessern veruntreut Chen Zhong von seiner Firma Geld in Höhe von mehreren Jahresgehältern. Nachdem die Firma davon erfährt wird Chen Zhong vor die Wahl gestellt: Er erstattet den gesamten Betrag oder es droht ihm ein Prozess. Auch seine zwei Freunde Li Liang und Großkopf Wang führen ein nicht ganz vorbildliches Leben. Li Liang ist ein an der Börse arbeitender Junkie, der für sein Leben gern zockt. Großkopf Wang arbeitet als Polizist zwar auf der Seite des Gesetzes, ist aber zunehmend in korrupte Machenschaften und Intrigen verwickelt. Chen Zhong ist mit seinen Problemen auf sich allein gestellt und muss nun versuchen sein auseinanderbrechendes Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Chengdu, vergiss mich heut Nacht – eine Hommage an die Großstadt? Eher harte Kritik am schnellen Leben einer aufstrebenden Generation. Spielerisch kommen auch andere aktuelle Probleme der chinesischen Gesellschaft zur Sprache. Ein sehr gelungener Roman, dessen unglaublich treffende Übersetzung von Hans Peter Hoffmann es deutschen Leser möglich macht in das Leben einer chinesischen Großstadt einzutauchen.
Murong Xuecun (*1974 in China) arbeitete, vor Beginn seiner literarischen Schaffenszeit, als Anwalt und als Verkaufsleiter für eine Autofirma. 2001 begann er Romane zu verfassen. Als 2002 sein erster Roman veröffentlicht wurde kündigte er seinen Job und widmete sich dem Schreiben. Murong gilt als eine der prominentesten Stimmen des jungen Chinas. Sein Roman wurde zunächst im Internet veröffentlicht und erreichte dort ca. fünf Millionen Leser. Die Buchauflage liegt zurzeit bei 500.000 Exemplaren, es gibt ein Theaterstück sowie Fernseh- und Filmadaptionen.


Eine historische Reise durch Orient und Okzident

Kristina Förster hat Die bezaubernde Florentinerin von Salman Rushdie (Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Rowohlt, 2009) gelesen

Mit seinem neuen Roman hat Rushdie ein historisches Epos geschrieben, das mich allein durch seine fantasievolle, fast märchenhafte Erzählweise begeistert hat. Im Zentrum der Rahmenhandlung steht ein ominöser blonder Fremder, der 1572 durch zweifelhafte Umstände an den Hof des großen Mogulkaisers Akbar kommt. So dubios wie seine Erscheinung ist auch seine Geschichte; sein Name sei Niccolò Vespucci und er komme nicht nur im Auftrag Elisabeths I, sondern sei obendrein noch ein Verwandter Akbars! Der Mogulkaiser aber zeigt Interesse an dem zwielichtigen jungen Mann und behält ihn am Hof von Sikri, um sich von den fantastischen Geschicken seines "Onkels" berichten zu lassen.
Der spannt in seiner Erzählung einen bunten und schillernden Bogen vom prachtvoll-exotischen Hof der Mogulkaiser bis ins Florenz unter den Medici. Im Mittelpunkt stehen die drei Freunde Argalia, Niccoló Macchiavelli und Agostino Vespucci und die schöne Prinzessin Angelica oder Schwarzauge, die Argalia als Kriegsbeute mitbringt und die als "die bezaubernde Florentinerin" schon bald zum Dreh- und Angelpunkt der Stadt wird. Ist sie die totgeschwiegene Mogul-Prinzessin Quara Köz und Vorfahrin des geheimnisvollen Fremden?
Rushdie erzählt sehr dicht und teilweise anekdotenhaft, was manchmal verwirrend wirken kann. Bemerkenswert ist allerdings die Brillanz, mit der er historische und fiktive Persönlichkeiten verschiedener Kulturen schlüssig in Verbindung zueinander setzt. Mich hat außerdem die gründliche Recherche beeindruckt (eine achtseitige Bibliographie findet sich im Anhang). Das Ergebnis ist eine literarische Brücke zwischen dem Renaissance-Florenz und dem Mogul-Indien, die ich in dieser Form noch nie wahrgenommen habe, die aber sicherlich kulturelle und menschliche Gemeinsamkeiten auszudrücken vermag.


Militärdienst in Buenos Aires

Zweimal Juni von Martín Kohan (Aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Suhrkamp, 2009) hat Antonia Stock beeindruckt

Loszahl Vierhundertsiebenundneunzig. 2,3 Kilo Gewicht. Zahlen als Kapitelüberschriften, Zahlen als Abschnittsüberschriften. Zahlen bestimmen nicht nur das Design dieses „maßgeblichen Romans über die traumatischen Ereignisse der letzten Militärdiktatur in Argentinien“ (laut Klappentext). Eine willkürlich festgelegte Zahl bestimmt auch über das Schicksal der jungen argentinischen Männer. In einer Radioübertragung wird bekannt gegeben, welche Nummern für welche Armeebereiche ausgelost wurden. Der Erzähler in Martín Kohans Roman hat Glück. Als Fahrer des Militärarztes Dr. Mesiano genießt er dessen Vertrauen und erfährt so mehr als die meisten anderen Rekruten. Während Argentinien bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 eine Niederlage gegen Italien einstecken muss, sucht der Erzähler Dr. Mesiano. Nur er kann die dringende Frage beantworten, die aus einem geheimen Folterzentrum der Militärdiktatur an die Zentrale gelangt ist: "Ab wie viel Jahren kann man ein Kind foltern?"
Erschreckend nüchtern lässt Martín Kohan seinen Rekruten in kurzen sprunghaften Absätzen von Befehlsstrukturen in der argentinischen Armee, Bordellbesuchen, Folterszenen und Fußballkommentaren erzählen. Von Ekel über Mitgefühl, Tränen und Verwunderung hat dieser kurze Roman bei mir viele Gefühle hervorgerufen und mir das Buenos Aires der Militärdiktatur ein Stück näher gebracht. Ganz besonders gut gelungen scheint mir auch die Übersetzung von Peter Kultzen.


