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Ab ins Regal: Lesestoff-Archiv zum Schmökern

Kein Problem, wenn Sie den Hinweis auf unsere aktuellen Buchtipps verpasst haben. An dieser Stelle bewahren wir ab sofort unsere Lesevorschläge für Sie auf, so dass Sie ständig nicht nur unsere neuen Tipps lesen können, sondern auch Zugang zu unserer Buchtipp-Sammlung haben.


Ein fantastisches Debut

Eva Karnofsky empfiehlt Menschen aus Papier von Salvador Plascencia (Aus dem Englischen von Conny Lösch. Edition Nautilus Hamburg, 2009.)

Schreiben ist mehr als ein Handwerk, es ist eine Kunst - zumindest wenn man es wie Salvador Plascencia beherrscht. 1976 in Mexiko geboren, zog der Autor als Kind ins kalifornische El Monte. Und so zieht auch das Mädchen Little Merced mit ihrem Vater dorthin. Doch Menschen aus Papier ist längst nicht nur ein Roman über eine Migrantenfamilie, über das Abschied nehmen, über die Hoffnungen, die mit dem Auswandern verbunden sind und über das Aufeinanderprallen von mexikanischen Gebräuchen und Mythen mit einer technisierten Cornflakes-Welt. Plascencia nutzt die Realität als eine Art Flugfeld, um in eine phantastische Welt abzuheben, in der dem Leser mechanische Schildkröten oder ein weißsagender Säugling namens Nostradamos ebenso begegnen wie ein Mädchen aus Papier, an dessen Körper sich die Liebhaber Schnittwunden zuziehen. Und da ist Saturn, dem seine Romanfiguren den Krieg erklärt haben, damit er davon ablässt, in ihr Innerstes vorzudringen. Plascencia geht wie ein Kameramann vor. Mit kurzen Schwenks leuchtet er die Gedanken sämtlicher Protagonisten aus, lässt jeden von ihnen seine Sicht auf die Dinge darlegen und macht obendrein das Making of zu einem Teil des Romans. Er versteht es meisterhaft, Umgangssprache mit Poesie zu verbinden, flicht nonverbale Elemente wie Zeichnungen in den Roman und verwebt Ernsthaftigkeit mit Humor. Salvador Plascencia wurde mit Borges verglichen, und zweifellos knüpft er an die Tradition der phantastischen Literatur des Südens an. Doch Menschen aus Papier ist vor allem ein Beleg dafür, dass aus dem Aufeinandertreffen von Süd- und Nordamerika eine eigene Literatur entsteht, die sich der Erfahrungen aus zwei Welten bedient, um etwas Neues zu schaffen. 


Ein unbequemer Held

Kristina Förster begeistert sich für Dr. Wakankar. Aus dem Leben eines aufrechten Hindus (Aus dem Hindi von André Penz, Draupadi Verlag, Heidelberg, Juli 2009) von Uday Prakash.

Dr. Dinesh Manohar Wakankar ist tief religiös und in seinem Beruf als Arzt von Pflichtbewusstsein und Gerechtigkeitsempfinden angetrieben, einer profunden Ethik, die ihn in Schwierigkeiten bringt. In einem Umfeld, das von Korruption, Umweltzerstörung und grausamer Gleichgültigkeit indigenen Adivasistämmen gegenüber geprägt ist, wird er für Kollegen und Autoritäten unhaltbar. Strafversetzt praktiziert er jahrelang in rückständigen, mehrheitlich von Ureinwohnern bewohnten Gebieten. Auf wunderbar ironische Art und Weise spiegelt Uday Prakash mit der Geschichte seines aufrechten Doktors die bösen Spielarten der Ungerechtigkeit in indischen Lebensrealitäten. Dr. Wakankar bleibt dabei jedoch kein eindimensionaler Gutmensch, keine Allegorie auf das Tugendhafte schlechthin, denn er zweifelt und hinterfragt seine Haltung immer wieder. Er „wüsste zu gerne, ob man als aufrichtiger Mensch nicht auch Realist sein kann” und wird sich an einem bestimmten Punkt der Aussichtslosigkeit seines Kampfes bewusst. Dass er aber dennoch seinen Prinzipien treu bleibt, bewundere ich an dieser Figur, die Prakash durch Tagebucheinträge und innere Monologe so nahe an den Leser heranbringt. Man kommt gar nicht umhin, selbst über Gerechtigkeit und Verantwortung nachzudenken – die des Staates und jedes Einzelnen.

Mit Dr. Wakankar. Aus dem Leben eines aufrechten Hindus erscheint nach zwei Bänden mit Erzählungen nun der erste Roman von Uday Prakash im Draupadi Verlag. Nicht zuletzt wegen der sehr guten Übersetzung möchte ich Ihnen das Buch uneingeschränkt ans Herz legen!


Die Kinder der Revolution

Karnak-Café von Nagib Machfus (aus dem Arabischen von Doris Kilias
Zürich, Unionsverlag 2009) hat Andreas Martin Widmann beeindruckt

Der Schauplatz dieses kleinen Romans des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus ist so etwas wie ein Anti-Starbucks: Das Karnak-Café liegt versteckt in einer Seitenstraße Kairos. Hier treffen verschiedene Generationen zusammen, um zu faulenzen und über Politik in der arabischen Welt zu diskutieren. Anfangs hat es den Anschein, als läge das Café außerhalb der Zeit und bezeichnenderweise entdeckt es der Erzähler, während er seine Uhr reparieren lässt. In der Inhaberin erkennt er die Tänzerin Kurunfula wieder, die er einmal verehrt hat, und bald gehört er zu ihren Stammgästen. Dass die Zeitläufte jedoch keineswegs vor der Tür dieses Treffpunkts haltmachen, wird klar, als eine Gruppe von Studenten plötzlich verschwindet. Die jungen Leute kommen wieder, verschwinden abermals, kehren zurück, und verlieren kein Wort über das, was passiert ist. Aber diese Geschehnisse verändern die Stimmung im Karnak-Café, genauso wie sie erst langsam und dann mit immer stärkerer Kraft den Roman bestimmen. Ist die erste Episode noch Kurunfula und ihren Liebhabern gewidmet, bringt der Sechstagekrieg gegen Israel die Gäste in Aufruhr und nun erscheint auch die Ägyptische Revolution von 1952 in neuem Licht. „Das Hoffen darauf, dass die Zeit es richten würde und alles immer besser werden würde, stellte sich als Illusion heraus“, so das bittere Fazit. Die Kinder der Revolution werden zu Opfern der Willkür ihrer Verwalter, von Verhören, Folter, Misstrauen und Verrat. Mit den Liebenden Zainab und Ismail, deren Leben zerstört wird, verschwindet die junge Generation schließlich aus dem Café und ihr Peiniger Chalid Safwan nimmt an einem Tisch Platz, um fortan mitzudiskutieren. Doch diese Pointe ist es nicht, die das Buch ausmacht. Machfus gelingt das Kunststück, sich als Zuhörer zu geben, der Ansichten, Geschichten und Erinnerungen einfängt, und aus Gesprächen über Religion, Gesellschaft und Politik einen lebendigen, vielstimmigen Roman zu machen, der auch vierzig Jahre nach seiner Entstehung lesenswert ist.