Literarische Begegnung mit indonesischen Frauen

Petra Kassler empfiehlt den Erzählband Duft der Asche – literarische Stimmen indonesischer Frauen (Horlemann, 2008)

Indonesien gehört nicht zu den Gefilden auf dem literarischen Globus, in denen ich mich halbwegs gelassen bewegen könnte ...  Ich bin froh, dass mir spontan der berühmte (2006 verstorbene) indonesische Autor Pramoedya Ananta Toer einfällt, als ich literarisch an die besagte Weltregion denke. Gelesen habe ich ihn bislang nicht, mich nun aber doch mal neugierig auf das unbekannte Terrain vorgewagt, als mir der Band „Duft der Asche – literarische Stimmen indonesischer Frauen“ vom Horlemann Verlag zufällig in die Hände geriet. Ein fesselnder Einstieg, der zum „Dranbleiben“ ermutigt! 13 Kurzgeschichten von acht sehr unterschiedlichen Autorinnen zwischen 24 und 49 Jahren, alle mit interessantem Werdegang, wie man den ausführlichen Biobibliografien am Ende des Buchs entnehmen kann, die ich zuerst gelesen habe. Von ganz hinten dann wieder ganz nach vorn, denn als Anfängerin nahm ich mir erst einmal die extrem aufschlussreiche Einführung vor, bevor ich nach einigen Aha-Effekten gespannt in die Geschichten einstieg. Vom (gesellschafts-)politischen und historischen Kontext sind die inhaltlich und stilistisch äußerst divergierenden Texte keinesfalls zu lösen; sie können alle irgendwo in der Post-Suharto-Ära verortet werden, verfolgen ihren Zweck, überbringen ihre Botschaft. Zentrales Thema sind Tabubrüche, vor allem in den Bereichen Geschlechterbeziehungen und Sexualität, selbstverständlich vor dem ganz spezifischen indonesischen Hintergrund. Die Storys verstören mit ihrer Schonungslosigkeit und Brutalität; psychische Abgründe tun sich auf, alltäglicher Horror wird greifbar. Abschrecken lassen sollte man sich davon jedoch nicht – die literarische Qualität der Texte hilft, sich in diese noch abgelegene Literaturregion vorzutasten und auf eher unbequeme Themen einzulassen. Ich wünsche den Schriftstellerinnen viele weitere Leser(innen). 


Chinesische Odyssee

Der Sinologie-Student Felix Meyer zu Venne rät zur Lektüre von Ha Jin Ein freies Leben (Ullstein, 2008; Übers. Susanne Hornfeck und Sonja Hauser)

Ein freies Leben ist der erste Roman des chinesischen Autors, der nicht in China spielt. Der Roman handelt vom Leben und Schicksal einer chinesischen Migrantenfamilie in den USA. Der Student Nan Wu ist mit seiner Frau Pingping zur Zeit des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 in den USA. Aufgrund der politischen Verhältnisse im Heimatland beschließen sie in den USA zu bleiben und dürfen nach einiger Zeit auch ihren Sohn Taotao zu sich holen. Nachdem die Familie wieder vereint ist, beginnen sie gemeinsam ihr neues Leben fernab der alten Heimat. Der Protagonist Nan Wu versucht seine Familie zu versorgen, ohne dabei seine Liebe zur Lyrik zu vernachlässigen. Die Familie will den amerikanischen Traum leben, ist aber durch Rückschläge und vielerlei Probleme gezeichnet. Über elf Jahre kann der Leser das Leben der Familie Wu in den USA verfolgen und begleitet sie auf der täglichen Suche nach Glück und einem besseren Leben.
Der Roman stellt, auf interessante und packende Art und Weise, das problematische Leben einer chinesischen Migrantenfamilie dar. Ich war von diesem Roman fasziniert und habe begeistert die Odyssee der Familie Wu verfolgt. Ein freies Leben ist nicht nur ein Muss für eingefleischte Chinawissenschaftler, sondern auch ein sehr lesenswerter Roman für jedermann.  
Ha Jin wurde 1956 in der chinesischen Stadt Jinzhou geboren, emigrierte 1985 in die USA und ist inzwischen Professor für englische Literatur an der Boston University. Seine bisherigen Werke wurden vielfach ausgezeichnet.


Was ist ein Rohrbär?

Petra Kassler hat sich schlau gemacht ...

Wer kennt sie nicht, die seltsamen Hausgeräusche, die wir Erwachsenen auf die Hellhörigkeit unserer gemieteten Heime schieben, die gewiss aber die Fantasie der jüngeren Mitbewohner anregen? Jetzt gibt es eine wunderschön und liebevoll illustrierte Antwort auf die Fragen, was da denn nun schon wieder kraspelt, knirscht und rumpelt: Es ist ein durch Warmwasserrohre, Heizungsrohre und Luftschächte kletternder, netter kleiner Bär! Viel Spaß hat das rothaarige Tierchen in seinem Revier – für das Brummen in den Röhren entschuldigt er sich mit Liebkosungen an einsamen Mietern, und schließlich hat dieser pelzige Pfeifenputzer ja auch noch einen säubernden Nebeneffekt. Schon prima, dass man das jetzt weiß! Große und kleine Kinder verdanken diese Klärung eines Alltagsphänomens einem meiner Lieblingsautoren, dem Argentinier Julio Cortázar, einem der wohl originellsten und kreativsten Autoren Lateinamerikas, gleichzeitig einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seiner Feder entsprang dieses Geschichtchen bereits vor einigen Jahrzehnten. Es entstammt einer Erzählung aus dem Band Südliche Autobahn (Suhrkamp TB 1998), der auch bei mir im Regal steht und den ich nun sofort noch mal hervorholen werde ...

Julio Cortázar: Rede des Bären, Bajazzoverlag Zürich 2009, Illustrationen von Emilio Urberuaga, Übers. Wolfgang Promies


Jeanne d'Arc in der deutschen Kolonialvergangenheit

Anita Djafari hat sich auf die andere Seite der Stille vorgewagt

Ein Ausschnitt deutscher Kolonialgeschichte, wie sie noch selten erzählt wurde. Bremen Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit des Kaiserreichs. Hanna X, eine Waise mit demütigenden Erfahrungen im Heim und als Dienstmädchen, deren einzige Zuflucht eine Lehrerin ist, die ihr den Zugang zu Büchern und Literatur ermöglicht, sehnt sich nach Palmen und begibt sich auf die Überfahrt nach Südwest-Afrika. Die deutschen Soldaten dort brauchen Frauen. Doch vor Ort werden sie wie Waren begutachtet, in hübsche oder überhaupt brauchbare sortiert, die allzu hässlichen und vor allem die widerspenstigen werden verbannt und in ein Haus namens Frauenstein mitten in die Wüste geschickt. Hanna wehrt sich sogleich gegen die brutalen Übergriffe der Männer und bezahlt mit dem Verlust ihrer Zunge, sie wird ihr herausgeschnitten. Nur die Einheimischen helfen ihr und heilen sie, so gut es geht. In Frauenstein findet sie dann unter all den geschundenen Kreaturen eine Freundin, mit ihr gelingt ihr die Flucht. Gemeinsam begeben sie sich auf einen einzigartigen Rachefeldzug, Hanna wird zu einer Art Jeanne d’Arc.
Die Geschichte ist grausam, aber der südafrikanische Autor André Brink, der über 30 Romane geschrieben hat und lange als Anwärter für den Nobelpreis galt, hat sie, handwerklich solide, so gut aufgeschrieben, dass man ihr gespannt folgt, zumal es darin immer wieder auch die leisen, poetischen und hoffnungsvollen Momente gibt, bis zum Schluss. Die sehr angemessene Übersetzung des Schriftstellers Michael Kleeberg tut ein Übriges.
Brink hat mit diesem Roman ein Anliegen (was manch einen stören mag), und er musste sechs Jahre warten, bis er auch dort zu lesen war, wo er seiner Meinung nach hingehört. Jetzt endlich hat sich ein noch junger kleiner Verlag darum verdient gemacht. Man muss ihn dafür loben.

André Brink: Die andere Seite der Stille, Osburg Verlag 2008; Übers. Michael Kleeberg


Liebe in den Zeiten der Bindestrich-Existenzen
Einmal im Leben werde ich gleich mehrfach verschenken und ganz sicher ein zweites Mal lesen! Jhumpa Lahiri, als Tochter indischer Eltern in London geboren und im amerikanischen Rhode Island aufgewachsen, verdichtet auf weniger als 200 Seiten die Lebens- und Liebesgeschichte zweier „Indian-Americans“ in Massachusetts. Sehr tief wird man dank Lahiris Erzählbrillianz in das „Leben mit dem Bindestrich“, wie die Autorin es nennt, vorgelassen und ist ganz nah bei den verschiedenen Protagonisten, wenn sie mit Krankheit, Tod, unglücklicher Liebe, Verlust, (Selbst-)Aufgabe und Heimatlosigkeit fertig werden müssen. Die Strenge und die Zurückhaltung dieser beeindruckenden Prosa gibt dem Kitsch von vornherein keine Chance. Zusätzliches großes Plus des Romans: Er wurde von meiner Lieblingsübersetzerin aus dem Englischen in ein wunderbares Deutsch übertragen. Manko: 176 Seiten sind in diesem Fall einfach zu wenig – man hätte sich der Lektüre gerne weiter hingegeben, aber gedanklich hat man das Buch noch längst nicht durch, wenn man es zuklappt.

Petra Kassler
Jhumpa Lahiri [USA/Indien]
Einmal im Leben. Eine Liebesgeschichte
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008


Geier in Südafrika
Ich freue mich darauf, den Weißen Schatten zu verschenken, weil ich als Liebhaberin der Kriminalromane von Deon Meyer sehr gespannt darauf bin, ob meine Freunde von dem Buch genauso gefesselt sein werden wie ich. Der weiße Schatten, Lemmer, ein abgehalfteter Bodyguard, sollte in seinem Job unsichtbar sein, was als Weißer in Südafrika manchmal nur schwer umsetzbar ist. Als er von Emma le Roux angeheuert wird, ihren vor zwanzig Jahren verschwundenen Bruder zu finden, den sie glaubt im Fernsehen gesehen zu haben, hofft er auf einen schnellen und harmlosen Job. Er hält auf den ersten Blick nicht viel von seiner Auftraggeberin, begleitet sie aber auf der Suche nach ihrem Bruder, der skrupellos Wilderer ermordet haben soll, in den Kruger-Nationalpark. Bei dieser Suche erfährt man nebenbei vieles über ein Land im wirtschaftlichen Aufschwung, mit atemberaubenden Landschaften und einer faszinierenden Natur, die viele Touristen ins Land lockt. Dabei ist diese Natur von sehr unterschiedlichen Interessen bedroht. Es geht um Wilderer, um Ausgleichszahlungen für die schwarze Bevölkerung, um Korruption und um einen Skandal, der auch Südafrikas Nachbarländer betraf. Bemerkenswert an dem Thriller ist die an vielen Stellen spürbare Liebe des Autors zu seinem Land, die immer auch verbunden ist mit dem notwenig kritischen Blick auf die sozialen und politischen Probleme.