Eine Kindheit in Medellín

Andreas Martin Widmann empfiehlt Blaue Tage von Fernando Vallejo (Aus dem Spanischen von Elke Wehr, Suhrkamp, 2008)

Wenn ein Autor vom Verlag als „Großtyrann der literarisch geschliffenen Polemik“ ausgewiesen wird, liegt es nahe, sich auf die Lektüre einer Tirade gefasst zu machen. Dass Fernando Vallejos (Jg. 1942) Blaue Tage jedoch ebenso melancholisch wie wütend ist, macht diese Kindheitserzählung lesenswert. Vallejo erinnert sich an das Medellin der 1940er Jahre, als dort noch keine Drogenkartelle herrschten, sondern die Macht der kindlichen Vorstellungskraft. Von ihr beflügelt sieht er Hexen durch die Luft fliegen und auch sein eigener Blick erhebt sich mitunter über die Dächer der Stadt. „Und Medellín riesengroß, riesengroß mit seinen zwanzig Stadtvierteln und seinen roten Ziegeldächern. Mein Blick war gefangen in einem Glockenflug von Glockenturm zu Glockenturm. ... Seht weiter als bis zu den Abhängen von Manrique, was seht ihr? Ein paar kleine Lichter, die in der Dunkelheit flimmern? Ja, da in der Dunkelheit. Da erscheint der Blutsauger, der Kinderschlächter.“
Der Eintritt in ein kirchliches Internat und der Mord an dem Politiker Gaitán setzen dem Erschauern in der Phantasie ein Ende und bald sind die Flüsse rot von wirklichem Blut. So entdeckt der Erzähler auch den „schlechten Charakter meiner Landsleute, Nichtstuer, die von fremden Eigentum profitieren, aber niemals arbeiten wollen.“ Im Kino wird ihm die Uhr gestohlen. „Seitdem habe ich keine Uhr. Wozu? Wenn ich wissen will, wie spät es ist, frage ich jeden Beliebigen auf der Straße: jeden beliebigen Dieb“ behauptet er. Es ist die Übertreibung, die mal beschwörend, mal augenzwinkernd – wenn es etwa um die Autofahrkünste von Onkel Oviedo geht – mal grimmig, wie in den Ausfällen gegen Kolumbien, die Sicht bestimmt. In der Durchbrechung der Erfahrungswirklichkeit erinnert dabei manches an den magischen Realismus aus Bruno Schulz’ Die Zimtläden, anderes an  Marcel Pagnol. So verdichtet sich bei Vallejo die Kindheit in der Erinnerung zu einer sprachmächtigen Phantasmagorie aus Aromen, Erzählungen und Imagination, die von Elke Wehr kongenial ins Deutsche übertragen worden ist.


Ein schnelles Leben in Chengdu

Chengdu, vergiss mich heut Nacht von Murong Xuecun (Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, Zweitausendeins, 2008) - Ein Buchtipp von Felix Meyer zu Venne

Chengdu, eine Millionenstadt im Südwesten Chinas, ist die Hauptstadt der Provinz Sichuan. In den vergangenen Monaten wurde häufig über das tragische Erdbeben in Chengdu berichtet, durch das viele Bewohner ihr Hab und Gut verloren haben und jetzt vor dem Nichts stehen. Murong Xuecun, der Autor von Chengdu, vergiss mich heut Nacht, stellt eine andere Seite der Stadt dar. In seinem Roman beschreibt Murong das schnelle und hektische Leben einer nicht mehr ganz jungen, aber erfolgreichen Generation von Chinesen, die in einem Sumpf von Korruption, Drogen und Prostitution versucht zu existieren.
Der Protagonist Chen Zhong ist als Manager in einer Firma für Autoersatzteile und Schmierstoffe tätig. Er liebt das „süße“ Leben seiner Stadt und vertreibt sich die Zeit am liebsten auf Kosten der Firma mit leichten Mädchen. Nachdem er von seiner Frau auf frischer Tat mit einer fetten Wirtin erwischt wird, steht seine Ehe vor dem Aus. Seine berufliche Karriere sieht, genau wie sein Privatleben, nicht sehr rosig aus. Beruflicher Aufstieg scheint unmöglich zu sein. Um seine Situation ein bisschen zu verbessern veruntreut Chen Zhong von seiner Firma Geld in Höhe von mehreren Jahresgehältern. Nachdem die Firma davon erfährt wird Chen Zhong vor die Wahl gestellt: Er erstattet den gesamten Betrag oder es droht ihm ein Prozess. Auch seine zwei Freunde Li Liang und Großkopf Wang führen ein nicht ganz vorbildliches Leben. Li Liang ist ein an der Börse arbeitender Junkie, der für sein Leben gern zockt. Großkopf Wang arbeitet als Polizist zwar auf der Seite des Gesetzes, ist aber zunehmend in korrupte Machenschaften und Intrigen verwickelt. Chen Zhong ist mit seinen Problemen auf sich allein gestellt und muss nun versuchen sein auseinanderbrechendes Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Chengdu, vergiss mich heut Nacht – eine Hommage an die Großstadt? Eher harte Kritik am schnellen Leben einer aufstrebenden Generation. Spielerisch kommen auch andere aktuelle Probleme der chinesischen Gesellschaft zur Sprache. Ein sehr gelungener Roman, dessen unglaublich treffende Übersetzung von Hans Peter Hoffmann es deutschen Leser möglich macht in das Leben einer chinesischen Großstadt einzutauchen.
Murong Xuecun (*1974 in China) arbeitete, vor Beginn seiner literarischen Schaffenszeit, als Anwalt und als Verkaufsleiter für eine Autofirma. 2001 begann er Romane zu verfassen. Als 2002 sein erster Roman veröffentlicht wurde kündigte er seinen Job und widmete sich dem Schreiben. Murong gilt als eine der prominentesten Stimmen des jungen Chinas. Sein Roman wurde zunächst im Internet veröffentlicht und erreichte dort ca. fünf Millionen Leser. Die Buchauflage liegt zurzeit bei 500.000 Exemplaren, es gibt ein Theaterstück sowie Fernseh- und Filmadaptionen.


Eine historische Reise durch Orient und Okzident

Kristina Förster hat Die bezaubernde Florentinerin von Salman Rushdie (Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Rowohlt, 2009) gelesen