Corry von Mayenburg
Deon Meyer [Südafrika]
Weißer Schatten. Thriller
Aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann
Rütten & Loening Verlag, Berlin 2008


Nieve schreibt und alle gehen fort
Besonders gerne verschenke ich Bücher, zu denen ich eine persönliche Beziehung aufgebaut habe. Dieses Jahr steht daher Alle gehen fort von der kubanischen Autorin Wendy Guerra auf meiner Verschenkliste. Obwohl es nun schon ein gutes Jahr her ist, dass ich diesen Tagebuchroman gelesen habe, erinnere ich mich noch genau daran, wie beeindruckt und tief berührt ich war von den persönlichen Aufzeichnungen der im ersten Teil kindlichen, im zweiten Teil dann jugendlichen Nieve. Sie berichtet in ihrer distanzierten – dadurch jedoch umso eindringlicher wirkenden – Sprache über die teilweise sehr schockierenden Erfahrungen, die sie mit ihrer am Rande der sozialistischen Gesellschaft stehenden Mutter und dem getrennt lebenden brutalen Vater macht, und später dann von der Situation junger Intellektueller im Kuba der späten 1980er Jahre. Nieve sucht ihren Weg in ihrem Land, muss jedoch immer wieder feststellen: Alle gehen fort!
Das Buch war in diesem Jahr einer der Titel unseres Anderen Literaturklubs.

Antonia Stock
Wendy Guerra [Kuba]
Alle gehen fort. Roman
Aus dem Spanischen von Peter Tremp
Lateinamerika Verlag, Solothurn 2008


Von Riesen und Zauberkräften und der ganz realen Flucht vor dem Militärregime
Obwohl ich selten Bücher verschenke, die ich selber nicht gelesen habe, lasse ich mich hin und wieder bei Lesungen von neuen Büchern überzeugen. Eines davon ist Das Lied von Leben und Tod von Marcelo Figueras, der vor kurzem in Bad Homburg zu Gast war. Der Klappentext hatte mich eigentlich nicht sonderlich angesprochen, die vorgetragenen Passagen gefielen mir dagegen sehr. Die Geschichte entspinnt sich um Pat, die bisweilen unausstehlich und außerdem vor irgendetwas auf der Flucht ist, und ihre geheimnisvolle Tochter Miranda, die über besondere Kräfte verfügt. Der „Riese“ Teo komplettiert das ungewöhnliche Trio, als er sich in Pat verliebt und sich schließlich mit den beiden in den Bergen Patagoniens durchschlägt. Die Mischung aus märchenhaften, magischen Elementen einerseits, schockierenden Folterszenen vor dem Hintergrund des argentinischen Militärregimes andererseits sowie köstlich humorvollen Passagen fand ich sehr faszinierend. Ein Buch, das ich gerne verschenken und ganz bestimmt auch noch selbst lesen werde!
Der Autor hat nach der Lesung in seinem Blogg über die von uns organisierte Lesung und unsere Arbeit geschrieben »»

Antje te Brake
Marcelo Figueras [Argentinien]
Das Lied von Leben und Tod. Roman
Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg
Nagel & Kimche 2008


Im Gewöhnlichen das Seltsame und im Mysteriösen das Wirkliche
Ich verschenke ein durch und durch verspieltes Buch. Das spiegelt sich in der gesamten äußeren Aufmachung einschließlich der Typografie dieses Debüts der Argentinierin Maria Cecilia Barbetta. Tktktktktktktktktkt. So rattert die Nähmaschine, während sich die Schneiderin Mariana mit ihrer Mutter unterhält, die Sätze stehen parallel zum bildlich gemachten Geräusch. Daneben rauschen noch die Nachrichten aus dem Radio vorbei. Darüber hinaus gibt es nicht nur Abbildungen von Schnittmustern und Reißverschlüssen – Hauptschauplatz des Romans ist eine Änderungsschneiderei –, sondern auch Zeichnungen von Fallen für Kakerlaken, Abbildungen von Tarotkarten, von Stoffmustern aller Art und und und. Wir sind in Buenos Aires – es muss eine verrückte Stadt sein –, wo Mariana für Analía ein Brautkleid näht bzw. ändert. Sie liebt ihre Arbeit sehr und berauscht sich nahezu an den edlen Stoffen, mit denen sie für diesen Auftrag umgehen darf. Und sie liebt Gerardo, dem sie sich auf Anraten ihrer Mutter nie endgültig hingegeben hat und der irgendwann in die USA entschwindet. Analía, die ihre Freundin wird (oder ihr Alter ego ist, ein Vexierbild?) bereitet sich auf die Heirat mit Roberto vor, der allerdings auch nie anzutreffen ist. Wer ist hier eigentlich wer, und sind wir in einer Telenovela, einem Kitschroman oder im magischen Realismus. Wir verstehen jedenfalls nicht alles, was da geschieht, und müssen es wohl auch nicht. Die Autorin spielt virtuos mit allen möglichen Formen des Erzählens und bricht diese so mutig und gekonnt, dass man sie nur bewundern kann. Denn das tut sie nicht einmal in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch.

Anita Djafari
María Cecilia Barbetta [Argentinien]
Änderungsschneiderei Los Milagros. Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main


Schreiben mit Wut im Bauch
Mein Geschenkbuchtipp ist ein Buch aus Indien, die Autobiografie einer Frau, die es geschafft hat, eine Stimme zu finden und uns etwas von sich zu erzählen, von ihrem Leben, dessen Wirklichkeit wir uns kaum vorstellen können. Babys Geschichte ist keine hohe Literatur, die Sprache ist einfach, die Geschichte geradlinig erzählt – und doch ist es ein sehr wichtiges Buch. Baby erzählt nicht anklagend, nicht weinerlich, sondern mit Wut im Bauch. Sie wächst bei ihrem lieblosen Vater auf, nachdem die Mutter eines Tages ohne ein Wort die Familie verlassen hat. Mit kaum 13 Jahren wird sie an einen mehr als doppelt so alten Mann verheiratet, der sie wie ein Tier behandelt. Mit 25 Jahren und drei Kindern findet sie jedoch den Mut ihren verrohten Mann zu verlassen, sich einfach in einen Zug nach Delhi zu setzen, um sich als unterbezahlte und ausgebeutete Hausangestellte durchzuschlagen. Ihr Schicksal wendet sich, als sie für einen Mann arbeitet, der ihren Bildungshunger und ihr kreatives Potential entdeckt.