Mit seinem neuen Roman hat Rushdie ein historisches Epos geschrieben, das mich allein durch seine fantasievolle, fast märchenhafte Erzählweise begeistert hat. Im Zentrum der Rahmenhandlung steht ein ominöser blonder Fremder, der 1572 durch zweifelhafte Umstände an den Hof des großen Mogulkaisers Akbar kommt. So dubios wie seine Erscheinung ist auch seine Geschichte; sein Name sei Niccolò Vespucci und er komme nicht nur im Auftrag Elisabeths I, sondern sei obendrein noch ein Verwandter Akbars! Der Mogulkaiser aber zeigt Interesse an dem zwielichtigen jungen Mann und behält ihn am Hof von Sikri, um sich von den fantastischen Geschicken seines "Onkels" berichten zu lassen.
Der spannt in seiner Erzählung einen bunten und schillernden Bogen vom prachtvoll-exotischen Hof der Mogulkaiser bis ins Florenz unter den Medici. Im Mittelpunkt stehen die drei Freunde Argalia, Niccoló Macchiavelli und Agostino Vespucci und die schöne Prinzessin Angelica oder Schwarzauge, die Argalia als Kriegsbeute mitbringt und die als "die bezaubernde Florentinerin" schon bald zum Dreh- und Angelpunkt der Stadt wird. Ist sie die totgeschwiegene Mogul-Prinzessin Quara Köz und Vorfahrin des geheimnisvollen Fremden?
Rushdie erzählt sehr dicht und teilweise anekdotenhaft, was manchmal verwirrend wirken kann. Bemerkenswert ist allerdings die Brillanz, mit der er historische und fiktive Persönlichkeiten verschiedener Kulturen schlüssig in Verbindung zueinander setzt. Mich hat außerdem die gründliche Recherche beeindruckt (eine achtseitige Bibliographie findet sich im Anhang). Das Ergebnis ist eine literarische Brücke zwischen dem Renaissance-Florenz und dem Mogul-Indien, die ich in dieser Form noch nie wahrgenommen habe, die aber sicherlich kulturelle und menschliche Gemeinsamkeiten auszudrücken vermag.


Militärdienst in Buenos Aires

Zweimal Juni von Martín Kohan (Aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Suhrkamp, 2009) hat Antonia Stock beeindruckt

Loszahl Vierhundertsiebenundneunzig. 2,3 Kilo Gewicht. Zahlen als Kapitelüberschriften, Zahlen als Abschnittsüberschriften. Zahlen bestimmen nicht nur das Design dieses „maßgeblichen Romans über die traumatischen Ereignisse der letzten Militärdiktatur in Argentinien“ (laut Klappentext). Eine willkürlich festgelegte Zahl bestimmt auch über das Schicksal der jungen argentinischen Männer. In einer Radioübertragung wird bekannt gegeben, welche Nummern für welche Armeebereiche ausgelost wurden. Der Erzähler in Martín Kohans Roman hat Glück. Als Fahrer des Militärarztes Dr. Mesiano genießt er dessen Vertrauen und erfährt so mehr als die meisten anderen Rekruten. Während Argentinien bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 eine Niederlage gegen Italien einstecken muss, sucht der Erzähler Dr. Mesiano. Nur er kann die dringende Frage beantworten, die aus einem geheimen Folterzentrum der Militärdiktatur an die Zentrale gelangt ist: "Ab wie viel Jahren kann man ein Kind foltern?"
Erschreckend nüchtern lässt Martín Kohan seinen Rekruten in kurzen sprunghaften Absätzen von Befehlsstrukturen in der argentinischen Armee, Bordellbesuchen, Folterszenen und Fußballkommentaren erzählen. Von Ekel über Mitgefühl, Tränen und Verwunderung hat dieser kurze Roman bei mir viele Gefühle hervorgerufen und mir das Buenos Aires der Militärdiktatur ein Stück näher gebracht. Ganz besonders gut gelungen scheint mir auch die Übersetzung von Peter Kultzen.


Literarische Begegnung mit indonesischen Frauen

Petra Kassler empfiehlt den Erzählband Duft der Asche – literarische Stimmen indonesischer Frauen (Horlemann, 2008)

Indonesien gehört nicht zu den Gefilden auf dem literarischen Globus, in denen ich mich halbwegs gelassen bewegen könnte ...  Ich bin froh, dass mir spontan der berühmte (2006 verstorbene) indonesische Autor Pramoedya Ananta Toer einfällt, als ich literarisch an die besagte Weltregion denke. Gelesen habe ich ihn bislang nicht, mich nun aber doch mal neugierig auf das unbekannte Terrain vorgewagt, als mir der Band „Duft der Asche – literarische Stimmen indonesischer Frauen“ vom Horlemann Verlag zufällig in die Hände geriet. Ein fesselnder Einstieg, der zum „Dranbleiben“ ermutigt! 13 Kurzgeschichten von acht sehr unterschiedlichen Autorinnen zwischen 24 und 49 Jahren, alle mit interessantem Werdegang, wie man den ausführlichen Biobibliografien am Ende des Buchs entnehmen kann, die ich zuerst gelesen habe. Von ganz hinten dann wieder ganz nach vorn, denn als Anfängerin nahm ich mir erst einmal die extrem aufschlussreiche Einführung vor, bevor ich nach einigen Aha-Effekten gespannt in die Geschichten einstieg. Vom (gesellschafts-)politischen und historischen Kontext sind die inhaltlich und stilistisch äußerst divergierenden Texte keinesfalls zu lösen; sie können alle irgendwo in der Post-Suharto-Ära verortet werden, verfolgen ihren Zweck, überbringen ihre Botschaft. Zentrales Thema sind Tabubrüche, vor allem in den Bereichen Geschlechterbeziehungen und Sexualität, selbstverständlich vor dem ganz spezifischen indonesischen Hintergrund. Die Storys verstören mit ihrer Schonungslosigkeit und Brutalität; psychische Abgründe tun sich auf, alltäglicher Horror wird greifbar. Abschrecken lassen sollte man sich davon jedoch nicht – die literarische Qualität der Texte hilft, sich in diese noch abgelegene Literaturregion vorzutasten und auf eher unbequeme Themen einzulassen. Ich wünsche den Schriftstellerinnen viele weitere Leser(innen). 


Chinesische Odyssee

Der Sinologie-Student Felix Meyer zu Venne rät zur Lektüre von Ha Jin Ein freies Leben (Ullstein, 2008; Übers. Susanne Hornfeck und Sonja Hauser)

Ein freies Leben ist der erste Roman des chinesischen Autors, der nicht in China spielt. Der Roman handelt vom Leben und Schicksal einer chinesischen Migrantenfamilie in den USA. Der Student Nan Wu ist mit seiner Frau Pingping zur Zeit des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 in den USA. Aufgrund der politischen Verhältnisse im Heimatland beschließen sie in den USA zu bleiben und dürfen nach einiger Zeit auch ihren Sohn Taotao zu sich holen. Nachdem die Familie wieder vereint ist, beginnen sie gemeinsam ihr neues Leben fernab der alten Heimat. Der Protagonist Nan Wu versucht seine Familie zu versorgen, ohne dabei seine Liebe zur Lyrik zu vernachlässigen. Die Familie will den amerikanischen Traum leben, ist aber durch Rückschläge und vielerlei Probleme gezeichnet. Über elf Jahre kann der Leser das Leben der Familie Wu in den USA verfolgen und begleitet sie auf der täglichen Suche nach Glück und einem besseren Leben.
Der Roman stellt, auf interessante und packende Art und Weise, das problematische Leben einer chinesischen Migrantenfamilie dar. Ich war von diesem Roman fasziniert und habe begeistert die Odyssee der Familie Wu verfolgt. Ein freies Leben ist nicht nur ein Muss für eingefleischte Chinawissenschaftler, sondern auch ein sehr lesenswerter Roman für jedermann.  
Ha Jin wurde 1956 in der chinesischen Stadt Jinzhou geboren, emigrierte 1985 in die USA und ist inzwischen Professor für englische Literatur an der Boston University. Seine bisherigen Werke wurden vielfach ausgezeichnet.


Was ist ein Rohrbär?

Petra Kassler hat sich schlau gemacht ...

Wer kennt sie nicht, die seltsamen Hausgeräusche, die wir Erwachsenen auf die Hellhörigkeit unserer gemieteten Heime schieben, die gewiss aber die Fantasie der jüngeren Mitbewohner anregen? Jetzt gibt es eine wunderschön und liebevoll illustrierte Antwort auf die Fragen, was da denn nun schon wieder kraspelt, knirscht und rumpelt: Es ist ein durch Warmwasserrohre, Heizungsrohre und Luftschächte kletternder, netter kleiner Bär! Viel Spaß hat das rothaarige Tierchen in seinem Revier – für das Brummen in den Röhren entschuldigt er sich mit Liebkosungen an einsamen Mietern, und schließlich hat dieser pelzige Pfeifenputzer ja auch noch einen säubernden Nebeneffekt. Schon prima, dass man das jetzt weiß! Große und kleine Kinder verdanken diese Klärung eines Alltagsphänomens einem meiner Lieblingsautoren, dem Argentinier Julio Cortázar, einem der wohl originellsten und kreativsten Autoren Lateinamerikas, gleichzeitig einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seiner Feder entsprang dieses Geschichtchen bereits vor einigen Jahrzehnten. Es entstammt einer Erzählung aus dem Band Südliche Autobahn (Suhrkamp TB 1998), der auch bei mir im Regal steht und den ich nun sofort noch mal hervorholen werde ...

Julio Cortázar: Rede des Bären, Bajazzoverlag Zürich 2009, Illustrationen von Emilio Urberuaga, Übers. Wolfgang Promies


Jeanne d'Arc in der deutschen Kolonialvergangenheit

Anita Djafari hat sich auf die andere Seite der Stille vorgewagt

Ein Ausschnitt deutscher Kolonialgeschichte, wie sie noch selten erzählt wurde. Bremen Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit des Kaiserreichs. Hanna X, eine Waise mit demütigenden Erfahrungen im Heim und als Dienstmädchen, deren einzige Zuflucht eine Lehrerin ist, die ihr den Zugang zu Büchern und Literatur ermöglicht, sehnt sich nach Palmen und begibt sich auf die Überfahrt nach Südwest-Afrika. Die deutschen Soldaten dort brauchen Frauen. Doch vor Ort werden sie wie Waren begutachtet, in hübsche oder überhaupt brauchbare sortiert, die allzu hässlichen und vor allem die widerspenstigen werden verbannt und in ein Haus namens Frauenstein mitten in die Wüste geschickt. Hanna wehrt sich sogleich gegen die brutalen Übergriffe der Männer und bezahlt mit dem Verlust ihrer Zunge, sie wird ihr herausgeschnitten. Nur die Einheimischen helfen ihr und heilen sie, so gut es geht. In Frauenstein findet sie dann unter all den geschundenen Kreaturen eine Freundin, mit ihr gelingt ihr die Flucht. Gemeinsam begeben sie sich auf einen einzigartigen Rachefeldzug, Hanna wird zu einer Art Jeanne d’Arc.
Die Geschichte ist grausam, aber der südafrikanische Autor André Brink, der über 30 Romane geschrieben hat und lange als Anwärter für den Nobelpreis galt, hat sie, handwerklich solide, so gut aufgeschrieben, dass man ihr gespannt folgt, zumal es darin immer wieder auch die leisen, poetischen und hoffnungsvollen Momente gibt, bis zum Schluss. Die sehr angemessene Übersetzung des Schriftstellers Michael Kleeberg tut ein Übriges.
Brink hat mit diesem Roman ein Anliegen (was manch einen stören mag), und er musste sechs Jahre warten, bis er auch dort zu lesen war, wo er seiner Meinung nach hingehört. Jetzt endlich hat sich ein noch junger kleiner Verlag darum verdient gemacht. Man muss ihn dafür loben.

André Brink: Die andere Seite der Stille, Osburg Verlag 2008; Übers. Michael Kleeberg


Liebe in den Zeiten der Bindestrich-Existenzen
Einmal im Leben werde ich gleich mehrfach verschenken und ganz sicher ein zweites Mal lesen! Jhumpa Lahiri, als Tochter indischer Eltern in London geboren und im amerikanischen Rhode Island aufgewachsen, verdichtet auf weniger als 200 Seiten die Lebens- und Liebesgeschichte zweier „Indian-Americans“ in Massachusetts. Sehr tief wird man dank Lahiris Erzählbrillianz in das „Leben mit dem Bindestrich“, wie die Autorin es nennt, vorgelassen und ist ganz nah bei den verschiedenen Protagonisten, wenn sie mit Krankheit, Tod, unglücklicher Liebe, Verlust, (Selbst-)Aufgabe und Heimatlosigkeit fertig werden müssen. Die Strenge und die Zurückhaltung dieser beeindruckenden Prosa gibt dem Kitsch von vornherein keine Chance. Zusätzliches großes Plus des Romans: Er wurde von meiner Lieblingsübersetzerin aus dem Englischen in ein wunderbares Deutsch übertragen. Manko: 176 Seiten sind in diesem Fall einfach zu wenig – man hätte sich der Lektüre gerne weiter hingegeben, aber gedanklich hat man das Buch noch längst nicht durch, wenn man es zuklappt.

Petra Kassler
Jhumpa Lahiri [USA/Indien]
Einmal im Leben. Eine Liebesgeschichte
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008

Geier in Südafrika
Ich freue mich darauf, den Weißen Schatten zu verschenken, weil ich als Liebhaberin der Kriminalromane von Deon Meyer sehr gespannt darauf bin, ob meine Freunde von dem Buch genauso gefesselt sein werden wie ich. Der weiße Schatten, Lemmer, ein abgehalfteter Bodyguard, sollte in seinem Job unsichtbar sein, was als Weißer in Südafrika manchmal nur schwer umsetzbar ist. Als er von Emma le Roux angeheuert wird, ihren vor zwanzig Jahren verschwundenen Bruder zu finden, den sie glaubt im Fernsehen gesehen zu haben, hofft er auf einen schnellen und harmlosen Job. Er hält auf den ersten Blick nicht viel von seiner Auftraggeberin, begleitet sie aber auf der Suche nach ihrem Bruder, der skrupellos Wilderer ermordet haben soll, in den Kruger-Nationalpark. Bei dieser Suche erfährt man nebenbei vieles über ein Land im wirtschaftlichen Aufschwung, mit atemberaubenden Landschaften und einer faszinierenden Natur, die viele Touristen ins Land lockt. Dabei ist diese Natur von sehr unterschiedlichen Interessen bedroht. Es geht um Wilderer, um Ausgleichszahlungen für die schwarze Bevölkerung, um Korruption und um einen Skandal, der auch Südafrikas Nachbarländer betraf. Bemerkenswert an dem Thriller ist die an vielen Stellen spürbare Liebe des Autors zu seinem Land, die immer auch verbunden ist mit dem notwenig kritischen Blick auf die sozialen und politischen Probleme.