Eva Massingue
Baby Halder [Indien]
Kein ganz gewöhnliches Leben. Autobiografie
Aus dem Englischen von Annemarie Hafner
Draupadi Verlag, Heidelberg 2008

Seitenanfang


Aufstieg und Fall am Rio Negro
Zum diesjährigen Fest möchte ich einen wundervollen brasilianischen Roman verschenken. Schauplatz ist Manaus, die Hauptstadt des Amazonas; Protagonist ist der junge Raimundo, dessen Leben von seinem Freund Olavo begleitet und erzählt wird. Dieses ist geprägt von der hasserfüllten Beziehung zu seinem Vater. Als Anhänger der Militärdiktatur kann dieser Raimundos „verweichlichte“ Art und seine Leidenschaft für Kunst nicht akzeptieren und versucht sie, mit teilweise grausamen Methoden, zu unterbinden. Zwischen den beiden Männern steht Raimundos Mutter, die, da selbst gefangen in ihrer ewigen, erfolglosen Suche nach Liebe, ihrem Sohn keinerlei Halt bieten kann.

Esther Schulz
Milton Hatoum [Brasilien]
Die Asche vom Amazonas. Roman
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008


Mein bester Freund, der Gecko
Warum ich Das Lachen des Geckos verschenken werde? Weil es ein tolles Buch ist! José Eduardo Agualusa, 1960 in Angola geboren, beschreibt auf 181 Seiten ein farbenfrohes und facettenreiches Bild des heutigen Angola. Im Mittelpunkt steht Felix Ventura, der in Luanda seinen ganz eigenen Geschäften nachgeht: Er verkauft Biografien. Begleitet und beobachtet wird Ventura von seinem unfreiwilligen Haustier, dem Gecko, der zu Venturas treuestem Zuhörer wird und uns die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt. Felix Venturas aktueller Kunde verlangt eine komplett neue Existenz. Dieser Auftrag erweist sich als große Herausforderung an alle Beteiligten und endet in einer noch größeren Überraschung. Agualusas Sprache ist so bilder- und phantasiereich, dass man als Leser darin versinken möchte, gleichzeitig aber so klar, präzise und prägnant, dass es eine wahre Freude ist. Leider liest es sich dadurch viel zu schnell, und wenn man das Buch nach der letzten Seite zuschlägt, ist man fast ein bisschen traurig. Das Buch war in diesem Jahr einer der Titel unseres Anderen Literaturklubs.

Bernadette Böcker
José Eduardo Agualusa [Angola/Brasilien/Portugal]
Das Lachen des Geckos. Roman
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
A1 Verlag, München 2008


Von Engeln und Geschichten aus dem Leben
Dieses Jahr verschenke ich ein Buch, das man in die Hand nimmt und nie wieder weglegen möchte: Der Engel und die Taube vom iranischen Autor SAID besticht seine Leser mit 28 Kurzgeschichten, von denen es jede einzelne verdient, gelesen zu werden. Es sind Geschichten über das Fremdsein und das Sich-Anders-Fühlen, über die Suche nach der eigenen Identität und nach Anerkennung. Da ist zum Beispiel die Exiliranerin Mina, die dem Autor nach einer Lesung ihr schreckliches Schicksal während der islamischen Kulturrevolution im Iran offenbart. Oder der Vater, der seinem Sohn einen Pass kauft und ihm damit das Leben schwerer macht, als es vorher schon war. Es sind Geschichten aus dem Leben, aber auch Märchen über Begegnungen mit einem Engel oder dem Mond. Einige der Erzählungen spielen in SAIDs Heimatstadt Teheran, andere in Italien, Vietnam, im Ruhrgebiet oder im Irgendwo. Sie handeln von Liebe und Leidenschaft, von Politik und vom Aufbrechen: Allesamt haben sie etwas Schräges an sich. Ein Sammelsurium an bunten Geschichten und ein absolutes Lese-Muss.

Nuria Wrobel
SAID [Iran]
Der Engel und die Taube. Erzählungen
C.H. Beck, München 2008


Neues Lesevergnügen aus Indien

Eva Massingue begeistert sich für den Erstling von Aravind Adiga Der weiße Tiger (Übers. Ingo Herzke; C.H. Beck)

Unbedingt lesen sollte jeder, der sich für Aufsteigergeschichten à la vom Tellerwäscher zum Millionär, moderne Selfmadetypen aus den neuen Wirtschaftsgiganten (hier Indien), bitterböse Geschichten  oder einfach nur für gute Literatur interessiert, den Debütroman von Aravind Adiga Der weiße Tiger. Hier wird jemand aus ärmsten Verhältnissen zum reichen Geschäftsmann, aber das funktioniert – fast möchte man „natürlich“ sagen – nicht ohne Betrug, Verrat, gar Mord. Doch unser Aufsteiger ist stolz auf das Erreichte – und niemand anderem als ausgerechnet dem chinesischen Ministerpräsidenten muss er davon erzählen. Der Westen ist ganz offensichtlich nicht mehr im Spiel! Ein spannendes Lesevergnügen mit Tiefgang und bösem Witz – uneingeschränkt zu empfehlen.

Ausführliche Besprechung des Buches im titel Magazin »»


Die Hölle, das sind die anderen ...

Petra Kassler ist beeindruckt von Wilfried N'Sondés Debüt Das Herz der Leopardenkinder (Übers. Brigitte Große; Kunstmann Verlag).

Glücklicherweise ist mir vor ein paar Tagen dieses soeben erschienene Romandebüt mit dem etwas zu betulich klingenden Titel in die Finger geraten, und ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, bis auch die letzte Seite gelesen war. Der Autor ist schon spannend genug – in der Republik Kongo geboren, in Frankreich aufgewachsen, Absolvent der Sorbonne und nun seit 16 Jahren in Berlin, wo er Afropunk macht, schreibt und ausländische Jugendliche sozial betreut. Das Buch lässt den Leser kaum noch los und raubt ihm den Atem, der temporeiche Erzählstil wirkt wie ein Strudel, streckenweise könnte es fast ein Rapsong sein, und gegen Ende überwiegt dann eine berührende Lovestory – zum Glück, möchte man da sagen, bei all der zuvor geschilderten Haltlosigkeit und Verzweiflung. Der Protagonist lebt in einer trostlosen, von Gewalt geprägten Pariser Vorstadt; er ist schwarz. In einem Moment totaler Umnachtung, sturztrunken und zutiefst frustriert, vor allem aber auch vom Liebeskummer gepeinigt, begeht er ein schreckliches Verbrechen – er findet sich in einer Zelle wieder und muss die Demütigungen der Polizeibeamten über sich ergehen lassen. Nach und nach erinnert er sich, was an jenem Tag vorgefallen ist und schafft es, dem Leser die Existenz in der Banlieue nahezubringen, das ganze Ausmaß der Tristesse und der Ausweglosigkeit auszuleuchten. "Die Realität ist viel schrecklicher als in meinem Buch. Das ist noch harmlos" sagte der Autor kürzlich in einem Interview vor dem Literaturfestival in Berlin, zu dem er eingeladen war. Man vermag es sich nur schwer vorzustellen. Auf die Frage, was er selbst Jugendlichen rate, antwortete er: "Aufrecht bleiben, anders bleiben und daraus was machen. Sich von Vorurteilen befreien: Ich bin nicht, was ihr von mir wollt, das ich bin. Wenn die Leute etwa denken, der Schwarze ist faul, aber hat einen Riesenpenis - das ist nicht mein Problem." Mit ganzem Namen heißt das 1968 geborene Multitalent Sartre Wilfried Paraclet Jacques Simon N’Sondé. Schon bei seinem Namensvetter, dem großen französischen Existentialisten hieß es "die Hölle, das sind die anderen" – wahrscheinlich ist N’Sondés Ansatz des überzeugten Andersbleibens nicht der Verkehrteste.


Lost City Radio

Anita Djafari staunt über den ersten Roman von Daniel Alarcon Lost City Radio (Übers. Friederike Meltendorf; Wagenbach Verlag)

Die ganze Nation hört zu, wenn sie die Namen liest. Die Journalistin Norma ist mit ihrer Sendung Lost City Radio, in der die Zuhörer nach ihren Vermissten suchen können, sehr beliebt: ihre Stimme wärmt, sie ist ein Lichtblick für die Bewohner des von den Nachwehen eines grausamen Bürgerkriegs geplagten Landes, in dem Tausende verschwunden sind und jetzt das Vergessen regiert. Auch Norma selbst leidet darunter, dass sie nichts weiß von ihrem Mann Rey, der als Ethnobotaniker in den Dschungel gereist und nicht wiedergekommen ist. Sie weiß auch nicht, ob er nicht auch an den Untergrundkämpfen beteiligt war. Und eines Tages taucht im Sender der 11-jährige Victor auf mit einer Liste von Verschollenen und Toten, auf der auch der Name Reys steht. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit.
Wie ein anspruchsvolles Puzzle setzt sich die Geschichte nach und nach zu einem kompletten Bild zusammen und ist spannend zu lesen wie ein Thriller. Nicht zuletzt machten mich die wunderbar einfühlsam und differenziert gezeichneten Charaktere und der sichere Umgang mit der Sprache staunen, denkt man an das Alter des Autors, der von Kritikern in den USA bereits mit großen amerikanischen Schriftstellern wie Faulkner, Steinbeck oder Graham Green verglichen und als Nachfolger von Vargas Llosa bezeichnet wird. 1977 in Lima geboren, wanderte er im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern in die USA aus. Für die Recherchen zu diesem Roman kehrte er für ein Jahr nach Peru zurück.


Ein neuer Kuba-Krimi von Leonardo Padura

Ute Evers empfiehlt wärmstens Der Nebel von gestern von Leonardo Padura (Übers. Hans-Joachim Hartstein; Unionsverlag)

Auf der Suche nach "neuen Bücherminen" streift der Buchhändler Mario Conde durch die Straßen von El Vedado, dem ehemaligen Villen-Viertel der kubanischen Hauptstadt und stößt, mehr zufällig, auf ein heruntergekommenes Haus; kurze Zeit später schon steht der fahrende Buchhändler vor den Regalen einer immensen Bibliothek. Die Besitzer verkauften bereits Möbel, Porzellan und Kleidung. Nun sollen auch die Bücher unter den Hammer kommen.
El Conde findet in der Bibliothek unter anderen Raritäten auch ein längst vergriffenes kulinarisches Handbuch. Bei dessen Durchblättern entdeckt er einen Artikel aus den 1960er Jahren, der den mysteriösen Abschied aus der Öffentlichkeit einer Bolerosängerin ankündigt. Condes detektivischer Spürsinn ist geweckt. Denn Mario Conde war nicht immer Buchhändler. Die Leser des Havanna-Quartetts lernten ihn als melancholischen, bereits frustrierten Polizeibeamten kennen. Zudem vergeht Conde fast vor Neugierde, die Geschichte einer Bibliothek zu erfahren, die, so ihre Besitzer, über 40 Jahre lang unbenutzt blieb. Er überredet die Alten zum Erzählen. Es beginnt die erste Reise zurück in das Kuba um die Revolution von 1959. Dann geschieht endlich ein Mord, der nicht nur Mario Conde vor Schreck zusammenfahren lässt.
Der Nebel von Gestern des Kubaners Leonardo Padura ist ein spannender Musikkrimi und ein Freudenfest für jeden Literaturliebhaber zugleich, lässt uns Mario Conde doch mit seiner bibliophilen Leidenschaft Buch für Buch an der Entdeckung der seltenen Bände teilnehmen, die er in der geheimnisvollen Bibliothek findet. Es ist auch ein politisches Lehrstück, denn seine Lektüre bedeutet auch, sich den Widersprüchen des revolutionären Kubas stellen zu müssen. Genau die richtige Lektüre, um dem grauen Herbst ein helles Licht entgegenzuhalten. Denn Condes Geschichten sind leidenschaftlich, mitunter zwar desillusionierend, aber stets von überwältigender Menschlichkeit. Und dafür schätzen wir Mario Conde (oder Leonardo Padura?) so sehr.