Corry von Mayenburg
Deon Meyer [Südafrika]
Weißer Schatten. Thriller
Aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann
Rütten & Loening Verlag, Berlin 2008

Nieve schreibt und alle gehen fort
Besonders gerne verschenke ich Bücher, zu denen ich eine persönliche Beziehung aufgebaut habe. Dieses Jahr steht daher Alle gehen fort von der kubanischen Autorin Wendy Guerra auf meiner Verschenkliste. Obwohl es nun schon ein gutes Jahr her ist, dass ich diesen Tagebuchroman gelesen habe, erinnere ich mich noch genau daran, wie beeindruckt und tief berührt ich war von den persönlichen Aufzeichnungen der im ersten Teil kindlichen, im zweiten Teil dann jugendlichen Nieve. Sie berichtet in ihrer distanzierten – dadurch jedoch umso eindringlicher wirkenden – Sprache über die teilweise sehr schockierenden Erfahrungen, die sie mit ihrer am Rande der sozialistischen Gesellschaft stehenden Mutter und dem getrennt lebenden brutalen Vater macht, und später dann von der Situation junger Intellektueller im Kuba der späten 1980er Jahre. Nieve sucht ihren Weg in ihrem Land, muss jedoch immer wieder feststellen: Alle gehen fort!
Das Buch war in diesem Jahr einer der Titel unseres Anderen Literaturklubs.

Antonia Stock
Wendy Guerra [Kuba]
Alle gehen fort. Roman
Aus dem Spanischen von Peter Tremp
Lateinamerika Verlag, Solothurn 2008

Von Riesen und Zauberkräften und der ganz realen Flucht vor dem Militärregime
Obwohl ich selten Bücher verschenke, die ich selber nicht gelesen habe, lasse ich mich hin und wieder bei Lesungen von neuen Büchern überzeugen. Eines davon ist Das Lied von Leben und Tod von Marcelo Figueras, der vor kurzem in Bad Homburg zu Gast war. Der Klappentext hatte mich eigentlich nicht sonderlich angesprochen, die vorgetragenen Passagen gefielen mir dagegen sehr. Die Geschichte entspinnt sich um Pat, die bisweilen unausstehlich und außerdem vor irgendetwas auf der Flucht ist, und ihre geheimnisvolle Tochter Miranda, die über besondere Kräfte verfügt. Der „Riese“ Teo komplettiert das ungewöhnliche Trio, als er sich in Pat verliebt und sich schließlich mit den beiden in den Bergen Patagoniens durchschlägt. Die Mischung aus märchenhaften, magischen Elementen einerseits, schockierenden Folterszenen vor dem Hintergrund des argentinischen Militärregimes andererseits sowie köstlich humorvollen Passagen fand ich sehr faszinierend. Ein Buch, das ich gerne verschenken und ganz bestimmt auch noch selbst lesen werde!
Der Autor hat nach der Lesung in seinem Blogg über die von uns organisierte Lesung und unsere Arbeit geschrieben »»

Antje te Brake
Marcelo Figueras [Argentinien]
Das Lied von Leben und Tod. Roman
Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg
Nagel & Kimche 2008

Im Gewöhnlichen das Seltsame und im Mysteriösen das Wirkliche
Ich verschenke ein durch und durch verspieltes Buch. Das spiegelt sich in der gesamten äußeren Aufmachung einschließlich der Typografie dieses Debüts der Argentinierin Maria Cecilia Barbetta. Tktktktktktktktktkt. So rattert die Nähmaschine, während sich die Schneiderin Mariana mit ihrer Mutter unterhält, die Sätze stehen parallel zum bildlich gemachten Geräusch. Daneben rauschen noch die Nachrichten aus dem Radio vorbei. Darüber hinaus gibt es nicht nur Abbildungen von Schnittmustern und Reißverschlüssen – Hauptschauplatz des Romans ist eine Änderungsschneiderei –, sondern auch Zeichnungen von Fallen für Kakerlaken, Abbildungen von Tarotkarten, von Stoffmustern aller Art und und und. Wir sind in Buenos Aires – es muss eine verrückte Stadt sein –, wo Mariana für Analía ein Brautkleid näht bzw. ändert. Sie liebt ihre Arbeit sehr und berauscht sich nahezu an den edlen Stoffen, mit denen sie für diesen Auftrag umgehen darf. Und sie liebt Gerardo, dem sie sich auf Anraten ihrer Mutter nie endgültig hingegeben hat und der irgendwann in die USA entschwindet. Analía, die ihre Freundin wird (oder ihr Alter ego ist, ein Vexierbild?) bereitet sich auf die Heirat mit Roberto vor, der allerdings auch nie anzutreffen ist. Wer ist hier eigentlich wer, und sind wir in einer Telenovela, einem Kitschroman oder im magischen Realismus. Wir verstehen jedenfalls nicht alles, was da geschieht, und müssen es wohl auch nicht. Die Autorin spielt virtuos mit allen möglichen Formen des Erzählens und bricht diese so mutig und gekonnt, dass man sie nur bewundern kann. Denn das tut sie nicht einmal in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch.

Anita Djafari
María Cecilia Barbetta [Argentinien]
Änderungsschneiderei Los Milagros. Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main

Schreiben mit Wut im Bauch
Mein Geschenkbuchtipp ist ein Buch aus Indien, die Autobiografie einer Frau, die es geschafft hat, eine Stimme zu finden und uns etwas von sich zu erzählen, von ihrem Leben, dessen Wirklichkeit wir uns kaum vorstellen können. Babys Geschichte ist keine hohe Literatur, die Sprache ist einfach, die Geschichte geradlinig erzählt – und doch ist es ein sehr wichtiges Buch. Baby erzählt nicht anklagend, nicht weinerlich, sondern mit Wut im Bauch. Sie wächst bei ihrem lieblosen Vater auf, nachdem die Mutter eines Tages ohne ein Wort die Familie verlassen hat. Mit kaum 13 Jahren wird sie an einen mehr als doppelt so alten Mann verheiratet, der sie wie ein Tier behandelt. Mit 25 Jahren und drei Kindern findet sie jedoch den Mut ihren verrohten Mann zu verlassen, sich einfach in einen Zug nach Delhi zu setzen, um sich als unterbezahlte und ausgebeutete Hausangestellte durchzuschlagen. Ihr Schicksal wendet sich, als sie für einen Mann arbeitet, der ihren Bildungshunger und ihr kreatives Potential entdeckt.

Eva Massingue
Baby Halder [Indien]
Kein ganz gewöhnliches Leben. Autobiografie
Aus dem Englischen von Annemarie Hafner
Draupadi Verlag, Heidelberg 2008

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Aufstieg und Fall am Rio Negro
Zum diesjährigen Fest möchte ich einen wundervollen brasilianischen Roman verschenken. Schauplatz ist Manaus, die Hauptstadt des Amazonas; Protagonist ist der junge Raimundo, dessen Leben von seinem Freund Olavo begleitet und erzählt wird. Dieses ist geprägt von der hasserfüllten Beziehung zu seinem Vater. Als Anhänger der Militärdiktatur kann dieser Raimundos „verweichlichte“ Art und seine Leidenschaft für Kunst nicht akzeptieren und versucht sie, mit teilweise grausamen Methoden, zu unterbinden. Zwischen den beiden Männern steht Raimundos Mutter, die, da selbst gefangen in ihrer ewigen, erfolglosen Suche nach Liebe, ihrem Sohn keinerlei Halt bieten kann.

Esther Schulz
Milton Hatoum [Brasilien]
Die Asche vom Amazonas. Roman
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008

Mein bester Freund, der Gecko
Warum ich Das Lachen des Geckos verschenken werde? Weil es ein tolles Buch ist! José Eduardo Agualusa, 1960 in Angola geboren, beschreibt auf 181 Seiten ein farbenfrohes und facettenreiches Bild des heutigen Angola. Im Mittelpunkt steht Felix Ventura, der in Luanda seinen ganz eigenen Geschäften nachgeht: Er verkauft Biografien. Begleitet und beobachtet wird Ventura von seinem unfreiwilligen Haustier, dem Gecko, der zu Venturas treuestem Zuhörer wird und uns die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt. Felix Venturas aktueller Kunde verlangt eine komplett neue Existenz. Dieser Auftrag erweist sich als große Herausforderung an alle Beteiligten und endet in einer noch größeren Überraschung. Agualusas Sprache ist so bilder- und phantasiereich, dass man als Leser darin versinken möchte, gleichzeitig aber so klar, präzise und prägnant, dass es eine wahre Freude ist. Leider liest es sich dadurch viel zu schnell, und wenn man das Buch nach der letzten Seite zuschlägt, ist man fast ein bisschen traurig. Das Buch war in diesem Jahr einer der Titel unseres Anderen Literaturklubs.

Bernadette Böcker
José Eduardo Agualusa [Angola/Brasilien/Portugal]
Das Lachen des Geckos. Roman
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
A1 Verlag, München 2008

Von Engeln und Geschichten aus dem Leben
Dieses Jahr verschenke ich ein Buch, das man in die Hand nimmt und nie wieder weglegen möchte: Der Engel und die Taube vom iranischen Autor SAID besticht seine Leser mit 28 Kurzgeschichten, von denen es jede einzelne verdient, gelesen zu werden. Es sind Geschichten über das Fremdsein und das Sich-Anders-Fühlen, über die Suche nach der eigenen Identität und nach Anerkennung. Da ist zum Beispiel die Exiliranerin Mina, die dem Autor nach einer Lesung ihr schreckliches Schicksal während der islamischen Kulturrevolution im Iran offenbart. Oder der Vater, der seinem Sohn einen Pass kauft und ihm damit das Leben schwerer macht, als es vorher schon war. Es sind Geschichten aus dem Leben, aber auch Märchen über Begegnungen mit einem Engel oder dem Mond. Einige der Erzählungen spielen in SAIDs Heimatstadt Teheran, andere in Italien, Vietnam, im Ruhrgebiet oder im Irgendwo. Sie handeln von Liebe und Leidenschaft, von Politik und vom Aufbrechen: Allesamt haben sie etwas Schräges an sich. Ein Sammelsurium an bunten Geschichten und ein absolutes Lese-Muss.

Nuria Wrobel
SAID [Iran]
Der Engel und die Taube. Erzählungen
C.H. Beck, München 2008


Neues Lesevergnügen aus Indien

Eva Massingue begeistert sich für den Erstling von Aravind Adiga Der weiße Tiger (Übers. Ingo Herzke; C.H. Beck)

Unbedingt lesen sollte jeder, der sich für Aufsteigergeschichten à la vom Tellerwäscher zum Millionär, moderne Selfmadetypen aus den neuen Wirtschaftsgiganten (hier Indien), bitterböse Geschichten  oder einfach nur für gute Literatur interessiert, den Debütroman von Aravind Adiga Der weiße Tiger. Hier wird jemand aus ärmsten Verhältnissen zum reichen Geschäftsmann, aber das funktioniert – fast möchte man „natürlich“ sagen – nicht ohne Betrug, Verrat, gar Mord. Doch unser Aufsteiger ist stolz auf das Erreichte – und niemand anderem als ausgerechnet dem chinesischen Ministerpräsidenten muss er davon erzählen. Der Westen ist ganz offensichtlich nicht mehr im Spiel! Ein spannendes Lesevergnügen mit Tiefgang und bösem Witz – uneingeschränkt zu empfehlen.

Ausführliche Besprechung des Buches im titel Magazin »»


Die Hölle, das sind die anderen ...

Petra Kassler ist beeindruckt von Wilfried N'Sondés Debüt Das Herz der Leopardenkinder (Übers. Brigitte Große; Kunstmann Verlag).

Glücklicherweise ist mir vor ein paar Tagen dieses soeben erschienene Romandebüt mit dem etwas zu betulich klingenden Titel in die Finger geraten, und ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, bis auch die letzte Seite gelesen war. Der Autor ist schon spannend genug – in der Republik Kongo geboren, in Frankreich aufgewachsen, Absolvent der Sorbonne und nun seit 16 Jahren in Berlin, wo er Afropunk macht, schreibt und ausländische Jugendliche sozial betreut. Das Buch lässt den Leser kaum noch los und raubt ihm den Atem, der temporeiche Erzählstil wirkt wie ein Strudel, streckenweise könnte es fast ein Rapsong sein, und gegen Ende überwiegt dann eine berührende Lovestory – zum Glück, möchte man da sagen, bei all der zuvor geschilderten Haltlosigkeit und Verzweiflung. Der Protagonist lebt in einer trostlosen, von Gewalt geprägten Pariser Vorstadt; er ist schwarz. In einem Moment totaler Umnachtung, sturztrunken und zutiefst frustriert, vor allem aber auch vom Liebeskummer gepeinigt, begeht er ein schreckliches Verbrechen – er findet sich in einer Zelle wieder und muss die Demütigungen der Polizeibeamten über sich ergehen lassen. Nach und nach erinnert er sich, was an jenem Tag vorgefallen ist und schafft es, dem Leser die Existenz in der Banlieue nahezubringen, das ganze Ausmaß der Tristesse und der Ausweglosigkeit auszuleuchten. "Die Realität ist viel schrecklicher als in meinem Buch. Das ist noch harmlos" sagte der Autor kürzlich in einem Interview vor dem Literaturfestival in Berlin, zu dem er eingeladen war. Man vermag es sich nur schwer vorzustellen. Auf die Frage, was er selbst Jugendlichen rate, antwortete er: "Aufrecht bleiben, anders bleiben und daraus was machen. Sich von Vorurteilen befreien: Ich bin nicht, was ihr von mir wollt, das ich bin. Wenn die Leute etwa denken, der Schwarze ist faul, aber hat einen Riesenpenis - das ist nicht mein Problem." Mit ganzem Namen heißt das 1968 geborene Multitalent Sartre Wilfried Paraclet Jacques Simon N’Sondé. Schon bei seinem Namensvetter, dem großen französischen Existentialisten hieß es "die Hölle, das sind die anderen" – wahrscheinlich ist N’Sondés Ansatz des überzeugten Andersbleibens nicht der Verkehrteste.