Die Welt, wie J.C. sie sieht

J.C. ist ein bekannter Schriftsteller aus Südafrika, der seit einiger Zeit in Australien lebt. Dort arbeitet er an seinem neuen Buch mit Essays. Seine Themen: Terrorismus, Tourismus, Vogelgrippe, aber auch philosophische und ethische Fragen wie das Leben der Tiere oder das Mitgefühl – er soll klarmachen, „woran die heutige Welt krankt.“ J.C. hat ein Auge auf seine junge Nachbarin Anya geworfen und parallel zu seinen Essays führt er eine Art Tagebuch. Stellen die Essays auf der oberen Hälfte der Buchseiten den intellektuellen Teil von J.C.s Persönlichkeit dar, so gibt die untere Hälfte ein Bild seines Befindens. „Wir stellen fest, dass wir zu alt und gebrechlich sind, um die Früchte unseres Triumphes richtig zu genießen. Ist das alles?, fragen wir uns und betrachten die Welt der Freuden, die wir nicht haben können. War es die ganze Mühe wert?“, so sinniert er über das Schicksal berühmter Schriftsteller. Bald tippt Anya die Texte für J.C. und zugleich protokolliert sie ihr Leben und die Gespräche mit dem alternden Autor. Und Anyas Freund fragt sich, wie er an J.C.s Geld herankommen kann. Der neue Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee (Jg. 1940) – Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur sind weder zufällig noch unbeabsichtigt – ist mehr als das Tagebuch eines schlimmen Jahres. Er ist ein Konzert aus den Stimmen seiner Figuren, die mal zusammen, mal gegeneinander klingen. Ein literarisches Werk also, das zum Mitdenken einlädt, unterhält und ganz unterschiedliche Arten der Lektüre ermöglicht. Eine Variante wäre: Lesen Sie die Essays morgens in der S-Bahn wie eine Zeitung, J.C.s Tagebuchnotizen auf der Rückfahrt und Anyas Erzählung am Abend vor dem Zubettgehen.

Andreas Martin Widmann

J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres [Südafrika]
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN-13 9783100108340

Seitenanfang


Leben und Zeit des J. M. Coetzee

Nahezu zeitgleich mit der deutschen Ausgabe von J. M. Coetzees jüngstem Roman Tagebuch eines schlimmen Jahres hat Manfred Loimeier die erste deutschsprachige Monographie zum Leben und Werk des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers vorgelegt. Loimeier ist promovierter Literaturwissenschaftler, Journalist und ein profunder Kenner der Literaturen Afrikas. Er liefert eine umfassende und informationsreiche Werkschau Coetzees. Sein Buch bietet vielseitige und erhellende Analysen von Coetzees Romanen, von seinem Erstling Dusklands (1974) bis in die Gegenwart, widmet sich aber auch seinen Essays und seiner frühen Lyrik, die den meisten Lesern noch unbekannt sein dürfte. Loimeier verknüpft in seiner Darstellung gekonnt Biographie und Schreiben Coetzees, ohne beides zu verwechseln. Er erklärt seine Romane aus ihren Kontexten, aus den zentralen Themen wie Kolonialismus und Imperialismus, der Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Außenseiter und aus Coetzees „Methode der Bezugnahme auf Referenzautoren, des Re-Writing, des Neuschreibens von literarischen Stoffen“. Als Einführung in Coetzees literarisches Oeuvre und als Ratgeber für weiterführende Lektüre ist dieser gut lesbare und mit zahlreichen Fotos und Abbildungen ausgestattete Band gleichermaßen zu empfehlen.

Andreas Martin Widmann

Manfred Loimeier: J. M. Coetzee
edition text + kritik, München 2008
ISBN 978-3-88377-916-4


HÖRBUCH: Kein Paradies für Fußballträume

Public Viewing in Afrika bei der EM – Madické, fußballbegeisterter kleiner Bruder der Ich-Erzählerin Salie, der von einer großen Fußballerkarriere in Frankreich träumt, verpasst das eine oder andere Spiel, wenn der Fernseher im Hof des wohlhabenden Nachbarn auf der Insel Niodior vor der Küste Senegals mal wieder seinen Geist aufgibt. Seine Schwester – Alter Ego der Autorin Fatou Diome – sitzt in Frankreich zur gleichen Zeit vor der Flimmerkiste, und die beiden haben eine Verabredung, die während der Europameisterschaft 2000 und der Weltmeisterschaft 2002, bei der Senegal den Einzug ins Viertelfinale geschafft hat, gilt: Salie berichtet am Telefon ihrem Bruder die Fußballspiele, die er nicht sehen konnte, und er berichtet dafür aus ihrer Heimat. Salie ist ihrem Mann nach Frankreich gefolgt, wo die Ehe am Rassismus der Familie ihres Mannes scheitert. Trotzdem gelingt es ihr, sich in der Fremde ein neues Leben aufzubauen. Fatou Diome schildert die Widrigkeiten, Widersprüche und Zwiespältigkeiten der Emigration, aber auch die kleinen und kostbaren Siege des Alltags in ihrem Roman mit Witz und Charme. Das Buch wurde zum Bestseller und brachte ihr 2005 den LiBeraturpreis und den Österreichischen Jugendbuchpreis der „Jury der jungen Leser“ ein. Jetzt ist es als Hörbuch in der schönen Reihe „Afrika erzählt“ erschienen, gelesen von einer der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen. Martina Gedeck gelingt es vortrefflich, die verschiedenen Stimmungen einzufangen und mit ihrer Stimme wiederzugeben, je nachdem ob der Blick der Erzählerin gerade nach Senegal gerichtet ist oder in Frankreich fokussiert ist. Ihr hat das Lesen offenbar genau so viel Spaß gemacht wie mir das Zuhören. Sehr gelungen!