Lost City Radio

Anita Djafari staunt über den ersten Roman von Daniel Alarcon Lost City Radio (Übers. Friederike Meltendorf; Wagenbach Verlag)

Die ganze Nation hört zu, wenn sie die Namen liest. Die Journalistin Norma ist mit ihrer Sendung Lost City Radio, in der die Zuhörer nach ihren Vermissten suchen können, sehr beliebt: ihre Stimme wärmt, sie ist ein Lichtblick für die Bewohner des von den Nachwehen eines grausamen Bürgerkriegs geplagten Landes, in dem Tausende verschwunden sind und jetzt das Vergessen regiert. Auch Norma selbst leidet darunter, dass sie nichts weiß von ihrem Mann Rey, der als Ethnobotaniker in den Dschungel gereist und nicht wiedergekommen ist. Sie weiß auch nicht, ob er nicht auch an den Untergrundkämpfen beteiligt war. Und eines Tages taucht im Sender der 11-jährige Victor auf mit einer Liste von Verschollenen und Toten, auf der auch der Name Reys steht. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit.
Wie ein anspruchsvolles Puzzle setzt sich die Geschichte nach und nach zu einem kompletten Bild zusammen und ist spannend zu lesen wie ein Thriller. Nicht zuletzt machten mich die wunderbar einfühlsam und differenziert gezeichneten Charaktere und der sichere Umgang mit der Sprache staunen, denkt man an das Alter des Autors, der von Kritikern in den USA bereits mit großen amerikanischen Schriftstellern wie Faulkner, Steinbeck oder Graham Green verglichen und als Nachfolger von Vargas Llosa bezeichnet wird. 1977 in Lima geboren, wanderte er im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern in die USA aus. Für die Recherchen zu diesem Roman kehrte er für ein Jahr nach Peru zurück.


Ein neuer Kuba-Krimi von Leonardo Padura

Ute Evers empfiehlt wärmstens Der Nebel von gestern von Leonardo Padura (Übers. Hans-Joachim Hartstein; Unionsverlag)

Auf der Suche nach "neuen Bücherminen" streift der Buchhändler Mario Conde durch die Straßen von El Vedado, dem ehemaligen Villen-Viertel der kubanischen Hauptstadt und stößt, mehr zufällig, auf ein heruntergekommenes Haus; kurze Zeit später schon steht der fahrende Buchhändler vor den Regalen einer immensen Bibliothek. Die Besitzer verkauften bereits Möbel, Porzellan und Kleidung. Nun sollen auch die Bücher unter den Hammer kommen.
El Conde findet in der Bibliothek unter anderen Raritäten auch ein längst vergriffenes kulinarisches Handbuch. Bei dessen Durchblättern entdeckt er einen Artikel aus den 1960er Jahren, der den mysteriösen Abschied aus der Öffentlichkeit einer Bolerosängerin ankündigt. Condes detektivischer Spürsinn ist geweckt. Denn Mario Conde war nicht immer Buchhändler. Die Leser des Havanna-Quartetts lernten ihn als melancholischen, bereits frustrierten Polizeibeamten kennen. Zudem vergeht Conde fast vor Neugierde, die Geschichte einer Bibliothek zu erfahren, die, so ihre Besitzer, über 40 Jahre lang unbenutzt blieb. Er überredet die Alten zum Erzählen. Es beginnt die erste Reise zurück in das Kuba um die Revolution von 1959. Dann geschieht endlich ein Mord, der nicht nur Mario Conde vor Schreck zusammenfahren lässt.
Der Nebel von Gestern des Kubaners Leonardo Padura ist ein spannender Musikkrimi und ein Freudenfest für jeden Literaturliebhaber zugleich, lässt uns Mario Conde doch mit seiner bibliophilen Leidenschaft Buch für Buch an der Entdeckung der seltenen Bände teilnehmen, die er in der geheimnisvollen Bibliothek findet. Es ist auch ein politisches Lehrstück, denn seine Lektüre bedeutet auch, sich den Widersprüchen des revolutionären Kubas stellen zu müssen. Genau die richtige Lektüre, um dem grauen Herbst ein helles Licht entgegenzuhalten. Denn Condes Geschichten sind leidenschaftlich, mitunter zwar desillusionierend, aber stets von überwältigender Menschlichkeit. Und dafür schätzen wir Mario Conde (oder Leonardo Padura?) so sehr.


Die Welt, wie J.C. sie sieht

J.C. ist ein bekannter Schriftsteller aus Südafrika, der seit einiger Zeit in Australien lebt. Dort arbeitet er an seinem neuen Buch mit Essays. Seine Themen: Terrorismus, Tourismus, Vogelgrippe, aber auch philosophische und ethische Fragen wie das Leben der Tiere oder das Mitgefühl – er soll klarmachen, „woran die heutige Welt krankt.“ J.C. hat ein Auge auf seine junge Nachbarin Anya geworfen und parallel zu seinen Essays führt er eine Art Tagebuch. Stellen die Essays auf der oberen Hälfte der Buchseiten den intellektuellen Teil von J.C.s Persönlichkeit dar, so gibt die untere Hälfte ein Bild seines Befindens. „Wir stellen fest, dass wir zu alt und gebrechlich sind, um die Früchte unseres Triumphes richtig zu genießen. Ist das alles?, fragen wir uns und betrachten die Welt der Freuden, die wir nicht haben können. War es die ganze Mühe wert?“, so sinniert er über das Schicksal berühmter Schriftsteller. Bald tippt Anya die Texte für J.C. und zugleich protokolliert sie ihr Leben und die Gespräche mit dem alternden Autor. Und Anyas Freund fragt sich, wie er an J.C.s Geld herankommen kann. Der neue Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee (Jg. 1940) – Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur sind weder zufällig noch unbeabsichtigt – ist mehr als das Tagebuch eines schlimmen Jahres. Er ist ein Konzert aus den Stimmen seiner Figuren, die mal zusammen, mal gegeneinander klingen. Ein literarisches Werk also, das zum Mitdenken einlädt, unterhält und ganz unterschiedliche Arten der Lektüre ermöglicht. Eine Variante wäre: Lesen Sie die Essays morgens in der S-Bahn wie eine Zeitung, J.C.s Tagebuchnotizen auf der Rückfahrt und Anyas Erzählung am Abend vor dem Zubettgehen.

Andreas Martin Widmann

J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres [Südafrika]
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN-13 9783100108340

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Leben und Zeit des J. M. Coetzee

Nahezu zeitgleich mit der deutschen Ausgabe von J. M. Coetzees jüngstem Roman Tagebuch eines schlimmen Jahres hat Manfred Loimeier die erste deutschsprachige Monographie zum Leben und Werk des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers vorgelegt. Loimeier ist promovierter Literaturwissenschaftler, Journalist und ein profunder Kenner der Literaturen Afrikas. Er liefert eine umfassende und informationsreiche Werkschau Coetzees. Sein Buch bietet vielseitige und erhellende Analysen von Coetzees Romanen, von seinem Erstling Dusklands (1974) bis in die Gegenwart, widmet sich aber auch seinen Essays und seiner frühen Lyrik, die den meisten Lesern noch unbekannt sein dürfte. Loimeier verknüpft in seiner Darstellung gekonnt Biographie und Schreiben Coetzees, ohne beides zu verwechseln. Er erklärt seine Romane aus ihren Kontexten, aus den zentralen Themen wie Kolonialismus und Imperialismus, der Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Außenseiter und aus Coetzees „Methode der Bezugnahme auf Referenzautoren, des Re-Writing, des Neuschreibens von literarischen Stoffen“. Als Einführung in Coetzees literarisches Oeuvre und als Ratgeber für weiterführende Lektüre ist dieser gut lesbare und mit zahlreichen Fotos und Abbildungen ausgestattete Band gleichermaßen zu empfehlen.