Anita Djafari

Fatou Diome: Der Bauch des Ozeans [Senegal]
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Autorisierte Hörfassung mit Musik von Youssou N’Dour und Yandé Codou Sène,
gelesen von Martina Gedeck.
3 CD
ISBN 978-3-88698-595-1


Vier Frauen und ein Haus

Das Buch von Iman Humaidan-Junis B wie Bleiben wie Beirut erzählt in vier Geschichten eindringlich das Leben vierer unterschiedlicher Frauen, die ihr Leben während des Krieges im Libanon meistern. Lilian, Warda, Kamilja und Maha, deren Leben und Schicksale in den Erzählungen miteinander verwoben sind, verbindet nur das Haus in Beirut, in dem sie zum einen oder anderen Zeitpunkt alle einmal gelebt haben. Die Sprache ist klar, auch romantisch, wodurch eine weibliche Sicht auf den Krieg aufgezeigt und die Verzweiflung, die Entfremdung, aber auch die Leidenschaften und Hoffnungen widergespiegelt werden.Lilian, zum Beispiel, leidet unter der verblühten Liebe zu ihrem Mann Talal, der nach dem Verlust seines Armes nicht mehr zu sich selbst findet. Sie sucht einen Weg, um ihrer Traurigkeit zu entfliehen und will mit ihren Kindern nach Australien – ohne ihren Mann. Kamilja hingegen wächst in einer „männerlosen“ Familie bei ihren Tanten auf dem Dorf auf, denn ihr Vater ist tot und ihre Mutter davon gelaufen.Trotz dieser Trostlosigkeit schafft sie es sich einen Weg aus dem Dorfleben nach Beirut und dann ins Ausland zu bahnen. Doch nach dem sie nach Jahren auch in England nicht zur Ruhe kommt, kehrt sie zusammen mit einem Kamerateam nach Beirut zurück, um den Krieg zu „dokumentieren“ und dabei zu sich selbst zurückzufinden.
Die Geschichten sind so erzählt, dass sie sich in Teilen ergänzen. Die vier Frauen sind starke Frauen und ihre Geschichten fast alltägliche. Doch wird gerade dieses Alltägliche so erzählt, dass man es mitfühlt und erlebt. So gelingt es der Autorin, ein Licht auf die unerzählten Geschichten des Krieges zu werfen und den Frauen eine Stimme zu geben. Nicht nur deshalb hat es Humaidan-Junis auf die Shortlist des LiBeraturpreises geschafft. Insgesamt ist es ein sehr gelungenes Buch, das ich wärmstens empfehlen kann.

Alexandra Schlossarek
 
Iman Humaidan-Junis [Libanon]
B wie Bleiben wie Beirut

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Lenos Verlag, 2007
ISBN: 978-3-85787-384-3


Tod in den Anden

Peru im Frühjahr 2004: Der stellvertretende Staatsanwalt Felix Chacaltana wird aus Lima in seine Heimatstadt Ayacucho zurückversetzt. Hier, in diesem Provinznest, lag eine Hochburg des Leuchtenden Pfads, jener terroristischen Bewegung Südamerikas, die sich seit 1980 einen erbarmungslosen Krieg mit der peruanischen Armee lieferte. Glaubt man dem Militärkommandanten in Ayacucho, ist dieses Kapitel der jüngeren Geschichte Perus jedoch abgeschlossen. „Es gibt keinen Terrorismus mehr“ – dieser Befund wird für Chacaltana zu einem Befehl, als nach den Ausschweifungen des Karnevals eine verbrannte Leiche gefunden wird. Und so schreibt Chacaltana einen Bericht. Aus dem geht hervor, der Tote habe sich im Rausch selbst angezündet. Ein Unfall, mehr nicht. Doch bald tauchen weitere Leichen auf und für Chacaltana passt das nicht recht mit den Beteuerungen zusammen, es gebe keinen Terrorismus mehr... Santiago Roncagliolo (*1975) lebt heute in Barcelona und verdient sein Geld als Drehbuchautor und Journalist. Er hat früher für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet und mit Angehörigen von Opfern des Bürgerkriegs gesprochen. In Roter April erzählt er von Menschen, deren Gegenwart die Vergangenheit ist, und davon, wie deren Leben gerade deshalb von den Toten bestimmt wird, weil diese Vergangenheit tot geschwiegen wird. Man kann Roter April als spannungsgeladenen Thriller lesen, dessen Witz in der Auflösung am Schluss besteht. Aber hinter den verschiedenen Erzählstimmen versteckt sich ein weiteres Rätsel. Auch deshalb lohnt es sich, nach der letzten Seite mit der packenden Lektüre noch einmal von vorne zu beginnen.

Andreas Martin Widmann

Santiago Roncagliolo [Peru]
Roter April

Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
Suhrkamp 2008
ISBN: 978-3-518-41964-9


  • Aktuelle Buchtipps »»

  • "Afrikas 100 beste Bücher des 20. Jahrhunderts" »»

 

Seitenanfang