Andreas Martin Widmann

Manfred Loimeier: J. M. Coetzee
edition text + kritik, München 2008
ISBN 978-3-88377-916-4


HÖRBUCH: Kein Paradies für Fußballträume

Public Viewing in Afrika bei der EM – Madické, fußballbegeisterter kleiner Bruder der Ich-Erzählerin Salie, der von einer großen Fußballerkarriere in Frankreich träumt, verpasst das eine oder andere Spiel, wenn der Fernseher im Hof des wohlhabenden Nachbarn auf der Insel Niodior vor der Küste Senegals mal wieder seinen Geist aufgibt. Seine Schwester – Alter Ego der Autorin Fatou Diome – sitzt in Frankreich zur gleichen Zeit vor der Flimmerkiste, und die beiden haben eine Verabredung, die während der Europameisterschaft 2000 und der Weltmeisterschaft 2002, bei der Senegal den Einzug ins Viertelfinale geschafft hat, gilt: Salie berichtet am Telefon ihrem Bruder die Fußballspiele, die er nicht sehen konnte, und er berichtet dafür aus ihrer Heimat. Salie ist ihrem Mann nach Frankreich gefolgt, wo die Ehe am Rassismus der Familie ihres Mannes scheitert. Trotzdem gelingt es ihr, sich in der Fremde ein neues Leben aufzubauen. Fatou Diome schildert die Widrigkeiten, Widersprüche und Zwiespältigkeiten der Emigration, aber auch die kleinen und kostbaren Siege des Alltags in ihrem Roman mit Witz und Charme. Das Buch wurde zum Bestseller und brachte ihr 2005 den LiBeraturpreis und den Österreichischen Jugendbuchpreis der „Jury der jungen Leser“ ein. Jetzt ist es als Hörbuch in der schönen Reihe „Afrika erzählt“ erschienen, gelesen von einer der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen. Martina Gedeck gelingt es vortrefflich, die verschiedenen Stimmungen einzufangen und mit ihrer Stimme wiederzugeben, je nachdem ob der Blick der Erzählerin gerade nach Senegal gerichtet ist oder in Frankreich fokussiert ist. Ihr hat das Lesen offenbar genau so viel Spaß gemacht wie mir das Zuhören. Sehr gelungen!

Anita Djafari

Fatou Diome: Der Bauch des Ozeans [Senegal]
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Autorisierte Hörfassung mit Musik von Youssou N’Dour und Yandé Codou Sène,
gelesen von Martina Gedeck.
3 CD
ISBN 978-3-88698-595-1


Vier Frauen und ein Haus

Das Buch von Iman Humaidan-Junis B wie Bleiben wie Beirut erzählt in vier Geschichten eindringlich das Leben vierer unterschiedlicher Frauen, die ihr Leben während des Krieges im Libanon meistern. Lilian, Warda, Kamilja und Maha, deren Leben und Schicksale in den Erzählungen miteinander verwoben sind, verbindet nur das Haus in Beirut, in dem sie zum einen oder anderen Zeitpunkt alle einmal gelebt haben. Die Sprache ist klar, auch romantisch, wodurch eine weibliche Sicht auf den Krieg aufgezeigt und die Verzweiflung, die Entfremdung, aber auch die Leidenschaften und Hoffnungen widergespiegelt werden.Lilian, zum Beispiel, leidet unter der verblühten Liebe zu ihrem Mann Talal, der nach dem Verlust seines Armes nicht mehr zu sich selbst findet. Sie sucht einen Weg, um ihrer Traurigkeit zu entfliehen und will mit ihren Kindern nach Australien – ohne ihren Mann. Kamilja hingegen wächst in einer „männerlosen“ Familie bei ihren Tanten auf dem Dorf auf, denn ihr Vater ist tot und ihre Mutter davon gelaufen.Trotz dieser Trostlosigkeit schafft sie es sich einen Weg aus dem Dorfleben nach Beirut und dann ins Ausland zu bahnen. Doch nach dem sie nach Jahren auch in England nicht zur Ruhe kommt, kehrt sie zusammen mit einem Kamerateam nach Beirut zurück, um den Krieg zu „dokumentieren“ und dabei zu sich selbst zurückzufinden.
Die Geschichten sind so erzählt, dass sie sich in Teilen ergänzen. Die vier Frauen sind starke Frauen und ihre Geschichten fast alltägliche. Doch wird gerade dieses Alltägliche so erzählt, dass man es mitfühlt und erlebt. So gelingt es der Autorin, ein Licht auf die unerzählten Geschichten des Krieges zu werfen und den Frauen eine Stimme zu geben. Nicht nur deshalb hat es Humaidan-Junis auf die Shortlist des LiBeraturpreises geschafft. Insgesamt ist es ein sehr gelungenes Buch, das ich wärmstens empfehlen kann.

Alexandra Schlossarek
 
Iman Humaidan-Junis [Libanon]
B wie Bleiben wie Beirut

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Lenos Verlag, 2007
ISBN: 978-3-85787-384-3


Tod in den Anden

Peru im Frühjahr 2004: Der stellvertretende Staatsanwalt Felix Chacaltana wird aus Lima in seine Heimatstadt Ayacucho zurückversetzt. Hier, in diesem Provinznest, lag eine Hochburg des Leuchtenden Pfads, jener terroristischen Bewegung Südamerikas, die sich seit 1980 einen erbarmungslosen Krieg mit der peruanischen Armee lieferte. Glaubt man dem Militärkommandanten in Ayacucho, ist dieses Kapitel der jüngeren Geschichte Perus jedoch abgeschlossen. „Es gibt keinen Terrorismus mehr“ – dieser Befund wird für Chacaltana zu einem Befehl, als nach den Ausschweifungen des Karnevals eine verbrannte Leiche gefunden wird. Und so schreibt Chacaltana einen Bericht. Aus dem geht hervor, der Tote habe sich im Rausch selbst angezündet. Ein Unfall, mehr nicht. Doch bald tauchen weitere Leichen auf und für Chacaltana passt das nicht recht mit den Beteuerungen zusammen, es gebe keinen Terrorismus mehr... Santiago Roncagliolo (*1975) lebt heute in Barcelona und verdient sein Geld als Drehbuchautor und Journalist. Er hat früher für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet und mit Angehörigen von Opfern des Bürgerkriegs gesprochen. In Roter April erzählt er von Menschen, deren Gegenwart die Vergangenheit ist, und davon, wie deren Leben gerade deshalb von den Toten bestimmt wird, weil diese Vergangenheit tot geschwiegen wird. Man kann Roter April als spannungsgeladenen Thriller lesen, dessen Witz in der Auflösung am Schluss besteht. Aber hinter den verschiedenen Erzählstimmen versteckt sich ein weiteres Rätsel. Auch deshalb lohnt es sich, nach der letzten Seite mit der packenden Lektüre noch einmal von vorne zu beginnen.

Andreas Martin Widmann

Santiago Roncagliolo [Peru]
Roter April

Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
Suhrkamp 2008
ISBN: 978-3-518-41964-9


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